Die Thematisierung der Liebe und des Ehebruches darf nicht gänzlich als neuzeitliches Phänomen verstanden werden. Vielmehr haben diese Motive auf Grund ihrer Darstellungsmöglichkeiten im Laufe der Geschichte Einfluss auf diverse Künste genommen oder fanden durch ihren Charakter immer wieder als Themenstoff eine schriftbezogene Verwendung. Insbesondere für die mittelalterlichen Gesellschaften war der Gebrauch der Liebes- und der Ehethematik von fundamentaler Bedeutung, sodass diese zu zentralen Gegenständen der Literatur avancierten. Dabei lässt sich in der Fülle der unterschiedlichen Textsorten der mittelalterlichen Literatur, in denen das Zusammenleben von Mann und Frau behandelt werden, eine durch die Autoren jener Zeit entworfene Eheauffassung erkennen, die sich nicht nur als Institution versteht, sondern zunehmend auch als einzig legitime Lebensform für die Liebesgemeinschaft zwischen beiden Geschlechtern. Doch während die Ehe als ideale Fortsetzung eines Liebesverhältnisses oder als deren einzig tolerierbarer Ort in der Literatur des Mittelalters in Erscheinung tritt, geschieht dies in einer Gesellschaft die durch patriarchalische Strukturen geprägt ist und in der sich die Ehe auf dem Weg in die Neuzeit nur allmählich über die Liebe der Partner zueinander zu definieren beginnt. Neben den großen höfischen Romanen von einzelnen Autoren wie Chrétien de Troyes oder Hartmann von Aue und des Minnesangs bildete sich schon im frühen 13. Jahrhundert eine neue Textgattung, die als relativ kurze novellenartige Verserzählung inhaltlich ein breites Themenspektrum behandelt. Doch trotz der Vielfalt der Themen, auf die diese Kurzerzählungen eingehen, zeigt sich bei näherer Betrachtung ein dominierendes Interesse hinsichtlich des Verhältnisses von Eheleuten zueinander ab, wodurch „das provozierend-revolutionäre Potential des mittelalterlichen Liebesdiskurses“ eine vollkommen neuartige Dimension erfährt. Denn während im höfischen Roman die Minne der Liebenden sich noch einer sittlichen Gesellschaftsordnung unterwirft, wird diese in der Märendichtung durch eine erotisch-sexuelle Darstellung radikalisiert, sodass ein „Einblick in die universelle Macht des Triebes [gewährt] und damit auch das Eingeständnis der menschlichen Schwäche“ thematisiert wird. Exemplarisch hierfür ist das Märe von der Suche nach dem glücklichen Ehepaar von Heinrich Kaufringer zu nennen, in der die christliche Vorstellung einer rechten Ehe der defizitären Wirklichkeit gegenübergestellt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Person des Heinrich Kaufringer
3. Klärungsversuch des Terminus Märe
4. Die Sonderstellung des Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar innerhalb der Sammlung der Münchner Handschrift cgm 270
5. Das innereheliche Konfliktpotential zwischen Mann und Frau
6. Heinrich Kaufringers Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar
6.1. Promythion
6.2. Rahmenhandlung
6.3. Erste Binnenerzählung
6.4. Zweite Binnenerzählung
6.5. Epimythion
7. Die Konstruktion der Geschlechter innerhalb des Märe durch Kaufringer
8. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Heinrich Kaufringers Märe "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar" hinsichtlich der Darstellung von Konfliktpotentialen in der ehelichen Gemeinschaft und der Konstruktion von Geschlechterbildern. Ziel ist es, den Widerspruch zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein aufzuzeigen und zu analysieren, wie Kaufringer diese Spannungsfelder in den Kontext des damaligen Eheverständnisses einbettet.
- Analyse des Autorenkorpus Heinrich Kaufringer
- Klärung der Gattung "Märe"
- Untersuchung des Ehebruchs als Störfaktor der gesellschaftlichen Ordnung
- Verhältnis zwischen öffentlichem Ansehen und privater Wirklichkeit
- Konstruktion von Geschlechterrollen in Kaufringers Erzählungen
Auszug aus dem Buch
6.2. Rahmenhandlung
Der Einstieg in die Rahmenhandlung des Märe erfolgt zunächst durch eine ausführliche Charakterisierung beider Protagonisten und eine Darstellung des von diesen gemeinsam geführten Ehelebens. Dabei gehört das Ehepaar offensichtlich dem gehobenen Bürgertum an, wobei dem Mann, ein reicher burger (V. 17) mit gros wird und er (V. 18), milt und hochgemuot (V. 19), aus guter Familie, frumm und tugentlich (V. 21), sowie erentrich (V. 22), es an nichts zu fehlen scheint, zumal seine Frau mit ihren Eigenschaften und ihrer Verhaltensweise ihn nicht nur bereichert, sondern gleichsam auch den Prototyp der getriuwen Frau nach christlicher Vorstellung verkörpert.
Denn an er und frumkait hett si vil (V. 31), fügt sich gehorsam seinem Willen, besitzt tugent oun endes zil (V. 32) und ist ihm darüber hinaus ein säligs weib (V. 29). Zusammen scheinen beide eine wahrhaftig harmonische Beziehung zu führen, wobei seine Frau was im lieb sam sein leib (V. 30) und diese wiederum dem willen sein (V. 33) war. Gleichsam muss der Mann seiner Frau zugestehen, dass auch ihr Ruf in der ganzen Stadt unbescholten ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung der Liebes- und Ehethematik in der mittelalterlichen Literatur ein und benennt das Forschungsinteresse an Kaufringers Märendichtung.
2. Zur Person des Heinrich Kaufringer: Das Kapitel beleuchtet den aktuellen Wissensstand über den historischen Autor und seine Einordnung in das literarische Umfeld des 14. und 15. Jahrhunderts.
3. Klärungsversuch des Terminus Märe: Hier erfolgt eine Auseinandersetzung mit der gattungspoetologischen Problematik und den Definitionsversuchen des Märe als literarische Kleinform.
4. Die Sonderstellung des Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar innerhalb der Sammlung der Münchner Handschrift cgm 270: Das Kapitel analysiert die Bedeutung der Handschrift als Kontext für Kaufringers Erzählungen und die zentrale Stellung des untersuchten Märe.
5. Das innereheliche Konfliktpotential zwischen Mann und Frau: Dieser Abschnitt erörtert die mittelalterlichen Vorstellungen von Ehe und Geschlechterdifferenz sowie deren Potenzial als Konfliktfelder.
6. Heinrich Kaufringers Märe Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar: In diesem Kapitel wird das Werk anhand von Prolog, Rahmenhandlung, Binnenerzählungen und Epilog detailliert inhaltlich und motivisch untersucht.
7. Die Konstruktion der Geschlechter innerhalb des Märe durch Kaufringer: Dieses Kapitel diskutiert die ambivalente Darstellung von Männern und Frauen sowie die gesellschaftliche Funktion der Geschlechterrollen im Märe.
8. Schluss: Der Schluss fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und reflektiert über einen möglichen Gegenwartsbezug der im Märe behandelten Themen.
Schlüsselwörter
Heinrich Kaufringer, Märe, Ehethematik, Ehebruch, Mittelalter, Münchner Handschrift cgm 270, Geschlechterbilder, Literaturwissenschaft, Rahmenhandlung, Binnenerzählung, Johannesminne, Eheverständnis, Soziales Gefälle, Privates Sein, Öffentlicher Schein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht das Märe "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar" von Heinrich Kaufringer, um das Konfliktpotential und die Geschlechterkonstruktionen innerhalb mittelalterlicher Ehen zu analysieren.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören das Eheideal des Mittelalters, die literarische Darstellung von Ehebruch, die Diskrepanz zwischen öffentlichem Ansehen und privater Realität sowie die Geschlechterrollen in der spätmittelalterlichen Dichtung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kaufringer den Widerspruch zwischen dem Idealbild einer christlichen Ehe und der defizitären Wirklichkeit in seinen Erzählungen thematisiert und welche Rückschlüsse dies auf seine Geschlechterbilder zulässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin/der Autor stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Textanalyse unter Einbeziehung des historischen Kontextes, der gattungsspezifischen Merkmale von Mären sowie relevanter Forschungsliteratur.
Welche Inhalte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Gattungsbestimmung des Märe, die Einordnung des Textes in die Münchner Handschrift cgm 270 und eine detaillierte Analyse der Struktur (Rahmen- und Binnenerzählungen) des ausgewählten Werkes.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Analyse?
Wichtige Begriffe sind Heinrich Kaufringer, Ehe, Märe, Geschlechterkonstruktion, Ehebruch, Mittelalter und die Dichotomie von Schein und Sein.
Was genau hat es mit der sogenannten "Johannesminne" im Text auf sich?
Die Johannesminne ist ein ritueller Trunk, den der Ehemann im Märe seine Frau täglich trinken lässt, um sie an ihren begangenen Ehebruch zu erinnern, was als Ausdruck der gestörten Beziehungsdynamik fungiert.
Warum spielt die Handschrift cgm 270 eine so wichtige Rolle für diese Untersuchung?
Diese Handschrift ist die einzige Überlieferungsquelle für Kaufringers Werk und ihre spezifische Zusammenstellung der Texte ermöglicht Rückschlüsse auf einen bewussten Gestaltungswillen des Autors.
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- B.A. Adrian Witt (Author), 2013, Über die Darstellung des Widerspruches zwischen privatem Sein und öffentlichem Schein innerhalb des Märe "Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar" von Heinrich Kaufringer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232598