Zu 'Die Wirkungen des Unbewussten auf das Bewusstsein' von C. G. Jung

Entnommen aus: C. G. Jung: "Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten"


Referat (Ausarbeitung), 1997

18 Seiten, Note: unbenotet; mit Erfolg


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. EINLEITUNG

II. Erstes Kapitel: „Das persönliche und das kollektive Unbewusste“

III. Zweites Kapitel: „Die Folgeerscheinungen der Assimilation des Unbewussten“

IV. Drittes Kapitel: „Die Persona als ein Ausschnitt aus der Kollektivpsyche"

V. VIERTES KAPITEL: „DIE VERSUCHE ZUR BEFREIUNG DER INDIVIDUALITÄT AUS DER KOLLEKTIVPSYCHE“

VI. VERWENDETE LITERATUR

I. Einleitung

Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf den ersten Teil des Jungschen Werkes „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten“, welcher mit „Die Wirkungen des Unbewussten auf das Bewusstsein“ betitelt und noch einmal in vier Kapitel aufgeteilt ist. Meiner Meinung nach wird darin die gesamte Bandbreite der wichtigsten Begriffe der Jungschen Psychologie erläutert. Deren Funktion innerhalb des ganzen Systems der Psyche, unter der Jung

„die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge, der bewussten sowohl wie der unbewussten“[1]

versteht, ist für den Unkundigen auf diesem Gebiet auf den ersten Blick nicht so leicht verständlich, wie das Freudsche „System“; dies mag darauf zurückzuführen sein, dass die Begriffe sehr eng miteinander verwoben und zugleich voneinander differenziert sind, so paradox das auch klingen mag, womit jedoch der Hauptcharakter der Begriffe erfasst ist, der sich darin zeigt, dass sie sich meist in Paaren „ambivalent-komplementär“ zueinander verhalten. Eines der hierbei wichtigsten zu erläuternden Begriffspaare stellt das des „Bewusstseins – Unbewussten“ dar. Zwischen diesen beiden „Sphären“ steht das Ich mit schwerpunktmäßiger Beziehung zum Bewusstsein, aber mit der Fähigkeit, die Inhalte aus dem Unbewussten bewusst zu machen. Das Bewusstsein spaltet sich nach Jung in ein individuelles und kollektives und das Unbewusste in ein persönliches und kollektives auf – doch dazu später genaueres.

Der Begriff des Unbewussten ist bereits sehr früh wissenschaftlich behandelt worden. Carl Gustav Carus, ein Naturphilosoph, gilt als Begründer der Psychologie vom Unbewussten durch seine Arbeit über die „Psyche“ (1846) und vor Freud befasste sich desweiteren auch schon Eduard von Hartmann in seiner Arbeit „Philosophie des Unbewussten“ (1869) mit diesem Thema. Der Unterschied zwischen Jung und Freud in Bezug auf Charakterisierung des Unbewussten liegt darin, dass Freud das Unbewusste lediglich als Sammelort für vergessene und verdrängte persönliche Inhalte sah, während Jung ihm auch eine eigene (psychische) Aktivität zusprach,

„die von der persönlichen Erfahrung abweichend und auch objektiver als diese sei, da sie sich direkt auf die phylogenetische und instinktive Basis der menschlichen Rasse bezieht“[2].

Andererseits sprach er Freud die schon ansatzweise entdeckte archaisch-mythologische Denkweise des Unbewussten zu, die er (Jung) dann ausführlicher durch das Archetypen-Konzept darstellte.

Ein weiterer Punkt, der mir zum Verständnis der folgenden Schilderungen noch wichtig erscheint, ist das Entstehungsjahr dieser Arbeit, die aus dem Jahre 1928 datiert.

„Sein eigentliches Werk hat Jung erst in der zweiten Hälfte seines Lebens geschaffen“[3]

heißt es in Metzlers Philosophenlexikon zu Jung (1875-1961). Dies ist insoweit interessant, da Jung der zweiten Hälfte des Lebens – in der er sich selber befand, als er dieses Werk verfasste – die Beschäftigung bzw. die Konfrontation des Ich mit dem Selbst zuschreibt. Das Selbst bezeichnet er als den eigentlichen Mittelpunkt zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, welche beiden es zugleich – und damit auch das Ich, das ausschließlich das Bewusstseinszentrum darstellt – umschließt. Diese Beschäftigung mit dem Selbst, die bei Jung vermutlich aus einer persönlichen Krise in den Jahren 1913-1918 resultiert, setzt einen Prozess der Individuation, der Selbstwerdung des Menschen zu einer Ganzheit in Gang. Er nennt drei Eigenschaften, die für eine Individuation von Nöten sind:

1. Das Ziel des Prozesses ist die Entwicklung der Persönlichkeit;
2. der Prozess setzt kollektive Beziehungen voraus und umfasst diese, das heißt er findet nicht in der Isolation statt; und
3. die Individuation befindet sich stets mehr oder weniger im Gegensatz zur Kollektivnorm, die keine absolute Gültigkeit besitzt: „Je stärker die kollektive Normierung des Menschen, desto größer ist seine individuelle Immoralität“[4].

Jungs Werk beschäftigt sich zum einen mit der Erklärung der einzelnen Stationen, die den Prozess der Individuation zur Vollendung bringen, aber auch mit den daraus resultierenden pathologischen Folgen, die diesen Prozess hemmen können.

Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass mit diesem Werk ein umfassendes, auf eigenen Erfahrungen ruhendes abgeschlossenes „System“ Jungs vorliegt.

II. Erstes Kapitel: „Das persönliche und das kollektive Unbewusste“

Bereits in der Vorrede zur zweiten Auflage betont Jung seine „Idee von der Selbständigkeit des Unbewussten“ und versucht, diese durch eine Erklärung der Reaktionserscheinungen der bewussten Persönlichkeit auf die Einwirkungen des Unbewussten zu beweisen.

Er nimmt im ersten Kapitel seinen Ausgangspunkt zur Erklärung der Funktion des Unbewussten in der Weiterführung der Freudschen Theorie, die im Unbewussten den Ort verdrängter infantiler Wünsche sieht und führt fort, dass außerdem

„Vergessenes, (…), auch unterschwellig Wahrgenommenes, Gedachtes und Gefühltes aller Art“[5]

darin enthalten seien, also Inhalte, die auf persönlicher Erfahrung und Erwerbung beruhten. All dies sind unbewusste Inhalte, die das Bewusstsein nicht oder noch nicht erreicht haben und nur durch Analyse bewusst gemacht werden können. Nur das Ich sei als „Subjekt des Bewusstseins“ in der Lage, sich diese Inhalte wieder bewusst zu machen. Zunächst jedoch stellen sie das persönliche Unbewusste dar.

Desweiteren erkannte Jung aber, dass bei seinen Patienten auch nach Bewusstmachung solcher Inhalte weiterhin Phantasien und Träume existierten, die auf unbewusste Tätigkeit hindeuteten. Es kam ihm daher der Gedanke, es müsse sich hier um „Über-Persönliches“ handeln, auch wenn dies mit gewissem persönlichen Charakter behaftet zu sein schien.

Anhand eines Beispiels aus seiner Praxis, in dem dieses Phänomen deutlich wird, versucht er, die Entwicklung seiner Entdeckung zu erläutern:

Eine Patientin, die aufgrund eines „Vaterkomplexes“ (ambivalente Beziehung zum Vater) an einer hysterischen Neurose litt, flüchtete in ein Übertragungsverhältnis zu Jung, was dadurch zustande kam, dass sie nach dem Tod ihres Vaters zunächst zwar versuchte, diesen Schmerz durch intellektuelle Betätigung (Beginn eines Philosophiestudiums) – eine in dieser Situation nach Jung natürliche Reaktion – zu kompensieren, es ihr aber gleichzeitig nicht gelang, eine dem Vater entsprechende äquivalente Beziehung zu einem anderen Mann aufzubauen. In der Regel werde ein solcher Konflikt durch Willensstärke instinktiv und unbewusst überwunden, bei einer entsprechenden „Instinktschwäche“ jedoch sei eine Neurose die Folge. Dies traf bei seiner Patientin zu. Die daraufhin erfolgende Übertragungssituation während der Behandlung – die Freud bereits kannte und die er als Heilmethode schätzte – sei allerdings nur eine vorübergehende Notlösung, gar Illusion, denn auch sie löse nicht den eigentlichen Konflikt („Vaterkomplex“) und führe mit der Zeit zum Stillstand, so dass die Neurose bestehen bleibt.

Die Überwindung einer Übertragungssituation könne nun einen positiven oder negativen Verlauf nehmen. Entweder wieder durch einen „kräftigen Willensentschluss“, der vom „gesunden Menschenverstand“ mit der Intention geleitet wird, diese Situation einfach überwinden zu müssen, oder aber es gelingt nicht, wobei solche Fälle entweder hoffnungslos bleiben oder, wie in diesem Beispiel die Hoffnung bestehe, die Natur werde eine Lösung finden.

Diese Lösung mündet, um es vorwegzunehmen, in der Entdeckung des kollektiven Unbewussten.

Jung schlug seiner Patientin vor, ihre Träume zu beobachten. Im Gegensatz zu Freud, der Träume ausschließlich vom kausalen Standpunkt aus sah, was sich darin äußert, dass er jedem Traumsymbol eine feste Bedeutung zusprechen wollte, verstand Jung den Traum als ein „Naturprodukt der Psyche“, welches

„nichts anderes als eine Selbstabbildung des psychischen Lebensprozesses darstellt“[6].

In diesem Sinne handelt es sich bei Jungs Auffassung über die Träume um einen finalen Standpunkt, denn die Traumbilder entsprechen immer einer vom Träumenden zu deutenden innerpsychischen Situation. Mit anderen Worten:

„Die unbewussten Inhalte sind immer vieldeutig, und ihr Sinn hängt ebenso von den Zusammenhängen ab, in welchen sie vorkommen, wie von der spezifischen Lebens- und Seelensituation des jeweiligen Träumers. Manche Träume gehen sogar über die persönliche Problematik des individuellen Träumers hinaus und sind der Ausdruck von Problemen, die in der Menschheitsgeschichte immer wiederkehren und das ganze Menschenkollektiv angehen“[7].

Dies zeigte sich im vorliegenden Fall, in dem sich sämtliche Inhalte der Träumenden subjektiv auf das Übertragungsverhältnis ihres „Vaterkomplexes“ auf Jung bezogen, was sie im einzelnen durch Eigenschaften beschrieb wie: riesengroß; uralt; größer als der Vater; wie der Wind, der über die Erde streicht. In Wirklichkeit schien etwas tiefer liegendes dahinter. Der schweizer Arzt deutet dies wenig später wie folgt:

„Die Träume verzerrten sozusagen die menschliche Person des Arztes zu übermenschlichen Proportionen, zu einem riesenhaften, uralten Vater, der zugleich auch der Wind (Wind als symbolische Darstellung für Gott) ist und in dessen beschützenden Armen die Träumerin wie ein Säugling ruht“[8].

[...]


[1] Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung; Fischer Taschenbuchverlag; Frankfurt/M.; 1978; S. 17

[2] Samuels, Andrew: Wörterbuch Jungscher Psychologie; DTV; April 1991; S. 229

[3] Lutz, Bernd (Hrsg.): Metzler Philosophen-Lexikon; Verlag J. B. Metzler; Stuttgart/ Weimar; 2. Auflage 1995, S. 436

[4] Samuels, Andrew: Wörterbuch Jungscher Psychologie; a. a. O.; S. 107

[5] Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung; a. a. O.; S. 19

[6] Jung, Carl Gustav: Gesammelte Werke Band VII; Walter-Verlag; Olten und Freiburg im Breisgau; 2. Auflage 1974; S. 144

[7] Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C. G. Jung; a. a. O.; S. 75

[8] Jung, Carl Gustav: Gesammelte Werke Band VII; a. a. O.; S. 147

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zu 'Die Wirkungen des Unbewussten auf das Bewusstsein' von C. G. Jung
Untertitel
Entnommen aus: C. G. Jung: "Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Philosophisches Seminar A)
Veranstaltung
Kulturanthropologie: Beiträge zur Psychoanalyse
Note
unbenotet; mit Erfolg
Autor
Jahr
1997
Seiten
18
Katalognummer
V23089
ISBN (eBook)
9783638262811
ISBN (Buch)
9783638942041
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirkungen, Unbewussten, Bewusstsein, Jung, Kulturanthropologie, Beiträge, Psychoanalyse
Arbeit zitieren
M. A. Frank Findeiß (Autor), 1997, Zu 'Die Wirkungen des Unbewussten auf das Bewusstsein' von C. G. Jung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23089

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