Vermittlung von Finanzkompetenz. Ein Mittel zur Armutsprävention im betreuten Wohnen?


Masterarbeit, 2009

57 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Herausforderungen im eigenen Haushalt
1.1. Problemstellungen
1.2. Reaktionen und Lösungsstrategien der Klientel
1.3. Zu erwartende Herausforderungen

2. Hintergründe und aktuelle Entwicklungen
2.1. Die soziale Situation
2.1.1. Seelische Behinderungen
2.1.2. Die Korrelation von Armut, Gesundheit und Arbeitslosigkeit
2.1.3. Ambulantisierung - Selbstbestimmt in den eigenen Haushalt
2.2. Kompetenz im privaten Haushalt
2.2.1. Verbraucherkompetenz - Defizite und steigende Anforderungen
2.2.2. Finanzkompetenz und ihre Bedeutung für den privaten Haushalt
2.2.3. Vermittlung von Finanzkompetenz

3. Präventions- und Interventionsmöglichkeiten
3.1. Haltgebende Pädagogik
3.2. Lösungsorientierte Beratung
3.3. Basiskompetenz Finanzen
3.3.1. Geld und Finanzdienstleistungen
3.3.2. Wohnen
3.3.3. Ernährung und Gesundheit
3.3.4. Handy, Festnetz und Internet
3.4. Nachhaltige Lebensplanung

4. Konzepte und deren Umsetzung
4.1. Seminar zur Vorbereitung auf das betreute Wohnen
4.2. Starterpaket Finanzen - Ein Leitfaden
4.3. Schulungen zur Vermittlung von Finanzkompetenz

5. Thesen für die weitere Forschung

6. Fazit
6.1. Rahmenbedingungen des betreuten Wohnens
6.2. Fallbeispiele
6.2.1. Mandy Müller (geistige Behinderung)
6.2.2. Stefan Stenzel (Sucht)
6.2.3. Hildegard Hennig (psychisch Krank)
6.2.4. Fritz Falkenberg (besondere soziale Schwierigkeiten)
6.3. Projektplanung für die Umsetzung der Konzepte

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Diagnosen der Menschen mit Behinderungen im betreuten Wohnen

Abb. 2: Anzahl der Krankenhaustage pro 1000 Versicherte

Abb. 3: Erkrankungen bei überschuldeten Privatpersonen

Abb. 4: Unterversorgung mit relevanten Gütern des Lebensstandards

Abb. 5: Soziale Stellung der Haupteinkommensbezieher

Einleitung

Mandy Müller ist 20 Jahre alt und arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung. Vor einem Jahr konnte sie ihre erste eigene Wohnung beziehen. Ihr Antrag auf Übernahme der Mietkosten wurde von der Agentur für Arbeit sechs Mal abgelehnt. Miete wurde nicht bezahlt. Aufgrund eines Vermieterwechsels kam es nicht zur Vollstreckung der fristlosen Kündigung. Seit Mandy einen Antrag beim Amt für Soziales und Wohnen stellte, wird die Miete von dort aus bezahlt. Sechs Telefonanbieter wollen monatlich Geld von ihrem Konto abbuchen. Mandy hebt ihr gesamtes Einkommen vorher ab. Ihr Stromanbieter konnte ihre Raten daher nicht einziehen. Ein Jahr nach ihrem Einzug wurde der Strom abgeschaltet. Sobald sie die aktuelle Rate in Höhe von 35,- € bezahlt, erhält sie vom Amt für Soziales und Wohnen ein Darlehen, um die offenen Forderungen zu bezahlen. Dieses Geld hat sie bereits ausgegeben. Dafür war aber der Gerichtsvollzieher nett.

Mandy ist nur eines von vielen Fallbeispielen, die mich zu dem Entschluss brachten, diese Masterarbeit dem Thema „Vermittlung von Finanzkompetenz - Ein Mittel zur Armutsprävention im Betreuten Wohnen“ zu widmen.

Zielgruppe dieser Arbeit sind Menschen mit Behinderung, die in der eigenen Wohnung leben und im Betreuten Wohnen nach §§ 53ff SGB XII betreut werden oder einen Umzug in eben diese Wohnform planen. Als Folge ihrer Behinderung sind sie oftmals von Arbeitslosigkeit betroffen oder von Armut bedroht. Sie werden in dieser Arbeit auch als mehrfach benachteiligte Menschen bezeichnet. Die Zielgruppe dieser Arbeit verfügt über Grundlagen im Verständnis von Schrift und Zahlen.

Meine These für diese Arbeit besagt, dass erfolgreiche Vermittlung von Finanzkompetenz zu einer Erhöhung der Lebensqualität dieser Menschen führt und wesentlich zur Armutsprävention beiträgt.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Notwendigkeit und die Möglichkeiten des Einsatzes entsprechender Konzepte darzustellen, um die Thematik in die aktuelle Diskussion und weitere Entwicklung des betreuten Wohnens einzubringen. Mittelfristiges Ziel ist es, das Konzept zu erproben und die Ergebnisse empirisch zu belegen, um es langfristig als festen Standard in die Arbeit im betreuten Wohnen zu integrieren. Aufgrund der Kürze von Zeit und Umfang der Masterarbeit müssen diese Ziele in einem weitergehenden Rahmen verfolgt und bearbeitet werden.

Im ersten Kapitel werden die Problematik, das Lösungsverhalten und mögliche Herausforderungen der Menschen im betreuten Wohnen aufgezeigt.

Das zweite Kapitel behandelt Hintergründe und aktuelle Entwicklungen. Die soziale Situation der Menschen wird dargestellt. So stieg die Zahl der Klientel in Nordrhein-Westfalen (NRW) in den letzten fünf Jahren von 10.981 auf 26.408. Die Zahl der Menschen mit einer seelischen

Behinderung stieg von 6.559 auf 15.819. Ihre Situation wird daher differenziert betrachtet. Ein

wichtiger Aspekt, der Menschen mit Behinderung zunehmend betrifft und zu selten Beachtung findet, ist die Korrelation von Armut, Gesundheit und Arbeitslosigkeit. Zudem werden Menschen mit Behinderung zunehmend mit der Forderung nach mehr Selbstbestimmung und Eigenständigkeit konfrontiert. Inwieweit diese Entwicklungen Chance oder Risiko darstellen, wird im ersten Abschnitt des zweiten Kapitels diskutiert.

Ein Großteil der Klientel ist ohne Arbeit. Der Haushalt ist oftmals ihr Lebensmittelpunkt. Daher behandelt der zweite Abschnitt des zweiten Kapitels die Kompetenz im privaten Haushalt. Defizite und steigende Anforderungen im Bereich der Verbraucherbildung werden aufgezeigt und die Bedeutung der Finanzkompetenz für den privaten Haushalt verdeutlicht. Anschließend werden Hintergründe, die aktuelle Diskussion und die Situation der Entwicklung von Konzepten zur Vermittlung von Finanzkompetenz betrachtet.

Aufgrund der Herausforderungen im privaten Haushalt, der sozialen Situation und der aktuellen Entwicklungen im Bereich Kompetenz im privaten Haushalt widmet sich das dritte Kapitel den Präventions- und Interventionsmöglichkeiten. Die Vermittlung von Finanzkompetenz ist als Teil der Gestaltung der Lebenssituation des Menschen zu betrachten. Sie wird daher im dritten Kapitel, eingerahmt von den Konzepten der haltgebenden Pädagogik, der lösungsorientierten Beratung und der nachhaltigen Lebensplanung, behandelt. Aufgrund des hohen Bedarfs wird in dieser Arbeit das sogenannte Starterpaket Basiskompetenz Finanzen dargestellt. Entsprechend der vielschichtigen Kompetenzstufen der Klientel sind weitere, differenzierte Konzepte notwendig, die jedoch in diesem Rahmen nicht behandelt werden können.

Im Anschluss wird über die Projektplanung berichtet. Hypothesen für die weitere Forschung werden aufgezeigt und die Masterarbeit mit dem Fazit beendet.

Zum besseren Verständnis befinden sich im Anhang Rahmenbedingungen des betreuten Wohnens und Fallbeispiele zu den einzelnen Behinderungsgruppen. Die Namen dieser Personen wurden geändert.

Auf die weibliche Ausformulierung wird zu Gunsten der Lesbarkeit verzichtet.

1. Herausforderungen im eigenen Haushalt

1.1. Problemstellungen

Es scheint, als habe sich eine bestimmte Nische aufgetan, in der die Klientel ihre spezifische Lebenswelt in der Gesellschaft gestaltet. Nicht durch Arbeit, sondern durch das Ausfüllen von Anträgen kann Geld erlangt werden. Für Arbeit gibt es lediglich geringfügige Entlohnung, sei es über Maßnahmen der Arbeitsagentur oder Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Dies hat die Konsequenz, dass die notwendige Versorgung und die Beschaffung von Bedarfsgütern durch den entsprechenden Markt abgedeckt werden. Möbel gibt es ebenso bei Discountern oder Wohlfahrtsverbänden wie Nahrungsmittel. POCO, KIK, Möbelbörsen oder die Tafeln sind gern genutzte Anbieter dieses spezifischen Marktes.

Wohnungen in bestimmten Straßen oder Stadtteilen werden zunehmend zu einer Kaltmiete angeboten, die den Regelsätzen von ALG II und Grundsicherung entspricht. Menschen, die auf eine günstige Wohnung angewiesen sind, siedeln sich hier an. Dem Bedarf dieser Menschen folgen die entsprechenden Anbieter günstiger Leistungen und Produkte. Vertreter von Telefon- und Rundfunkanbietern klingeln kontinuierlich an den Türen dieser Wohnungen, um Verträge mit scheinbar lukrativen Angeboten abzuschließen.

Es ist von existentieller Bedeutung, dass eine gebrauchte Waschmaschine für weniger als 50,- € zu erhalten ist, ein Kühlschrank noch günstiger. Eine entsprechende Abwrackprämie für Kühlschränke, die älter als 15 Jahre sind, hätte bei dieser Zielgruppe großen Anklang gefunden, der Umwelt und dem Portemonnaie dieser Personen nachhaltig geholfen. Aus den Konjunktur-Programmen der Bundesregierung ziehen sie kaum Nutzen. Die Zielgruppe hierfür ist eine andere. Für die Klientel des betreuten Wohnens ist es jedoch kaum möglich aktuelle Geschehnisse und politische Entscheidungen nachzuvollziehen. Ihr Interesse liegt nicht im Bereich der Politik, sondern in der eigenen Existenzsicherung. Das ist ihr Versuch zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Ihr alltägliches Thema der Korrelation von Krankheit, Armut und Arbeitslosigkeit fand nicht einmal im dritten Armutsbericht der Bundesregierung Beachtung.

POCO, KIK und weitere Anbieter haben den Bedarf und das Interesse dieser Menschen erkannt. Niedrigschwellige Angebote bedarf es dringend im Bereich finanzieller, politischer sowie gesundheitlicher Bildung, gerade weil die Werbung der günstigen Anbieter so massiv ist und lukrativ erscheint.

Beratung zum Umgang mit Geld und den zunehmend undurchsichtigen Finanzdienstleistungen kann in vielen Fällen die Existenz sichern. Bildung an sich ist oftmals durch die Schulerfahrung negativ besetzt, Angebote der Verbraucherschutzzentrale oder der Volkshochschule sind meist zu anspruchsvoll.

Es ist durchaus möglich von Leistungen nach ALG II oder Grundsicherung zu leben, allerdings

bedarf dies intensiver und differenzierter Studien. Dies ist Menschen mit Behinderung oft nicht möglich, was direkte Auswirkungen auf ihre Lebenssituation hat.

In der alltäglichen Begleitung der Menschen tauchen in erschreckender Kontinuität folgende Schwierigkeiten auf:

- Umgang mit Geld und Finanzdienstleistungen

Oftmals besteht keine Kenntnis darüber, wieviel Geld oder Schulden vorhanden sind, wofür wie viel Geld ausgegeben wird und wo das Einsparpotential liegt. Grundlegende Kenntnisse, z.B. das durch eigenes Kochen oder Stoßlüften viel Geld gespart werden kann, sind schlichtweg nicht vorhanden. Viele Angebote werden undurchsichtig und unverständlich dargestellt, um Kunden anzulocken. So z.B. das zinsfreie Darlehen von Media Markt, dessen Zinsen bereits in den Einkaufspreis einkalkuliert wurden. Hingegen ist es vielen Personen im betreuten Wohnen bekannt, dass das Bier am Kiosk ebenso wie das Essen bei der Tafel 50 Cent kosten.

Nicht bekannt ist die Möglichkeit für Menschen mit einem geringen Einkommen, eine Riesterrente für bereits 5,- € monatlich abschließen zu können. Allerdings ist zu beachten, dass deren spätere Auszahlung als Einkommen auf die Grundsicherung angerechnet wird und somit für die meisten Personen nicht zu empfehlen ist[1].

Weder langfristige noch kurzfristige Planung zur Befriedigung der Bedürfnisse in Zusammenhang mit Einnahmen und Ausgaben sind vorhanden. Die notwendigen Fähigkeiten für diese Planung wurden in der Schule nicht vermittelt.

Wann, wo und wofür bei welchem Amt Gelder beantragt werden können, ist für die Klientel in der Regel nicht nachvollziehbar. In einer Umfrage des Berliner Arbeitslosenzentrums (BALZ) wurden mehr als 850 Arbeitssuchende vor den Job Centern Berlins befragt. 47 % gaben an, ihren letzten Bescheid vom Job Center nicht verstanden zu haben. Nur annähernd 10 % erhielten klare Auskünfte von der Leistungsabteilung. Bei der Arbeitsvermittlung erhielten immerhin 29 % klare Auskünfte. Allerdings fühlte sich knapp ein Drittel der Personen bei Ihrem letzten Kontakt zum Arbeitsvermittler in ihrem Anliegen nicht ernst genommen. Die Hälfte der Personen wurde zumindest teilweise abgewimmelt. Der Umgang der Mitarbeiter der Job Center mit den jeweiligen Personen wurde von diesen nicht selten als entwürdigend empfunden.[2]

- Wohnen

Noch unverständlicher und unvorhersehbarer als das Verhalten der Job Center erscheint vielen Personen die jährliche Strom- und Heizkostenabrechnung. Stefan Stenzel erhielt die Aufforderung zur Stromkostennachzahlung in Höhe von 750,- €. Er verstand nicht, dass dies absehbar war, weil er lediglich monatliche Raten in Höhe von 5,- € gezahlt hatte. Solch hohe Forderungen können nur in langjährigen Raten zurückgezahlt werden und schmälern das vorhandene Einkommen ungemein. Stefan Stenzel zahlte nun monatlich 50,- € zur Tilgung der Raten und 30,- € Stromvorauszahlung. Nach der Zahlung dieser Kosten blieben ihm 261,- € für seinen Lebensunterhalt. Weil er weder über Internet noch die Fähigkeiten zur Nutzung dessen verfügte, hatte er keinerlei Möglichkeit die Preise der Stromanbieter zu vergleichen und wusste nicht, dass er seinen Strom vom teuersten Anbieter bezieht.

„Leistungen für Unterkunft und Heizung werden in Höhe der tatsächlichen Aufwendungen erbracht, soweit diese angemessen sind.“[3] Die Übernahme der Forderung aus der Heizkostenabrechnung lehnte die Agentur für Arbeit 2009 erstmalig ab. Sie begründete dies mit dem Hinweis auf das eigenverantwortliche Handeln der Kunden. Die Kunden des Job Centers wurden aufgefordert, sich den Energiepass des Vermieters aushändigen zu lassen und die Sanierung des Gebäudes einzufordern. Dass Wohnungen mit einer Kaltmiete von maximal 217,- € nicht den aktuellen Energiemaßstäben entsprechen ist naheliegend. Ebenso ist es unwahrscheinlich, dass Vermieter dieser Wohnungen die notwendigen Maßnahmen zur Wärmedämmung einleiten. Widersprüche gegen die Ablehnung der Zahlung der Heizkostenabrechnung wurden gestellt.

Für den Markt sind diese Personen optimale Verbraucher: Sie bekommen Geld und geben es umgehend aus. Dieses Verhalten kann natürlich fatale Folgen haben, wenn man bedenkt, dass im ALG II sowie in der Grundsicherung bereits ein Betrag für die Anschaffung von Gebrauchsgegenständen enthalten ist, welcher zur Bedarfsdeckung zurückzulegen ist. Der Kühlschrank für 40,- € wird somit schnell zur finanziellen Herausforderung. Unterstützung von Ämtern und Behörden gibt es in diesen Fällen nicht mehr.

Oft müssen mehrere Raten gleichzeitig abbezahlt werden, wodurch das Einkommen schnell unter die Armutsgrenze fällt. Mandy Müller zahlt monatliche Raten in Höhe von 30,- € für Interneteinkäufe und 20,- € für ihr Stromdarlehen an das Amt für Soziales und Wohnen.

- Gesundheit und Ernährung

Ein Herr in der Schlange an der Tafel sah, wie der Lieferwagen geöffnet wurde, warf einen Blick hinein und schrie: „Oh nein, nur Grünzeug - glauben die, wir sind Karnickel“. Ihm war weder bekannt, was man mit all dem „Grünzeug“ machen kann, noch wusste er, dass eigenes Kochen Geld spart. Die Kenntnisse und Fertigkeiten im Bereich Ernährung und das Wissen um gesundheitsförderliches Verhalten sind so unterschiedlich wie die Klientel. Aufgrund der Vielzahl an Einpersonenhaushalten besteht oftmals eine Vorliebe zu Fertiggerichten, die darauf begründet ist, dass alleine kochen sich nicht lohnt. Es werden Kochgruppen für Menschen im betreuten Wohnen angeboten.

- Handy, Telefon und Internet

Aufgrund der hohen Grundgebühr eines Festnetzanschlusses, hat sich der Großteil der Klientel für ein Mobiltelefon und gegen die Nutzung eines Festnetzanschlusses entschieden. Prepaid-Angebote bieten den Vorteil, dass keine überraschenden Rechnungen von der Post gebracht werden. Die Gefahr der Verschuldung ist bei diesen Angeboten als gering einzustufen. Leider setzt die Telefonbranche auf massive Werbung, die darauf abzielt, schnell unüberlegte Kunden zu gewinnen, die die verschleierten Vertragskonditionen nicht hinterfragen. Mandy Müller hat fünf dieser Festnetzverträge, obwohl sie nur einen Anbieter nutzen kann. Verträge werden nahezu überall angeboten - an Wohnungstüren, in der Fußgängerzone und bei Großveranstaltungen warten die Mitarbeiter mit den Lockangeboten. Einen Vertrag abzuschließen, bei dem die ersten sechs Monate umsonst telefoniert werden kann, erschien Mandy Müller und vielen anderen Klienten lukrativ. Oftmals bestehen mehrere Verträge gleichzeitig zu verschiedenen Telefonanbietern. Nicht selten werden Verträge abgeschlossen, die einen Internetanschluss beinhalten, obwohl kein Computer vorhanden ist.

Kaum einer der Klientel weiß um die Möglichkeiten der Internetnutzung oder verfügt über einen Internetzugang. Nicht selten werden jedoch Gebrauchsgüter im Internet um ein Vielfaches günstiger angeboten als im Geschäft. Die Möglichkeit, Preise und Gebrauchsgüter zu vergleichen, bleibt ihnen verwehrt. Zudem besteht aufgrund der geringen Erfahrung in der Nutzung des Internets eine erhebliche Gefahr, ausgenutzt zu werden und auf Werbeangebote hereinzufallen. Bestellen, ohne direkt bezahlen zu müssen, ist ein gerne angenommenes Angebot, nur leider in seinen Konsequenzen für die Klientel oft undurchschaubar. Es bedarf einer intensiven Anleitung und Begleitung bei der Nutzung des Internets, um den gewünschten positiven Nutzen für die einzelne Person daraus ziehen zu können. Angebote zur begleiteten Nutzung des Internets gibt es sehr selten.

1.2. Reaktionen und Lösungsstrategien der Klientel

Im Denken der individualisierten Gesellschaft wird jedem Einzelnen die Verantwortung für seine Lebenslage zugeschrieben. Dies verursacht zusätzlichen Druck, verstärkt das Gefühl des Alleingelassenseins und weckt Zweifel an der eigenen Persönlichkeit. Jeder Einzelne kann sich heute weitaus weniger von Normen und Traditionen geleitet fühlen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die eigene Biographie wird immer mehr zur individuellen Herausforderung, die dem Einzelnen immer öfter folgenreiche Entscheidungen abverlangt. Die Verantwortung, das Leben in den Griff zu bekommen, liegt bei der einzelnen Person. Der Einzelne wird zunehmend für das persönliche Scheitern in seinem Lebenslauf verantwortlich gemacht. Die Ansprüche der Gesellschaft an den Einzelnen kollidieren in hohem Maße mit einer differenzierten Dienstleistungs- und Industriegesellschaft: Verwirkliche dich selbst, aber nur dort, wo und nur so, wie der Arbeitsmarkt dich braucht[4]. Die Schwierigkeiten in der eigenverantwortlichen Gestaltung des Lebenslaufs wirken sich auf die Möglichkeiten und Grenzen der viel geforderten Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen aus.

In dieser zunehmend unsicheren Welt ist es besonders wichtig, den Menschen Halt zu geben, ihnen ein durchschaubares, verlässliches Hilfesystem zu bieten und verständliche Informationen zu Gesellschaft, Verbraucherbildung und finanziellen Fragen zur Verfügung zu stellen. Nur so können Folgeerkrankungen verhindert und die aktuelle Lebenssituation beibehalten bzw. verbessert werden.

Ein besonderes Merkmal der Menschen im betreuten Wohnen ist, dass sie zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse auf Unterstützungssysteme angewiesen sind. Unzuverlässigkeit oder Unübersichtlichkeit dieser Systeme führen schnell zu existentiellen Ängsten, Überforderung und Hilflosigkeit.

Eine Überforderung in der Lebensgestaltung führt bei der Pluralisierung der Lebenslagen insbesondere bei jungen Erwachsenen leicht dazu, dass Orientierung bei klaren Weltbildern und Ideologien gesucht wird, um Sicherheit und Stärke zu erfahren und den eigenen Wert zu betonen. Überforderung kann zu Wut, Aggression und schließlich zu Gewalt führen, in der sich die Person selbstbewusst und körperlich gut darstellt. Diese Reaktionen sind dann besonders intensiv ausgeprägt, wenn die Überforderung und Unsicherheit in Verbindung mit dem Gefühl der Verzweiflung und der Ungerechtigkeit über die eigene Lebenslage auftritt[5]. Ebenso kann genau diese Kombination von Gefühlen die Menschen in die Resignation führen und zum Auslöser für Depressionen werden. Ein Zeichen für Resignation ist oftmals in der Leugnung und Vernichtung von Post, dem nicht Wahrnehmen von Terminen, bis hin zu Kontaktabbrüchen auch zu Ämtern und Behörden zu sehen. Die Unzufriedenheit und Hilflosigkeit kann zur Ab- lehnung der Gesellschaft führen. Dies zeigt sich in der stärkeren Identifikation mit der PearGroup oder aber im Rückzug und in der Ablösung von sozialen Systemen mit der Folge von Vereinsamung und stellenweise auch Verwahrlosung. Alkohol und Drogen sind auch hier keine Lösung, werden aber in den Wirren und der Verzweiflung des Alltags als solche angesehen.

Missachtung ihrer Bedürfnisse und Person erfahren insbesondere Menschen mit chronischer Abhängigkeit oder psychischer Erkrankung bei Ärzten, Behörden und sogar in Krankenhäusern. Hanna, die von der „Platte“ freiwillig in das betreute Wohnen kam und schon immer Alkohol oder Drogen zu sich genommen hatte, wurde nach Hause geschickt, als sie sich mit dem Rettungswagen wegen Magenkrämpfen ins Krankenhaus bringen ließ. Am nächsten Tag begleitete ich sie als Bezugsbetreuerin in dasselbe Krankenhaus. In Folge dessen wurde sie untersucht und für zwei Wochen stationär aufgenommen. Ähnliche Erfahrungen gibt es auch im Umgang mit Ämtern und Behörden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Zielgruppe dieser Arbeit ohne die notwendigen Unterstützungssysteme schnell überfordert, hilflos oder verzweifelt ist und mit Isolierung, Aggression oder Ablehnung reagiert. Sich freiwillig zur Teilnahme am betreuten Wohnen zu entschließen, ist für diese Personen oft ein großer Schritt. In diesen Fällen muss ein großer Zeitraum für vertrauensbildende Maßnahmen eingeplant werden.

1.3. Zu erwartende Herausforderungen

Der Unübersichtlichkeit der Märkte begegnet man in der Regel mit dem Vergleichen der Produkte und Preise. Am einfachsten geht dies im Internet oder aber, indem mehrere Geschäfte aufgesucht und die Angebote verglichen werden. Um mit ALG II oder Grundsicherung auskommen zu können ist es wichtig, sich ein Bild von den Angeboten des Marktes verschaffen zu können. Diese Möglichkeiten stehen Menschen im betreuten Wohnen nur selten zur Verfügung. Sie verfügen in der Regel nicht über einen Internetanschluss, ein Auto oder ein Monatsticket.

Entgegen der gesetzlichen Vorgaben sind in den letzten Jahren viele Arbeitsplätze zur Erfüllung einfacher Tätigkeiten in geringfügige Beschäftigungen umgewandelt worden. Arbeit für Menschen im betreuten Wohnen gibt es auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum mehr. Die Dame am Empfang oder am Telefon, der Gärtner im Park, die Verkäufer im Diakonieladen, Entrümpelungen und Renovierungsarbeiten sind typische Beschäftigungsfelder für geringfügig Beschäftigte. Da nicht davon auszugehen ist, dass sich der Arbeitsmarkt in der nächsten Zeit entspannen wird, muss die Klientel darin geübt werden, auch ohne Arbeit ein zufriedenes Lebens führen zu können.

Ändern muss sich schon bald die Agentur für Arbeit. Die Zusammenarbeit von Kommune und Bund wurde vom Bundesverfassungsgericht als verfassungswidrig erklärt. Versuche das Grundgesetz zu ändern, um die Struktur der Agentur beizubehalten, sind bis dato gescheitert.

Vielerorts wird der Wunsch laut, Geld für Gebrauchsgüter wieder direkt nach Bedarf und nicht innerhalb der Regelsätze auszuzahlen. Ich halte die kostenlose Verteilung von Schulmaterialien an den Schulen für genauso sinnvoll wie die Bereitstellung einer Waschmaschine. Deutlich ist, dass sich Entwicklungen in diesem Bereich direkt auf das Leben der Menschen im betreuten Wohnen auswirken werden.

Die Folgen der Wirtschaftskrise sind nicht abzuschätzen, dennoch wird deutlich, dass sich diese besonders auf die Zielgruppe dieser Arbeit auswirken werden. Für sie wird die Aussicht auf einen regulären Arbeitsplatz mit der steigenden Zahl der Arbeitslosen verschwindend gering. Ihnen wird lediglich die Möglichkeit einer geringfügigen Beschäftigung oder einer Tätigkeit in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung bleiben. Die dadurch bedingte geringfügige Bezahlung wertet die Person und ihre Arbeitskraft ab. Hinzu kommen die Risiken der Unabsehbarkeit der Erhöhung oder Absenkung der Mehrwertsteuer, der Inflation und der schlechten Finanzberatung der Banken.

Die Zunahme der psychischen Erkrankungen wird sich weiter fortsetzen und durch die vermehrt auftretende Arbeitslosigkeit sogar noch verstärkt werden. Wie sich die daraus resultierende Armut in der Gesellschaft auswirken wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht abzuschätzen.

Die medizinische Versorgung ist kaum sichergestellt. Ständige Reformen verunsichern die Patienten. Höhere Krankenkassenbeiträge und die sogenannten IGLE-Leistungen treffen mit der Praxisgebühr zusammen und werden zur Hürde für Menschen mit geringem Einkommen. Schon jetzt gibt es Studien, die besagen, dass die Praxisgebühr immer mehr Patienten von den Praxen fernhält, deren Gesundheit somit gefährdet wird. Dies kann ein Grund dafür sein, dass sich die Zahl der Krankenhaustage aufgrund psychischer Erkrankungen massiv erhöht hat. Die ambulante Versorgung im psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich weist zudem Lücken auf.

Existentielle Hilfen wie das Arbeitslosengeld und das betreute Wohnen werden lediglich für einen befristeten Zeitraum bewilligt. Dies verstärkt die Unsicherheit in der Lebenslage der Menschen, die so dringend auf diese Unterstützungssysteme angewiesen sind. Die immense Abhängigkeit von diesen Systemen kollidiert ebenso mit der Individualisierung der Gesellschaft. Die Individualisierung scheint jedoch mit einer der Gründe für die vorhandenen Defizite in den Bereichen Finanzen, Ernährung, Gesundheit, Pflege der Wohnung etc. zu sein. Diese Kompetenzen werden häufig nicht mehr im Rahmen der Familie vermittelt. Einen Ersatz für das Verschwinden des interfamiliären Bildungssystems bietet die Schule nicht. Im Gegenteil ist hauswirtschaftliche Bildung vehement ins Hintertreffen geraten.

Die Individualisierung steigert das Risiko der Vereinsamung. Hinzu kommen vielerorts der Wegfall von örtlichen Treffpunkten und Einrichtungen (z.B. Musikverein, Gemeindezentrum etc.) und die Einschränkung der Mobilität durch die stetige Erhöhung der Preise für den öffentlichen Personennahverkehr.

2. Hintergründe und aktuelle Entwicklungen

2.1. Die soziale Situation

2.1.1. Seelische Behinderungen

Seit dem Jahr 2003 werden im ambulant betreuten Wohnen nach §§ 53ff SGB XII Menschen mit körperlicher, seelischer und geistiger Behinderung sowie Suchterkrankungen betreut. Die Universität Siegen hat im Rahmen einer Begleitstudie in der Zeit von 2003 bis 2007 Stichtagserhebungen zu Anzahl und Diagnose der betreuten Menschen durchgeführt. Während drei Gruppen eine leicht steigende Fallzahl aufwiesen, verdreifachte sich die Zahl der Klienten mit einer seelischen Behinderung in dem Gebiet des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Diagnosen der Menschen mit Behinderungen im betreuten Wohnen [6]

Die Übergänge von seelischer Gesundheit zur Krankheit bis hin zu einer Behinderung nach § 2 SGB IX[7] sind fließend. Im Gegensatz zu einer Krankheit liegt eine Behinderung dann vor, wenn die Beeinträchtigung mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als 6 Monate andauert. Der Begriff der seelischen Behinderung wird in Anlehnung an den § 2 SGB IX adäquat zu psychi- scher Behinderung verwendet.

Die zunehmende Bedeutung psychischer Erkrankungen in Deutschland konnte wiederholt nachgewiesen werden[8]. „Arbeitsunfähigkeitstage und Frühberentung aufgrund psychischer Erkrankungen steigen ebenso an wie die Fallzahlen in den Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie sowie in den psychiatrischen und nervenärztlichen Praxen.“[9] Die alkoholinduzierte psychische Erkrankung war im Jahr 2008 die Hauptursache für Krankenhausaufenthalte von Männern. Die Krankenhausaufenthalte aufgrund psychischer Erkrankungen und Verhaltensauffälligkeiten umfassten mehr Tage als die Aufenthalte aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

[...]


[1] www.sozialleistungen.info, Stand 09.04.2008

[2] vgl. www.beraten-kann-helfen.de, Stand 02.03.2009

[3] § 22, Satz 1 SGB II

[4] vgl. Bayrische Rück, München, 1997

[5] vgl. Thiersch, S. 68ff, Weinheim, 1995

[6] Zentrum für Planung und Evaluation der Universität Siegen, S. 102, Siegen, 2008

[7] „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ Bundesarbeitsgemeinschaft für Integrati- onsämter und Hauptfürsorgestellen, § 2 SGB IX, 2007

[8] vgl. Hillienhof, Arne, Köln 2003

[9] Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde u.a.,S.1, Berlin, 2008

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Vermittlung von Finanzkompetenz. Ein Mittel zur Armutsprävention im betreuten Wohnen?
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für angewandte und interdisziplinäre Diakoniewissenschaft)
Veranstaltung
Masterstudium
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
57
Katalognummer
V231938
ISBN (eBook)
9783668089037
ISBN (Buch)
9783668089044
Dateigröße
1109 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armutsprävention, Verbraucherschutz, Eingliederungshilfe, Wohnen, Finanzkompetenz, ökonomische Bildung
Arbeit zitieren
Svenja Weitzig (Autor), 2009, Vermittlung von Finanzkompetenz. Ein Mittel zur Armutsprävention im betreuten Wohnen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/231938

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