In den letzten Jahren wurde dem Thema "Aggression und Gewalt an Schulen" eine immer größere Aufmerksamkeit zuteil. Zeitungsberichte und Fernsehreportagen über Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeiten unter Kindern und Jugendlichen lösen Betroffenheit und Erschütterung aus.
Durch die Medien, durch Beobachtung alltäglicher Streitsituationen und im persönlichen Umgang mit Mitmenschen „bekommen Kinder als Betroffene und Zeugen häufig den Eindruck, Gewalt sei ein akzeptables und vor allem effektives Mittel der Konfliktaustragung“. Wichtig ist, dass es hierbei nicht nur um physische Gewalt geht. Auch psychische Gewalt durch Ausgrenzung, Lästern, Drohungen, Auslachen, Gruppenzwang oder Hänseln überschattet den (Schul-)Alltag vieler Kinder und Jugendlicher. Als Beispiele seien hier nur gewaltverherrlichende Liedtexte, Mobbing am Arbeitsplatz eines Elternteils und das aggressive Verhalten vieler Straßenverkehrsteilnehmer (z. B. durch Missachtung der Geschwindigkeitsbegrenzung in Spielstraßen oder drängelndes Hupen) genannt. Tagtäglich werden Heranwachsende mit solchen Negativ-Beispielen konfrontiert. Es verwundert daher nicht, dass die Tendenz, Aggressionen und Gewalt als Bewältigungsstrategien in Konfliktsituationen zu sehen, bei Kindern und Jugendlichen zunimmt.
Versteht man Gewalt also als Symptom oder Ventil für unbewältigte Konflikte und damit einhergehende negative Gefühle, so wird deutlich, dass man den Kindern und Jugendlichen Handlungsalternativen für Konfliktsituationen aufzeigen muss, wenn man der Tendenz zur Gewalt entgegenwirken will. Es geht darum, sie in dem Sinne konfliktfähig zu machen, dass sie in der Lage sind, Konflikte verbal und sachlich zu lösen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Zur Frage: Was ist Streit?
1.1. Zur Frage: Was ist ein Konflikt?
1.1.1. Intrasubjektiver und intersubjektiver Konflikt
1.1.2. Merkmale eines Konflikts
1.2. Entstehung und Typologie von Konflikten nach Lewin
1.2.1. Das Person-Umwelt-Modell
1.2.2. Bedürfnis, Spannung und Verhalten
1.2.3. Ziel, Valenz und Konflikt
1.3. Konfliktlösungen
1.3.1. Konflikte lösen – warum eigentlich?
1.3.2. Konflikte lösen – wie eigentlich?
2. Mediation als Verfahren der Konfliktlösung
2.1. Was ist Mediation?
2.2. Leitgedanken
2.3. Methode und Ziele
2.4. Die Rolle der Mediatoren
2.4.1. Wann kommen Mediatoren zum Einsatz?
2.4.2. Anforderungen an den Mediator
2.4.3. Möglichkeiten und Aufgaben
2.5. Anwendungsfelder
3. Mediation an Schulen
3.1. Konflikte unter Kindern
3.2. Ziele der Schulmediation
3.2.1. Mediation als Intervention
3.2.2. Mediation als Prävention
3.2.3. „Nebenwirkungen“
3.3. Die Bausteine der Konfliktfähigkeit
3.3.1. Selbstwahrnehmung und Selbstregulation
3.3.2. Perspektivenübernahme und Empathie
3.3.3. Kommunikation
3.3.3.1. Ausreden lassen und Zuhören
3.3.3.2. Gefühle ausdrücken
3.3.3.3. Kritik annehmen und konstruktiv Kritik üben
3.4. Rahmenbedingungen für erfolgreiche Mediation
3.4.1. Motivation der Lehrer- und Elternschaft
3.4.2. Streitschlichtung im Schulprogramm
3.5. Vorbereitung und Organisation
4. Das Streitschlichterprogramm nach Karin Jefferys-Duden
4.1. Einführung in das Schlichtungskonzept
4.1.1. Konflikte erkennen
4.1.2. Grundbegriffe der Mediation
4.1.3. Schlichtung: Was ist das? Wie funktioniert sie?
4.1.4 Kommunikation und Interaktion
4.2. Konflikte und Lösungsmöglichkeiten
4.2.1. Kategorisierung der Konflikte
4.2.2. Erarbeitung der Lösungsmöglichkeiten
4.2.2.1. Im Unterrichtsgespräch
4.2.2.2. In Gruppenarbeit
4.3. Regeln und Schlichterfähigkeiten
4.3.1. Regeln und Regelverstöße
4.3.2. Paraphrasieren und Zuhören
4.4. Gefühle
4.4.1. Gefühle erkennen: Körpersprache und Intonation
4.4.2. Eigene Gefühle wahrnehmen und vergleichen
4.5. Der Ablauf eines Schlichtungsgesprächs
4.5.1. Das Bild der Friedensbrücke
4.5.2. Einleitung des Schlichtungsgespräches
4.5.3. Positionen klären
4.5.4. Lösungen suchen
4.5.5. Abkommen treffen
4.6. Übungsphase
4.7. Abschlusstest
4.8. Organisation von Streitschlichtung
4.9. Quantitative und qualitative Erfolgskontrolle
5. Grenzen der Schulmediation
6. Der Erfolg des Programms: eine theoretische Fundierung
7. Ausblick
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Herausforderungen des Streitschlichterprogramms nach Karin Jefferys-Duden als Ansatz zur Gewaltprävention und Konfliktbewältigung im Grundschulkontext. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kinder durch strukturierte Mediatorenausbildung befähigt werden können, soziale Konflikte eigenständig und gewaltfrei zu lösen.
- Psychologische Grundlagen der Konfliktentstehung (u.a. nach Kurt Lewin)
- Das Mediationsverfahren als konstruktive Konfliktlösungsstrategie
- Relevante soziale Kompetenzen zur Förderung der Konfliktfähigkeit (Selbstwahrnehmung, Kommunikation, Empathie)
- Methodische Umsetzung des Streitschlichterprogramms im Schulalltag
- Evaluation der Erfolgskontrolle und institutionelle Grenzen der Schulmediation
Auszug aus dem Buch
1.2. Entstehung und Typologie von Konflikten nach Lewin
Neben den Theorien aus der Psychoanalyse und aus der Entscheidungsforschung hat der Gestaltpsychologe Kurt Lewin im Rahmen der Untersuchung menschlicher Motivation und Verhalten eine „Feldtheorie“ zur Entstehung von Konflikten entworfen.
Während die psychoanalytische Theorie die Entstehung „eines Widerstreites von Wunschregungen“ damit erklärt, „dass menschliche Konflikte im wesentlichen durch die Spannung zwischen biologischer Triebnatur und Erziehung zu geformter Selbstkontrolle entstehen“, und die Entscheidungstheorien die Rolle von Erkenntnisinhalten und daraus entstehenden Dissonanzen betonen, sieht Lewin die Ursache für Konflikte in den inneren und äußeren Reizen, denen ein Mensch tagtäglich ausgesetzt ist und die sein Verhalten beeinflussen.
Ausgangspunkt seiner Theorie ist die Annahme, dass menschliches Verhalten nur als Ergebnis einer Wechselwirkung zwischen persönlichen und situativen Faktoren erklärt werden kann. Diesen Zusammenhang – Verhalten als Funktion von Person und Umwelt – hat Lewin in folgender mathematischen Funktion ausgedrückt: „V = f (p, u)”
Person und Umwelt treten hier als „interdependente Variablen“ auf. Gemeinsam bilden sie den Lebensraum des Menschen, den Lewin als „Feld“ bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die steigende Aggression an Schulen und leitet daraus die Notwendigkeit für handlungsorientierte Konzepte wie die Mediation ab.
1. Zur Frage: Was ist Streit?: Dieses Kapitel definiert Konflikte psychologisch und erläutert ihre Entstehung und Typologie, insbesondere anhand der Feldtheorie von Kurt Lewin.
2. Mediation als Verfahren der Konfliktlösung: Es wird das Konzept der Mediation als außergerichtliches Verfahren vorgestellt, einschließlich der Rolle der Mediatoren und der typischen Phasen eines Mediationsprozesses.
3. Mediation an Schulen: Hier werden die Ziele der Schulmediation beleuchtet, insbesondere die Unterscheidung zwischen Intervention und Prävention sowie die benötigten sozialen Kompetenzen der Schüler.
4. Das Streitschlichterprogramm nach Karin Jefferys-Duden: Das Kapitel bietet eine praxisorientierte Anleitung zur Umsetzung des Programms, von der Einführung über die Erarbeitung von Lösungen bis zur Organisation und Erfolgskontrolle.
5. Grenzen der Schulmediation: Die Arbeit reflektiert kritisch, dass Mediation kein Allheilmittel ist und auf weitere pädagogische Rahmenbedingungen sowie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen angewiesen ist.
6. Der Erfolg des Programms: eine theoretische Fundierung: Eine theoretische Einordnung, warum und unter welchen Bedingungen das Programm zur Gewaltprävention wirksam ist.
7. Ausblick: Ein abschließender Blick auf die Bedeutung der Streitschlichtung für die Schulentwicklung.
8. Literaturverzeichnis: Umfassende Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Streitschlichtung, Mediation, Grundschule, Konfliktbewältigung, Gewaltprävention, soziale Kompetenz, Selbstregulation, Kommunikation, Schulklima, Empathie, Friedensbrücke, Konfliktfähigkeit, Lehrer-Schüler-Interaktion, Rollenspiel, Schulprogramm
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Implementierung und Anwendung des Streitschlichterprogramms nach Karin Jefferys-Duden in Grundschulen, um Schülern gewaltfreie Wege der Konfliktlösung aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die psychologische Fundierung von Konflikten, das Mediationsverfahren an sich, die Förderung sozialer Kompetenzen bei Kindern und die organisatorische Einbettung in den Schulalltag.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Chancen, Möglichkeiten und Schwierigkeiten des Streitschlichterprogramms darzustellen und zu untersuchen, wie man Kinder zu verantwortungsbewusster Schlichtung befähigen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Arbeit, die auf fachdidaktischer Literatur und psychologischen Modellen (wie der Feldtheorie von Lewin oder dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Grundlagen des Konfliktbegriffs, das Verfahren der Mediation, die nötigen Bausteine der Konfliktfähigkeit sowie eine detaillierte methodische Anleitung zur Durchführung des Programms in der Grundschule.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Streitschlichtung, Mediation, soziale Kompetenz, Gewaltprävention und Konfliktfähigkeit.
Wie gehen Kinder laut der Arbeit mit Konflikten um?
Die Arbeit zeigt, dass sich die Konfliktlösungsstrategien mit dem Alter entwickeln: Von bloßem Auseinandergehen bei Jüngeren hin zur Suche nach einvernehmlichen Lösungen bei älteren Grundschülern.
Welche Rolle spielt der Lehrer im Programm?
Der Lehrer fungiert als Vorbild und Organisator, der die Voraussetzungen schafft und die Kinder darin unterstützt, eigenständig und selbstverantwortlich zu handeln, anstatt selbst als Schiedsrichter einzugreifen.
- Arbeit zitieren
- Tessa Rothe (Autor:in), 2003, Streitschlichten in der Grundschule - Das Programm nach Karin Jefferys-Duden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23048