Die Sublimierungskraft des Kulturellen aus Sicht Kritischer Sexualwissenschaft


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2013

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

„Psychoanalytische Begriffe werden in den Kulturwissenschaften zwar mit lebhafter Begierde, aber vor allem mit großer Scheu aufgenommen; in der Regel überwiegen Unkenntnis und Abwehr. Wäre Freud ein Gelehrter, nicht aber auch Arzt gewesen, herrschte weniger Furcht, sich auf psychoanalytisches Denken einzulassen. Manch ein Geisteswissenschaftler glaubt sich durch Berührung mit Begriffen wie Hysterie oder Psychose geradewegs auf die Couch gezwungen. Umgekehrt wagen sich Psychoanalytiker selten an konkrete Analysen bildender Kunst, Literatur oder Musik heran und fallen damit hinter den Begründer der Psychoanalyse zurück. Doch es gibt auf beiden Seiten Ausnahmen, [...j“[1]

Folgender wissenschaftlicher Aufsatz soll eine Ausnahme darstellen und zugleich auch eine Eruierung eines Phänomens/Prozesses aus der Psychoanalyse, der Sublimation, aus kritischer Sexualwissenschaft[2] vornehmen. Einleitend werden psychoanalytische[3] Grundbegriffe, wie Triebe eingeführt und erklärt, auf höherer Ebene die Theoriendynamik[4] samt Veränderungen des Vokabulars durch die Historie hin untersucht und eine Annäherung an den Begriff der Sublimierung, resp. Sublimation angestrebt. Eine Konkretisierung und Modellvorstellung des Sublimierungsprozesses nach Bossinade sollen den Kern bilden. Zur Verdeutlichung wird das Lächeln der Mona Lisa von Leonardo da Vinci exemplarisch herangezogen. Der Abschluss soll eine kritische Revision beinhalten mit einer Verortung in der Disziplin der kritischen Sexualwissenschaft, insbesondere dessen Pendant der Queer Studies.

Aus dem psychoanalytischen Modell zum Verhältnis von Es, Ich und Über-Ich expliziert Anna Freud die Triebregungsüberführung von einer Instanz in die jeweils andere und skizziert das dazugehörige Konfliktpotential bei Störungen und Verdrängungsprozessen.[5] Über unterschiedliche Analysebeispiele von der Kindeserziehung bis hin zu Charakteranalysen und der Aufschlüsselung von Abwehr[6] methoden[7] wie Isolierung, Introjektion Projektion, Regression und weiteren Formen gelangt sie zum Begriff der Sublimierung, welcher als ein Verschiebungsvorgang des Triebziels „vom rein Sexuellen weg auf ein sozial höher gewertetes Ziel“[8] definiert wird. Es ist festzuhalten, dass Triebe von Reizen im biologischen Sinne abzugrenzen sind, im Vergleich zu ihnen als stete Reize verstanden werden können und Aussagen über diese nur zu machen sind über ihre jeweiligen Objekte[9], welche eine Wunscherfüllung in Aussicht stellen.[10] Nach Sigmund Freud[11] können unerfüllte Triebwünsche bewusst oder unbewusst[12] durch gesellschaftlich höherrangige Ersatzhandlungen befriedigt werden. Dieser Vorgang der Veredelung[13] soll einen Teil seines Ursprungs, seiner Schranken und späteren Ausprägungsformen aus der Phase, dem fünften Lebensjahr des Kindes, der sog. Latenzperiode, schöpfen.[14] In den Ansätzen bei Freud, ist grob zwischen drei Verarbeitungswegen von Sexualbetätigungen unterschieden worden[15], wobei letztere, die Sublimierung selbst in späterer Forschung nochmals in drei Arten ausdifferenziert worden ist: Aggressionen, die in Form sportlicher Betätigung[16], Forscherdrang, der zur Lösung von Problemen führt, die Suche nach Wahrheit[17] oder auch die Freude des Künstlers beim Schaffen seiner Werke oder einer Phantasiebefriedigung, die durch den Genuss an künstlerischen Werken, untergebracht werden können. Letztere Form, soll im Folgenden im Werk Leonardo da Vincis exemplifiziert werden, die Konstruktion im Ganzen einer kritischen Revision unterzogen werden und im Verhältnis von Psychoanalyse und kritischer Sexualwissenschaft kontextualisiert werden.

Vordergründig soll an dieser Stelle jedoch das Modell des inneren Sublimierungsprozesses von Johanna Bossinade in sieben Schritten[18] vorausgeschickt und veranschaulicht werden, zumal sich aus ihrer übergeordneten metaphorisch-ausgefeilten Konstruktion unterschiedliche Detailanalysen ableiten lassen[19]:

(1) Der Grundstein ist durch einen Initiationspunkt von Außen, die sog. „fremde Hilfe“[20] markiert. (2) Durch Urverdrängung muss ein unerfüllter Triebanspruch hergestellt werden. Aus der Perspektive unterschiedlicher Interpretationsansätze von Freud über Lacan bis hinzu Kristeva, fasst sie den zweiten Schritt wie folgt zusammen: „'Signifikanten sind nur Signifikanten, erst die Sublimation macht sie zu einer Sinnschrift, zu signifiance'.

[...]


[1] Gehrig, 2009, S.7

[2] Nährt ihren Charakter (Querschnittsmaterie) u.a. aus geschlchterwissenschaftlichen, ethischen, rechtsphilosophischen, embryologischen, sittengeschichtlichen, politischen Argumentationssträngen (vgl. Sigusch, 2007, S. 12 ff.)

[3] Sigmund Freud ist sich bewusst gewesen, dass die Psychoanalyse einen erheblichen kulturtheoretischen Beitrag leisten würde und hat in „Das Interesse an der Psychoanalyse. In: GW Bd. 8, S. 127- 211“ bereits die Bedeutung der Psychoanalyse für kunsthistorische Forschung offengelegt.

[4] „Die Analyse der Geier-Phantasie [von da Vinci] stellt Freud vor ungeahnte Schwierigkeiten, er führt fast seine gesamte psychoanalytische Theorie ins Feld. [...]. Der Name des Vogels, also der Geier, funktioniert in der gesamten Konstruktion Freuds wie ein unersetzbarer, da alles tragender Schlußstein [sic!]. Wie schon angedeutet, stürzt mit diesem Schlußstein [sic!] aber auch zugleich die gesamte Konstruktion, denn sie beruht auf einem Fehler in der Übersetzung vom Italienischen ins Deutsche. [...]“ Dahlke, 2006, S.65 ff.

[5] Vgl. Freud,1946,S.11ff.

[6] Anna Freud weist bereits darauf hin, dass eine Begriffswandlung von „Abwehr“ zu „Verdrängung“ kontextbezogen vollzogen wurde. (vgl. Freud, 1946, S.50)

[7] Der Mechanismus wird aus der Größe der Ich Leistung abgeleitet: „Das Ich ist siegreich, wenn seine Abwehrleistungen glücken, d.h. wenn es ihm gelingt, mit ihrer Hilfe die Entwicklung von Angst und Unlust einzuschränken, durch notwendige Triebumwandlungen dem Individuum auch unter schwierigen Umständen noch Triebgenuß [sic!] zu sichern und damit, soweit es möglich ist, eine Harmonie zwischen Es, Über-Ich und den Außenweltsmächten herzustellen.“ Freud, 1946, S. 206

[8] Freud, 1946, S. 205

[9] „Wie also, so könnte man mit Lacan fragen, könnte die Kunst das Begehren mit Unlust unterhalten? Eine Antwort lautet: Indem die Kunst unsterbliche Objekte produziert. Unsterblich werden Objekte sobald sie dem aggressiven Anspruch auf Wunscherfüllung entgehen, denn so können sie durch keinerlei Befriedigung erlöschen. [...] Diese Objekte dürfen nicht mehr über die imaginäre Identifizierung erreichbar und damit auch zerstörbar werden. Diese Objekte sollen sich auch ihrer endgültigen Deutung entziehen können. [...] Sicher ist auch hier das Lächeln der Mona Lisa zu nennen, denn Leonardo malte es mit einer Ambiguität, die aufgrund ihrer Unfaßbarkeit [sic!] zur Identifizierung verlockt, sie aber zugleich zerstört.“ Dahlke, 2006, S. 75

[10] Vgl. Dahlke, 2006, S. 54

[11] „Biographisch verbindet sich die Formulierung bestimmter Konzepte und Metaphern mit spezifischen Bildungs- und Kunsterlebnissen Freuds. So regte ihn die oberirdische Präsenz antiker Bauten in der Stadt Rom zu der zentralen Archäologie-Metapher an - das Aufdecken des Unbewussten entspricht demzufolge der Freilegung fortbestehender Zeugnisse der Vergangenheit (Kuspit 1989; Fichtner 2005, 95) - und seine intensive, jahrelange Auseinandersetzung mit der mit der Moses-Statue des Michelangelo führte letztlich zur Modifikation seiner Theorie des Ich (Hevers 2000, 298f)“ Gehrig, 2009, S.14

[12] „Die Erzieher benehmen sich, insofern sie überhaupt der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehrmächte auf Kosten der Sexualität und als wüßten [sic!] sie, daß [sic!] sexuelle Betätigung das Kind unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle sexuellen Äußerungen als 'Laster', ohne viel gegen sie ausrichten zu können.“ Freud, 1924, S.54

[13] An dieser Stelle weißt der Autor ausdrücklich daraufhin, dass Sublimierung nichts mit sexueller Abstinenz zu tun hat: „Im allgemeinen habe ich nicht den Eindruck gewonnen, daß [sic!] die sexuelle Abstinenz energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier und Reformer heranbilden helfe, weit häufiger brave Schwächlinge, welche später in die große Masse eintauchen, die den von starken Individuen gegebenen Impulsen widerstrebend zu folgen pflegt.“ Freud, 1924, S.160 vgl. hierzu insbesondere die vorausgehenden Beispiele! Es geht um Befriedigung: „Die nämliche Unfähigkeit des Sexualtriebes, volle Befriedigung zu ergeben sobald er den ersten Anforderungen der Kultur unterlegen ist, wird aber zur Quelle der großen Kulturleistungen, welche durch immer weiter gehende Sublimierung seiner Triebkomponenten bewerkstelligt werden. Denn welches Motiv hätten die Menschen, sexuelle Triebkräfte anderen Verwendungen zuzuführen, wenn sich aus denselben bei irgendeiner Verteilung volle Lustbefriedigung ergeben hätte? Sie kämen von dieser Lust nicht wieder los und brächten keinen weiteren Fortschritt zustande. Freud, 1924, S.211

[14] „In derselben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs eingestellt, sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, der großenteils zu anderen als sexuellen Zwecken verwendet werde, nämlich einerseits zur Abgabe der sexuellen Komponenten für soziale Gefühle, andererseits (vermittels Verdrängung und Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren Sexualschranken.“ Freud, 1924, S.108

[15] Sigmund Freud differenziert noch nicht so weit wie später seine Tochter Anna, jedoch stellt er die Behauptung auf, dass der Charakter „zum guten Teil mit dem Material sexueller Erregungen aufgebaut [ist] und [...] sich aus seit der Kindheit fixierten Trieben, aus durch Sublimierung gewonnenen und aus solchen Konstruktionen zusammen[setzt], die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind.“ Freud, 1924, S. 114/115; zunächst gliedert er in die Betätigung, die rein funktionelle Form davon, der Fortpflanzung, zweitens der Verdrängung und drittens der Sublimierung: „Eine der Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu finden und, je nachdem solche Sublimierung eine vollständige oder unvollständige ist, wird die Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere künstlerisch veranlagter Personenjedes Mengungsverhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose ergeben.“ Freud, 1924, S.114

[16] Können mit konfliktfreien oder konflikthaften Wechselwirkungen, wie exhibitionistischen Triebwünschen beim Fußball in Beziehung stehen (vgl. König, 1996, S.73)

[17] „Die Psychoanalyse stellt nicht nur die Grenzen des Selbstfindungsprozesses der Wissenschaft in Frage, sie untergräbt auch die vorherrschenden Auffassungen von der Produktion des Wissens: Wie Freud schreibt: 'Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blüte erreicht vom dritten bis zum fünften Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein, die man dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt' (Freud, 1924, S.95 f.) Die Verkörperung von Wissen, die Beanspruchung von Raum im heiligen Tempel der Vernunft, stellt einen Skandal für die traditionelle Philosophie dar. [...] Freud behauptet weder, dass dieser Wißtrieb [sic!] ausschließlich der Sexualität zuzuordnen ist, noch betrachtet er ihn als Triebkomponenten der Sexualität. Er besteht aber darauf, dass dass das Verlangen nach Erkenntnis und ihren Produkten dadurch gekennzeichnet ist, daß [sic!] das Verlangen nach Erkenntnis und (sublimierten) Energie der Sexualität und aus dem, was oft den Trieb erstmals aktiviert, nämlich den sexuellen Erkundungen von Kindern, schöpft. “ (Waniek, 2001, S.66)

[18] Vgl. Bossinade, 2007, S. 40-49

[19] Der Autor hat sich für die psychoanalytische Werkdeutung des Lächelns der Mona Lisa entschieden (Vgl. Dahlke, 2006, S.58 ff.)

[20] „'Fremde Hilfe' brauchen im Diesseits demnach alle und sie hat etwas mit Männern und Frauen zu tun“ Bossinade, 2007, S.42

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Sublimierungskraft des Kulturellen aus Sicht Kritischer Sexualwissenschaft
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V229692
ISBN (eBook)
9783656455301
ISBN (Buch)
9783656455714
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sublimierung, Freud, Psychoanalyse, Kulturtheorie, Ersatzbefriedigung, Kunst, Mona Lisa, Leonardo da Vinci, Sexualität, Konstruktion - Dekonstruktion, Theoriendynamik, Kultur- und Kunstgeschichte, Wissenschaftskritik, Gender and Sexuality Studies, Modell, Triebe, Abwehrmechanismus, Verdrängung, Ambiguität, Eros, Sublimation, Liebe, Reiz, Lust, Kultureinschränkungen, Kreativität
Arbeit zitieren
Alexander Stachniewicz (Autor), 2013, Die Sublimierungskraft des Kulturellen aus Sicht Kritischer Sexualwissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/229692

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