Von Simonides zum Graphic User Interface - Wie die Mnemotechnik moderne Computer und ihre graphischen Interfaces beeinflusst hat


Seminararbeit, 2003

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung:

1. Die Geschichte der Mnemotechnik:
1.1 Simonides’ Gedächtnispalast:
1.2 Mnemotechnik im Mittelalter:
1.3 Der Lullismus:
1.4 Mnemonik in der Renaissance:
1.4.1 Das Gedächtnistheater des Giulio Camillo:
1.4.2 Giordano Bruno auf der Suche nach dem Einen:

2. Mnemonik goes Cyberspace:
2.1 Der Traum von der Universalsprache:
2.1.1 Characteristica universalis:
2.1.2 Null- Eins:
2.2 Giordano Bruno trifft John von Neumann:
2.3 Mnemotechnik und Interface:
2.3.1 Memory palace und Cyber City:
2.3.2 Alice in front of cyberland:

Schluss:

Quellen:

Einleitung:

Gibt man „Mnemotechnik“ als Suchbegriff in eine Suchmaschine ein, so erweisen sich die ca. 100.000 Ergebnisse zum Grossteil entweder als esoterische Offenbarungen oder als Anleitungen zu einem besseren Lerngedächtnis, meistens von Pädagogen für Schüler verfasst, wohl eine der wenigen Gruppen in der heutigen westlichen Gesellschaft, für die Auswendiglernen noch relevant ist. Da erschließt sich nicht auf den ersten Blick, dass die Mnemotechnik einen grundlegenden Einfluss auf die wohl wichtigste Technologie der Gegenwart und die damit einhergehenden sozialen und kulturellen Umwälzungen gehabt haben soll.1

Dennoch soll der Computer und vor allem das Graphic User Interface (GUI) aus der Geistesgeschichte der Mnemotechnik betrachtet werden, einer Kulturtechnik, die bereits im antiken Griechenland existierte. Dazu wird zunächst in einem kurzen Abriss die Geschichte der Mnemonik2 dargestellt, mit Schwerpunkten auf der klassischen Mnemotechnik der Antike, dem Lullismus und Giordano Bruno. Die unzähligen Ausformungen der Gedächtniskunst, von der banalen Eselsbrücke bis hin zum komplexen Ramismus, können hier nicht alle behandelt werden.

Daraufhin werden die Wege aufgezeigt, über die die Mnemotechnik die Computertechnologie der Gegenwart beeinflusst hat.

Man könnte die Mnemotechnik mit McLuhan als Medium betrachten, erweitert sie doch unser Gedächtnis, jedoch ohne es zu externalisieren. Mit der teilweisen Auslagerung unseres Gedächtnis in den Computerspeicher, der für Menschen genau so wenig direkt zugänglich ist wie weite Teile ihres Gedächtnisses, muss die Mnemonik als dazugehöriges Ordnungssystem gleich mit ausgelagert werden. Sie manifestiert sich im graphischen Interface, das durchaus als eine Mnemotechnik bezeichnet werden kann.

1. Die Geschichte der Mnemotechnik:

Die Geschichte der Mnemotechnik beginnt im antiken Griechenland, um sich dann über die rhetorische Tradition der alten römischen Oratoren ins Mittelalter fortzusetzen. Dort erlebt sie, wie auch in der Renaissance, sowohl eine gewaltige Verbreitung, als auch eine starke Umdeutung.

Natürlich können hier nicht alle Theorien, die sich mit der Mnemotechnik befassen, aufgezählt und ihre unterschiedlichen Auslegungen der Sache erörtert werden. Dennoch soll versucht werden, einen kurzen Abriss über Geschichte und Verständnis der Mnemotechnik zu liefern.

1.1 Simonides ’ Gedächtnispalast:

Dabei werde ich mich hauptsächlich an Frances A. Yates umfassendem Werk über die Geschichte der Mnemonik orientieren, in dem sie auch die von Cicero beschriebene Gründungssage der Gedächtniskunst wiedergibt:

„Bei einem Festmahl, das von einem thessalischen Edlen namens Skopas veranstaltet wurde, trug der Dichter Simonides von Keos zu Ehren seines Gastgebers ein lyrisches Gedicht vor, das auch einen Abschnitt zum Ruhm von Kastor und Pollux enthielt. Der sparsame Skopas teilte dem Dichter mit, er werde ihm nur die Hälfte der für das Loblied vereinbarten Summe zahlen, den Rest solle er sich von den Zwillingsgöttern geben lassen, denen er das halbe Gedicht gewidmet hatte. Wenig später wurde dem Simonides die Nachricht gebracht, draußen warteten zwei junge Männer, die ihn sprechen wollten. Er verließ das Festmahl, konnte aber draußen niemanden sehen. Während seiner Abwesenheit stürzte das Dach des Festsaals ein, und begrub Skopas und alle seine Gäste unter seinen Trümmern. Die Leichen waren so zermalmt, dass die Verwandten, die sie zur Bestattung wollten, sie nicht identifizieren konnten. Da sich aber Simonides daran erinnerte, wie sie bei Tisch gesessen hatten, konnte er den Angehörigen zeigen, welches jeweils ihr Toter war.“3

Von den Göttern gerettet, konnte Simonides sich daran machen, die Mnemotechnik zu entwickeln. Er wird, nicht nur der Sage nach, als Erfinder der Gedächtniskunst angenommen. Konkrete Regeln, die auf ihn zurückgehen, finden sich bereits wenige Jahre nach seinem Tod um 468 v. Chr. in Textform.4

Die Regeln der klassischen Mnemotechnik basieren auf der Beobachtung, dass Menschen sich abstrakte Gedächtnisinhalte besser merken können, wenn sie diese visualisieren:

„Damit hat Simonides, oder wer es sonst entdeckt hat, eine kluge Beobachtung gemacht: Wir können uns dasjenige am deutlichsten vorstellen, was sich uns durch die Wahrnehmung unserer Sinne mitgeteilt und eingeprägt hat; der schärfste von all unseren Sinnen ist aber der Gesichtssinn. Deshalb kann man etwas am leichtesten behalten, wenn das, was man durch das Gehör oder durch Überlegung aufnimmt, auch noch durch die Vermittlung der Augen ins Bewusstsein dringt.“5

Um sich nun einen komplizierten Sachverhalt merken zu können, arbeiteten die Nutzer der Mnemotechnik mit drei Parametern: Ding, Bild und Ort - res, imagines et loci6. Zunächst sollte man sich einen Gedächtnisort errichten. In der klassischen Mnemonik waren dies meist real existierende oder imaginäre, architekturale Räume mit einer gewissen Mindestgröße - deshalb auch der Ausdruck „Gedankenpaläste“ - um die Menge der zu erinnernden Bilder unterzubringen. Diese Räume, einmal im Kopf aufgebaut, dienten als Ordnungssystem und Träger für die Bilder. Entscheidend war, dass man seinen Gedächtnispalast immer parat hatte, da dieser die absolute und gleichbleibende Grundlage darstellte. Er konnte je nach angestrebtem Gedächtnisinhalt immer wieder neu mit Bildern ausgestattet werden.

Die Bilder repräsentieren die Dinge, die es zu memorieren gilt. Dabei greift man am besten auf vertraute Symbole oder ungewöhnliche Bilder zurück, um die Einprägsamkeit zu steigern:

„Wenn wir aber etwas besonders Gemeines, Niederträchtiges, Ungewöhnliches, Großes, Unglaubwürdiges oder Lächerliches sehen oder hören, werden wir dessen wahrscheinlich lange gedenken. Entsprechend vergessen wir gewöhnliche Dinge, die unmittelbar vor unseren Augen und Ohren sind.“7

Nun ordnet man die Bilder in einem sinnvollen Zusammenhang an, z.B. verwandte Themen in einem Raum, oder bei einer Rede die Bilder für den Anfang in die Eingangshalle. Sind die Bilder fertig angeordnet, muss man nur noch durch den Gedankenpalast spazieren, um sich die Inhalte ins Gedächtnis zu rufen.8

Hierbei war es natürlich nicht notwendig, eine lineare Reihenfolge einzuhalten. Zwar wurde die Mnemotechnik meist linear verstanden, da sie hauptsächlich zum memorieren von Reden gebraucht wurde, aber man konnte auch nonlinear zwischen den Räumen hin- und herwandern und so eine Fülle von diskreten Gedächtnisinhalten netzwerkartig verknüpfen und erinnern.

War die Mnemotechnik bei den Griechen schon von gewisser Bedeutung, so gehörte sie im antiken Rom zu den wichtigsten Kulturtechniken, aufgrund der immensen Bedeutung der Rhetorik.

Cicero, Verkörperung des römischen Rhetors, gliedert die Redekunst in inventio - Erfindung von Argumenten, dispositio - Gliederung, elocutio - Ausdrucksweise, memoria - Gedächtnis und pronuntiatio - Betonung. Da ein gutes Gedächtnis unabdingbar für einen guten Rhetor war, stand natürlich auch die Mnemotechnik, als untergeordneter Teil der Rhetorik hoch im Kurs.

Trotz der Bedeutung der Rhetorik und der Rede, ist das antike Rom, wie auch das spätantike Griechenland, eine alphabetisierte Schriftkultur. Diese Kulturen basieren auf der Vorrangigkeit des Auges und der Schrift.9 Die Schriftzeichen, die an sich bedeutungslos sind, lösen ,zu einem Wort verbunden, dessen Bedeutung aus seinem Zusammenhang, so dass nur noch der abstakte Begriff ohne Bedeutungszusammenhänge existiert, als „Figur ohne Grund“10. Die Mnemotechnik könnte hierbei sowohl als Ausweitung dieser Visualität in die Oralität, als auch als Bindeglied gesehen werden, das eine Vermittlerrolle zwischen Schrift, Rede und bildlichem Vorstellungsvermögen einnimmt.

[...]


1 Vgl. Johnson, Steven: Interface Culture- How new technology transforms the way we create and communicate. New York: Basic Books, 1997. S. 16ff.

2 Ich verwende Mnemonik, Mnemotechnik und Gedächtniskunst gleichwertig. Die Definition der Informatik für Mnemonik lasse ich außer Acht.

3 Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 11.

4 Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 34f.

5 Cicero: de oratore, zitiert aus: Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 13.

6 Ich übernehme hier die ciceronischen Bezeichnungen, die in der Folge auch in allen Werken zur Mnemonik so auftauchen. Die Griechen haben natürlich keine lateinischen Bezeichnungen verwendet. Die Gedächtnisorte bezeichneten sie als topoi, weswegen ein Themenbereich noch heute als topos bezeichnet wird. Vgl. Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 37.

7 Unbekannter Autor: ad Herennium, zitiert aus: Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 18 f.

8 Die hier gezeichnete „Anleitung“ bezieht sich auf das Sachgedächtnis. Es gab auch noch ein Wortgedächtnis. Dabei sollten mit Hilfe von Analogien oder ähnlich klingenden Wörtern (z.B. testiculi- Widderhoden; testes- Zeugen) ganze Sätze memoriert werden, was natürlich ungleich schwieriger (und meistens unnötig) war, als nur das Sachgedächtnis zu schulen. Vgl. Yates, Frances Amelia: Gedächtnis und Erinnern- Mnemonik von Aristoteles bis Shakespeare. Berlin: Akademie Verlag, 1994. S. 17ff.

9 Vgl. McLuhan, Marshal: Understanding Media- Die magischen Kanäle. Düsseldorf: Econ- Verlag GmbH, 1968. S.97f.

10 McLuhan, Marshal: Das Medium ist die Botschaft. Dresden: Verlag der Kunst, 2001. S.14.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Von Simonides zum Graphic User Interface - Wie die Mnemotechnik moderne Computer und ihre graphischen Interfaces beeinflusst hat
Hochschule
Universität Potsdam  (Medien und Künste)
Veranstaltung
Pozzo und die Perspektive
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V22766
ISBN (eBook)
9783638260336
Dateigröße
827 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Seminar sollte gezeigt werden, dass auch neue Technologien nicht völlig aus dem Nichts auftauchen, sondern in einer technischen und kulturellen Tradition stehen. In meiner Arbeit wird eine Verbindung zwischen der Mnemotechnik und dem graphischen Interface heutiger Computer hergestellt.
Schlagworte
Simonides, Graphic, User, Interface, Mnemotechnik, Computer, Interfaces, Pozzo, Perspektive
Arbeit zitieren
Bernhard Unterholzner (Autor), 2003, Von Simonides zum Graphic User Interface - Wie die Mnemotechnik moderne Computer und ihre graphischen Interfaces beeinflusst hat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/22766

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