'Unibrennt' als Beispiel für eine soziale Bewegung


Studienarbeit, 2012
29 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Teil I Allgemeine Beschreibung
1. Einleitung und Definition von „Unibrennt“
2. Entstehung
3. Struktur der Bewegung
4. Ziele von „Unibrennt“
4.1. Forderungskataloge
5. Politische Ableitungen

Teil II Empirische Fragestellungen
1. Fragestellungen
2. Methoden der Datengewinnung und Aufbereitung
3. Auswahl der InterviewpartnerInnen
4. Ergebnisse
4.1. Motive
4.2. Herausforderungen
4.3. Erfolge
5. Schlussfolgerungen und Fazit
6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Interviewleitfaden narratives Interview

2. Codier-System

3. Eckdaten zu den Interviews und zu den Befragten

Abstract

Ziel dieser Arbeit ist es, am Beispiel von „Unibrennt“ eine soziale Bewegung möglichst umfassend zu beschreiben. Zu Beginn wird versucht „Unibrennt“ zu definieren. Dabei wird vor allem der Frage nachgegangen, warum es sich bei „Unibrennt“, um eine soziale Bewegung handelt. Die Auseinandersetzung mit den Themen, Enstehung, Struktur, Ziele und öffentliche Debatte, ermöglichen eine Allgemeine Beschreibung. Im zweiten Teil der Arbeit steht die subjektive Sicht der TeilnehmerInnen im Vordergrund. Es wird den Fragen nachgegangen, was Personen zur Teilnahme motiviert hat, worin die TeilnehmerInnen die Erfolge sehen und was die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Ziele waren. Um diese Dimensionen möglichst gut erfassen zu können, wurden drei narrative Interviews durchgeführt. Alle drei Befragten nahmen aktiv an der „Unibrennt“-Bewegung teil. Es wurden zwei Studierende- und eine Lehrende Teilnehmerin befragt.

Teil I Allgemeine Beschreibung

1. Einleitung und Definition von „Unibrennt“

„Unibrennt“ ist der Name einer Protestbewegung, die am 20. Oktober. 2012 mit der Besetzung der Aula der Akademie bildender Künste ihren Anfang nahm. Die Bewegung, welche spontan begonnen hatte, breitete sich schnell aus und machte auf die Probleme im österreichischen Hochschulbildungs-System aufmerksam (vgl. Heissenberger u.a. 2010: S.14). Um „unibrennt“ genauer zu definieren, gehen wir zunächst der Frage nach, warum es sich um eine soziale Bewegung handelt. Anhand der Definition einer sozialen Bewegung von Rucht und Niederhardt (vgl. 2007: S.633) wird festgestellt, ob „unibrennt“ diese Merkmale erfüllt:

- Soziale Bewegungen sind kollektive Aktionen, mit welchen die handelnden Akteure einen bestimmten Sinn verbinden und einen Zweck verfolgen (vgl. Rucht & Niederhardt, 2007: S.633). Die Hörsaalbesetzungen und Protestkundgebungen im Rahmen von „unibrennt“ sind kollektive Aktionen, die das Ziel einer Verbesserung der Situation an den österreichischen Universitäten verfolgten.
- Soziale Bewegungen bestehen aus miteinander vernetzten Personen, Gruppen, Organisationen, welche das gemeinsame Ziel einer sozialen oder politischen Veränderung verfolgen (vgl. Rucht u.a., 2007: S. 634). Zur Erreichung der Ziele von „Unibrennt“ fand eine Vernetzung und Zusammenarbeit von Studierenden und Lehrenden verschiedener österreichischer Universitäten statt.
- Soziale Bewegungen sind von Vereinen und Organisationen zu unterscheiden, da es keine eindeutige Mitgliedschaft gibt (vgl. Rucht u.a, 2007: S. 635). Wer oder wer nicht Teil der Hörsaalbesetzung und Protestkundgebungen war, ist nicht immer klar erkennbar.
- Ein weiteres Merkmal von sozialen Bewegungen ist die mangelnde Hierarchiesierbarkeit, diese entsteht durch die Abhängigkeit der sozialen Bewegung vom Engagement ihrer Anhänger (vgl. Rucht & Niederhardt, 2007: S.636). Innerhalb von „unibrennt“ gab es keine hierarchischen Strukturen und das große Engagement der TeilnehmerInnen war für das Bestehen der Bewegung verantwortlich.

Ein zentrales Instrument der Bewegung war die Besetzung von Hörsälen. Die besetzten Räume entwickelten sich im Laufe der Zeit zu organisatorischen Zentren. Die Besetzung des Auditorium-Maximum (Audimax) der Universität-Wien dauerte 60 Tage an. „Unibrennt“ breitete sich von Wien aus, anschließend fanden in allen größeren österreichischen Universitäts-Städten (Linz, Graz, Salzburg, Innsbruck) Hörsaalbesetzungen und Protestkundgebungen statt. Die Bewegung erfasste auch andere europäschen Länder wie: Deutschland und England (vgl. Sniesko, 2010: S. 339). Von einem endgültigen Ende der Bewegung kann zum heutigen Zeitpunkt noch nicht die Rede sein, da damals entstandene Netzwerke auch heute noch für Protestkundgebung und Hörsaalbesetzung verwendet werden[1].

2. Entstehung

Am 20. Oktober 2009 besetzten Studierende die Aula der Akademie für bildende Künste in Wien. Grund für die Proteste war die Umstellung des alten Diplomstudienplans auf das Bachelor- und Mastersystem. Zwei Tage später am 22. Oktober 2009 fanden Demonstrationen im Sigmund-Freud Park statt, welche in der Nähe Universität Wien (Haupt-Uni) liegt, dort schlossen sich Studierende der Uni-Wien an. Gründe für die erneute Protestkundgebung im Sigmund-Freud Park waren neben der Umstellung auf die Bologna-Struktur[2], bestehende Studiengebühren und die Diskussionen über deren Wiedereinführung in allen Studienfächern und Zugangsbeschränkungen. Im Anschluss an die Protestkundgebung ziehen die Studierenden in das Hauptgebäude der Uni-Wien und besetzten dort schließlich das Auditorium-Maximum, den größten Hörsaal Österreichs (vgl. Sniesko, 2010: S. 339). Durch die Besetzung des Audimax erlangt die Bewegung öffentliches Interesse und mediale Aufmerksamkeit. Durch die Fernsehberichte wird zunächst auf den Platzmangel an den österreichischen Universitäten und die damit verbundenen Studienbedigungen aufmerksam gemacht (vgl. ZIB2: 22. Oktober. 2009). In diesen ersten Tagen der Bewegung entsteht der Slogan: „Unibrennt“, welcher sich zu einer allgemeinen Bezeichnung für die Bewegung entwickelt. Der Ausspruch: „Unibrennt“ wird zunächst als Parole während den Protestkundgebungen verwendet und dient später als allgemeines Erkennungsmerkmal der Bewegung. Um weniger radikal zu wirken erfolgt später eine Umbenennung der Bewegung auf: „UnsereUni“. Auch der Name der Homepage wird von „unibrennt.at“ auf “ unsereuni.at“ geändert (vgl. Heissenberger u.a., 2010: S.14). Die Bezeichnung „Unibrennt“ und das dazugehörige Logo bleiben dennoch in den Medien und vor allem im Internet stärker präsent. Mit den Hörsaalbesetzungen am 23. Oktober an der Universität Graz breitet sich die Bewegung auf ganz Österreich aus. Es folgen Besetzungen an der Technische Universiät Wien, Johannes Kepler Universität Linz und Universität Salzburg (vgl. Sniesko, 2010: S. 340).

3. Struktur der Bewegung

Die Bewegung ging spontan von der „Basis“ der Studierenden aus und nicht von der ÖH (Österreichische Hochschülerschaft), welche die gesetzlich vorgesehene Vertretung der Studierenden darstellt. Einzelne Personen und Fraktionen der ÖH schlossen sich der Bewegung an und nehmen an den Protesten teil[3]. Die Bewegung traf alle Entscheidungen gemeinsam und es gab keine hierarchischen Strukturen innerhalb von „Unibrennt“. Zweimal pro Tag fanden in den besetzten Hörsälen Vollversammlungen statt, bei denen Entscheidungen über das weitere Vorgehen abgestimmt und nach Mehrheitsprinzip beschlossen wurden. Die zahlreichen BesetzerInnen des Audimax in Wien hatten für den Ablauf der täglichen Plena auch einiges an organisatorischer Arbeit zu leisten. Um die Organisation besser gestalten zu können entstanden verschieden Arbeitsgruppe wie: die Presse AG, Volxsküche AG, Versorgungs AG, und Abendgestaltung AG. Die verschiedenen AGs arbeiteten zum größten Teil selbstständig und brachten ihre Vorschläge dann ins Plenum ein (vgl. Maier &Arnim-Ellissen 2010: S. 216). Durch offene Struktur der Arbeitsgruppen wurde es den TeilnehmerInnen ermöglicht, die Gruppe zu wechseln und so die für sie passende zu finden. Dazu ein Zitat aus einem der Interviews:

„Was ich dort gemacht habe, war immer etwas anderes. Das war etwas, was mir auch sehr gut gefallen hat. Es war nicht so, dass man einen Aufgabenbereich hat und nur den macht und dann mühsam fragen muss, ob man was anderes machen kann. Man war willkommen zu tun oder man war sehr oft willkommen zu tun, zumindest am Anfang. So habe ich alle ein bis zwei Wochen meine Gruppe gewechselt, auch abhängig davon wann die sich getroffen haben (Interview 2)“.

Barbara Maier und Jakob Arnim-Ellissen (vgl. 2010: S. 216f) gehen in ihren Aufsatz über die Besetzung des Audimax auch auf die organisatorischen Herausforderungen ein. Während zu Beginn der Besetzung das tägliche Plenum fast von selbst lief und viel diskutiert wurde, gestaltete sich die Organisation mit Fortschreiten der Zeit immer schwieriger. Herausforderungen, die es zu meistern galt waren:

- Es waren immer weniger Personen im Audimax anwesend und die Diskussionen im Plenum setzten sich oft mehr mit Strukturfragen als mit inhaltlichen Fragen auseinander (vgl. Maier & Arnim-Ellissen 2010: 217).
- Je mehr sich BesetzerInnen in den einzelnen Arbeitsgruppen engagierten, desto weniger Zeit fanden sie ins Plenum zu kommen. Die einzelnen Arbeitsgruppen stellten, teilweise nach einiger Zeit „eingeschworene Teams“ dar und für neue Mitglieder war es oft schwierig hineinzufinden (vgl. Maier & Arnim-Ellissen 2010: 217).
- Mit Beginn des Winters nahm auch die Zahl der Obdachlosen in den besetzten Räumen zu. Diese Situation stellte die BesetzerInnen vor eine neue Herausforderung, einerseits wollte niemand diese Personen hinauswerfen, anderseits führte diese Situation zu Problemen, welche die BesetzerInnen auf lange Sicht nicht gewachsen waren (vgl. Maier & Arnim-Ellissen 2010: 217). Die Herausforderungen, welche sich durch die Anwesenheit der Obdachlosen ergaben, wurden in einem der Interviews ausführlich beschrieben[4]. Bei Räumung des Audimax wurde von Seiten des Rektorats der Universiät Wien auf die soziale Situation der Obdachlosen keine Rücksicht genommen, berichtet Markus Reiter (vgl. 2009: unibrennt.tv) von der Caritas. Die Menschen wurden um 5 Uhr früh und bei ca. -10 Grad Celsius auf die Straße gesetzt. Da diese Aktion vorher nicht angekündigt wurde, hatte die Caritas nicht die Möglichkeit rechtzeitig Notschlafplätze für diese Menschen zu organisieren (vgl. Reiter, 2009: unibrennt.tv).

Es handelt sich bei dieser Aufzählung vorallem um strukturelle Herausforderungen. Auf Hürden, welche besonders die individuelle Ebene betreffen, wird im empirischen Teil noch genauer eingegangen.

Für die Vernetzung der „Unibrennt“-Interessierten und AktivistInnen entwickelte sich das Internet mit seinen Web 2.0-Anwendungen zum wichtigen Medium. Über Twitter, Facebook, Studi-VZ und „unsereuni.at“ wurden Informationen ausgetauscht und jeder/jede mit Zugang zum Internet konnte sich so von Zuhause aus einen Überblick über das „Geschehen“ in den besetzten Räumen verschaffen. Besonders die Ereignisse im Audimax, welche durch einen Livestream verfolgt werden konnten, erlangten so noch größere Aufmerksamkeit. Die damit verbundene Transparenz stellte für die Bewegung zugleich eine große Chance wie auch eine große Herausforderung dar: Feste und Alkoholkonsum im Audimax konnten somit auch von KritkerInnen der Bewegung und JournalistInnen zuhause bequem am Bildschirm mitverfolgt werden. Durch das Internet und social-networking Plattformen konnte eine große Reichweite des Protestgeschehens erzielt werden, so soll dabei aber die Rolle des Internets für die Bewegung nicht überschätzt werden (vgl. Herwig u.a., 2010: S. 242). Zwei Aspekte sind in Bezug auf die Nutzung von social-networking Plattformen zu bedenken:

- Es hängt von den Personen, welche social-networking Plattformen nutzen, ab was für Informationen auf diesem Weg weiterverbreitet werden.
- Es beteiligten sich an den Uni-Protesten auch Personen, welche diese Plattformen nicht nützen können oder wollten (vgl. Herwig u.a., 2010: S. 242f).

Neben Studierenden beteiligten sich auch Lehrende und andere Universitätsangehörige an den Protesten. Im Laufe der Bewegung gab es immer wieder Versuche die Proteste über die Universitäten hinaus auszuweiten und es beteiligten sich auch universitätsfremde Personen an Protestkundgebungen.

4. Ziele von „Unibrennt“

Ausgangspunkt der Bewegungen waren Proteste an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, gegen der Umstellung auf das Bachleor- und Mastersystem, im Zuge des Bologna-Prozesses. Bereits 2009 zeichnete sich ab, dass die Umsetzung des Bologna-Reformvorhaben, für die Universitäten auch viele negative Auswirkungen mit sich brachte. Verschulung des Studiensystems, vollgestopfte Studienpläne und Studienabschlüsse mit weniger Wert sind Beispiel für die negativen Begleiterscheinungen des Bologna-Prozesses (vgl. Liesmann 2010: S.108). Die zunehmende Internationalisierung des tertiären Bildungssektors, ist zudem mit dem Trend verbunden, den Wert der Hochschulbildung maßgeblich durch ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit zu messen. Diesen Entwicklungen entgegenzuwirken war im Kern das Ausgangsziel der Bewegung. Im Laufe der Bewegung wurden die Forderungen ausgeweitet und viele Details, welche zur Verbesserung des Hochschulsystems führen sollen, ausgearbeitet.

[...]


[1] Als Beispiel ist die Besetzung des Audimax der Uni-Wien am 19.April.2012 zu nennen. Grund für diese Besetzung war die geplante Abschaffung des Bachelorstudiums: Internationale Entwicklungen. Um 22 Uhr am 19.April.2012 wurde der Audimax polizeilich geräumt (vgl. Pumberger und Winkler-Hermaden 2012).

[2] Die Umstellung auf die Bologna-Struktur wurde im Mai 1999 durch die Unterzeichnung von RegierungvertreterInnen aus 29 europäischen Ländern eingeleitet. Wesentliche Ziele dieses Reformvorhabens waren Förderung der Mobilität von Studierenden und Lehrenden, Internationalisierung des tertiären Bildungssektor und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit heimischen Universitäten (vgl. Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung)

[3] Die Grünen Alternativen StudentInnen(GRAS) solidarisieren sich mit der Bewegung. Die damalige GRAS-Vorsitzende Sigrid Mauer (vgl. 2009: ORF Report 03.11.09) schlägt sich in Fernsehinterviews immer mehr auf die Seite der „Unibrennt“-Bewegung. Andere Teile der ÖH wie z.B. Die Aktionsgemeinschaft (ÖPV nahe Fraktion) distanzieren sich von „Unibrennt“ und sehen deren Vorgehensweise als destruktiv an (vgl. Zib2-Bericht: 22.10.2009).

[4] „Natürlich ist ein Versuch einer freien Gesellschaft auch immer eine Einladung für Leute, die Freiheit als sich ausbreiten und nutznießen von einem System verstehen, sei es das sie selber überhaupt nichts haben wie zum Beispiel die Obdachlosen die gekommen sind, weil es bei uns warm war und Essen gab. Die Wiener Politik hat uns damit völlig allein gelassen und uns sogar noch zusätzliche Leute geschickt, obwohl wir nicht einmal Sozialarbeiter hatten. Die Leute, die das gemacht haben, hatten eben weder eine Ausbildung noch sonst irgendetwas. Da hat man uns wohl auch ein bisschen ausgenützt, politisch nämlich. Die Obdachlosen können nichts dafür. Man hätte den Obdachlosen ja auch was anders anbieten können. Nach der Räumung hat, man dass auch gemacht, nämlich die „Gruft 2“, welche von der Caritas injiziert wurde (Interview 1)“.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
'Unibrennt' als Beispiel für eine soziale Bewegung
Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Spezialisierung II im Praxisfeld (Entwicklung, soziale Bewegungen, Umwelt)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2012
Seiten
29
Katalognummer
V231816
ISBN (eBook)
9783656477327
ISBN (Buch)
9783656478782
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
unibrennnt, beispiel, bewegung
Arbeit zitieren
Nora Zeilinger (Autor), 2012, 'Unibrennt' als Beispiel für eine soziale Bewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231816

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