Der Biss des Vampirs. Sexualität und Erotik in den Verfilmungen von „Dracula“


Fachbuch, 2013

86 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Mandy Peschenz (2004): Vampirismus – Der mediale Mythos
Einleitung
„Dracula“ Bram Stoker (1897)
Nosferatu – Symphonie des Grauens (1922)
Querschnitt der Umsetzungen der Thematik
Schlussbemerkung
Quellenverzeichnis

Roman Büttner (2004):The Role of Sexuality in the British Vampire Films by Hammer
Introduction
The Film-Industry in Post-War Britain
Sexual Awakening: A Process of Transformation
Sexuality and some of its Varieties
Dealing with Sexuality
Conclusion
Appendix: Cast and Crew Information and Pictures
Works Cited

Malte Kröger (2010): Über die Chiffrierung menschlicher Sexualität mittels des Vampirmotivs in den Filmbeispielen “Dracula“ (USA 1931) und “Wes Craven Presents Dracula“ (USA 2000)
Einleitende Bemerkungen über Ziele und Grenzen der Untersuchung
Die (hetero)sexuelle Konnotation des Vampirs, seiner Opfer und seines Widersachers im Filmgeschehen
Der Vampir jenseits der heterosexuellen Moral
Resümee
Literaturverzeichnis

Einzelpublikationen

Mandy Peschenz (2004): Vampirismus – Der mediale Mythos

Einleitung

„Die älteste und mächtigste Emotion der Menschheit ist die Angst, und die älteste und mächtigste Erscheinungsform dieser Angst ist die Angst vor dem Unbekannten.“[1]

Vor allem aber ist sie auch eine der grundlegenden Ursachen der Faszination für die Figur des Vampirs, die zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu finden ist. Keine andere Mythengestalt hat und hatte einen solchen Einfluss auf Literatur, Theater und Film wie diese. Selbst Altersgrenzen scheinen kein Hindernis zu sein, wie man an verschieden Serien wie „Der kleine Vampir“, „Duckula“ oder verschieden Hörbuchauflagen sehen kann. Heutzutage ist der Vampir sogar zum zentralen Thema in Musik und Lebensführung bestimmter Subkulturen der Gesellschaft geworden.

Spätestens seit dem Roman von Bram Stoker wird der Name und die Figur Dracula als Innbegriff des Vampirs angesehen. In der vorliegenden Arbeit geht es jedoch vorrangig um die filmische Umsetzung des Stoffs, denn die historischen Entwicklungen und kulturell jeweils spezifisch unterschiedlichen Inhalte würden den Rahmen dieser Hausarbeit bei Weitem sprengen.

Ausgehend vom Roman sollen Friedrich Wilhelm Murnaus Umsetzung von 1922, Tod Brownings „Dracula“ aus dem Jahr 1931, die Hammer Film Produktion „Horror of Dracula” von 1958, Werner Herzogs Remake des Nosferatu 1978 und die Verfilmung von Francis Ford Coppolas 1992 unter medienwissenschaftlichen Aspekten beleuchtet werden. Vor allem aber soll deutlich gemacht werden wie stark der Einfluss Murnaus auch heute noch ist, denn viele Bildkompositionen und Strukturen sind eindeutig auf ihn rückführbar.

„Dracula“ Bram Stoker (1897)

Der Handlungsverlauf

Für die Auseinandersetzung mit dem Thema des Vampirismus in den Medien ist es unerlässlich, die Handlungsstruktur des Romans wenigstens im Groben zu umreißen:

Der junge Immobilienmakler Jonathan Harker reist nach Transsylvanien, um dort mit einem wohlhabenden Grafen auf dessen Schloss über verschiedene Grundstücksverkäufe in England zu verhandeln. Die Warnungen von verschiedensten Personen, sowie seltsame Geschehnisse auf der Reise, deren Verlauf der mysteriöse Graf, welcher Dracula heißt, bis ins Detail geplant hat, deuten bereits einen dramatischen Verlauf an. Hier erscheinen die ersten Indizien, z. B. blaue, im Kreis auftauchende Flammen am Wegesrand, auf Außersinnliches.

Im Schloss angekommen lernt Harker den Grafen in mehreren ausschließlich Nachts stattfindenden Unterhaltungen kennen und bald verabscheuen. Er merkt, dass er ein Gefangener des Grafen ist und dieser ein seltsam monströses Geschöpf zu sein scheint, welches sich den Gesetzen der Räumlichkeit nicht zu unterwerfen hat:

„Ich hatte meinen Rasierspiegel ins Fenster gehängt und fing gerade an, mich zu rasieren. Da spürte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und hörte die Stimme des Grafen sagen >>Guten Morgen.<< Das überraschte mich, denn ich hatte ihn nicht gesehen, obwohl ich im Spiegel den ganzen Raum hinter mir überblicken konnte. Ich war so erschrocken, dass ich mich schnitt. […] In diesem Moment sah ich, dass der Schnitt ein wenig blutete, und das Blut tropfte über mein Kinn hinunter. […] Als der Graf mein Gesicht sah, glühten seine Augen in geradezu dämonischer Wut, und ganz plötzlich fasste er nach meiner Kehle. Ich drehte mich weg, und seine Hände berührten das Kettchen, das mein Kruzifix trug. Dies bewirkte einen totalen Umschwung bei ihm, denn die Wut verschwand schlagartig.“[2]

Der Graf reist nach England und lässt Harker im Schloss bei seinen drei Konkubinen zurück. Trotz der Gefahr, der Harker nun ausgesetzt ist, gelingt es ihm dem Schloss zu entkommen.

Während dessen erreicht Dracula England. Sein Schiff fährt mit toter Besatzung in den Hafen von Whitby ein. Bei der Ankunft wird gesehen, wie ein großer Hund von Bord springt und es werden lediglich die mit Erde gefüllten Kisten auf dem Schiff vorgefunden.

In Withby halten sich zur selben Zeit die Verlobte Harkers, Wilhelmina Murray (auch Mina genannt) und ihre Freundin Lucy Westenra auf. Lucy wird als lebensfreudige und viel umworbene junge Frau dargestellt. Sie erhält beispielsweise drei Heiratsanträge innerhalb kürzester Zeit. Die beiden Damen sind in ihren Figuren sehr gegensätzlich konstruiert worden, was Aussehen und Lebenseinstellung betrifft. Lord Arthur Godalming, Quincy Morris und der Psychiater Dr. John Seward, die drei Verehrer von Lucy, erhalten im Verlauf der Geschichte noch tiefere Bedeutung.

Renfield, einer der Patienten in Sewards Anstalt, erregt durch sein seltsames Verhalten besonderes Interesse. Er züchtet Insekten um sie als Glied einer Nahrungskette, deren Endpunkt nicht definiert wird, dem nächstgrößeren Glied als Nahrung zur Verfügung zu stellen. Teilweise isst er sie selbst, denn er glaubt so deren Lebensenergie übernehmen zu können. Für den Leser erkennbar, besteht eine ungeklärte Verbindung zwischen Renfield und dem Grafen. Er ist der erste der dem Grafen nach seiner Ankunft begegnet und immer wieder seine Gegenwart betont.

Lucy verliert nach einem nächtlichen Ausflug, bei dem sie vom Grafen gebissen wird und von dem Mina sie wieder nach Hause bringt, zusehends an Kraft und Gesundheit. Mina, die das Schlafgemach mit Lucy teilt, bemerkt, dass sich des Öfteren eine riesige Fledermaus in Lucys Nähe befindet. Aufgrund der Verschlechterung des Gesundheitszustandes bittet Dr. Seward seinen alten Lehrer Professor Abraham van Helsing um Hilfe. Dieser erkennt die Ursache sehr schnell, beschließt jedoch es vorerst für sich zu behalten, denn er fürchtet um das ihm entgegen gebrachte Vertrauen. Er veranlasst mehrere Bluttransfusionen, die eine nur kurzzeitige Verbesserung bei Lucy bewirken.

In einer Nacht wird Lucy, durch ein Missverständnis hervorgerufen, nicht bewacht, und so wird es für Dracula möglich sie und ihre Mutter als Wolf anzufallen. Die Mutter stirbt an einem Herzanfall, Lucy folgt ihrer Mutter wenig später. Kurz nach ihrer Beerdigung wird in der Zeitung über eine „blutige Dame“ berichtet, die Kindern des Nächtens nachsteigt. Van Helsing erkennt, dass Lucy zum Vampir geworden ist und vertraut sich nun Lord Godalming, Dr. Seward und Quincy Morris an, um gemeinsam mit ihnen Lucy bekämpfen zu können. Nach einigen Auseinandersetzungen gelingt es ihnen, Lucy in ihrer Gruft mit Hilfe von Knoblauch (was ein neues von Stoker eingeführtes Detail ist) und geweihten Hostien einzusperren und sie dort zu pfählen und zu köpfen. Kurze Zeit später und unabhängig davon stirbt der entflohene Renfield in einem Kampf mit dem Grafen.

Mina hatte während dessen von Jonathans Aufenthalt erfahren, ist zu ihm gefahren um ihn gemeinsam mit den Schwestern eines Hospitals in Budapest gesund zu pflegen, ihn dort zu ehelichen und um dann mit ihm gemeinsam nach England zurück zu kehren. Bei einem Spaziergang durch London erkennt Harker den Grafen wieder:

„Ich glaube, das ist der Graf, aber er ist jünger geworden. Mein Gott, wenn das wahr wäre! […]“[3]

Mina gerät mehr oder weniger durch Zufall in Briefkontakt mit Van Helsing, woraufhin sie sich, gemeinsam mit ihrem Mann, Van Helsing im Kampf gegen den Vampir anschließt.

Aber auch Mina wird vom Grafen gebissen. Hiernach beginnt die Verfolgung Draculas durch London und anschließend durch ganz Europa um ihr Leben zu retten. Im Verlauf dieser Verfolgungsjagd haben die Beteiligten immer mehr mit dem stärker werdenden Einfluss Draculas auf Mina zu kämpfen, welcher im Begriff ist auf sein Schloss zurück zu kehren um zu neuen Kräften zu kommen. Durch diesen Einfluss ist es jedoch den Verfolgern wiederum erst möglich dem Grafen zu folgen (eine wechselseitige Bewegung in dieselbe Richtung). Kurz bevor dieser sein Schloss erreicht gelingt es ihn zu töten und somit Mina zu retten. Der Schluss des Romans ist ein Nachtrag von Harker etwa sieben Jahre nach den Geschehnissen.

Analyse

Das Buch fasst im Großen und Ganzen die bisherige Vampirliteratur zusammen. Stoker hat literarisches mit mythischem und dieses mit aktuellen Geschehnissen seiner Zeit geschickt arrangiert und verwoben, um daraus unter dem Aspekt des Vampirismus den Roman Dracula zu kreieren. So hat er unter anderem die Erzählstruktur von Wilkie Collins übernommen in der erstmalig die Charaktere die Geschichte erzählen und anhand der Ereignisse in verschiedene Positionen gestellt wurden. Des Weiteren hat er sich von der Graböffnung Elizabeth Siddals (ein ihr bei der Beerdigung von ihrem Mann beigegebenes Gedichtband sollte dem Sarg wieder entnommen werden) in seinen Friedhofs- und Grabschändungsszenen inspirieren lassen. Für seine Transsylvanien Beschreibungen hat er den Erfahrungsbericht seines Bruders aus der türkischen Armee herangezogen. Der Titel des Buches basiert höchstwahrscheinlich auf einer irischen Sage aus Derry, die von `Dén Dreach-Fola´, dass drak´ola gesprochen wird, handelt. Das Schiff Demeter mit dem Dracula aus Varna nach Whitby kommt hieß ursprünglich Dmitry und strandete einige Jahre bevor Stoker mit seiner Arbeit an dem Roman begann in Whitby. Solche Verknüpfungen lassen sich noch weitaus mehr finden, aber in der vorliegenden Arbeit soll es vor allem um die filmischen Parallelen und Konvergenzen gehen.

Um der Geschichte, die eine Mischung aus Detektivroman, Abenteuerroman und Horrorgeschichte darstellt, mehr Authentizität zu geben, lässt Stoker anhand von Tagebüchern, Briefen, Telegrammen, Zeitungsberichten und, um seiner Zeit den entsprechenden Tribut zu zollen, anhand von phonographischen Aufnahmen erzählen. Diese Form der Darstellung haben viele spätere Filme übernommen. Stoker hat sozusagen dem französischen Film vorweg genommen, was heute unter Montageeffekt bekannt ist.

Der Graf ist von Anfang an Hauptbestandteil der Geschichte und es wird kein Zweifel an seiner Bosheit gelassen. Seine Herkunft bleibt ungeklärt, sein Aussehen wird dafür umso detailgenauer beschrieben:

„Sein Gesicht erinnerte stark – sehr stark – an einen Adler mit dem scharfen Bogen seiner dünnen Nase und den markant gebogenen Nasenflügeln, der hohen, gewölbten Stirn, dem um die Schläfen schütteren, ansonsten aber üppig sprießenden Haar. Die Augenbrauen waren sehr dicht und buschig und vereinten sich fast über der Nasenwurzel. Sein Mund war, soweit ich das unter dem üppigen Schnurrbart feststellen konnte, fest geschlossen, was ihm ein ausgesprochen grausames Aussehen verlieh, wozu die extrem scharfen, weißen Zähne noch besonders beitrugen; diese ragten sogar über die Lippen hinaus, deren bemerkenswert frische, rote Farbe auf eine für einen Mann seines Alter erstaunliche Vitalität hindeutete. […]“[4]

Die Schauplätze der Handlung erstrecken sich vorrangig auf Draculas Schloss, Whitby und London. Stoker versteht es, was zur Zeit der Entstehung des Romans sehr gewagt und innovativ war, die erotischen Komponenten des zwischenmenschlichen Agierens – soll heißen: die verschiedensten sexuellen Sehnsüchte und Begierden – auszudrücken und diese literarisch geschickt zu verpacken. Die Figur Draculas fasziniert vor allem weil sie so viele gegensätzliche menschliche Facetten in sich vereint. Ängste, Wünsche, Triebe, mögliche Erklärungen für Unerklärliches; all dies sind Grundlagen menschlicher Sehnsüchte. So ist es nicht verwunderlich, dass Murnau sich der Verfilmung des Romans annahm, denn er war der Ansicht, dass ein Film um wirklich gut zu sein, beim Zuschauer eine Sehnsucht wecken muss.

Nosferatu – Symphonie des Grauens (1922)

Handlungsstruktur

Der Film ist in fünf Akte gegliedert. Im ersten Akt bekommt der junge Hutter von Häusermakler Knock den Auftrag einem Grafen in Transsylvanien ein Haus aus Wisborg zu verkaufen. Die erste Einstellung, in der Knock zu sehen ist, zeigt ihn in Relation zu einem für ihn viel großen Schreibpult, mit dem Auftrag des Grafen in der Hand. Der Brief besteht fast ausschließlich aus mystifizierten Symbolen.

Auf der Reise nach Transsylvanien übernachtet Hutter in einem Wirtshaus. Dort findet er ein Büchlein:

„Von Vampyren erschröcklichen Geistern, Zaubereyen und den sieben Todsünden“[5]

Als Hutter in die Karpaten kommt, wird ein gerodeter Wald vor einem Gipfelrelief gezeigt. Im Wirtshaus folgen das Einblenden einer Zebrahyäne und vor ihr weglaufende Pferde. Hutter sieht die scheuenden Pferde, woraufhin wieder eine Nahaufnahme der Zebrahyäne zu sehen ist. Abwechselnd zur Hyäne werden dann alte Frauen, die verängstigt an einer Wand stehen und sich bekreuzigen, gezeigt. All dies sind, für Hutter wie für den Zuschauer, eindeutige Anzeichen einer drohenden Gefahr.

Nachdem die erste Kutsche den Reisenden nicht weiter mitnehmen will und er seine Reise zu Fuß fortsetzt, verdunkelt sich der Himmel. Die zweite, sehr düster gestaltete Kutsche ergreift ihn und auf der folgenden äußerst rasanten Fahrt durch einen Wald wird das Unheimliche durch Montage einer Negativaufnahme von der Kutschfahrt (mit einer unerklärbaren Verschleierung am unteren Bildrand) noch stärker betont. Endpunkt der Reise ist das Schloss, in dem sich die Türen von allein zu öffnen scheinen. Der Graf, aus dem Dunklen kommend, begrüßt Hutter, der wiederum aus dem Licht ins Dunkel geht.

Der zweite Akt zeigt den Aufenthalt Hutters im Schloss des Grafen. Beim Abendessen schneidet sich Hutter am Finger, woraufhin Graf Orlok sofort an diesem saugt. Als Hutter am nächsten Tag erwacht, entdeckt er zwei kleine Wundmale an seinem Hals. In der folgenden Nacht sieht Orlok das Bildnis von Ellen und kauft daraufhin das Haus, das den Hutters gegenüberliegt. Erwähnenswert ist noch, dass die Türen im Schloss keine Klinken besitzen, denn in der folgenden Nacht will Orlok über Hutter herfallen. Die Zimmertür Hutters öffnet sich, im ihrem Rahmen steht der Graf, der mit jedem weiteren Schritt, den er ins Zimmer tut, immer größer zu werden scheint. Auffallend ist hier, dass der Graf sich körperlich nicht zu bewegen scheint um dem Opfer näher zu kommen (Stopptrickverfahren). Das Licht fällt in Kopfhöhe Orloks seitlich von hinten ein. Hutter liegt im Bett, und der Schatten Orloks kommt über ihn. Durch eine telepathische Verbindung zu Ellen zieht sich Orlok jedoch wieder zurück, so dass Hutter am folgenden Tag, nachdem er die Reisevorbereitungen des Grafen beobachtet hat, mit Hilfe von Bettlaken aus dem Schloss entfliehen kann.

Der dritte Akt beginnt mit der Abfahrt des Grafen nach Wisborg. Hutter befindet sich auf einer Schwesternstation. Bis auf unzählige Ratten ist das Schiff leer. Es werden Nahaufnahmen einer Venusfliegenfalle und eines Polypen mit Fangarmen zwischen geschnitten, welche als Anschauungsmaterial für die Studenten von Prof. Bulwer, für vampiristisches Verhalten in der Natur, dienen. Knock wird in die Anstalt von Prof. Sievers eingeliefert und von diesem untersucht. Ein Zeitungsartikel berichtet über eine seuchenhafte Epidemie in der Stadt. Nun folgt die Parallelmontage von Draculas Schiff und dem genesenen, nach Hause reitenden Hutter. Durch diese Technik werden die Gleichzeitigkeit der Geschehnisse und die daraus resultierende drohende Gefahr, sowie der Versuch der Abwehr dieser, gezeigt.

Auf dem Schiff herrscht eine die Mannschaft dahinraffende Krankheit. Ein erkrankter Matrose sieht die durchsichtige Silhouette Orloks auf einer der geladenen Kisten. Die Kisten werden auf der Suche nach der Ursache für die Seuche an Bord geöffnet. Dabei wird Orlok gefunden, der in aufrechter Position aus seinem Sarg auffährt. Die Einfahrt des Schiffes in den Hafen Wisborgs wird unter Gegenlicht von hinten gezeigt, was das Schiff noch düsterer wirken lässt.

Im vierten Akt werden die Auswirkungen, die die Ankunft des Schiffes mit sich gebracht hat, verdeutlicht. Die Ratten werden hier als ein Symbol der Pest, die erst das Schiff und dann die Stadt bevölkern, eingesetzt.

Der fünfte Akt ist die Wende des Geschehens. Ellen liest trotz Verbot ihres Gatten das Buch über Vampire, welches Hutter aus Transsylvanien mitgebracht hat, und bekommt so die Möglichkeit dem Bösen ein Ende zu setzen. Orlok, der Ellen von seinem Haus aus beobachtet, kommt als Schatten zu ihr, nachdem sie für ihn ihr Fenster geöffnet hat. Der Schatten seiner Hand will ihr das Herz entreißen. Er trinkt ihr Blut und vergisst dann in actu die hereinbrechende Morgendämmerung. Der erste Sonnenstrahl lässt ihn so ins Nichts zergehen. Er verblasst bis zur Durchsichtigkeit und es bleibt nur ein Häufchen Asche von ihm übrig. Der entflohene Knock ist während dessen gefasst worden und verkündet nun den Tod des Meisters. Hutter allerdings kann seiner Frau nicht mehr helfen, sie stirbt in seinen Armen. Damit hat das Sterben in Wisborg ein Ende, die letzte Einstellung zeigt eine zerfallene Burgruine.

Analyse

Der 92-minütige Stummfilm „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ von Friedrich Wilhelm Murnau aus den Jahren 1921/1922 gab den entscheidenden Impuls für alle folgenden filmischen Umsetzungen und basiert nur allzu deutlich auf dem Roman. Allerdings veränderte Murnau einiges, was wohl hauptsächlich auf die Kompaktheit des Ausgangsmaterials und die damaligen technischen Möglichkeiten zurückzuführen ist. Vielleicht wurde so auch versucht den Tantiemen aus dem Weg zu gehen. Dies glückte durch die hartnäckige Stoker Witwe jedoch nicht.

Er reduziert die Anzahl der Charaktere, verändert die Namen, verlängert die Schneidezähne anstelle der Eckzähne und fügt das Motiv der Pest hinzu um das Seuchenhafte des Vampirs noch stärker zu betonen. Auch ist die Schlussszene eine völlig andere. In dieser opfert sich Mina Harker / Ellen Hutter dem Vampir, indem sie ihn bis zum Sonnenaufgang hinhält. Die in fast allen späteren Vampirfilmen vorkommende Scheu vor Sonnenlicht hat hier ihren Ursprung. Im Roman ist lediglich der Ansatz in Form des Tag-Nacht-Rhythmus von Dracula zu finden, und die Schlussszene, in der Dracula durch den Sonnenaufgang zu Staub zerfällt, missverstanden worden.

Der Film ist vor allem aber auch durch seine technische Umsetzung zu einem Klassiker geworden. Berücksichtigt man die damalige Zeit und den Entwicklungsstand der Filmindustrie, so stellt der Film eine unheimliche Leistung im Licht- und Schattenspiel, der Tricktechnik sowie in der Raumkomposition dar. Es wurde, was damals sehr untypisch war, nicht ausschließlich im Atelier gefilmt. Vor allem Außenaufnahmen verstand Murnau zweckgerichtet in den Film zu integrieren.

Nahezu jeder Film hat Motive und/oder Ansätze von Murnau übernommen, und dieser hat so den Grundstein für einen Kult gelegt, der heute in fast allen Lebensbereichen zu finden ist. Charakteristisch für den Film sind die sehr einfach gehaltene Handlungsstruktur und die indirekte Vermittlung dieser durch Schatten und Raumstrukturen. Die verwendeten Requisiten sind größtenteils so arrangiert und inszeniert, dass sie gleichzeitig die Gedanken der Personen ausdrücken und unterstreichen oder betonen. Murnau versucht das Geistige in Bilder umzusetzen. Bei seinem Erscheinen war der Film bis auf die Traumszenen im Nachhinein (bei Fertigstellung) eingefärbt worden: Nachtszenen außen in Blau und innen in Gelb, Tageszenen in Braun und die Dämmerungsszenen in Rosa.

Die Kamera ordnet sich der Handlung unter oder ist Bestandteil der Handlung. Murnau ist auch hier Vorreiter. Er ist einer der ersten, der schon die subjektive Kameraeinstellung anzuwenden und einzusetzen weiß. Die Kamera tritt an die Stelle der Figur, sie zeigt, was die handelnde Person sieht. Markante Szenen sind die, in der Huter aus dem Fenster sieht und die Interaktion von Hyäne und Pferden beobachtet, wie der Wagen mit Särgen beladen wird oder die Vogelperspektive, aus der der Häusermakler seine Verfolger beobachtet. Heute gehört das zur normalen Sehgewohnheit des Rezipienten.

Querschnitt der Umsetzungen der Thematik

Vor allem der Schatten des Nosferatu macht ihn seit Murnau erst zur Bedrohung. Bei Coppola wird Draculas Schatten sogar zur sichtbaren Handlung von Gedanken. Der Schatten des Vampirs wird zum zweiten Ich, welches unabhängig vom Körper agiert und reagiert. Mehrfach wird gezeigt wie der Schatten versucht sich an den Opfern zu vergehen.

Auch Herzog imitiert hier, obwohl in Farbe gedreht und auf ein Minimum reduziert. Er reduziert auf Blau, Weiß, Grau und Schwarz und erzielt so ganz ähnliche Effekte wie Murnau.

Fast jeder Film beginnt mit der Konfrontation von Harker und dem Grafen. Das Verbildlichen des Blutthemas z. B. erfolgt entweder vor einem Spiegel oder beim Abendessen, so wird stets auf die Blutgier des Grafen verwiesen.

„Dracula“ Universal Pictures, Tod Browning (1931)

Der Film ist in groben Zügen nach der Romanvorlage angelegt, orientiert sich aber hauptsächlich an der Bühnenversion dessen. Der Zeitraum des Geschehens ist stark verkürzt und einige Details wurden geändert: Renfield übernimmt zu Beginn des Films Harkers Rolle als Immobilienmakler, Harker und Mina sind einfach nur ein Liebespaar und Van Helsing bringt anstelle von Harker den Vampir zur Strecke. Der Film spielt hauptsächlich in Innenräumen und erreicht durch speziell eingesetzte Licht und Schatteneffekte eine beengende und drückende Atmosphäre. Der hier agierende Kameramann, Karl Freund, hat schon für Murnaus Film gedreht.

Dracula wird sehr gepflegt mit telepathisch-hypnotischen Fähigkeiten dargestellt. Kommuniziert er auf diese Weise, wird in einem Close Up sein Gesicht gezeigt, in dem ausschließlich die Augenpartie beleuchtet wird. Diese Technik erzielt eine sehr eindringliche Wirkung. Bis auf das weiße Hemd ist er dunkel gekleidet. Es werden vorrangig Kamerafahrten verwendet und Personen meist in der Halbtotalen aufgenommen.

Das Innovative des Films liegt vor allem in der Darstellung des Dracula von Bella Lugosi. Die offenkundige Boshaftigkeit hat er grandios mit dem Charme, der Weltoffenheit und der Intelligenz, wie es Stoker für den Charakter angelegt hatte, verbunden. Auch ist in diesem Film der Aspekt der Todessehnsucht Draculas das erste Mal so deutlich ausgesprochen worden.

„Horror of Dracula” Hammer Film Productions (1958)

Harker ist bereits bei Dracula, es wird auch im weiteren Verlauf nicht geklärt aus welchen Gründen er sich dort aufhält. Das Schloss wirkt hell und freundlich, eher einer Theaterkulisse ähnelnd. Harker trifft auf eine Frau, die sich als Gefangene des Grafen ausgibt. Sie will ihn beißen, Dracula fährt dazwischen. Doch es ist bereits zu spät, was an seinen Wundmalen am Hals zu erkennen ist (eine streng heterosexuelle Darstellung). Der Auftritt Draculas ist sehr imposant gestaltet worden. Er steht erhöht auf einer Treppe, das Licht kommt von hinten und bei seinem Erscheinen ertönt ein Paukenschlag.

Van Helsing, hier schon ein Freund Harkers, kommt ins Schloss, um den auf der Burg zurück gelassenen und infizierten Harker zu erlösen, sowie die Gefährtin Draculas zu pfählen. Die Pfählung wird als Schattenspiel gezeigt. Dracula ist bereits auf dem Weg zu Lucy, die ihn erwartet, um sie zu eine der Seinen zu machen. Danach lockt Dracula Mina zu sich in die Gruft. Dort bemächtigt er sich ihrer. Während des Aktes ist im Voice-Over der Schrei einer Eule zu hören, und der sexuelle Aspekt während des Bisses wird zum ersten Mal in solcher Deutlichkeit gezeigt. Wie in jeder der hier in die Hausarbeit einbezogenen Fassungen übernimmt die Frau den passiven und Dracula den aktiven Part.

Van Helsing, den man leicht für den Hauptdarsteller halten könnte, hält auch in dieser Verfilmung den Gegenpart zu Dracula inne. Allerdings wird die christliche Symbolik stärker betont. So verbrennen sich Dracula, wie Mina am Kreuz und Dracula ist, bis auf den weißen Kragen, in Schwarz gekleidet, was als Gesamtanblick wiederum stark an eine Priesterkutte erinnert.

Der Endkampf findet in dieser Fassung auf dem Schloss zwischen Van Helsing und Dracula statt. Van Helsing besiegt den Vampir, indem er mit ihm bis zu den ersten Sonnenstrahlen kämpft. Dracula zerfällt auf einem Sternzeichenkreis (im Zeichen des Wassermanns) zu Staub. Besonders in dieser Szene ist die Weiterentwicklung der Tricktechnik seit Nosferatu deutlich zu sehen. Desweiteren wird Dracula solange er Macht besitzt immer aus der Froschperspektive oder einer tiefer liegenden Position der Kamera gezeigt. Sein Tod wird jedoch aus der Vogelperspektive dargestellt.

“Nosferatu – Phantom der Nacht” Werner Herzog (1978)

Dieser Film ist eine sehr nah an den Originalstreifen von Murnau angelegte Fassung von Nosferatu, in den Hauptrollen sind Klaus Kinski und Isabelle Adjani zu sehen. Die Struktur und der Handlungsverlauf sind mit denen Murnaus ziemlich identisch, die Kameraeinstellungen sind oft eins zu eins übernommen worden. Auch die Motive sind ähnlich, jedoch stärker pointiert und länger eingeschnitten. Die Namen sind nach der Romanvorlage angelegt. Herzog verfolgt wie Murnau das Ziel Stimmungen durch den die Charaktere umgebenden Raum darzustellen. Allerdings wirkt die Umsetzung von Herzog überzogen melodramatisch und langatmig.

Der Film beginnt mit Aufnahmen mumifizierter Leichen gefolgt von einem Fledermausflug der in Zeitlupe aufgenommen und in blau gehalten ist. Dieser wird im weiteren Verlauf des Films noch zwei Mal zwischen geschnitten. Danach wird eine erwachende Frau mit einem Kreuz um den Hals gezeigt, in deren Zimmer eine Fledermaus einfliegt. Die Umgebung ist hell und freundlich. Ein Kätzchen sitzt spielend auf einem Schrank.

Jonathan Harker ist mit Lucy (laut Romanvorlage müsste sie eigentlich Mina heißen) verheiratet, beide leben in gutbürgerlichen Verhältnissen. Lucy ist von Anfang an um ihren Gatten besorgt. Mr. Renfield wird als kleiner seltsam aussehender und vor allem durch sein nervöses Lachen irritierend wirkender Mann eingeführt.

Mit steigender Dramatik wird der Film immer dunkler und unheimlicher. Herzog setzt unter anderem Fledermäuse als Indikatoren für die Zuspitzung zum Klimax hin ein, vor allem aber auf der Burg. Wurde zu Beginn nur der Zeitlupenflug eingeblendet, hängen sie später einzeln im Hintergrund an Fensterrahmen und in den Gardinen in Lucys Zimmer, unabhängig vom Tag-Nacht-Rhythmus.

Seine Bildkompositionen, vor allem durch Licht und Schatten, indizieren den Handlungsverlauf. Auf dem Weg zum Schloss dienen dazu unter anderem Wasserfälle, Flüsse und Bäche, die Jonathan immer entgegen den Strömungsrichtungen entlang laufen muss. Nebel, der mit Musik in Moll unterlegt wird, und das größer und enger werdende Gebirge zeigen dies ebenfalls sehr deutlich. Das Schloss wird als Schattenbild in fast monochromer Farbgebung präsentiert. Wiederholend wird angezeigt, wie Jonathan aus dem Licht ins Dunkel gehen muss. Mit Erreichen des Schlosses werden auch die Sequenzen, die Lucy in ihrem Tun zeigen, dunkler. Die Türen im Schloss werden wie bei Murnau von etwas nicht Sichtbarem geöffnet und geschlossen. Beim gemeinsamen Abendessen schneidet sich Jonathan in den Finger. Es ist ein Tropfen Blut zu sehen, gleichzeitig kann, beim Anblick des Blutes, der Graf kaum noch an sich halten. Röchelnd bewegt er sich auf Jonathan zu. Um die Wirkung dieser Szene zu verstärken wechselt die Qualität der Aufnahme zur `hand-held-camera´. Die Aufnahmen im Schloss hat Herzog sehr geometrisch, gepaart mit Hell-Dunkel-Kontrasten stilisiert.

[...]


[1] Aus einem Artikel von H.P. Lovecraft in Supernatural Horror in Literature

[2] Diese Szene wird unter besonderer Beachtung der Schlüsselbedeutung in fast allen Filmen hier zitiert. Bram Stoker, Dracula – Das Original, Bastei Lübbe Taschenbuch, 6.Auflage: Februar 2004; Seiten 38-39

[3] Hier erkennt man zum ersten Mal auch die mystische Bedeutung des Blutes. Bram Stoker, Dracula – Das Original, Bastei Lübbe Taschenbuch, 6.Auflage: Februar 2004; Seite 246

[4] Durch die unterschiedlichen Darstellungsweisen des Grafen besonders interessant. Bram Stoker, Dracula – Das Original, Bastei Lübbe Taschenbuch, 6.Auflage: Februar 2004; Seiten 28-29

[5] Friedrich Wilhelm Murnau „Nosferatu – Symphonie des Grauens“; Prana Film 1922

Ende der Leseprobe aus 86 Seiten

Details

Titel
Der Biss des Vampirs. Sexualität und Erotik in den Verfilmungen von „Dracula“
Autoren
Jahr
2013
Seiten
86
Katalognummer
V231826
ISBN (eBook)
9783656478324
ISBN (Buch)
9783956870408
Dateigröße
1887 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
biss, vampirs, sexualität, erotik, verfilmungen, dracula
Arbeit zitieren
Mandy Peschenz (Autor)Roman Büttner (Autor)Malte Kröger (Autor), 2013, Der Biss des Vampirs. Sexualität und Erotik in den Verfilmungen von „Dracula“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231826

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