Betritt man den Hof des ehemaligen Burchardi-Klosters von Halberstadt (Sachsen-Anhalt), vernimmt man, je näher man dem ehemaligen Kirchengebäude kommt, ein Brummen. Auch nach Betreten des Gebäudes lässt sich die Herkunft des Tönens noch nicht orten. Bei Erreichen des Vierungsbereiches wird rechter Hand eine Orgelkonstruktion sichtbar, ca. drei Meter hoch, mit speziell angefertigten Pfeifen. Die Erkundung des Hörbaren beginnt. Das fortwährende Erklingen des/r gleichen Tones/Töne weckt die Neugier: Klingen die Töne überall gleich? Schon ein leichtes Bewegen des Kopfes zeigt, dass dies nicht der Fall ist. Wie klingen sie im Kreuzgang? Kehrt man zum Vierungsbereich zurück, läuft man unweigerlich über Kies: Das Geräusch der eigenen Schritte kommt hinzu. Bleibt man stehen, vernimmt man Stimmen und Geräusche, die von außerhalb des Gebäudes nach innen dringen. Angrenzend zum Klostergelände befindet sich eine Steinmetzwerkstatt. Der Bereich der Orgelkonstruktion ist mit einer Kordel abgesperrt, aber trotzdem kann man sich nah genug zu den Orgelpfeifen hinüberbeugen und vernimmt das stetige Strömen der Luft durch die Pfeifen. Selten erlebt man das Entstehen eines Tones so direkt. Gegenüber der Orgelkonstruktion befindet sich das elektrische Gebläse zu ebener Erde. Hier kann man das Ohr direkt an die Konstruktion legen. Konzentriert man sich wieder auf die Töne, dringen Schritt für Schritt die zeitlichen Dimensionen des Projektes ins Bewusstsein: Eine Komposition, die bis ins Jahr 2640 erklingen soll.
In der Benennung „John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt“ findet sich bereits eine ganze Reihe der Aspekte, die in der vorliegenden Arbeit von Interesse sein werden: Ausgangspunkt des Projektes ist eine Komposition, die John Cage 1985 zunächst für Klavier verfasste und mit der Aufführungsvorschrift „as slow as possible“, so langsam wie möglich, versah. 1987 arbeitete er dieses Stück für Orgel um und widmete es dem Organisten Gerd Zacher. Das Stück besteht aus acht ca. gleich langen Teilen, von denen einer wiederholt werden kann. Der Interpret entscheidet selbst über das Tempo der Aufführung und darüber, welchen Teil er wiederholt.
1998, während der zweiten Tagung für neue Orgelmusik in Trossingen, an der neben Musikwissenschaftlern und Komponisten auch Orgelbauer, Philosophen und Theologen teilnahmen, wurde u.a. die Frage diskutiert, was die Spielanweisung so langsam wie möglich für eine Orgel eigentlich bedeutet.[...]
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. John Cage: Zeitkonzepte seiner Musik
1.1. Philosophische Verortung: Amerikanischer Transzendentalismus und Zen-Buddhismus
1.2. Augenblick und Klang
1.3. Unbestimmtheit
1.4. Zufall
1.5. Stille, Dauer und Gleichzeitigkeit
1.6. Prozesshaftigkeit: Evolution und Dekomposition
1.7. Wiederholung als Variation
1.8. Verräumlichte Zeit
2. ORGAN²/ASLSP: Eine Komposition – viele Komponisten
2.1. Zeitaspekte der Originalkomposition für Klavier und der Fassung für Orgel
2.2. Zeitebenen des John-Cage-Orgel-Kunst-Projektes Halberstadt
2.2.1. Die Spieldauer: 639 Jahre
2.2.1.1. Die historische Verankerung
2.2.1.2. Entschleunigung und Spiritualität
2.2.2. Chronos und Kairos: Aufhebung und Verdichtung von Zeiterfahrung
2.2.2.1. Zeitphilosophische Verortung
2.2.2.2. Das menschliche Erleben von Chronos und Kairos in der Musik
2.2.2.3. Der Klangwechsel als musikalisches Ereignis
2.2.3. Die Eigenexistenz des Klanges
2.2.4. Der Atem der Orgel: Möglichkeiten des Instruments
3. Räumliche Aspekte des John-Cage-Orgel-Kunst-Projektes Halberstadt
3.1. Der topische Raum: Der Klangraum, die Klangskulptur und die Klanginstallation
3.2. Der innermusikalische Raum: Eliminierung von Zeit durch totale räumliche Organisation
3.3. Der offene Raum
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetischen Konzepte hinter dem John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt, insbesondere im Hinblick auf die Verzeitlichung von Raum und die Verräumlichung von Zeit, um die zentrale Forschungsfrage zu beantworten, wie John Cages Zeitkonzepte in die Aufführungssituation dieses Langzeitprojektes eingebettet und transformiert werden.
- Die Philosophie von John Cage und deren Wurzeln im Zen-Buddhismus und amerikanischen Transzendentalismus.
- Die Analyse der Komposition ORGAN²/ASLSP und ihre spezifische Umsetzung in Halberstadt.
- Die Untersuchung der zeitlichen Dimensionen und Zeitebenen (Chronos und Kairos) innerhalb des Projektes.
- Die räumlichen Aspekte des Projektes als Klangskulptur und Klanginstallation im Kontext der Kirchengeschichte.
Auszug aus dem Buch
1.2. Augenblick und Klang
Daniel Charles: „Sie wollen also den westlichen Menschen zu einer Zeitdimension des Augenblicks bekehren? Riskieren Sie nicht, alles zu vergessen, was der Westen – in seiner Musik und in seinem Zeitverständnis – hinsichtlich der Dauer und der Zukunft repräsentiert?“
John Cage: „Der Augenblick ist doch immer auch eine Wiedergeburt – nicht wahr?“
D.C.: „Aber könnte man Sie denn nicht […] beschuldigen, einen Wert, der für die klassische Musik des Abendlands unentbehrlich ist, nämlich die Dauer, zu opfern?“
J.C.: „Wollen Sie damit andeuten, es gäbe einen Grund etwas zu bewahren?“
DC: „Sie setzen vollkommen auf den Augenblick; aber Zeit ist eine Summe von Augenblicken, nicht wahr?“
JC: „Die Zeit, an die Sie denken, ist immer noch ein Konstrukt, eine intellektuelle Organisation. Wir müssen damit aufhören.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. John Cage: Zeitkonzepte seiner Musik: Dieses Kapitel verortet Cages philosophische Grundlagen, insbesondere seinen Bezug zum amerikanischen Transzendentalismus und Zen-Buddhismus, und diskutiert zentrale Konzepte wie Unbestimmtheit, Stille und die Auflösung traditioneller musikalischer Zusammenhänge.
2. ORGAN²/ASLSP: Eine Komposition – viele Komponisten: Das Kapitel analysiert das spezifische Werk, die kontroversen Interpretationsansätze von Musikern wie Gerd Zacher und Christoph Bossert sowie die komplexen Zeitordnungen, die das Halberstädter Projekt prägen.
3. Räumliche Aspekte des John-Cage-Orgel-Kunst-Projektes Halberstadt: Hier werden die räumlichen Dimensionen des Burchardi-Klosters, die Funktion des Raums als Klanginstallation und Klangskulptur sowie die philosophische Auseinandersetzung mit Raum- und Zeitwahrnehmung untersucht.
Schlüsselwörter
John Cage, ORGAN²/ASLSP, Halberstadt, Zeiterfahrung, Augenblick, Stille, Unbestimmtheit, Klangskulptur, Klanginstallation, Zen-Buddhismus, Transzendentalismus, Burchardi-Kloster, Prozessualität, Dekomposition, Raumwahrnehmung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt in Halberstadt unter besonderer Berücksichtigung der von Cage entwickelten Zeitkonzepte und deren Anwendung in einer auf 639 Jahre angelegten Aufführung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Philosophie von John Cage, die Ästhetik des Projekts in Halberstadt, die Wahrnehmung von Zeit und Raum sowie die spirituellen und sozialen Dimensionen des Projekts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das Zusammenspiel zwischen Cages ursprünglicher Kompositionsidee und der spezifischen, historisch verankerten Aufführungssituation in Halberstadt zu erforschen und die Wirkung auf das Zeitempfinden der Hörer zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse der musikwissenschaftlichen Fachliteratur, philosophischer Texte zu Raum und Zeit sowie auf Interviews mit den Initiatoren und beteiligten Künstlern des Projekts.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Cages Denken, eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Komposition ORGAN²/ASLSP und eine Untersuchung der räumlichen Aspekte im Burchardi-Kloster.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Zeitkonzepte, Unbestimmtheit, Klangskulptur, Verräumlichung, Zen-Buddhismus und ästhetische Situation charakterisieren.
Warum ist das Burchardi-Kloster für das Projekt so bedeutsam?
Der Ort dient als geschichtsträchtiger, aber profaner Raum, der durch seine Architektur und Geschichte eine einzigartige Projektionsfläche bietet, die den musikalischen Prozess des Projektes spirituell und räumlich rahmt.
Inwiefern unterscheidet sich die Aufführung von einer konventionellen Installation?
Obwohl das Projekt installative Züge trägt, wird durch die kontinuierlichen Klangwechsel und die menschliche Mitwirkung an der Orgel ein prozessualer, aufführungsnaher Charakter gewahrt, der eine bloße dauerhafte Beschallung vermeidet.
- Arbeit zitieren
- Sonja Heyer (Autor:in), 2013, Zum Raum wird hier die Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232165