Favela Fiktion. Die Favela im zeitgenössischen brasilianischen Film

Cidade de Deus, Tropa de Elite und 5x Favela


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

Einleitung
Favelas in Brasilien
Favela als Begriff
Die Entstehung der Favela Fiktion
Favela Fiktion im Film: Das Cinema Novo

Die Favela im a brasilianischen Gegenwartsfilm
Cidade de Deus
Handlung
Kritik
Die Rolle der Favela
Ästhetik und Realismus der Darstellung
Tropa de Elite
Handlung
Kritik
Ästhetik und Realismus der Darstellung
Die Rolle der Favela
Exkurs: Tropa de Elite 2
5x Favela, agora por nós mesmos
Handlung
Kritik
Ästhetik und Realismus der Darstellung
Die Rolle der Favela

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wird im Allgemeinen Brasilien vor allem mit Sonne, Strand und guter Laune in Verbindung gebracht bietet sich im Land selber ein deutlich differenzierteres Bild des größten südamerikanischen Landes. In kaum einem anderen Land der Welt finde sich die heutzutage definierenden Elemente des urbanen Lebens so nah und deutlich beieinander wie in den großen Städten Brasiliens.

Auf den Hügeln in und um Rio de Janeiro, an den immer weiter ausufernden Rändern der Megastadt Sao Paulo, oder an den Küsten von Salvador da Bahia, in allen großen Städten Brasiliens finden sich die sogenannten Favelas, die Viertel der Armen, als lebendes und lebendiges Beispiel der sozialen Ungleichheit und der Urbanisierung des globalen Lebens.

Favelas in Brasilien

Favelas existieren in Brasilien schon seit über einhundert Jahren in der Regel in der Nähe oder inmitten der kleineren und größeren Städte im ganzen Land. Diese zumeist zufälligen Ansammlungen von Menschen und Behausungen dienen seit ehedem den Ärmsten der Armen als Heimat, oftmals wild gewachsen sind sie teilweise auch geplant entstanden, ohne einen positiveren Einfluss auf die Lebensweise oder die Struktur zu haben. Aktuell leben in Brasilien geschätzt 11,5 Millionen Menschen in einer Favela, dies entspricht etwa 6 % der Gesamtbevölkerung.1 Die Favelas befinden sich fast ausschließlich in urbanisierten Räumen, an deren Rändern, oder teilweise mittendrin. Entsprechend ergeben sich eine Vielzahl von Schnittstellen der interpersonalen Erfahrung und Wahrnehmung, daher ist die Bedeutung der Favelas für das nationale Zusammenleben und die tagtägliche Situation im Land sicher höher anzusiedeln als die reinen Zahlen vermuten lassen.

Favela als Begriff

Der Begriff Favela hat über die Zeit eine Entwicklung durchgemacht vom Begriff für eine Ansammlung von einfachen illegal gebauten Behausungen über den Inbegriff des Lebens in Armut, der Wahrnehmung des Wortes Favela als Synonym für Slum bis hin zum heutigen diversifizierten Verständnis eines Armutsviertel welches gleichermaßen von Gewalt und Solidarität beherrscht wird. Die Entwicklung des Begriffes wird dabei von Valladeres aus einer eher soziologischen Perspektive wie folgt beschrieben: “Favela became eventually the general denomination of an ur- ban phenomenon typical of Rio’s development from the 1920s on, whereby settlers built precarious homes in land they did not own By the 1950s it was extended to a national category used by the Brazilian census, and from the 1960s on it entered the terminology of the social sciences. Nowadays it stands in Brazil for a poor segre- gated area in the city and it is often seen contradictorily as an area of solidarity and sociability, but where violence, associated to drug dealing, is present in everyday life.”2

Die Entstehung der Favela Fiktion

Waren die Favelas im kulturellen Kontext vor allem im Hinblick die Übertragung von Samba im nationalen Radio landesweit bereit seit den 1930er Jahren bekannt, so existierte dennoch keine wirkliche Begrifflichkeit für kulturelle Produkte aus der Favela oder mit der Thematik Favela. Der Begriff „Favela Fiktion“ trat zum ersten Mal im Bereich der Literatur auf, als im Jahre 1960 zum ersten Mal ein Buch - „Quarto de Despejo“3 von Carolina de Jesus - über das Leben in der Favela erschien, welches von einer Bewohnerin ebendieser geschrieben wurde, und nicht von einem Mitglied der intellektuellen Mittel- oder Oberschicht. „Quarto de Despejo“ ist das Tagebuch von Carolina de Jesus, in diesem erzählt sie aus ihrem Leben in der Favela Canindé in Sao Paulo. Der Titel des Buches „Quarto de Despejo“ - „Zimmer aus Müll“ ist dabei wörtlich zu nehmen, Carolina de Jesus lebte im wahrsten Sinne mit- ten in Schrott und Abfall. Entsprechend echt und unprätentiös waren ihre Beschrei- bungen des Lebens in einer Favela, ein ungeschönter Einblick in die Lebenswelt eines großen Teiles der brasilianischen Bevölkerung. Hernach wurde die Bezeichnung Favela Fiktion auch in anderen kulturellen Bereichen übernommen, teilweise auch in retrospektiver Zuschreibung wie im Falle des Cinema Novo, welches die Lebens- verhältnisse in Brasilien bereits seit Mitte der 1950er Jahre relativ ungeschönt dar- stellte.

Favela Fiktion im Film: Das Cinema Novo

Zudem spielten die Favelas vor allem im Bereich des Kinos, im Kontext des soge- nannten Cinema Novo, der Bewegung des neuen Kinos, eine große Rolle. 1954 ent- standen, waren die danach folgenden Jahre bis zum Beginn der Militärdiktatur im Jahre 1964 die Blütezeit des Cinema Novo. Als Pionier des Cinema Novo gilt Nelson Pereira dos Santos4 mit seiner ersten Regiearbeit „Rio bei 40 Grad“ (Rio 40 Graus) aus dem Jahre 1955, in welcher erstmals die theoretischen Überlegungen des Ci- nema Novo in die Tat umgesetzt wurden.5 Weitere wichtige Vertreter des an der französische Nouvelle Vague orientierten Cinema Novo waren Ruy Guerra, Carlos, Diegues, Roberto Farias, Joaquim Pedro de Andrade und als wohl bedeutendster Protagonist Glauber Rocha6. Fast alle von Ihnen waren vor ihrer Zeit als Regisseur oder Produzent als Filmkritiker tätig und besaßen daher einen großen theoretischen Background im Bereich der Filmgeschichte und -Ästhetik. Das Cinema Novo setzte sich für eine neue, der brasilianischen Realität gerecht werdenden Ästhetik ein, und war vor allem geprägt von der Darstellung der großen sozialen Ungleichheit im Bra- silien der 1950er und 60er Jahre mit den zentralen Motiven Armut, Arbeitslosigkeit und politisch legitimierter Ungerechtigkeit. Dies vor allem zur Schaffung eines öf- fentlichen Bewusstseins für diese Problematiken.7

Zu den bekanntesten und bedeutendsten Werken des Cinema Novo zählen, neben „Rio bei 40 Grad“ (Rio 40 Graus), „Gott und der Teufel im Lande der Sonne“ (Deus e o diabo na terra do sol), „Überfall auf einen Geldtransport“ (Assalto ao Trem Paga- dor), „Land in Trance“ (Terra em Transe), „Wie gut schmeckt denn mein kleiner Franzose“ (Como era gostoso o meu frances), „Rio, nördliche Zone“ (Rio Zona Norte), „5x Favela“ (Cinco Vezes Favela), „Die große Stadt“ (A grande cidade) und „Die Gewehre“ (Os Fuzis).

Als Manifest und theoretische Verortung des Cinema Novo lässt sich der Aufsatz „Eine Ästhetik des Hungers“ (Estética da fome) von Glauber Rocha aus dem Jahre 1965 sehen. In diesem beschreibt Rocha das Konzept und die zugrundeliegende Idee des Cinema Novo. Nach diesem theoretischen Manifest wird das Elend, der Hunger, Lateinamerikas in Europa nur als eine Art ästhetisches Phänomen wahrge- nommen. Hunger sei aber das Wesen und die Essenz der brasilianischen Gesell- schaft und nur eine gewalttätige, erbarmungslose Darstellung desselben sei sinnvoll.8 Rocha führt weiterhin aus: „Latin hunger is not, then, just an alarming symptom: it is the very nerve of its own society. Here lies the tragic originality of Cinema Novo for the world cinema: our originality is our hunger, and our greatest woe is that, because it is felt, this hunger is not understood.”9 Für Glauber geht es um eine Ästhetik der Gewalt, welche sowohl die Wahrnehmung, als auch die Sinne und Ge- danken der Zuschauer gewaltsam beeinflusst als auch die soziologischen, politi- schen und verhaltensmäßigen Klischees zerstört. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die einfache Darstellung von richtiger Gewalt, sondern vielmehr eine sym- bolische Gewalt, oder wie Bentes treffend formuliert : „They have nothing to do with the aestheticized, explicit violence of action movies; instead they are charged with symbolic violence which leads to trance and crisis at all levels.”10 Und eben diese intentional herbeigeführte Krise ist es die das Potential des Cinema Novo so- wohl bedingt als auch darstellt, es geht um nicht weniger als eine Revolution der Darstellung und damit letztendlich der Köpfe, denn der Hunger - das Elend - wird zwar gefühlt aber in der Regel nicht intellektuell verstanden. Das Cinema Novo soll die philosophische Schwache und Ohnmacht mit Hilfe des Hungers, des Wesens, der Essenz der (brasilianischen) Gesellschaft beseitigt werden und dies zumeist in Form einer gewalttätigen Darstellung.

Die Favela im a brasilianischen Gegenwartsfilm

„se correr o bicho pega, se ficar o bicho come“11

In der aktuellen Phase des brasilianischen Kino, seit dem Jahre 1995, der sogenannten Cinema de Retomada (Kino der Rückkehr), findet sich die Favela als Thema und Hintergrund erneut wieder.

In der Zeit seit Ende der neunziger Jahre findet sich Favela Fiktion vermehrt vor al- len im Bereich des fiktionalen und non-fiktionalen Films. Neben Filmen wie Endsta- tion 174, Passing by (De Passagem) und The Air Wave (Uma onda no Ar), sind es vor allem zwei auch international erfolgreiche Filme welche das Bild der Favelas in den Medien und damit in den Vorstellungen der Menschen geprägt haben, diese sind City of God und Tropa de Elite. Beide werden im Folgenden, aufgrund ihrer heraus- ragenden Stellung in der Rezeption durch das Publikum, unter den Aspekten Hand- lung, Kritik, Ästhetik und Realismus der Darstellung Filmes und der Rolle der Favela im Film, näher betrachtet. Zudem soll der Film 5x Favela eingehender betrachtet werden, bildet dieser doch, aufgrund seiner Produktionsbedingungen und zugrun- deliegenden Idee einer Art Grass Roots Cinema, eine andere zugrundeliegende Per- spektive ab.

Cidade de Deus

Der mit Sicherheit mit der meisten rezipierte und mit der größten internationalen Aufmerksamkeit versehene Film ist Cidade de Deus - City of God - vom Regisseur Fernando de Mereilles. Der Film entstand 2002 nach dem gleichnamigen Buch von Paulo Lins - Cidade de Deus aus dem Jahre 1997, allerdings unter deutlicher Reduk- tion der Komplexität. Aus den ursprünglichen mehr als 40 Handlungssträngen ohne wirklichen Zusammenhang ist eine beispielhafte Erzählung des Lebens in der Favela und seiner Entwicklung anhand einiger Hauptprotagonisten geworden, zusammen gehalten durch die Person des Erzählers, Buscapé. Dieser ist in der Favela Cidade de Deus aufgewachsen und bildet durch seine Erlebnisse und seine Verbundenheit mit den Beteiligten das Bindeglied der Geschichte.

[...]


1 Vgl. (Estatística, 2010) - Die Zahlen stammen aus dem letzten Zensus in Brasilien, bedingt durch die hohe Fluktuation und die fast schon traditionell zu nennende Scheu vor den Institutionen des Staates der Favelados ist allerdings davon auszugehen das in der Realität deutlich mehr Menschen in einer Favela leben.

2 (Valladares, 2006)S.2

3 Das Buch ist ebenfalls unter dem Titel „Tagebuch der Armut“ auf Deutsch erschienen. Insgesamt ist das Buch in dreizehn Sprachen übersetzt worden und hat sieben Auflagen erreicht.

4 Nelson Pereira dos Santos, geboren 1928, ist immer noch als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor tätig, in den letzten Jahren vor allem im Bereich der Dokumentarfilme. Sein international bekanntestes Werk ist „Wie gut schmeckt denn mein kleiner Franzose“ (Como era gostoso o meu frances) aus dem Jahre 1971.

5 Der Film ist halb-dokumentarisch angelegt und zeigt einen typischen Tag im Leben von fünf Jungen in der Favela.

6 Glauber Rocha (1931-1981) galt als der theoretische Führer des Cinema Novo

7 Vgl. (Aggio, 2005)

8 Vgl. (Rocha, 1965)

9 Zitiert nach (Rocha, 1965)

10 (Bentes, 2003) S. 123

11 Zitat aus dem Film Cidade de Deus welches sinnbildlich steht für das Verständnis der Fa- vela im Film. Übersetzt „läufst du weg, wirst du gefangen, bleibst du, wirst du gefressen“.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Favela Fiktion. Die Favela im zeitgenössischen brasilianischen Film
Untertitel
Cidade de Deus, Tropa de Elite und 5x Favela
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Junges Kino in Lateinamerika
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V232298
ISBN (eBook)
9783656488552
ISBN (Buch)
9783656490913
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kino, Film, Lateinamerika, Brasilien, Favela, Fiktion, Cidade de Deus, City of God, Tropa de Elite, 5x Favela, Gegenwartsfilm, zeitgenössischer Film, Favela Fiktion, Cinema Novo, Glauber Rocha
Arbeit zitieren
Timo Bouerdick (Autor), 2013, Favela Fiktion. Die Favela im zeitgenössischen brasilianischen Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232298

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