Foreigner Talk. Vom ungrammatischen 'Pidginauslöser' zum variablen Register


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

19 Seiten, Note: 1,7

Marla Rinwick (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Foreigner Talk
2.1 Wie hängt der Foreigner Talk mit Pidginsprachen zusammen?
2.2 Ist der Foreigner Talk ein Register?
2.3 Variation im Foreigner Talk
2.4 Merkmale des Foreigner Talks

3. Untersuchung der globalen Diskursstrategien deutscher Muttersprachler
3.1 Versuchsaufbau und -durchführung
3.2 Ergebnisse

4. Schlussbetrachtung

5. Anhang

Tab. 2: Merkmale des Foreigner Talks im Deutschen

Transkription des Gesprächs mit Sprecher 1

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Foreigner Talk (FT) bezeichnet eine Art der Kommunikation, bei der Muttersprachler (MS) durch grammatische und/oder paralinguistische Änderungen (s. Tab. 2) ihre Sprechweise gegenüber Nichtmuttersprachlern[1] anpassen (vgl. Fáy 2012: 1). Auch Veränderungen im Diskursverhalten (s. Tab. 2) – allein oder in Verbindung mit den zuvor genannten Merkmalen – zeichnen den FT aus. (vgl. Fáy 2012: 52)

Den Begriff FT prägte 1968 Charles Ferguson (vgl. 1971: 171), der ihn der Sprachvarietät des Baby Talks entlehnte. Ein offensichtlicher Kritikpunkt an diesem Terminus scheint die bereits seinem Musterwort inhärente Doppeldeutigkeit zu sein, denn die Bezeichnung FT kann sowohl die Sprechweise von Muttersprachlern gegenüber Nichtmuttersprachlern als auch den umgekehrten Fall meinen. Allerdings stellte sich im Laufe der Forschungen ein großer Beeinflussungsprozess zwischen beiden Seiten heraus, sodass die Zweideutigkeit des Begriffs sein Wesen letztlich sogar sehr gut trifft (vgl. Fáy 2012: 10 f.). Im Metzler Lexikon Sprache (vgl. Glück: 2010: 74) wird das Phänomen unter dem erstmals von Jürgen Meisel (vgl. 1975: 34) eingeführten Terminus Ausländerregister beschrieben und in Literaturdatenbanken findet man ihn weiterhin unter Bezeichnungen wie Pseudo-Pidgin (Bodemann/Ostow 1975), Ausländerdeutsch (Meisel 1975), Xenolekt (Roche 1986) usw.; international durchgesetzt hat sich jedoch Fergusons angelsächsisches Äquivalent. (vgl. Fáy 2012: 10)

Dieses breite Begriffsspektrum lässt zunächst Unsicherheit in Bezug auf die sprachwissenschaftliche Einordnung des Foreigner Talks aufkommen: Was hat der FT mit Pidginsprachen zu tun? Ist der FT ein Register oder gar eine eigenständige Sprachvarietät, wie die Bezeichnung Xenolekt es nahelegt? Angesichts der Tatsache, dass der Großteil der Fachliteratur zum FT vor etwa 30 Jahren veröffentlicht wurde und sich selbst das Metzler Lexikon Sprache (vgl. Glück 2010: 74) für seinen Eintrag zum Ausländerregister auf Literatur stützt, die zwischen 1982 und 1989 herausgegeben wurde, kann man sich fragen, ob der FT heutzutage überhaupt noch existiert. Eine weitere Hürde, das Wesen des Foreigner Talks zu verstehen, stellen die widersprüchlichen Ansichten und Ergebnisse der Wissenschaftler dar. Uneinigkeit bestand bzw. besteht in der Forschungsliteratur vor allem zu folgenden Fragestellungen: Ist der FT ein Auslöser für Pidginsprachen? Verwenden MS den FT zur Kommunikationsförderung oder zielen sie hingegen auf die Diskriminierung des Nichtmuttersprachlers ab? Inwieweit beeinflusst der FT den (ungesteuerten) Zweitspracherwerb? Selbst bei der Definition des Phänomens stößt man auf unterschiedliche Beschreibungen. Einige Autoren unterscheiden beispielsweise zwischen grammatischem und ungrammatischem FT, wie Bradford Arthur et al. (vgl. 1980: 112), welche ersteren als Foreigner Register von letzterem abgrenzen. Auch in Bezug auf die erste Beschreibung des Phänomens herrscht Uneinigkeit: War es 1933 Leonard Bloomfield mit seinem „conventionalized jargon“ (Bloomfield 2005: 472, vgl. Jakovidou 1993: 9) oder doch bereits 1909 Hugo Schuchard, der unter anderem die „Sklavensprachen“ (Schuchard 1909: 442), mittels welcher die Amerikaner mit ihren afrikanischen „Leibeigenen“ kommunizierten, beschrieb. (vgl. Ferguson 1977: 103)

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick der Entwicklung innerhalb der FT-Forschung vor allem hinsichtlich seines Zusammenhangs mit Pidginsprachen und seiner Registereinordnung zu geben. Um ein umfassendes Verständnis vom Phänomen des Foreigner Talks zu ermöglichen, werden im Anschluss daran seine ihm innewohnende Variation sowie seine Merkmale erläutert. Im empirischen Teil soll anhand von drei Gesprächen zwischen verschiedenen deutschen Muttersprachlern und einem italienischen Nichtmuttersprachler (NMS) aufgezeigt werden, das FT nicht zwangsläufig ungrammatisch sein muss, wodurch sich eventuell auch Rückschlüsse auf seine oben angesprochenen soziolinguistischen Funktionen ziehen lassen.

2. Foreigner Talk

2.1 Wie hängt der Foreigner Talk mit Pidginsprachen zusammen?

Pidginsprachen entstehen durch die Kommunikation zwischen mindestens zwei Sprachgemeinschaften, welche sich zur besseren Verständigung untereinander den Merkmalen der jeweils anderen Sprache bedienen und diese in ihrer grammatischen Struktur, ihrem Stil, Lexikon und in Bezug auf ihr phonologisches System drastisch reduzieren. Während der kolonialen Ausbreitung entstanden in Folge des Sprachkontakts zwischen europäischen und außereuropäischen Sprachgemein-schaften Pidginsprachen in Afrika, Amerika sowie im östlichen und westlichen Indien. Meist passt sich in solchen Sprachkontaktsituationen die politisch und wirtschaftlich unterlegene Sprachgruppe der stärkeren an. Je nach soziokultureller Situation entwickelt sich die Pidginsprache im Laufe der Zeit zu einer komplett funktionsfähigen Kreolsprache oder aber sie wird vom dominanten Idiom verdrängt. (vgl. Glück 2010: 514)

Seit Ende der 1950er Jahre bis in die späten 1960er Jahre kamen die fälschlicherweise als „Gastarbeiter“ bezeichneten Arbeitsmigranten aus Südeuropa und Nordafrika nach Deutschland (vgl. Glück 2010: 220) und Michael Clyne (1968) brachte ihr „Gastarbeiterdeutsch“ (Glück 2010: 220) in seinem Artikel „Zum Pidgin-Deutsch der Gastarbeiter“ zum ersten Mal mit den zu Kolonialzeiten entstandenen Pidgins in Verbindung. Er nahm an, dass alle „Gastarbeiter“ mit ihnen FT sprechende Deutsche und andere Arbeitsmigranten imitieren und der FT somit Auslöser für ihr „Pidgin-Deutsch“ sei (vgl. Clyne 1968: 137 – 139). Einige Autoren schlossen sich seiner Meinung an, andere wiederum bestritten diese These; allenfalls wirke der FT auf die weitere Entwicklung von Pidgin- und Kreolsprachen ein, wenn nicht sogar ein gegenseitiger Beeinflussungsprozess bestehe. (vgl. Fáy 2012: 19)

Das „Henne-Ei-Problem“ – Was war zuerst da: der FT oder das „Pidgin-Deutsch“? – erübrigt sich jedoch angesichts der Tatsache, dass die fälschlicherweise als Gastarbeiterdeutsch

[…] bezeichneten »gebrochenen« Varietäten des Dt. […] typ. Übergangsvarietäten im Prozess eines langfristigen kollektiven […] Sprachwechsels der Trägergruppen zum Dt. und keine […] Pidgins, wie in Unkenntnis der soziolog. Fakten oftmals fälschlich behauptet wurde[,] (Glück 2010: 220)

sind. Folglich waren die soziologischen Rahmenbedingungen für eine Pidginbildung, vor allem die Isolation der Immigranten ähnlich wie in Ghettos (vgl. Meisel 1975: 12), nie gegeben. Das gebrochene Deutsch der Arbeitsmigranten erster Generation war lediglich der Beginn eines stetig fortschreitenden Sprachwechsels zum Deutschen. Bereits 1975 wies beispielsweise Meisel (vgl. 1975: 21 f.) darauf hin, dass die einzige Gemeinsamkeit von Pidgins und dem Deutsch der Arbeitsmigranten die Simplifizierung ist und nie eine Sprachmischung vorlag. Werner Veith (2005) meint hingegen in der „eingeschränkten Kommunikation in bestimmten Situationen […] die einzige Gemeinsamkeit zwischen den echten Pidgins und dem ‘Pidgin-Deutsch‘ der Gastarbeiter“ (Veith 2005: 211) zu sehen. Die sprachliche Situation der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als Jahr für Jahr mehrere hunderttausend Migranten zum Zwecke der manuellen Arbeit in die BRD kamen, ist mit den heutigen Bedingungen nicht mehr vergleichbar (vgl. Veith 2005: 210). Tamás Fáy (vgl. 2012: 41) betrachtet es insgesamt als Mangel der deutschen FT-Forschung, dass diese zu sehr in Abhängigkeit von der linguistischen Auseinandersetzung mit der Sprechweise der Arbeitsmigranten betrieben wurde. Daraus schließt er auch, dass viele Vertreter der These, der FT erfülle eine statusmarkierende Funktion und sei vom Sprecher diskriminierend gemeint, sich von dem ausbeutenden und erniedrigenden Umgang mit den damaligen Arbeitsmigranten haben beeinflussen lassen.

Mit der Erkenntnis, dass der FT in keinem Verhältnis zu Pidginsprachen steht, hat sich das „Henne-Ei-Problem“ jedoch nicht erledigt, sondern lediglich verschoben: Heutzutage fragen sich die Forscher, ob der FT des Muttersprachlers durch die unzureichende Sprechweise der Nichtmuttersprachler provoziert wird oder ob die Immigranten mit ihnen FT sprechende Einheimische imitieren. Entsprechende Untersuchungen scheinen die erste Variante zu belegen. (vgl. Fáy 2012: 30)

[...]


[1] Um Wiederholungen zu vermeiden werden im Folgenden die Begriffe ‘Einheimischer‘ synonym zu ‘Muttersprachler‘ und ‘Immigrant‘ synonym zu ‘Nichtmuttersprachler‘ gebraucht.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Foreigner Talk. Vom ungrammatischen 'Pidginauslöser' zum variablen Register
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Soziolinguistik
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V231243
ISBN (eBook)
9783656473145
ISBN (Buch)
9783656473213
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foreigner Talk, Gastarbeiter, Gastarbeiterdeutsch, Pidgin, Pidginsprache, Register, Ausländerregister, vereinfachtes Register, Xenolekt, Pidgin-Deutsch, Charles Ferguson, Kommunikationsförderung, Diskriminierung, Muttersprachler, Nichtmuttersprachler
Arbeit zitieren
Marla Rinwick (Autor), 2013, Foreigner Talk. Vom ungrammatischen 'Pidginauslöser' zum variablen Register, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231243

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