"Cast Away" - eine Robinsonade des 21. Jahrhunderts?


Term Paper, 2011
13 Pages, Grade: 1,7

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Handlung des Films

3 Die Robinsonade als literarische Gattung

4 Merkmale einer Robinsonade im Film „Cast Away“
4.1 Inselmotiv
4.2 Isolation
4.3 Rückkehr in die Zivilisation

5 „Cast Away“ - Eine Robinsonade des 21. Jahrhunderts?

6 Literaturverzeichnis

„Cast Away“ - eine Robinsonade des 21. Jahrhunderts? Susanne Hahn

1 Einleitung

Daniel Defoes „The life and strange surprising adventures of Robinson Crusoe“ aus dem Jahre 1719 prägte den Namen und den Beginn der literarischen Gattung der Robinsonaden. Die von Defoe in seinem Werk definierten charakteristischen Merkmale - unfreiwilliger Aufenthalt auf einer Insel aufgrund einer technischen Katastrophe, Isolation, Kampf um das Überleben, Rückbesinnung zur Natur, Rückkehr in die Zivilisation - werden seit dem 18. Jahrhundert immer wieder in verschiedenen Variationen in Literatur und Film aufgegriffen. Auch der Hollywood-Film „Cast Away“ aus dem Jahre 2000, verfilmt von Robert Zemeckis nach einem Drehbuch von William Broyles Jr., gilt als eine moderne Robinsonade.

In dieser Hausarbeit wird zunächst die Handlung des Films kurz beschrieben. Anschließend wird die literarische Gattung der Robinsonade vorgestellt und es wird untersucht, inwieweit im Film „Cast Away“ Merkmale dieser literarischen Gattung, wie sie für „Robinson Crusoe“ charakteristisch sind, zu finden sind. Abschließend wird beurteilt, ob „Cast Away“ tatsächlich als Robinsonade betrachtet werden kann. Hierfür wird ein Vergleich zwischen dem Film mit der „Ursprungsrobinsonade“ von Daniel Defoe aufgestellt.

Da für die Thematik dieser Hausarbeit vor allem der Hauptteil des Films (Inselaufenthalt) sowie die Rückkehr in die Zivilisation am Ende des Films relevant sind, wird der Beginn des Films nur am Rande betrachtet. Er ist insofern von Bedeutung, da der Zuschauer einen Einblick in das Leben des Protagonisten Chuck Noland, inszeniert durch den amerikanischen Schauspieler Tom Hanks, gewinnen und sich somit einen ersten Eindruck von dem Charakter der Person verschaffen kann. Dies ist wichtig, um im späteren Filmverlauf zu erkennen, dass der Protagonist einen charakterlichen Wandlungsprozess durchlaufen hat.

2 Handlung des Films

Chuck Noland aus Memphis, Tennessee, ist leitender Angestellter bei dem Paketzusteller FedEx. Die Arbeit bestimmt sein ganzes Leben. Die pünktliche, effiziente und rasche Paketzustellung hat für ihn oberste Priorität. Seine beruflichen Verpflichtungen haben sogar Vorrang vor der Beziehung zu seiner Verlobten Kelly. Ständig reist Chuck im Auftrag von FedEx um die Welt, um Mitarbeiter zu schulen, damit deren Arbeitsprozesse optimiert werden und FedEx seinem Ruf gerecht wird. Bei einer seiner Reisen kommt es jedoch zur Katastrophe: Weihnachten 1995 stürzt das FedEx-Flugzeug, in dem Chuck Passagier ist, aufgrund eines durch Unwetter herbeigeführten technischen Versagens, über dem Pazifik ab.

Chuck überlebt den Absturz als einziger und kann sich auf eine unbewohnte Südseeinsel retten. Dort muss er, fernab von jeglicher Zivilisation und entgegen seinen bisherigen Gewohnheiten, den Kampf ums Überleben aufnehmen. Einige Zeit nach seinem Absturz werden Pakete, die im Flugzeug verladen waren, an Land angespült. Chuck öffnet alle Pakete bis auf eines und macht sich die darin enthaltenen Gegenstände zu Nutze. In einem Paket befindet sich ein Volleyball der Marke Wilson, dem Chuck aufgrund der völligen Isolation nach einziger Zeit ein Gesicht aufmalt. „Wilson“, wie er ihn nennt, ist von nun an Chucks einziger „Gesprächspartner“ und „Vertrauter“. Es entsteht eine tiefe Beziehung zwischen Chuck und dem Volleyball. Nach einigen missglückten Versuchen gelingt Chuck nach vier Jahren die Flucht von der Insel. Gemeinsam mit „Wilson“ paddelt Chuck auf einem selbstgebauten Floß aufs offene Meer hinaus. Im Gepäck hat er das ungeöffnete Paket. Nach einigen turbulenten Tagen auf hoher See, bei denen Chuck seinen „Freund Wilson“ verliert, wird er von einem Containerschiff gerettet. Zurück in Memphis muss er erkennen, dass seine Verlobte Kelly inzwischen verheiratet ist und Kinder hat. Auch erscheint ihm das Leben in der Zivilisation plötzlich fremd und ungewohnt. Am Ende des Films reist Chuck nach Texas, um der Absenderin das von ihm ungeöffnete Paket zurückzubringen. Auf dem Weg zurück stoppt er an einer Straßenkreuzung. Von einer Autofahrerin lässt er sich erklären, wohin die verschiedenen Wege führen. Welchen Weg er einschlägt und wie Chucks Leben weiter geht, bleibt offen.

3 Die Robinsonade als literarische Gattung

Welche Merkmale typisch für eine Robinsonade sind, ist nicht exakt definiert. Laut Erhard Reckwitz herrscht lediglich Konsens darüber, dass eine Robinsonade von einem oder mehreren unfreiwillig auf einer einsamen Insel verbannten Menschen handelt.1 Auch gelten als Robinsonaden sämtliche Werke, „die einen deutlichen Bezug zu dem Gattungsprototyp Robinson Crusoe aufweisen“2. Reckwitz weist darauf hin, dass ein Robinsonmotiv vorliegt, wenn „ein einzelner Mensch seiner Notlage auf öder Insel gerecht wird“3. Weiterhin spricht Reckwitz das Merkmal der Isolation an: „Dabei besteht eine der elementarsten Voraussetzungen der Robinsonade als Gattung darin, daß in jedem Falle zunächst ein Akt der Isolation vorgenommen werden muss […].“4

Die genannten Merkmale des Inselmotivs und der Isolation werden auch im Film „Cast Away“ thematisiert. Allerdings ist die Geschichte, die im Film erzählt wird, nicht identisch mit Defoes „Robinson Crusoe“, sondern nur daran angelehnt. So lassen sich im Vergleich zu Defoe im Film einige Unterschiede feststellen. Im Folgenden sollen nun das Inselmotiv und die Isolation näher betrachtet werden. Da der Protagonist des Films „Cast Away“ während seines Inselaufenthalts eine enorme Veränderung durchläuft, soll auch seine Rückkehr in die Zivilisation untersucht werden.

4 Merkmale einer Robinsonade im Film „Cast Away“

4.1 Inselmotiv

Genau wie Robinson Crusoe in Defoes Werk strandet Chuck Noland, im Unterschied zu Crusoe jedoch aufgrund eines Flugzeugabsturzes, auf einer Insel, einem anderen Ort bzw. einer anderen Welt „jenseits der Errungenschaften von Kultur und Zivilisation“5. Die Insel wird von dem Gestrandeten allerdings nicht als Paradies, sondern als Exil betrachtet. Seinen unfreiwilligen Aufenthalt dort empfindet er als Qual. „Im Gegensatz zur Heimat ist die [Robinson-] Insel ein höchst unbequemer Aufenthaltsort, ein Exil, in dem es an Nahrung, Kleidung, an Gefährten, an einem Dach über dem Kopf und somit an den elementarsten Lebensvoraussetzungen mangelt.“6 Auf den bequemen modernen Lebensstandard, den Chuck gewohnt ist, muss er plötzlich verzichten.

Durch die unfreiwillige „Zurückversetzung aus der Zivilisation in den Naturzustand“7 muss Chuck von vorn beginnen. Er, der aus einer zivilisierten Welt stammt, muss sich auf der Insel neu zivilisieren. Der moderne Mensch Chuck Noland muss nun lernen, sich die Natur zu Nutze zu machen und Naturgewalten zu überleben. Es folgt eine regelrechte Rückbesinnung zur Natur. Mit einem Mal wird er mit Schwierigkeiten konfrontiert, die sonst völlig außerhalb seines Kompetenzbereichs liegen, denn um existenzielle Dinge musste er sich bisher nie Gedanken machen.

Der tägliche Kampf ums Überleben beginnt, denn Nahrung kann auf der Insel nicht käuflich erworben werden. Stattdessen muss sich Chuck Techniken aneignen, wie er Fische fangen und Kokosnüsse öffnen kann. Auch muss er, sehr mühselig und mit Schmerzen verbunden, lernen, wie man ein Feuer entfacht, um sich vor Kälte zu schützen. Erst nachdem er sein Handeln durch das Erleiden wiederholter Rückschläge und Verletzungen reflektiert und Methoden hierfür entwickelt, gelingt es ihm, den physischen Mangelzustand gänzlich zu beseitigen. Er beginnt, die Vorteile, die ihm seine natürliche Umgebung und die Inhalte der angeschwemmten FedEx-Pakete bieten, zu seinem Vorteil zu nutzen, um seinen Lebensstandard auf der Insel etwas zu optimieren. Beispielsweise füllt er Wasser, das sich in Blättern sammelt, in leere Kokosnüsse ab, um mit Trinkwasser versorgt zu sein oder er bastelt sich aus dem Tüllstoff eines Kleides, das sich in einem der Pakete befand, ein Netz zum Fischen.

Bei all seinen Handlungen und bei allem, was ihm widerfährt, ist Chuck auf sich selbst gestellt. Selbst als er sich im Riff Schnittwunden zuzieht oder unter staken Zahnschmerzen leidet, kann nur er sich selbst, und zwar auf primitivste Weise, behandeln. Eine medizinische Versorgung gibt es nicht. Technische Geräte, wie z. B. Kommunikationsmittel sind ebenfalls nicht vorhanden. Abgesehen davon mangelt es ihm an Gesprächspartnern, da die Insel unbewohnt ist.

Aufgrund der schlechten Lebensweise, die die Insel ihm bietet und der völligen Isolation möchte er diesem Ort unbedingt entfliehen. Im Unterschied zu Crusoe, der sich „wie ein König im neuen Reich [fühlt]“, unterlässt Chuck „jegliche Anstrengungen, die Insel im eigentlichen Sinne zu ‚besiedeln’ bzw. sich deren Fauna und Flora anzueignen. Er gibt sich mit seiner anachronistischen Existenz als Höhlenmensch zufrieden, baut sich keine Hütte oder Unterkunft […].“8 Alle Anstrengungen, die Chuck unternimmt, dienen lediglich dem Überleben. Er versucht erst gar nicht, sich ein Stück Zivilisation auf der Insel zu schaffen, indem er etwa wie Crusoe versucht, sich häuslich einzurichten, Tiere zu halten und zu züchten oder gar den Boden zu bestellen. Für ihn beginnt ein völlig eintöniges Leben. Sein Alltag ist lediglich auf die Beschaffung von Nahrung und das Planen von potentiellen Fluchtmöglichkeiten ausgerichtet, was dazu führt, dass Chuck mit der Zeit immer mehr abstumpft. Er kann sich nicht wie Crusoe an der Schönheit der Insel erfreuen, sondern er gibt die Hoffnung, gerettet zu werden, nicht auf.

Nach vier Jahren Inselaufenthalt verkörpert Chuck Noland optisch die typische Robinson Crusoe-Figur. Sein äußeres Erscheinungsbild hat sich von einem zivilisierten Mann zu einem verwilderten, abgemagerten Menschen gewandelt, dessen Verhalten sich optimal an die natürliche Umgebung angepasst hat und dessen Blick starr geworden ist.

[...]


1 Reckwitz, Erhard ,1976, S. 13.

2 Ebd., S. 22.

3 Ebd., S. 4.

4 Ebd., S. 2.

5 Helmes, Günter, 2009, S. 210.

6 Reckwitz, Erhard ,1976, S. 94.

7 Ebd., S. 31.

8 Helmes, Günter, 2009, S. 217.

Excerpt out of 13 pages

Details

Title
"Cast Away" - eine Robinsonade des 21. Jahrhunderts?
College
University of Kassel  (Institut für Germanistik)
Grade
1,7
Author
Year
2011
Pages
13
Catalog Number
V231056
ISBN (eBook)
9783656474951
ISBN (Book)
9783656474982
File size
428 KB
Language
German
Tags
cast, away, robinsonade, jahrhunderts
Quote paper
Susanne Hahn (Author), 2011, "Cast Away" - eine Robinsonade des 21. Jahrhunderts?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231056

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