Jürgen Habermas und Niklas Luhmann: Ein Vergleich zum Thema Theorie und Praxis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. HABERMAS zum Thema „Theorie und Praxis“
2.1 Das Verhältnis von Politik zur Philosophie
2.2 Das Verhältnis von Naturrecht und Revolution zur Philosophie
2.3 Das Verhältnis von Theorie zur Praxis in der verwissenschaftlichen Zivilisation

3. LUHMANN zum Thema „Theorie und Praxis“
3.1 Selektion und das Problem der Komplexität
3.2 Selektion, Werte und Reduktion von Komplexität
3.3 Konsequenzen für die Praxis der Theorie

4. HABERMAS und LUHMANN: Ein Vergleich der Positionen zum

Thema „Theorie und Praxis“

5. Literatur

1. Einleitung

In der Gegenwart sind Jürgen HABERMAS und Niklas LUHMANN bundesweit die wohl meist diskutiertesten und bedeutendsten sozialwissenschaftlichen Theoretiker. HABERMAS und LUHMANN selbst lieferten sich in der Vergangenheit heftige Kontroversen, in denen sie ihre verschiedenen Ansätze und Positionen vertraten und debattierten.

Aber gerade weil ihre Theorien häufig als gegensätzlich angesetzt werden, ist es interessant zu überprüfen, ob oder inwiefern auch gewisse Überschneidungen und Parallelen in ihren Ansätzen vorkommen.

In dieser Arbeit sollen zunächst die Positionen von HABERMAS und LUHMANN hinsichtlich des Themas „Theorie und Praxis“ vorgestellt werden. Anschließend werden in einem Vergleich mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet.

2. HABERMAS zum Thema „Theorie und Praxis“

In seinem Buch „Theorie und Praxis“ geht HABERMAS, um die Verhältnisse von Theorie und Praxis zu untersuchen, philosophisch-politisch vor.

Deshalb soll zuerst seine Sichtweise über die Beziehung von Politik und Philosophie als Basis dargestellt und dann anhand weiterer Studien zu diesem Thema weiterentwickelt werden.

2.1 Das Verhältnis von Politik zur Philosophie

Nach HABERMAS war Politik bis in das 19. Jahrhundert hinein ein Teil der praktischen Philosophie. Politik verstand sich als Lehre vom guten und gerechten Leben, als Fortsetzung der Ethik, bis der Einfluss der sich neu bildenden Sozialwissenschaften und der Disziplinen des öffentlichen Rechts immer stärker wurde (HABERMAS 1963: 13). „Dieser Prozeß der Loslösung vom Corpus der praktischen Philosophie endet vorerst mit der Etablierung der Politik nach dem Muster einer modernen Erfahrungswissenschaft, die mit jener alten „Politik“ nicht viel mehr als den Namen gemein hat“ (HABERMAS 1963: 13).

HABERMAS verdeutlicht die Unterschiede zwischen der klassischen Politik und der modernen Politik. Während die klassische Politik auf normative Probleme eingeht und versucht, traditionell-philosophisch erworbene Antworten auf ethische und politische Fragen zu finden, behandelt die moderne Politik explikative Probleme. Sie ermittelt empirisch- theoretische Antworten auf Fragen, die technischen Ursprungs sind. „War der Ausgangspunkt der Alten: wie die Menschen praktisch einer natürlichen Ordnung entsprechen können; so ist der praktisch vorgegebene Ausgangspunkt der Modernen: wie die Menschen drohende Naturübel technisch bewältigen können“ (HABERMAS 1963: 22). Zu Zeiten der klassischen Politik war die Sphäre des Tuns und des Handelns, die Lebenswelt um die Menschen, die um ihre Erhaltung oder ihr Zusammenleben besorgt waren, im strengen Sinne theoriefrei. Das änderte sich erst dann, als die moderne Naturforschung damit begann, Theorie mit der Einstellung eines Technikers zu betreiben (HABERMAS 1963: 31). Jedoch verfehlt die wissenschaftlich etablierte Theorie des gesellschaftlichen Handelns die Dimension der Praxis, zu der die klassische Lehre unmittelbaren Zugang besaß. Anders als eine bloß technische Anwendung wissenschaftlicher Resultate, steht die Umsetzung der Theorie in die Praxis eben vor der Aufgabe, in das Bewusstsein und die Gesinnung handlungsbereiter Bürger einzugehen. Dazu müssen aber die theoretischen Lösungen in konkreter Lage als die praktisch notwendigen Lösungen angenommen und deshalb von vornherein aus diesem Horizont der Handelnden konzipiert werden (HABERMAS 1963: 45- 46).

HABERMAS stellt sich diesbezüglich die Fragen: „Wie ist Erkenntnis des sozialen Lebenszusammenhangs im Hinblick auf politisches Handeln möglich? [...] Wie kann das Versprechen der klassischen Politik, nämlich praktische Orientierung über das, was in gegebener Lage richtiger- und gerechterweise zu tun ist, eingelöst werden, ohne andererseits auf die wissenschaftliche Stringenz der Erkenntnis, welche die moderne Sozialphilosophie im Gegensatz zur praktischen Philosophie der Klassiker beansprucht, zu verzichten?“ (HABERMAS 1963: 16).

Das Problem des Verhältnisses von Theorie und Praxis ist nach HABERMAS dennoch nicht unlösbar. Durch die Dialektik, der Kunst des Gesprächs, die sowohl in der theoretischen wie praktischen Philosophie geübt wurde, ist es möglich, die Wissenschaft methodisch sicher selbst zu reflektieren (HABERMAS 1963: 49-51). HEGEL gelang die Aufhebung der wissenschaftlichen Theorie und das Umdenken in eine dialektische Theorie: indem er Geschichte dialektisch, d.h. „aus dem Erfahrungshorizont des praktischen Bewusstseins begreift, kann er mit der Aufhebung der wissenschaftlich begründeten Sozialphilosophie in einer dialektischen Theorie der Gesellschaft Kategorien und Resultate so umdenken, dass diese Theorie bei jedem Schritt vom Selbstbewusstsein ihres eigenen Verhältnisses zur Praxis geleitet und durchdrungen ist“ (HABERMAS 1963: 51).

2.2 Das Verhältnis von Naturrecht und Revolution zur Philosophie

In diesem Abschnitt soll gezeigt werden, wie eng der Zusammenhang zwischen Philosophie und Politik noch vor knapp 250 Jahren war. Anhand der Französischen Revolution soll veranschaulicht werden, wie der Weg von der Philosophie zu deren Verwirklichung in der Politik verlief.

HABERMAS vertritt die Meinung, dass die Revolution ihre erste Anregung von der Philosophie erhalten habe und „dass die Revolution die Philosophie aus den Büchern in die Wirklichkeit übertragen habe. Die Philosophie - das hieß: die Grundsätze des rationalen Naturrechts. [In der Französischen Revolution geschah es,] dass sich die Menschen auf den philosophischen Gedanken gestellt und die politische Wirklichkeit nach diesem erbaut hatten“ (HABERMAS 1963: 52).

Der Akt der Deklaration der Grundrechte, mit dem die Positivierung des Naturrechts eingeleitet wurde, musste sich darauf berufen, einzig aus philosophischer Einsicht politische Gewalt zu erzeugen. Dies hängt damit zusammen, dass die Idee der Verwirklichung der Philosophie, nämlich der vertragsautonomen Schöpfung von rechtlichem Zwang aus dem Zwang der philosophischen Vernunft allein, der Begriff von Revolution ist (HABERMAS 1963: 55).

Um jedoch eine Revolution auslösen zu können, muss die Mehrheit der Bürger geschlossen hinter der Sache stehen, d.h. eine Meinung teilen, was aber anfangs nicht immer der Fall ist. „Bei diesem Gefälle zwischen der Einsicht einzelner und den Ansichten der meisten kommt dem „Philosophen“ die praktische Aufgabe zu, durch seinen Einfluss auf die Macht der öffentlichen Meinung der Vernunft selbst politische Geltung zu verschaffen. [...] Seine Aufgabe ist es nicht, die Wahrheit ins Werk zu setzten, sondern sie darzulegen, sie zu erklären - déclarer. Dies ist der Weg, auf dem Theorie zur praktischen Gewalt wird“ (HABERMAS 1963: 59).

Durch die Verbreitung der Wahrheit wird diese im Laufe der Zeit als öffentliche Meinung angenommen. Dadurch, dass die öffentliche Meinung schließlich sogar den Gesetzgebern Gesetze diktiert, wird die Bedeutung der Pflicht des Philosophen, die Wahrheit zu deklarieren, deutlich. Die Philosophen selbst waren auf diesem Wege zum Gesetzgeber geworden (HABERMAS 1963: 59).

Die Positivierung des Naturrechts wurde aber erst durch Spannungen zwischen Theorie und Praxis, zwischen naturrechtlichen Prinzipien und ihrer technischen Verwirklichung, zur revolutionären Aufgabe: „Philosophie sollte nicht mehr über ein politisch kluges Handeln unter Gesetzen orientieren, sie sollte mit Hilfe von Gesetzen eine technisch richtige Einrichtung instruieren“ (HABERMAS 1963: 61).

2.3 Das Verhältnis von Theorie zur Praxis in der verwissenschaftlichen Zivilisation

Bisher wurde HABERMAS’ Sichtweise zu dem Verhältnis von Philosophie und Politik dargestellt und der Weg über die Philosophie in die Politik am Beispiel der Positivierung des Naturrechts in der Französischen Revolution erläutert. In diesem Abschnitt soll nun auf das Verhältnis von Theorie und Praxis in der verwissenschaftlichen Zivilisation seit dem 18. Jahrhundert eingegangen werden.

Nach HABERMAS bezieht sich das Verhältnis von Theorie und Praxis bis zum 18. Jahrhundert in der Tradition der großen Philosophie stets auf das gute und richtige, auf das „wahre“ Leben und Zusammenleben der Individuen - wie auch schon unter Abschnitt 2.1 verdeutlicht - und entspricht somit einer theoretisch angeleiteten Lebenspraxis.

Seit dem 18. Jahrhundert „erfasst die auf Praxis gerichtete und auf sie zugleich angewiesene Theorie nicht mehr die natürlichen, wahrhaften oder eigentlichen Handlungen und Einrichtungen einer ihrem Wesen nach konstanten Menschengattung, vielmehr hat es Theorie jetzt mit dem objektiven Entwicklungszusammenhang einer sich selbst produzierenden, zu ihrem Wesen, der Humanität, erst bestimmten Gattung Mensch zu tun“ (HABERMAS 1963: 231). Zwar bleibt der Anspruch einer Orientierung bestehen, aber die Realisierung des guten, vernünftigen Lebens ist in der weltgeschichtlichen Vertikalen auseinandergespannt; d.h., dass die Praxis über die Stufen der Emanzipation auseinandergezogen ist (HABERMAS 1963: 231).

Die Erfahrung der Emanzipation durch kritische Einsicht in Gewaltverhältnisse führt dazu, dass die kritische Vernunft analytisch Macht über dogmatische Befangenheit gewinnt und somit neue Stufen der Emanzipation erreicht werden (HABERMAS 1963: 231). „In einer derart praktischen Vernunft konvergieren rationale Einsicht und das ausgesprochene Interesse an einer Befreiung durch Reflexion. Die höhere Reflexionsstufe fällt zusammen mit einem Fortschritt in der Autonomie der Einzelnen, mit der Eliminierung von Leid und der Beförderung des konkreten Glücks. Die mit dem Dogmatismus streitende Vernunft hat dieses Interesse entschieden in sich aufgenommen - sie lässt das Moment der Entscheidung nicht außer sich“ (HABERMAS 1963: 231).

Nach HABERMAS hat sich nun diese Konstellation von Dogmatismus, Vernunft und Entscheidung seit dem 18. Jahrhundert in dem Maße tiefgreifend verändert, in dem die positiven Wissenschaften zu Produktivkräften der gesellschaftlichen Entwicklung geworden sind. In der verwissenschaftlichen Zivilisation kommt das Verhältnis von Theorie und Praxis nur noch als zweckrationale Verwendung erfahrungswissenschaftlich gesicherter Techniken zur Geltung. Die empirisch-analytischen Wissenschaften erzeugen zwar technische Empfehlungen, aber geben keine Antworten auf praktische Fragen. Problematisch im Verhältnis der Theorie zur Praxis wird es allerdings nicht erst durch die neue Funktion der Wissenschaft, die zur technischen Gewalt wird, sondern dadurch, dass nicht mehr zwischen technischer und praktischer Gewalt unterschieden werden kann (HABERMAS 1963: 232).

„An diesem Tatbestand wird freilich nur eine Theorie, die auf Praxis gerichtet ist, das Paradox erkennen, das doch auf der Hand liegt: je mehr Wachstum und Wandlung der Gesellschaft von der äußersten Rationalität arbeitsteiliger Forschungsprozesse bestimmt werden, um so weniger ist die verwissenschaftlichte Zivilisation im Wissen und Gewissen ihrer Bürger festgemacht. [...] [Eine Veränderung ist nur möglich] durch Veränderung der Bewusstseinslage selber, also durch die praktische Wirkung einer Theorie, [...] die vielmehr durch die penetranten Vorstellungen einer Kritik das Interesse der Vernunft an Mündigkeit, an Autonomie des Handels und Befreiung von Dogmatismus vorantreibt“ (HABERMAS 1963: 233).

HABERMAS ist jedoch der Meinung, dass nur derjenige den Dogmatismus überwinden kann, der sich durch kritische Einsicht das Interesse der Vernunft zu eigen gemacht hat und sich durch das Bedürfnis der Emanzipation und durch einen Akt der Freiheit zum Standpunkt der Mündigkeit emporarbeiten kann (HABERMAS 1963: 236-237). „Das Zauberwort für die Lossprechung vom dogmatischen Bann ist eine gegen Vernunft isolierte Entscheidung“ (HABERMAS 1963: 241).

Eine ausschließlich technische Zivilisation würde nach HABERMAS den Zusammenhang der Theorie mit Praxis verlieren (HABERMAS 1963: 257).

Nachdem nun HABERMAS’ Position zum Thema „Theorie und Praxis“ dargestellt und erläutert wurde, soll im anschließenden Kapitel LUHMANN’s Stellungnahme zu diesem Thema vorgestellt und verdeutlicht werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Jürgen Habermas und Niklas Luhmann: Ein Vergleich zum Thema Theorie und Praxis
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar "Kritische Theorie und Strukturfunktionalismus"
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V23067
ISBN (eBook)
9783638262620
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird gezeigt, dass Habermas und Luhmann in Bezug zum Thema 'Theorie und Praxis' ähnlichere Gedanken verfolgen als immer angenommen wird!
Schlagworte
Jürgen, Habermas, Niklas, Luhmann, Vergleich, Thema, Theorie, Praxis, Hauptseminar, Kritische, Strukturfunktionalismus
Arbeit zitieren
Dr. Monique Zimmermann-Stenzel (Autor), 2000, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann: Ein Vergleich zum Thema Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23067

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