Die Welt von George Orwells „1984“: Zwischen fiktivem Schrecken und realer Bedrohung


Fachbuch, 2013

275 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Miriam Helisch (2003): Zu George Orwells '1984'
Einleitung
Intention und Rezension des Werkes
Aufbau und Handlung des Romans
Der Oligarchische Kollektivismus Ozeaniens
Die ozeanische Gesellschaftsordnung
Manipulation des Geistes: „Doppeldenk“ und „Neusprech“
Das Internationale System: „Krieg ist Frieden“
Macht als Selbstzweck
Ausblick: Lösung der drei gesellschaftspolitischen Grundprobleme
Bibliographie:

Carl Sulz (2006): Die perfekte totalitäre Herrschaft. Elemente des Totalitarismus nach Orwells „1984“
Einleitung
Elemente der perfekten totalen Herrschaft
Das Ende der Geschichte
Résumé
Literaturverzeichnis

Oliver Trenk (2004): Orwell's Oceania and the U.S.A. after September 11: Will Fiction Become Fact?
INSPIRATION
INTRODUCTION
Why Orwell?
Preliminary Personal Observations
Rise of Surveillance
The Ramification of Totalitarian Aspects Granted by the Government
Examples of Orwellian Surveillance
Thought Control and Suppression of Free Speech
The Secrecy of the Government and its Control of the News
CONCLUSION
Bibliography
APPENDIX

Einzelpublikationen

Miriam Helisch (2003): Zu George Orwells '1984'

Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der 1949 publizierten Dystopie „1984“ von George Orwell[1], welche nicht nur zu den meistgelesenen, sondern auch zu den am kontroversesten diskutierten Büchern der Weltliteratur zählt.

Im Kapitel „Intention und Rezension des Werkes“ werde ich darlegen, welche Intention der Zeit seines Lebens politisch denkende und schreibende Orwell mit seinem letzten Roman verfolgte.

Um dem Leser einen besseren Überblick hinsichtlich der textimmanenten Analyse zu geben, werde ich im folgenden Kapitel Aufbau und Handlung des Romans in einer Kurzzusammenfassung vorstellen.

Eines der zentralen Anliegen Orwells war es, zu zeigen, wie ausgehend von der politischen und sozialen Weltlage zur Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts eine post-totalitäre Schreckensherrschaft weltweit die Macht ergreift. Die historische Entwicklungsgeschichte des Systems sowie Fundament und Struktur der Herrschaft, werden im Kapitel „Der Oligarchische Kollektivismus Ozeaniens“ dieses Aufsatzes erörtert.

Bei der Untersuchung von „1984“ als moderner Anti-Utopie ist dem Aspekt Rechnung zu tragen, dass Orwell mit seinem Entwurf der autoritär-etatischen Utopie-Tradition eine radikale Absage erteilt. Daher ist meine Vorgehensweise wie folgt: Parallel zu der Analyse des sozio-politischen Systems werde ich in den jeweiligen Kapiteln herausarbeiten, wie der Autor die Menschheit vor den dem utopischen Gedankengut immanenten totalitären Tendenzen, welche erst in der jüngsten Vergangenheit so verheerende Wirkung gezeigt hatten, warnt.

Im Kapitel „Die ozeanische Gesellschaftsordnung“ werde ich den hierarchischen Staatsaufbau und die Funktion der einzelnen Glieder des dystopischen Leviathans rekonstruieren. Das Kapitel „Manipulation des Geistes“ schildert den metaphysischen Überbau des Regimes. Um das Ich-Bewusstsein des Individuums durch das Kollektivbewusstsein zu ersetzen, muss der menschliche Geist manipuliert und durch den verinnerlichten gesellschaftlichen Zwang kontrolliert werden.

In Übereinstimmung mit James Burnham sah Orwell im modernen Totalitarismus, verkörpert in Form des oligarchischen oder bürokratischen Kollektivismus, eine weltweite Gefahr. Das Kapitel „Das Internationale System: ‚Krieg ist Frieden’“, in dem ich das internationale System und den permanenten Kriegszustand untersuche, ist damit von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Romans.

Das Kapitel „Macht als Selbstzweck“ beschäftigt sich mit der Macht als pervertierendem Faktor, durch den der Glaube an die emanzipatorische Vernunft diskreditiert wurde. Das psychologische Profil der Täter, die sich offiziell als Retter der Menschheit sehen, sich aber ebenso darüber im Klaren sind, dass ihr ideales Gemeinwesen ein System des „kontrollierten Wahnsinns“ ist, bildet die Voraussetzung für die abschließende Betrachtung der drei gesellschaftspolitischen Grundprobleme.

Bei der Bearbeitung des Themas war der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es sich bei „1984“, wie Orwell selbst zu bedenken gab, um eine dystopische Satire handelt.

Intention und Rezension des Werkes

Eingangs möchte ich darauf hinweisen, dass Orwells „1984“ wie kaum eine andere Utopie der Weltliteratur aus verschiedenen Perspektiven beziehungsweise mit unterschiedlicher Akzentuierung zentraler Aspekte interpretiert wurde. Ich denke (und das ist auch der Tenor der neueren Forschung), dass Orwells literarische Berufung und sein politisches Bewusstsein und Engagement eine Einheit bilden. Seine Werke tragen unbestritten autobiografische Züge. Dies gilt insbesondere für „1984“, das letzte und wohl berühmteste Buch des Autors, welchem testamentarischer Charakter zugeschrieben wird.

Orwell ein politischer Schriftsteller

Wie Orwell erklärte, ist für einen Schriftsteller der Gegenstand seiner Kunst bestimmt durch die Epoche, in der er lebt, zumindest wenn es sich um ein so unruhiges, revolutionäres Zeitalter handelt wie das seine.

“In a peaceful age I might have written ornate or merely descriptive books, and might have remained almost unaware of my political loyalties. As it is I have been forced into becoming a sort of pamphleteer.”[2]

In der Tat bezeugen Leben und Werk Orwells seine intensive Auseinandersetzung mit den bestimmenden Kräften des Zwanzigsten Jahrhunderts.

“I write because there is some lie that I want to expose, some fact to which I want to draw attention, and my initial concern is to get a hearing.”[3]

Vor allem drei persönliche Erfahrungen in seiner bewegten Biographie formten Verständnis, Weltsicht und schriftstellerische Ambition Orwells, der neben neun Romanen siebenhundert Essays und Artikel verfasste.[4]

Nach seinem Collegeabschluss in Eton diente Orwell fünf Jahre in der britischen ‚Indian Imperial Police’ in Burma. Er wurde Zeuge der dort herrschenden Missverhältnisse und war bald von den Methoden der Kolonialmacht angewidert. Die der imperialistischen Geisteshaltung nach legitime Ausbeutung und Erniedrigung der einheimischen Bevölkerung widersprach seinem Gerechtigkeitsempfinden. Orwells lebenslanger Hass auf den Imperialismus und seine Einsicht in die Psychologie der Unterdrücker spricht aus vielen seiner Werke.

Als besonders prägend sind auch die Jahre anzusehen, die Orwell als mittel- und erfolgloser Gelegenheitsarbeiter in den Proletariervierteln von London und Paris verbrachte. Er erlebte am eigenen Leib die erniedrigende Unfreiheit, die mit der Armut einhergeht. Das durch diese Erfahrung geschärfte Bewusstsein für Existenz und Bedeutung der Arbeiterklasse fand in seinen literarischen und journalistischen Schriften weitreichenden Niederschlag.

Den entscheidenden, wegweisenden Wendepunkt in Orwells Leben stellen zweifelsohne die seine Weltsicht erschütternden Erfahrungen während des Spanischen Bürgerkrieges dar. Sie bestimmten definitiv Orwells politischen Standort und literarische Berufung und ließen ihn zu dem ‚Mahner’ und ‚Warner’ werden, als der er in die Geschichte einging.

“The Spanish war and other events in 1936-37 turned the scale and thereafter I knew where I stood. Every line of serious work that I have written since 1936 has been written, directly or indirectly, against totalitarianism and for democratic socialism, as I understand it.”[5]

Waren zuvor Imperialismus und Faschismus die Hauptübel, welche es für Orwell zu bekämpfen galt, enthüllten sich ihm in Barcelona der russisch geführte kommunistische Terror und seine Methoden der bewussten Täuschung. 1936 kämpfte Orwell in der heterodox marxistischen POUM-Miliz gegen das faschistische Franco-Regime. Die Moskauhörige spanische KP richtete ihre totalitären Methoden jedoch auch gegen ihre eigentlichen Verbündeten, die Anarchisten und demokratischen Sozialisten. Diese wurden als trotzkistisch-francistische Verräter diffamiert und durch die Strassen Barcelonas gejagt.

Orwell, Zeit seines Lebens Verfechter früh-sozialistischer Ideale, erkannte, dass Faschismus und Kommunismus nur zwei unterschiedliche Erscheinungsformen des Totalitarismus waren, dessen Ausbreitung eine friedliche, humane Zukunft der Menschheit verhindern würde.

Nur knapp der Liquidierung entkommen, musste Orwell entsetzt feststellen, dass die britische Presse die Ereignisse, deren Augenzeuge er war, nicht wahrheitsgemäß kolportierte, sondern zugunsten der kommunistischen Seite verfälschte. Angesichts der weit verbreiteten unkritischen Haltung der westlichen Intelligenzija gegenüber Stalin fürchtete er, diese könnte endgültig den Lockungen totalitären Gedankenguts erliegen.

“1984”: Interpretation und historischer Kontext

Orwell ging es, wie aus dem vorangegangenen Kapitel deutlich geworden ist, de facto nicht um abstrakte politische Philosophie. Der generellen Sichtweise der neueren Utopie-Forschung zufolge ist „1984“ zum einen eine Gegenwartsanalyse, auf der Basis persönlicher Wahrnehmung und Erfahrung, zum Anderen eine Schreckens-Version der Zukunft, die eintreten könnte, falls der Totalitarismus weltweit triumphiert.[6]

Faschismus, Nationalsozialismus und der real existierende Sozialismus hatten der Welt die nicht zu überschätzende Gefahr demonstriert, die von der Realisierung autoritär-etatistischer Utopien ausgeht. Ebenso wie Samjatin und Huxley suchte Orwell in „1984“ die strukturellen Defizite der autoritären Staats- bzw. Ordnungsutopien durch deren Selbstentlarvung deutlich zu machen.[7]

Nicht nur die dem Werk immanente Vielschichtigkeit und die Tatsache, dass das Opus unabhängig von der ursprünglichen Intention des Künstlers diverse Deutungsmöglichkeiten zulässt, sondern auch der historische Kontext zum Zeitpunkt der Veröffentlichung führten zu einer äußerst kontroversen Auslegung von „1984“. Im Zuge des beginnenden Kalten Krieges wurde das Buch allen voran von US-amerikanischer Seite als ideologische Waffe gegen das Sowjet-Regime instrumentalisiert und als fundamental anti-sozialistisch interpretiert. Mit dieser einseitigen Auslegung seines Werkes fühlte sich Orwell grundlegend missverstanden, was ihn dazu veranlasste, selbst zahlreiche eindrückliche Statements bezüglich der „1984“ zugrundeliegenden Intention abzugeben.

„My recent story is not intended as an attack on socialism or on the British Labour Party (of which I am a supporter) but as a show up of the perversions to which a centralized economy is liable and which have already been partly realized in Communism and Fascism. I do not believe that the kind of society I describe necessarily will arrive, but I believe (allowing of course for the fact that the book is satire) that something resembling it could arrive. I believe also that totalitarian ideas have taken root in the minds of intellectuals everywhere, and I have tried to draw these ideas out to their logical consequences. The scene of the book is laid in Britain in order to emphasize that the English-speaking races are not innately better than anyone else and that totalitarianism, if not fought against, could triumph anywhere.”[8]

Von linker Seite wurde dem Roman, da er den Ruf des Sozialismus und Kommunismus zu schädigen drohte, der politische Wahrheitsgehalt abgesprochen. Orwells warnende Botschaft wurde personalisiert und psychologisiert.[9] Man deutete das Werk als Ausfluss der persönlichen Frustration des schwer tuberkulose-kranken Autors und unterstellte ihm, sein eigenes Leid hätte ihn zu einer düsteren Gesellschaftssatire veranlasst. Mag Orwells Agonie die Entstehung von „1984“ auch mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinflusst haben, so lassen sich doch meiner Ansicht nach die diversen impliziten wie expliziten Hinweise auf den Horror des stalinistischen Despotismus nicht ignorieren. Es ist nicht zu leugnen, dass eine tiefe Desillusionierung hinsichtlich der Realisierbarkeit des utopischen Sozialismus Niederschlag in diesem letzten Werk Orwells gefunden hat. Ebenso wie der Nationalsozialismus stellte das sowjetische Regime nach dem Scheitern des bolschewistischen Experiments ein historisches Vorbild für die in „1984“ geschilderte, post-totalitäre Schrecksherrschaft dar. Durch die eindeutigen Parallelen zu diesen abschreckenden Beispielen unmenschlicher Barbarei intendierte Orwell, auf die Bedrohung, die von solchen Systemen ausgeht, aufmerksam zu machen.

Aufbau und Handlung des Romans

Die Geschichte ist aus der Perspektive der ‚Dritten Person’ erzählt und spielt, wie der Titel sagt, im Jahre 1984. Der Schauplatz des Geschehens ist England beziehungsweise London, welches zu dieser Zeit die Bezeichnung „ Landefeld Eins “ trägt und zum Kernland der Supermacht „ Ozeanien” gehört.[10]

Der Protagonist des Romans, um den herum die gesamte Handlung aufgebaut ist, heißt Winston Smith. Orwell fokussierte sich ganz bewusst auf diesen zum Scheitern verurteilten Helden, in dessen Welt der Leser versetzt wird. Die übrigen Charaktere und soziale Interaktionen erscheinen eher skizzenhaft, wodurch zum Ausdruck gebracht wird, wie gleichförmig das Leben 1984 ist. Der Autor stellte den Kampf des Individuums gegen den allmächtigen totalitären Staatsapparat in den Vordergrund. Persönlichkeit, Charakter und Schicksal der Haupt- beziehungsweise Identifikationsfigur sind daher von elementarer Bedeutung für das Verständnis des Romans.

Das Buch ist in drei Teile untergliedert. Die Handlung beginnt, als Winston kritische Gedanken gegen die Parteidiktatur entwickelt. Im ersten Part erfährt der Leser durch die detaillierte, naturalistische Schilderung der Lebensumstände des Protagonisten Winston Smith, wie die Welt von „1984“ aussieht. Es ist eine totalitäre Welt, in der eine winzig kleine Oligarchen-Riege alles kontrolliert, sogar die Gedanken und Gefühle der Bürger. Der Roman geht von einem internationalen System aus, das in drei große Machtblöcke zerfällt, die sich in einem permanenten Kriegszustand befinden. Winston, der noch vor der Revolution geboren wurde, ist Mitglied der Äußeren Partei und arbeitet im „ Ministerium für Wahrheit “, wo er damit befasst ist, Berichte und Zeitungsartikel der Parteidoktrin entsprechend umzuschreiben.

Im zweiten Teil des Buches geht es vor allem um die Entwicklung der Liebes-Affäre zwischen Winston und Julia, einer Parteigenossin, die ebenfalls revolutionärer Gesinnung ist. Für kurze Zeit gelingt es ihnen, sich eine eigene Welt zu schaffen, wo sie ihre Gefühle und menschlichen Triebe ausleben, sprich, sie selbst sein können. Das Paar vertraut sich O’Brien, einem Mitglied des inneren Parteikaders, an, den Winston ebenfalls für einen Dissidenten hält. Dieser nimmt sie scheinbar in die Widerstandsgruppe „ Die Bruderschaft “ auf und händigt Winston das von Emanuel Goldstein, dem Begründer und Anführer der Rebellen-Bewegung, verfasste Buch „ Theorie und Praxis des oligarchischen Kollektivismus “ aus. Aus der Lektüre erfahren Winston beziehungsweise der Leser, wie das System en detail funktioniert. An dieser Stelle ist anzumerken, dass es sich hierbei sozusagen um ein Buch im Buch handelt, welches ungefähr zehn Prozent der gesamten Novelle ausmacht. Es ist anzunehmen, dass Orwell diesen Kunstgriff wählte, um sachlich, präzise und direkt über Ideologie, Gesellschaftsstruktur und Herrschaftsmethoden einer totalitär-hierarchischen Welttyrannei aufzuklären.

Bevor Winston Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ findet, wird er verhaftet. Er war O’Brien, in Wahrheit einer der Chef-Inquisitoren der Inneren Partei, der Winston schon seit sieben Jahren als potentiellen Regimegegner überwachte, in die Falle gegangen.

Im Zentrum des dritten Teils steht die Bestrafung Winstons. Unter der von O’Brien geleiteten psychischen und physischen Folter lernt er am eigenen Leib das Wesen der Macht kennen und versteht, dass Macht in der totalitären Diktatur nicht Mittel, sondern Endziel ist. Für das Individuum gibt es letzten Endes kein Entrinnen, in der Schlüsselszene wird Winston dazu gebracht, dies zu akzeptieren. Der dystopische Held wird entmenschlicht und gebrochen, aber als konformes Parteimitglied in den totalitären Alltag entlassen.

Der Oligarchische Kollektivismus Ozeaniens

Goldsteins Buch, welches Orwell – wie bereits erwähnt – als Sprachrohr benutzt, beschreibt retrospektiv die historische Entwicklung, die zur Gesellschafts- bzw. Weltordnung, wie sie 1984 vorherrscht, führte.

Der Ursprung: Scheitern des utopischen Ideals

In dieser Schilderung nennt Orwell explizit Gründe für den dialektischen Umschwung von den klassischen Sozialutopien zu den nach den Zwanziger Jahren dominierenden negativen oder schwarzen Utopien, in deren Tradition er seinen Roman „1984“ sah.

Betrachtet man die Evolution von Mensch und Gesellschaft, so zeigt sich, dass sich Geschichte als Geschichte von Kämpfen um Macht konstituiert.

„Von Anbeginn der geschichtlichen Überlieferungen (…) gab es auf der Welt drei Arten von Menschen: die Oberen, die Mittleren und die Unteren (…) die Grundstruktur hat sich nie gewandelt.“[11]

Stets versuchten die Oberen ihren Machtanspruch und damit die Ungleichheit der Menschen festzuschreiben, während „die Mitte unter dem Banner der Gleichheit“[12] und durch Mobilisierung der Unterschicht Revolutionen führte. Sobald allerdings die alten Machthaber gestürzt waren, schwangen sich die ehemals so egalitär gesonnnen Mittelgruppen selbst zur Herrschaftselite auf und errichteten eine neue Tyrannei, um ihre Position zu sichern.

Auf Grund des technischen Fortschritts war seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Gleichheit der Menschen faktisch möglich geworden. Obwohl das utopische Ideal eines „irdischen Paradieses“ greifbar nah schien, wurde es dennoch nicht realisiert, sondern diskreditiert. Dies gilt in der politischen Utopienforschung als eine der entscheidenden Ursachen für den Umschlag zur Dominanz negativer Utopien.

Ein wesentliches Element der klassischen Sozialutopie war deren Hoffnung auf eine emanzipatorische Funktion des naturwissenschaftlichen und technischen Fortschritts.[13] In der Entfaltung der industriellen Produktivkräfte sah man den Schlüssel zur Lösung des Verteilungsproblems. Durch die Hebung des allgemeinen Lebensstandards würde die Menschheit endlich aus Elend und Verdummung befreit werden. „Aber es war ebenfalls klar, dass ein allgemein wachsender Wohlstand die Fortdauer einer hierarchischen Gesellschaft bedrohte, ja, in gewissem Sinne ihren Untergang bedeutete.“[14] Die Machthabenden taten folglich alles, um die Schaffung institutioneller Rahmenbedingungen für eine gerechte Verteilung zu verhindern. Der emanzipatorische Anspruch wurde in sein Gegenteil verkehrt, Wissenschaft und moderne Technik wurden von totalitären Regimes usurpiert, um die Ungleichheit zu manifestieren.

„(…) im vierten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts waren alle Hauptströmungen politischen Denkens autoritär. (…) Jede neue politische Theorie, welchen Namen sie sich auch geben mochte, führte zurück zur Hierarchie und Reglementierung. Und im Zuge der um das Jahr 1930 allgemein einsetzenden politischen Verhärtung wurden lange, in manchen Fällen seit Hunderten von Jahren aufgegebene Praktiken – wie Inhaftierung ohne Prozess, die Verwendung von Kriegsgefangenen als Arbeitssklaven, öffentliche Hinrichtungen, Folterung zwecks Geständniserpressung, Geiselnahme und Deportation ganzer Bevölkerungen – nicht bloß allgemein wieder eingeführt, sondern auch von Leuten toleriert und sogar verteidigt, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten.“[15]

Das theoretisch-ökonomische Fundament

Die staatstragende Ideologie des Oligarchischen Kollektivismus Ozeaniens trägt die Bezeichnung „ Engsoc “, was für „Englischer Sozialismus“ steht.

Nach der revolutionären Dekade Mitte des 20. Jahrhunderts traten weltweit „ Engsoc “ und seine Rivalen, der „ Neo-Bolschewismus “ Eurasiens sowie der „ Todeskult “ in Ostasien, als fertig ausgearbeitete politische Theorien in Erscheinung. Sie entwickelten sich ausgehend von den totalitären Regimes, welche in den Dreißiger und Vierziger Jahren dominant waren.

„Der Sozialismus, eine Theorie, die im frühen Neunzehnten Jahrhundert auftauchte und das letzte Glied in der Gedankenkette bildete, die zu den Sklavenaufständen der Antike zurückreichte, war noch stark infiziert vom Utopismus früherer Epochen. Doch in jeder seiner nach dem Jahr 1900 auftauchenden Varianten ließ der Sozialismus das Ziel, Freiheit und Gleichheit zu schaffen, immer offener fallen. Die neuen Bewegungen, die um die Jahrhundertmitte auftraten – Engsoc in Ozeanien, Neo-Bolschewismus in Eurasien, Todes-Kult in Ostasien -, hatten das erklärte Ziel, Unfreiheit und Ungleichheit fortbestehen zu lassen. Diese neuen Bewegungen erwuchsen natürlich aus den alten und waren bestrebt, deren Namen beizubehalten und ihren Ideologien Lippenbekenntnisse zu zollen. Doch sie hatten zum Ziel, den Fortschritt anzuhalten und die Geschichte in einem ganz bestimmten Moment einzufrieren. (…) Diesmal würden die Oberen durch eine gezielte Strategie ihre Position dauerhaft behaupten können.[16]

Aus diesen Zeilen spricht, wie dies im Übrigen für viele zentrale Passagen des Romans zutrifft, Orwells tiefe Desillusionierung hinsichtlich des real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion. Durch die bolschewistische Oktoberrevolution 1917 war letztendlich doch kein wirklicher Wandel der gesellschaftlichen Struktur herbeigeführt worden. James Burnham, dessen 1941 erschienenes Buch „Das Regime der Manager“ Orwell nachhaltig beeinflusste, beschrieb die Verhältnisse wie folgt:

„Von den drei entscheidenden Merkmalen der sozialistischen Gesellschaft – Klassenlosigkeit, Freiheit und Internationalität – ist Russland heute unermesslich viel weiter entfernt als während der ersten Jahre der Revolution.“[17]

In „1984“ übernimmt Orwell Burnhams Hauptthese, dass den kranken Kapitalismus nicht der utopische Sozialismus beerben werde, sondern eine neue, auf Kollektiveigentum basierende Ausbeutergesellschaft von technokratischen Managern. In der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland waren Vorformen dieser neuen Gesellschaftsordnung zu erkennen.

In Orwells dystopischem Entwurf verläuft die Entwicklung folgendermaßen: Die geistigen Väter des „Engsoc“ hatten aus der zyklischen Bewegung der Geschichte und aus den Fehlern früherer Diktaturen gelernt. Sie hatten erkannt, dass es für die Oligarchie, die sie in den Jahren nach der Revolution begründeten, „nur eine sichere Basis gab: den Kollektivismus“[18]. Denn „Wohlstand und Privilegien lassen sich am leichtesten verteidigen, wenn sie Gemeinschaftsbesitz sind“[19].

Die Abschaffung der privaten Eigentumsverhältnisse, mittels derer sich die Parteioligarchie mühelos die Herrschaft aneignen konnte, diente nur der Befestigung der sozialen Ungleichheit. Die Partei sicherte auf diese Weise den Fortbestand der hierarchischen Gesellschaftsordnung im Interesse ihres eigenen absoluten Machtanspruchs.

Das Ziel des oligarchischen Kollektivismus ist daher auch keinesfalls Produktionssteigerung, sondern die Verallgemeinerung des materiellen Mangels. Der Notstand dient vor allem dazu, das Volk weiterhin unmündig zu halten. Durch Armut verdummt und abgestumpft kann es sich nicht heranbilden und lernen selbstständig zu denken. Die breite Masse ist mit der bloßen Existenzsicherung beschäftigt und durch Propaganda und Unterhaltung zu befriedigen. Hier wird evident, warum die Partei „Unwissenheit ist Stärke“ als eine ihrer Parolen ausgibt. Der systematisch herbeigeführte allgemeine Verknappungszustand wird den Bürgern gegenüber durch die staatlich propagierte kollektive Ethik des Verzichts getarnt.

Der Unterdrückungs- und Überwachungsstaat

Nach der Machtübernahme durch die Partei wurden sämtliche Errungenschaften der Aufklärung und damit alle demokratisch-freiheitlichen Grundrechte sofort eliminiert.

Die winzige oligarchische Führungsriege sichert ihre Macht durch einen lückenlosen und grausamen Unterdrückungs- und Überwachungsapparat. Ein Parteimitglied lebt von der ‚Wiege bis zur Bahre’ „unter den Augen der Gedankenpolizei[20]. Um zu verdeutlichen, dass eben zitierte Aussage durchaus wörtlich zu verstehen ist, möchte ich an dieser Stelle auf die sogenannten „ Telescreens “ zu sprechen kommen. Es handelt sich dabei um Fernsehgeräte, die in beide Richtungen senden und empfangen und außer in den Proles-Bezirken omnipräsent sind. In jedem Zimmer der Wohnung eines Parteimitglieds ist ein solches Gerät installiert. Es gibt nur einen einzigen Kanal, der ausschließlich Parteipropaganda ausstrahlt und nicht abgeschaltet werden darf. Da der Monitor zudem wie eine Überwachungskamera funktioniert, kann das Parteimitglied jede Sekunde belauscht und beobachtet werden.

Jeder unorthodoxe Gedanke, jedes non-konforme Gefühl wird als schweres Delikt geahndet, der Delinquent umgehend liquidiert oder in ein Zwangsarbeitslager verbannt.

Das Paradoxe dabei ist, dass es in Ozeanien kein Gesetz gibt:

„Gedanken und Taten, die bei Entdeckung den sicheren Tod zur Folge haben, sind nicht formell verboten, und die endlosen Säuberungswellen, Verhaftungen, Folterungen, Einkerkerungen und Vaporisationen werden nicht als Strafe für wirklich begangene Delikte verhängt, sondern dienen lediglich zur Auslöschung von Personen, die vielleicht irgendwann in der Zukunft einmal ein Delikt begehen könnten.“[21]

Die Überwachungsspezialisten sind darauf geschult, kleinste Anzeichen innerer Unruhe oder ähnliche potentielle Symptome eines Gedankendelikts in Mimik oder Gestik zu erkennen. Das Parteimitglied ist also gezwungen, seine Gesichtszüge jederzeit absolut zu kontrollieren, da es sonst ein im Neusprech-Jargon „Blickdel“ genanntes Delikt begeht.[22]

„Der Wissenschaftler von heute ist (…) eine Mischung aus Psychologe und Inquisitor, der mit minutiöser Genauigkeit die Bedeutung des Minenspiels, der Gesten und des Tonfalls studiert und die wahrheitsfördernden Wirkungen von Drogen, Elektroschocks, Hypnose und körperlicher Folter testet (…)“.[23]

Helikopter und normale Polizei patrouillieren zusätzlich, selbst in der freien Natur sind Mikrophone installiert, so dass es für das Individuum praktisch keine Möglichkeit gibt, dem Überwachungsnetz zu entfliehen.

Unbestritten lieferten Nazi-Deutschland und der Stalinismus die historische Vorlage für die in Orwells Schreckensvision – teilweise satirisch überspitzt - beschriebene Terrorherrschaft. Dies gilt nicht nur für Methoden und generelle Suppressionspraxis der ozeanischen Parteidiktatur, sondern auch für die Struktur der Gesellschaft, wie im Folgenden deutlich wird.

Die ozeanische Gesellschaftsordnung

Elementares Merkmal der ozeanischen Gesellschaft mit ihrer Staatsform des „Oligarchischen Kollektivismus“ ist der pyramidale Aufbau.

Der Grosse Bruder

An der Spitze des Staates steht eine Führerfigur namens „Großer Bruder“. Dieser ist keine reale Person, sondern „(…) die Gestalt, in der es der Partei beliebt, sich der Welt zu präsentieren. Er erfüllt die Funktion einer Sammellinse für Liebe, Furcht und Verehrung, für Gefühle, die man leichter gegenüber einem Einzelmenschen als gegenüber einer Organisation empfindet.“[24]

Nach den Grundsätzen des „Engsoc“ ist der Führer unfehlbar und allmächtig. Sein Gesicht ist auf Plakaten, den „Telescreens“ und nahezu sämtlichen Alltagsgegenständen omnipräsent, untertitelt mit dem Slogan „Der Grosse Bruder sieht Dich“, aber in persona wurde er noch nie gesehen.

Es ist evident, dass Stalin, dem sogar das optische Erscheinungsbild des fiktiven Führers nachgezeichnet ist, sowie Hitler, Franco und andere totalitäre Despoten, Orwell als abschreckende historische Vorbilder für den „Grossen Bruder“ dienten. Symbolisch steht Big Brother für jeden Diktator überall.

Die Partei

Unterhalb des Grossen Bruders folgt in der Hierarchie die Partei, deren Mitgliedszahl insgesamt circa fünfzehn Prozent der Bevölkerung ausmacht. Sie ist aufgeteilt[25] in die Innere Partei mit einem Gesamtbevölkerungsanteil von ungefähr zwei Prozent, und die Äußere Partei, zu der etwa dreizehn Prozent des ozeanischen Volkes zählen.

Seit der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts besteht die einzig wirkliche Gefahr für das konsolidierte oligarchisch- kollektivistische Regime „in der Abspaltung einer neuen Gruppe fähiger, nicht ausgelasteter, machthungriger Personen und im wachsenden Liberalismus und Skeptizismus in ihren eigenen Reihen. Das Problem ist somit erzieherischer Natur. Es besteht in der dauernden Bewusstseinsformung sowohl der leitenden Gruppe als auch der unmittelbar unter ihr stehenden größeren exekutiven Gruppe. Das Bewusstsein der Massen muss nur in negativer Weise beeinflusst werden.“[26]

Bei Parteimitgliedern wird daher nicht die minimalste Meinungsabweichung toleriert, ihr Leben wird bis ins intimste Detail von der Partei diktiert und entsprechend überwacht. Die Glaubensbasis der ozeanischen Gesellschaft, wonach der Grosse Bruder allmächtig und die Partei unfehlbar ist, muss völlig verinnerlicht sein. Von einem Parteimitglied wird erwartet, dass es die richtigen Ansichten und Instinkte hat. Dabei werden „(…) viele der ihm abgeforderten Überzeugungen und Verhaltensweisen (…) nie direkt formuliert und können auch nicht formuliert werden, ohne die dem Engsoc innewohnenden Widersprüche aufzudecken“.[27] Das von der Partei geforderte Persönlichkeitsprofil ist in folgendem Zitat auf den Punkt gebracht:

„Es (das Parteimitglied) soll in dauerndem Hass auf ausländische Feinde und innere Verräter, in ständigem Siegestaumel und in unablässiger Selbstdemütigung vor der Macht und Weisheit der Partei leben.“[28]

Die Innere Partei

Die Mitglieder der Inneren Partei, die auch „als das Gehirn des Staates bezeichnet“[29] wird, stellen die oligarchische Führungsriege dar, in deren Händen die gesamte Staatsmacht konzentriert ist. Diese etwa sechs Millionen Angehörige umfassende und daher verhältnismäßig winzige neue Kaste der Oberen ging aus der Mittelschicht und der gehobenen Arbeiterklasse hervor. Ihre Mitglieder besetzen die höchsten Posten in der Verwaltung des Ozeanischen Staates, wohnen in komfortabel eingerichteten Häusern und genießen gewisse Privilegien, wie etwa einen Privat-Hubschrauber oder eine kleine Dienerschaft.[30]

Von früheren herrschenden Gruppen unterscheidet sich die post-totalitäre Oligarchie Ozeaniens vor allem darin, dass es ihr weniger um persönliche Bereicherung oder ‚Glanz und Glorie’ der Herrschaft geht, sondern der Machthunger per se das entscheidende Leitmotiv ist.

„Die Partei kennt zwei Ziele: die Eroberung des gesamten Erdballs und die endgültige Tilgung jeder Möglichkeit unabhängigen Denkens.“[31]

Eine Gefährdung ihrer Machtposition droht der Partei, wie gesagt, nur aus den eigenen Reihen, daher ist „der entscheidende Faktor (…) letztlich die geistige Einstellung der herrschenden Klasse selbst“.[32] Deren Gesinnung, auf die ich später noch einmal ausführlicher zu sprechen komme, ist primär durch grenzenlose Machtbesessenheit und Fanatismus charakterisiert.

Die Herrschaft ist in Ozeanien kein erbliches ‚Klassenprivileg’, denn wichtig ist nicht die Kontinuität des Blutes, sondern die der Weltanschauung und Lebensweise.[33] Es handelt sich daher nicht um eine Klassengesellschaft im traditionellen Sinn, da die Oberen ihre Position nicht für die eigene Nachkommenschaft erhalten wollen. Besonders eifrigen, hochstrebenden Mitgliedern der Äußeren Partei wird beispielsweise der Aufstieg in die Innere Partei erlaubt. Da sie als potentiell unzufriedene Bürger ein Risiko darstellen, sucht man sie durch Einbindung in den inneren Machtkreis zu befriedigen und ihren willfährigen Enthusiasmus weiter zum Wohle der Partei auszunützen. Vice versa zögert man nicht, Genossen aus der Inneren Partei auszuschließen, sobald sie die geringste Schwäche zeigen. Besonders talentierte „Proles“ werden in der Regel umgehend liquidiert, was jedoch keineswegs ein festgeschriebenes Prinzip, sondern reine Willkür ist.[34]

Die Äußere Partei

Die Äußere Partei wird methaporisch auch als „die Hände des Staates“[35] bezeichnet, da sie sich vornehmlich aus Bürokraten und anderen Staatsbediensteten konstituiert. Ihre Mitglieder arbeiten in der Regel für eines der vier Ministerien, die das Staatswesen Ozeaniens verwalten: Das „Ministerium für Wahrheit“ ist hauptsächlich für Geschichts- und Medienfälschung, aber auch für eine parteikonforme Freizeitgestaltung und Erziehung zuständig. Das „Ministerium für Frieden“ dient der Organisation des Krieges, während das „Ministerium für Überfülle“ den allgemeinen Mangel bzw. die Rationalisierungen verwaltet. Im „Ministerium für Liebe“, offiziell befasst mit der Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung, werden Folter und Gehirnwäsche an Dissidenten durchgeführt.

Obwohl die Mitglieder der Äußeren Partei in der Gesellschaftshierarchie die Mittelschicht darstellen, ist ihr Lebensstandard auf Grund des kriegsbedingten materiellen Notstands sehr niedrig. Inwiefern die Chefideologen der Inneren Partei diesen inszenieren und instrumentalisieren, werde ich in Kapitel „Das Internationale System: ‚Krieg ist Frieden’“ ausführlich darlegen. Die Kluft zwischen den beiden Zweigen der Partei ist so enorm, dass man durchaus von zwei unterschiedlichen Welten sprechen kann. Angehörige der Äußeren Partei wohnen in hässlichen, unwirtlichen Wohnungen bzw. Mietskasernen. Arbeit und Entbehrung bestimmen das ärmliche Dasein; in der Regel herrscht chronischer Mangel an den essentiellsten Dingen.

Ausgehend von seiner eigenen Lebenserfahrung beschrieb Orwell die desolaten Verhältnisse so plastisch und lebensnah, dass sich die zeitgenössische Leserschaft geradezu in das Großbritannien während der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges bzw. das Nachkriegs-England versetzt fühlte. Ebenso meisterhaft führt Orwell dem Leser vor Augen, auf welch groteske Art die staatliche Dauer-Propaganda, die ja eines der wesentlichen Elemente totalitärer Diktaturen darstellt, mit dreistesten Lügen der Bevölkerung eine völlig andere Realität vortäuscht.

Die von der Führungsriege betriebene systematische Retardierung des Fortschritts impliziert in der Praxis einen weiteren zentralen Punkt des dystopischen Entwurfs, nämlich die Tilgung der Vergangenheit und damit der Vergleichsmaßstäbe aus den Köpfen und Herzen der Bürger. Nicht umsonst entwickelt sich Winston Smiths Dissens ausgehend von dem Verdacht, dass die vorrevolutionäre Vergangenheit, an die er allerdings nur bruchstückhafte Kindheitserinnerungen besitzt, besser war als die kalte, morbide, freudlose Welt von 1984.[36]

Das einem Parteimitglied abverlangte Arbeitspensum ist immens und selbst die wenige verbleibende Freizeit muss für von der Partei angeordnete Gemeinschafts-Aktivitäten zur Verfügung gestellt werden. Nicht-Teilnahme ist ein schweres Delikt und auf Grund der drastischen Sanktionen für das Individuum lebensgefährlich.[37]

Das staatliche Bestreben, einen neuen, besseren Menschen aus dem Gemeinwesen hervorgehen zu lassen, war seit Platon ein bekanntes Motiv der klassischen Sozialutopie.[38] In der orwellschen Dystopie erweist sich diese Konzeption – wie dies im Übrigen auch bei Samjatin und Huxley der Fall ist[39] – nur als Trugbild. Der von der Regierung als Ideal propagierte Körpertypus „(…) großgewachsene muskulöse Jungs und vollbusige Mädel, blond, vital, sonnenverbrannt, sorglos (…)“[40] ist in der ozeanischen Realität äußerst rar. Der ‚bürokratische Kollektivismus’[41] beförderte nämlich ein ganz anderes äußeres Erscheinungsbild, so dass für die überwiegende Mehrheit der Bewohner von ‚Landefeld Eins’ die in folgendem Zitat beschriebene Physiognomie typisch ist:

„Es war schon eigentümlich, wie sich dieser käferartige Typus in den Ministerien vermehrte: kleine rundliche Männer, die bereits früh zur Korpulenz neigten, mit kurzen Beinen, flinken Trippelschritten und feisten, undurchdringlichen Gesichtern mit winzig kleinen Augen. Dieser Typ schien unter der Herrschaft der Partei am besten zu gedeihen.“[42]

Exkurs: Geschlechterbeziehung und Familie

Ein elementares Motiv der archistischen Sozialutopie in der Tradition Platons und Morus’ stellte die sittliche Ordnung der Geschlechterbeziehung durch den Staat dar. Die Autoren der negativen Utopien griffen dieses charakteristische Element auf, in ihren dystopischen Entwürfen wird es zu einem weiteren Instrument der totalitären Unterdrückungsmaschinerie und dient ausschließlich dem Zweck, den Status quo der Machtverteilung aufrechtzuerhalten.[43]

So überwacht in Ozeanien im Jahr 1984 der Staat bzw. der luminös, gottgleich über allem schwebende „Grosse Bruder“ sämtliche Eheschließungen. Demgemäß müssen alle Heiraten „von einer zu diesem Zweck eingesetzten Kommission gebilligt werden, und diese Genehmigung wurde immer dann verweigert – obwohl das nie offen gesagt wurde -, wenn das betreffende Paar sich körperlich zueinander hingezogen zu fühlen schien“[44]. Die Institution Ehe dient ausschließlich dazu, die Partei mit neuem Nachwuchs zu versorgen. Die Liebe, vor allem aber der unkontrollierbare Sexualtrieb, sollen wie alle anderen privaten Gefühle und Leidenschaften eliminiert werden.

„Ihre wahre, unausgesprochene Absicht war es, dem Geschlechtsakt jegliche Freude zu nehmen. Weniger die Liebe als vielmehr die Erotik war der Feind, innerhalb wie außerhalb der Ehe.“[45]

Nach dem extremen sexuellen Puritanismus gilt schon ein Geschlechtsakt, welcher der menschlichen Natur, die nach Befriedigung und Lustgewinn strebt, freien Lauf lässt, als „Sexdel“[46]. Organisationen wie die „Junioren Anti-Sex Liga“ dienen dazu, die Menschen bereits im Jugendalter mit der staatlich verordneten widernatürlichen Sexualmoral zu indoktrinieren und zum „Gutsex“[47] zu erziehen.

Das Endziel der herrschenden Elite ist es, den Orgasmus abzuschaffen. Im Jahre 1984 forschen Neurologen bereits intensiv an der Lösung dieses Problems. Auch an dieser Stelle ist auf das dystopische Motiv hinzuweisen, wonach die moderne Wissenschaft und die fortschrittlichen Techniken der Naturbeherrschung von den Mächtigen missbraucht werden, um immer perfektere Methoden zur Unterdrückung und Manipulation der Menschheit zu erfinden.

In diesem Kontext gewinnt die Persönlichkeit Julias, der Geliebten des Protagonisten, einen besonderen Stellenwert, da sie den Weg einer ‚sexuellen Revolution’ gegen den Unterdrückerstaat verkörpert. Julia, durch deren Initiative die Liebes-Affäre mit dem anfangs äußerst misstrauischen Winston überhaupt zustande kommt, führt ein Doppelleben: Nach außen als perfektes, konformes Parteimitglied getarnt, „drehte sich im Endeffekt alles um ihre eigene Sexualität“[48], als dem Hort freier Entfaltung von Lebensfreude und Vitalität. Im Gegensatz zu Winston ist Julias Denken unpolitisch, sie hinterfragt das verhasste System nicht und hält jede Art von organisierter Revolte für sinnlos. Mittels Schläue, weiblicher Raffinesse und pragmatischer Überlebensstrategien gelang es ihr bisher, den Überwachungsapparat zu überlisten und sich in ihre eigene hedonistische Welt zurückzuziehen. Obwohl weder gebildet noch besonders intelligent hatte Julia intuitiv erkannt, zu welchem Zweck die Partei ihren Mitgliedern den strengen sexuellen Puritanismus und somit eine gänzlich entartete Form der Geschlechterbeziehung aufoktroyierte.

„Es ging nicht nur darum, dass sich der Sexualtrieb eine eigene Welt schuf, die der Kontrolle der Partei entzogen blieb und deshalb, wenn möglich, zerstört werden musste. Entscheidender war, dass der Sexualentzug Hysterie auslöste, ein erstrebenswertes Ziel, denn diese Hysterie konnte in Kriegsfieber und Führerverehrung umgewandelt werden. (…) Es bestand da ein direkter Zusammenhang zwischen Keuschheit und politischer Orthodoxie. Die Partei brauchte die Angst, den Hass und die wahnsinnige Leichtgläubigkeit ihrer Mitglieder, denn wie sonst ließen sich die Gefühle in der richtigen Spannung halten als dadurch, dass man einen mächtigen Trieb unterdrückte und ihn dann als Motor benutzte? Der Sexualtrieb gefährdete die Partei, und die Partei hatte ihn sich dienstbar gemacht.“[49]

Mit Julia erlebt Winston, der in seiner freudlosen Ehe mit der streng orthodoxen Katharine nur sexuelle Frustration erfahren hatte, den Sexualakt als Befreiungsschlag.

„(…) der animalische Trieb, die simple unterschiedslose Begierde: das war die Kraft, die die Partei in Stücke sprengen würde.“[50]

Auch die Elternliebe, wie der Geschlechtstrieb ein natürlicher menschlicher Instinkt, stellte für die Machthaber ein unkontrollierbares Risiko dar. Das Fernziel der Parteiführung war es zwar, die Familie bzw. sämtliche verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Bande zwischen den Menschen gänzlich auszurotten, bis dies realisierbar war, beschränkte man sich jedoch darauf, die elterliche Sorge auf perfideste Art auszunutzen.[51] So gilt es im Jahre 1984 als eine der obersten, ehrenvollsten Pflichten eines Parteimitglieds, Nachkommen zu zeugen und die staatlich organisierte Erziehung ihrer Sprösslinge zu willfährigen, künftigen Parteifunktionären aus voller Kraft zu fördern. Auch hier kommt die perfekt funktionierende Propagandamaschinerie der Parteiführung äußerst effizient zum Einsatz. Das orthodoxe Parteimitglied ist ehrgeizig darum bemüht und stolz darauf, sich durch leistungsfähigen, vielversprechenden Nachwuchs um die Partei verdient zu machen.

Die Kinder dagegen werden von frühestem Alter an entsprechend der Parteiideologie indoktriniert und in Organisationen, wie den „Spitzel“ oder der „Jugendliga“ systematisch darauf geschult, jeden und alles zu verraten. Die ozeanische Sozialisation macht aus den formbaren, enthusiastischen Zöglingen entmenschlichte kleine Monster. Ihren Eltern sind sie völlig entfremdet und mit kindlichem Eifer darauf aus, diese auszuspionieren und einen Anlass zu finden, sie bei der Gedankenpolizei zu verraten.[52]

Die Institution der Familie existiert somit nur noch zum Schein und leistet dem Unterdrückungs- und Überwachungsstaat, als „verlängerter Arm der Gedankenpolizei“[53], wertvolle Dienste.

Die Proles

Die Proles, welche in der hierarchischen Gesellschaftsordnung die Unterschicht darstellen, machen circa 85 Prozent der Bevölkerung Ozeaniens aus. Ihnen ist die gesamte körperliche Schwerstarbeit in Industrie und Landwirtschaft aufgebürdet. Die Partei ist ausschließlich an ihrer Arbeitskraft, ohne die das Staatswesen zusammenbrechen würde, interessiert. Ansonsten wird die untere Kaste von der Partei völlig ignoriert, was in offenem Gegensatz zur Bezeichnung der Staatsideologie als „sozialistisch“ steht. Die Partei behauptet zwar, die Proles von der kapitalistischen Unterdrückung und Ausbeutung befreit zu haben, de facto hatte sich durch die Revolution, die nur dazu diente, eine neue Oberschicht an die Macht zu bringen, die soziale Lage der Unteren keineswegs verbessert.[54] Während sich die Partei einerseits dieser frei erfundenen Heldentat rühmt, lehrt sie auf der anderen Seite, „dass Proles von Natur aus Menschen zweiter Klasse waren, die mittels Anwendung von ein paar simplen Regeln wie Tiere in Abhängigkeit gehalten werden mussten“[55].

Dies ist nur einer der zahlreichen eklatanten Widersprüche, die dem ozeanischen Staatssystem immanent sind. Im Kapitel „Manipulation des Geistes: ‚Doppeldenk’ und ‚Neusprech’“ werde ich auf diese Thematik noch einmal ausführlich zu sprechen kommen.

Die Haltung der Oligarchen gegenüber den Unteren ist am prägnantesten in dem Parteislogan „ Proles und Tiere sind frei[56] formuliert. Obwohl sie zahlenmäßig die absolute Übermacht darstellen, sind sie als politischer Faktor unbedeutend, wie folgendes Zitat belegt:

„Was die Massen meinen oder nicht meinen, wird als gleichgültig angesehen. Man kann ihnen intellektuelle Freiheit einräumen, da sie keinen Intellekt besitzen.“[57]

Die Partei hält es für ausgeschlossen, dass von den Proles eine revolutionäre Gefahr ausgeht. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich die Massen nie von selbst erheben, da ihnen die Einsicht in die politischen Zusammenhänge fehlt. Das Volk kommt auch nicht auf die Idee, gegen die desaströsen Lebensbedingungen aufzubegehren. Da weder Wahrheit noch Vergangenheit und damit keinerlei Vergleichsmaßstäbe existieren, merken die Proles nicht einmal, dass sie ausgebeutet und unterdrückt werden. Für die Machthaber sind sie daher leicht zu kontrollieren; es muss lediglich verhindert werden, dass sie sich heranbilden und die intellektuellen Fähigkeiten entwickeln, das Regime zu durchschauen. Da man also davon ausgeht, dass die Unteren zu sehr mit dem Überlebenskampf beschäftigt sind, um ihre Lebensumstände bzw. das System kritisch zu hinterfragen, werden sie kaum überwacht und nicht politisch indoktriniert. Nur vereinzelt interessieren sich Agenten der Gedankenpolizei für die Vorgänge in den Proles-Bezirken. Generell greift die Partei nicht in das Privatleben der Proles ein, Familie und Sexualität dürfen hier also in ihrer natürlichen Form existieren, nicht einmal Verbrechen und sexuelle Promiskuität werden durch die Exekutive geahndet. In dumpfe Privatheit abgedrängt, vegetiert die Masse in den Slums der Städte dahin, durch harte Fron, Unterernährung und andere Zivilisationsrückstände völlig ausgelaugt verbringt sie ihre spärliche Freizeit primär mit seichter Unterhaltung. Die Partei als Feind jeglicher Kultivierung forciert die ‚Volksverdummung’ systematisch.[58] In einer Unterabteilung der „Romanabteilung“ des Ministeriums für Wahrheit, der sogenannten „Pornosek“, arbeiten vermeintlich besonders orthodoxe weibliche Mitglieder der äußeren Partei an der Produktion billiger, für den Verkauf an die Proles bestimmter Pornographie.[59] Für die Unterschicht werden außerdem einfache populäre Schlager produziert, die von eigens zu diesem Zweck entwickelten Maschinen komponiert werden. Neben dem Biertrinken ist die staatliche Lotterie eine der Hauptfreizeitaktivitäten der Proles. Naiv hoffen sie ihr Leben lang darauf, einen der versprochenen riesigen Preise zu gewinnen, doch Winston weiß, wie alle Parteimitglieder, dass die Hauptgewinne frei erfunden sind und höchstens geringe Summen gelegentlich ausgezahlt werden.[60]

In den Worten Orwells, bekanntermaßen selbst ein durch die Realität desillusionierter Anhänger des frühen Sozialismus, ist das zur politischen Passivität verdammte Dasein der Proles wie folgt beschrieben:

„Sich selbst überlassen, wie das auf den Ebenen Argentiniens in Freiheit gesetzte Vieh, waren sie zu einem Lebensstil zurückgekehrt, der ihnen angeboren, eine Art Erbmuster zu sein schien. Sie kamen zur Welt, sie wuchsen in der Gosse auf, sie begannen mit zwölf zu arbeiten, sie durchlebten eine kurze Blütezeit der körperlichen Schönheit und sexuellen Lust, sie heirateten mit zwanzig, begannen mit dreißig zu altern und starben größtenteils mit sechzig. Körperliche Schwerarbeit, die Sorge um Heim und Kinder, kleinliche Streitereien mit den Nachbarn, Kino, Fußball, Bier und vor allem Glücksspiele steckten ihren Denkhorizont ab.“[61]

Winstons Hoffnung auf einen Sturz der Oligarchen-Riege durch ein vereinigtes und damit unbezwingbares Proletariat wird im Laufe des Romans mehrfach thematisiert. Als Parteimitglied ist Winston gefangen in einem Heer konformer und dadurch entmenschlichter Funktionäre und Bürokraten. Als isoliertes, einsames und hilfloses Individuum führt er einen Kampf gegen die Tyrannei, von dem er selbst weiß, dass er zum Scheitern verurteilt ist und letztendlich seinen Tod bedeutet. Die Proles dagegen sind politisch weit weniger orthodox, an ihnen erkennt der Protagonist menschliche Gefühle, die er selbst erst wieder erlernen muss. Im Proletariat sieht Winston das mächtige Potential für eine bessere Zukunft. Er findet jedoch keine Antwort auf die Frage, wie die Volksmasse einen Ausweg aus dem Teufelskreis der fremdverschuldeten Unmündigkeit finden kann.

„Solange ihr Bewusstsein nicht erwacht, werden sie niemals rebellieren, und solange sie nicht rebelliert haben, wird ihr Bewusstsein nicht erwachen können.“[62]

Solange die Proles nicht fähig sind, selbständig zu denken, bleiben sie für die Partei-Intellektuellen völlig manipulierbar. Permanent wird die Angst vor inneren und äußeren Feinden geschürt, um das Volk in einer paranoiden Stimmung zu halten und eine Art primitiven Patriotismus zu nähren. Auf diese Weise bringt man die Proles dazu, sich mit weiteren Rationalisierungsmassnahmen oder noch längeren Arbeitszeiten abzufinden. Ist es der Partei von Nutzen, kann sie den Volkszorn schon durch das Streuen einiger Gerüchte via Agenten der Gedankenpolizei entflammen lassen.[63]

Der Staatsfeind: Emmanuel Goldstein

Der von der Partei als das personifizierte Böse geächtete Emmanuel Goldstein ist in seiner Rolle als Hassobjekt ebenfalls symbolträchtiger Bestandteil der ozeanischen Gesellschaft.

Name und Aussehen lassen auf eine jüdische Abstammung schließen, wie folgendes Zitat belegt:

„Es war ein hageres Judengesicht mit einem mächtigen krausen weißen Haarkranz und einem Ziegenbärtchen – ein kluges Gesicht und doch der inneren Natur nach irgendwie verächtlich (…)“.[64]

Da die Partei festlegt, was wahr und falsch ist, gibt es keine objektiven Fakten, sondern nur Spekulationen, Gerüchte und Parteipropaganda[65], was insbesondere auf den Fall Goldstein zutrifft.

Nach der in Ozeanien gängigen Version der Wahrheit war Goldstein einst ein hochrangiges Parteimitglied, beinahe auf einer Ebene mit dem „Grossen Bruder“ selbst. Dann wurde er der Konterrevolution beschuldigt, des Verrats an der Partei angeklagt und zum Tode verurteilt. Er konnte allerdings auf rätselhafte Weise fliehen und sich ins Ausland oder in den Untergrund absetzen.

„Irgendwo lebte er noch und plante weitere Konspirationen, irgendwo jenseits des Meeres vielleicht, unter der Protektion seiner finanzkräftigen ausländischen Hintermänner, vielleicht sogar – wie zuweilen das Gerücht ging – in einem Unterschlupf in Ozeanien selbst.“[66]

Angeblich ist Goldstein Begründer und Anführer der Widerstandsbewegung „Die Bruderschaft“. Allerdings ist nicht sicher, ob diese überhaupt existiert oder ob sie von der Partei erfunden wurde.[67] Zumindest geben sich Spione der Gedankenpolizei als Rebellen aus, um Dissidenten auf der Suche nach Verbündeten in die Falle zu locken.[68]

Die permanenten Hasstiraden gegen Goldstein sind Kern der von der Partei geschürten Kriegshysterie. Der Staatsfeind Nummer eins spielt daher auch die Hauptrolle beim sogenannten „Zwei-Minuten-Hass“, einer täglich auf den Teleschirmen ausgestrahlten Propaganda-Sendung, die dazu dient, das Volk in Angst und Schrecken zu versetzen und mit negativer Energie aufzuladen. Die Inszenierung des Hasses findet um elf Uhr, also während der Arbeitszeit, statt, somit nutzen die psychologisch versierten Propagandaspezialisten die Gruppendynamik aus, um eine Massenhysterie zu erzeugen. Das Programm des „Zwei-Minuten-Hasses“ variiert inhaltlich, stets werden jedoch in schrecklichen Bildern, begleitet von grässlichen Klängen, vermeintliche Verbrechen gegen den ozeanischen Staat vorgeführt. In dem Glaubenssystem, dass den Bürgern eingeimpft wird, verkörpert Goldstein den Erzfeind und Urverräter, also die Keimzelle allen Übels und erfüllt damit dieselbe Funktion wie Satan für die orthodoxe Christenheit. Obwohl die Gefahr, welche von Goldstein und der Bruderschaft ausgehen soll, bis zur Absurdität übertrieben wird, funktioniert die Manipulation, so dass schon sein „Anblick, oder auch nur der bloße Gedanke an ihn, automatisch Angst und Zorn“ wecken. Bei der Vorführung des zweiminütigen Horrorfilms verbreitet sich binnen kürzester Zeit Panik im Raum und die Zuschauer geraten in eine Ekstase aus Wut und Abscheu. Auf die Bedeutung von Hass und Verrat als Triebfedern der ozeanischen Staatsmacht komme ich im neunten Kapitel noch einmal ausführlicher zu sprechen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass Goldstein und die Bruderschaft zum „Sündenbock“ für alles gemacht werden. Auch bei der Darstellung dieses Sachverhalts beweist Orwell seine herausragenden Qualitäten als Satiriker. Die Parallelen zur Rolle der Juden im nationalsozialistischen Deutschland sind ebenso offensichtlich wie die Ähnlichkeiten des fiktiven Charakters Emmanuel Goldstein mit Leon Trotzki.[69]

Manipulation des Geistes: „Doppeldenk“ und „Neusprech“

Die in den vorangegangenen Kapiteln geschilderte Suppressions- und Bespitzelungspraxis, so perfekt und grausam sie auch sein mag, könnte allerdings Skeptizismus und Unzufriedenheit in der Bevölkerung nicht gänzlich unterdrücken. Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen ist nur durch mentale Manipulation und Disziplinierung zu kontrollieren. Weil es letztendlich darum geht, dem Individuum die Möglichkeit und Fähigkeit unabhängigen Denkens zu nehmen, werden ja auch – wie im Kapitel „Der Unterdrückungs- und Überwachungsstaat“ beschrieben – Gedankendelikte bestraft und nicht tatsächliche Verbrechen.

„Doppeldenk“

Gleich einer fundamentalistisch-religiösen Sekte fordert die Partei, dass ihre Mitglieder dem Glauben an die Allmächtigkeit der ozeanischen Regierung mit unerschütterlichem Enthusiasmus anhängen. Fakten, die der Unfehlbarkeit der Partei oder der Omnipotenz des Grossen Bruders widersprechen, dürfen daher keine Gültigkeit besitzen. Den Parteimitgliedern werden deshalb von frühester Kindheit an Techniken der Selbstmanipulation antrainiert. Das Gehirn soll so konditioniert sein, dass ausschließlich Engsoc-konforme Gedankengänge verarbeitet werden. Eine der leichtesten Methoden heißt im Neusprech-Jargon „Delstop“ und entspricht dem Prinzip schützender Dummheit. Da die Untertanen inbrünstig daran glauben müssen, dass die Partei jederzeit im Besitz der absoluten Wahrheit ist, dürfen sie auch nicht daran zweifeln, dass schwarz weiß ist, wenn die Partei es so bestimmt. Dies impliziert natürlich, dass der „Gutdenker“[70] vergisst, dass er jemals anderer Überzeugung war und glaubt, seine Erinnerung sei falsch.

Die individuelle Erinnerung ist, da sie dem Geist eines Einzelnen entspringt, dem Engsoc zufolge irrelevant. Die Wahrheit lässt sich ausschließlich durch das Auge des Kollektivs und damit der Partei erkennen.

„Vergangene Ereignisse (…) besitzen keine objektive Existenz, sondern überdauern nur in schriftlichen Dokumenten und in der Erinnerung der Menschen.“[71]

Die Veränderbarkeit der Vergangenheit ist daher die „zentrale Doktrin“[72] des Engsoc. Im „Ministerium für Wahrheit“ werden tagtäglich sämtliche schriftlichen Zeugnisse vergangener Ereignisse gefälscht und somit die Lügen der Partei zur gerade aktuellen Version der Wahrheit umgeschrieben. Ein eher nebensächlicher Grund hierfür ist, dass damit der Bevölkerung jegliche Vergleichsmaßstäbe entzogen werden und sie trotz der offensichtlich maroden Verhältnisse an die von der Partei erschaffene Realität eines modernen und prosperierenden Staates glaubt. Die wesentliche Motivation für die Tilgung der Vergangenheit ist allerdings das Wahrheitsmonopol der Partei, welches keinerlei Abweichung von der Doktrin oder Veränderung der Politik dulden kann, da dies als Schwäche angesehen wird. Für die Stabilität des Regimes ist folglich die permanente Fälschung der Geschichte durch das „Ministerium für Wahrheit“ ebenso unverzichtbar wie der Unterdrückungs- und Überwachungsapparat, dessen Schaltstelle das „Ministerium für Liebe“ ist.

„Und da die Partei die absolute Kontrolle über alle Dokumente ausübt und eine ebenso absolute Kontrolle über das Denken ihrer Mitglieder, folgt daraus, dass die Vergangenheit immer so aussieht, wie es die Partei gerne haben möchte. (…) Die Partei ist jederzeit im Besitz der absoluten Wahrheit, und das Absolute kann natürlich nie anders gewesen sein als jetzt.“[73]

Der Leserschaft die unschätzbare Bedeutung der Vergangenheit und einer objektiven Geschichtsschreibung plausibel zu machen, war zweifellos eines der zentralen Anliegen Orwells.[74] Meiner Ansicht nach wählte Orwell daher auch bewusst das Umschreiben von Dokumenten und Berichten als Betätigungsfeld für seinen Protagonisten Winston Smith. An ihm wird exemplarisch deutlich, in welcher Ausweglosigkeit das vom Kontakt mit der Außenwelt und der Vergangenheit abgeschnittene Individuum gefangen ist. Mit „Doppeldenk“ hat die Partei dem Kollektiv ein Denksystem aufoktroyiert, in dem die eigene Erinnerung ein Hirngespinst ist und die objektive Realität geleugnet wird.

„Die Partei sagte, dass Ozeanien sich nie mit Eurasien verbündet hatte. Er, Winston Smith, wusste, dass Ozeanien vor noch nicht einmal vier Jahren mit Eurasien verbündet war. Aber wo existierte dieses Wissen? Nur in seinem eigenen Bewusstsein (...). Und wenn alle anderen die von der Partei oktroyierte Lüge akzeptierten - wenn alle Berichte gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. ‚ Wer die Vergangenheit kontrolliert ’, lautete die Parteiparole, ‚ kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.’ (...) Es war ganz einfach. Es erforderte nichts weiter als eine nicht abreißende Siegesserie über die eigene Erinnerung. ‚ Realitätskontrolle ’ nannte man das, in Neusprech: ‚ Doppeldenk ’“.[75]

Anhand von Winstons Aufgabe im „Ministerium für Wahrheit“ lässt sich das Prinzip des „Doppeldenk“ sehr gut erläutern. Während die Umdichtung schriftlich fixierter Fakten ein rein mechanischer Akt ist, muss das konforme Parteimitglied ja auch selbst zu der Überzeugung kommen, dass sich Ereignisse so abspielten, wie es gerade fingiert wurde. Unter Doppeldenk versteht man:

die Fähigkeit, gleichzeitig zwei einander widersprechend Überzeugungen zu hegen und beide gelten zu lassen. Der Parteiintellektuelle weiß, in welche Richtung seine Erinnerung geändert werden muss; er weiß deshalb auch, dass er der Wirklichkeit einen Streich spielt; aber durch die Anwendung von Doppeldenk versichert er sich auch darüber, dass die Realität nicht angetastet wird.“[76]

Der Akt der Realitätskontrolle muss also gleichzeitig bewusst und unbewusst ablaufen. Ohnedies ist ein intensives Training erforderlich, um offensichtlich falsche Behauptungen, die dem gesunden Menschenverstand, ja sogar den Naturgesetzen widersprechen, als richtig zu akzeptieren. Wie bereits erwähnt, weist die Engsoc-Ideologie zahllose Widersprüche auf, was sie geradezu schizophren erscheinen lässt. Es handelt sich dabei, wie Winston aus Goldsteins Buch erfährt, um „gezielte Übungen in Doppeldenk“.

Denn nur durch die Versöhnung von Widersprüchen lässt sich Mach unbegrenzt behaupten. Auf keine andere Weise konnte der uralte Zyklus durchbrochen werden. Soll die Gleichheit der Menschen für immer verhindert werden - sollen die Oberen, (…) ihre Stellung dauerhaft behaupten -, dann muss der vorherrschende Geisteszustand kontrollierter Wahnsinn sein.“[77]

Da, wie O’Brien als Stellvertreter der Engsoc-Ideologen doziert, Realität nur im Geist des Menschen existiert, muss sich das Individuum permanent selbst dieser perfiden Art der „Gehirnwäsche“ unterziehen. Schafft es ein Parteimitglied nicht, Doppeldenk anzuwenden, sprich seine Gedanken zu kontrollieren – wie dies bei Winston der Fall ist -, macht es sich eines Gedankenverbrechens schuldig.[78]

Auf metaphysischer Ebene bildet also Doppeldenk das Fundament für die absolute Herrschaft der Partei. Es „(…) ist der Kern des Engsoc, denn das Hauptgeschäft der Partei besteht in bewusster Täuschung, bei der sie die Unerschütterlichkeit absoluter Redlichkeit bewahrt.“[79]

„Neusprech“

Für den politischen Schriftsteller Orwell besaß zweifellos das Thema der machtpolitisch motivierten Manipulation der Sprache einen enormen Stellenwert. Die Abhandlung über das „Neusprech“ wird eigens im Anhang des Buches, in einem Umfang, dem ich in meiner Hausarbeit leider nicht Rechnung tragen kann, behandelt.

Neusprech ist die offizielle Amtssprache Ozeaniens. Es wurde entworfen, um einen im Sinne des Engsoc politisch korrekten Wortschatz und eine entsprechende Ausdrucksweise zu etablieren. Im Jahr 1984 wird Neusprech allerdings noch nicht als Medium zur verbalen oder schriftlichen Kommunikation verwendet. Die aktuelle zehnte Ausgabe des Neusprech-Lexikons, das Winston z. B. benutzt, um die ganz in Neusprech abgefassten Leitartikel der „Times“ umzuschreiben, ist eine provisorische Version. Man geht davon aus, dass bis 2050 Neusprech Altsprech völlig verdrängt haben wird.

Die neue Sprache basiert auf dem Standard-Englisch und ist so konzipiert, dass nur noch Engsoc-konforme Gedanken artikuliert werden können. Dies erreicht man zunächst einmal durch die Eliminierung von Worten und Nebenbedeutungen, die eine unorthodoxe Begrifflichkeit ausdrücken. Der Wortschatz soll aber auch generell auf das notwendige Minimum reduziert werden, um den Gedankenspielraum per se einzuengen. Die neu kreierten Wörter sind zumeist Abkürzungen und Komposita, grammatikalisch fällt vor allem die Austauschbarkeit verschiedener Wortklassen, das heißt die Anwendung eines Wortes als Substantiv, Verb, Adverb und Adjektiv, auf. Prinzipiell soll die wirkliche bzw. ursprüngliche Bedeutung verdeckt oder geändert werden. Priorität hat die einfache Sprechbarkeit, denn der Sprechakt soll so weit wie möglich vom Bewusstsein abgekoppelt werden.

„Letztlich versuchte man so weit zu kommen, dass der Kehlkopf ohne Einschaltung der höheren Gehirnzentren die Sprache artikulierte.“[80]

Als Ideal gilt daher „Quaksprech“, ein schneller, schnatterhafter, staccatoartiger und monotoner Redestil, der, gleich dem Quaken einer Ente, keine gedankliche Leistung voraussetzt.[81]

Das von der Partei mit dieser ‚Sprachverstümmelung’ angestrebte Endziel ist, dass unorthodoxe Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes undenkbar gemacht werden, insoweit Denken an Worte gebunden ist. Mir persönlich erscheint Orwells Konzeption des Neusprech stark von Wittgensteins Sprachphilosophie beeinflusst, die davon ausgeht, dass im Bewusstsein der Menschen nicht existiert, wofür keine Worte bestehen.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“[82]

Angesichts dieser These aus dem „Tractatus logico-philosophicus“ wird das ganze Ausmaß der Tragödie, die Orwell so satirisch zugespitzt darstellte, deutlich.

Neusprech erleichtert zudem Doppeldenk, denn wie in der Sprachphilosophie wissenschaftlich nachgewiesen, prägt die Sprache die Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Charakteristisch für das Neusprech ist die übermäßige Verwendung von Euphemismen, wie z. B. „Freudelager“ anstelle von Zwangsarbeitslager.[83]

Der neue Wortschatz ist nach seiner Anwendbarkeit in drei Kategorien unterteilt: Das A-Vokabular ist für den Alltagsgebrauch, das B-Vokabular für den politischen und das C-Vokabular für den wissenschaftlich-technischen Gebrauch bestimmt. Literarische oder philosophische Ideen können nicht zum Ausdruck gebracht werden, was das Ende jeden schriftstellerischen Schaffens bedeutet. Darüber hinaus werden in der Zukunft, wenn ausschließlich in Neusprech kommuniziert wird, in Altsprech verfasste Bücher und Schriftstücke für die Bürger Ozeaniens – zumindest für die Parteimitglieder – unlesbar sein.

Das Gros der Altsprechwörter wird unter Oberbegriffen subsummiert und damit abgeschafft. So wurden beispielsweise sämtliche den Begriffen Freiheit und Gleichheit artverwandte Wörter unter dem Begriff „Deldenk“ zusammengefasst und dadurch eliminiert. Worte wie Objektivität und Rationalismus sowie alle in diese Kategorie fallenden Begrifflichkeiten wurden durch die Bezeichnung „Altdenk“ ersetzt und damit aus dem Bewusstein der Menschen getilgt.[84]

Ich möchte an dieser Stelle auf Orwells 1946 publizierten Essay „Politics and the English Language“[85] verweisen, in dem der Autor die außerordentliche Bedeutung der Sprache für Politik und Gesellschaft erörtert. Die Manipulation der Bürger über die Sprache ist eines der entscheidenden Instrumente totalitärer Machthaber, aber auch in westlichen Demokratien wird die Meinungsbildung aus politischen und ökonomischen Gründen gezielt über die Sprache beeinflusst.

Orwells Warnung vor diesem manipulativen Einsatz der Sprache hat heute, fünfundfünfzig Jahre nach dem Erscheinen der Dystopie „1984“, nichts an Aktualität eingebüsst. Das Orwellsche Neusprech wurde zum Synonym für einen Politik-Jargon, der beispielsweise Kriegs-Opfer in der Zivilbevölkerung als „Kollateralschäden“ bezeichnet, oder vorgibt, die „Achse des Bösen“ könne nur durch einen „Präventivschlag“, sprich einen Angriffskrieg, bekämpft werden.

Das Internationale System: „Krieg ist Frieden“

Die Welt von „1984“ ist in drei große Superstaaten aufgeteilt[86]: Eurasien umfasst, seit der Eroberung Europas durch Russland, den gesamten nördlichen Teil der europäischen und asiatischen Landmasse von Portugal bis zur Beringstrasse. Zu Ozeanien gehören nach der Einverleibung des Britischen Empires durch die USA die beiden Amerikas, die Atlantischen Inseln inklusive der Britischen Inseln, Australasien und der südliche Teil des afrikanischen Kontinents. Ostasien konstituierte sich erst eine Dekade später und ist kleiner als die anderen Hegemonialmächte. Es besteht aus China und den Ländern südlich davon, den Japanischen Inseln und großen, aber in ihren Grenzen fließenden Teilen der Mandschurei, der Mongolei und Tibets.[87]

Gegen Ende des zweiten Weltkriegs war George Orwell davon überzeugt, dass das zukünftige internationale System eine Aufsplitterung in drei unbezwingbare Supermächte und ihre Einflusszonen aufweisen würde. Eine Weltordnung diesen Zuschnitts entwarf bereits James Burnham 1941 in seinem „Regime der Manager“, eines der Werke mit dem Orwell sich während der Niederschrift von „1984“ intensiv auseinandersetzte.[88] Die Konferenz von Teheran 1944 sowie Erfindung und Einsatz der Atombombe kündigten in Orwells Augen ebenfalls die Weltherrschaft dreier Machtblöcke und ein zwischen diesen herrschendes ‚Gleichgewicht des Schreckens’ an.[89]

Wenden wir uns jedoch zunächst der textimmanenten Interpretation zu. Aus Goldsteins Buch erfährt der Leser, dass sich die Aufteilung der Erde zwischen Ozeanien, Eurasien und Ostasien bereits seit Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts abzeichnete. Zwischen den Supermächten herrscht permanent Krieg, wobei es sich trotz der alle paar Jahre wechselnden Koalitionen seit 25 Jahren um denselben Krieg handelt. Er kann unmöglich entschieden werden, da keiner der drei Superstaaten endgültig erobert werden kann.[90] Militärische Stärke und Verteidigungskapazitäten halten sich die Waage, zudem sind alle drei Machtblöcke im Besitz von Atomwaffen. Zwar gab es einen kurzen nuklearen Schlagabtausch, dieser zeigte jedoch so verheerende Wirkung, dass man stillschweigend übereinkam, sich nur noch mit konventionellen Waffen zu bekämpfen.[91]

Da die drei kriegerischen ‚Leviathans’ autarke Ökonomien aufweisen, also über ausreichende Rohstoffe verfügen, ist dieser materielle Kriegsgrund obsolet geworden. Das einzige nachvollziehbare Kriegsziel ist der Zugewinn billiger Arbeitskräfte, doch auch die Ausbeutung der versklavten Menschen in den stets umkämpften Gebieten ist eigentlich sinnlos, denn was sie produzieren dient nur der Kriegsführung und weiterer Hochrüstung.

„Die Macht, die Äquatorialafrika oder die Länder des Mittleren Ostens oder Südindien oder den Indonesischen Archipel kontrolliert, verfügt damit auch über Hunderte von Millionen schlechtbezahlter und hart arbeitender Kulis. Die mehr oder weniger offen zu Sklaven degradierte Bevölkerung dieser Gebiete wechseln unter ihren Eroberern dauernd den Besitzer und werden ebenso wie Kohle oder Öl in dem Wettlauf ausgebeutet, um mehr Waffen zu produzieren, um mehr Territorium zu besetzen, um mehr Arbeitskräfte zu kontrollieren, um mehr Waffen zu produzieren, um mehr Territorium zu besetzen und so unendlich weiter.“[92]

Das Machtgleichgewicht bleibt also immer erhalten. Zur Natur dieser neuen Art der Kriegsführung gehört auch, dass das Kernland der drei Superstaaten abgesehen von vereinzelten Raketenbombenabwürfen unversehrt bleibt. Die Kämpfe sind im Grunde auf die im Zitat genannten umstrittenen Gebiete beschränkt. Die totale Abschirmung der Bürger von der Außenwelt besitzt bei den Führern der Kriegsparteien absolute Priorität. Deshalb wird die kulturelle Integrität gewahrt, obwohl dies dem im Zuge der allgemeinen Kriegshysterie so lautstark bekundeten Eroberungswillen widerspricht.[93]

Dieses Paradoxum klärt sich auf, kalkuliert man folgende Tatsache ein: Der Krieg konnte zum Dauerzustand werden, da sich die Lebensbedingungen in den drei Superstaaten kaum unterscheiden. Ob die staatstragende Philosophie „Engsoc“ heißt wie in Ozeanien, „Neo-Bolschewismus“ wie in Eurasien oder „Auslöschung des Ich“ wie in Ostasien, so ist die ideologische Fundierung doch äußerst ähnlich.[94] Die Gesellschaftssysteme, die sie hervorbringen und tragen, sind geradezu identisch. Sie weisen alle eine hierarchische Struktur auf, forcieren gleichermaßen einen extremen Führerkult und lassen das Volk für die horrenden Kriegsausgaben darben.

Da de facto für keine der saturierten Supermächte die Gefahr besteht, erobert zu werden, ist es den Regimes möglich, die objektive Realität zu leugnen und sogar die Gesetze der Naturwissenschaft außer Kraft zu setzen. Da es in diesem seinem Wesen nach völlig veränderten Krieg weder Sieg noch Niederlage gibt, existiert auch keine militärische Notwendigkeit mit der „materiellen Realität in Kontakt“[95] zu bleiben.

„Der Krieg war ein Sicherheitsgarant für Vernunft. (…) Solange Kriege noch zu gewinnen oder zu verlieren waren, konnte keine herrschende Klasse völlig verantwortungslos handeln.“[96]

Zu Beginn des Romans schreibt Winston in sein Tagebuch: „Freiheit bedeutet (…) zu sagen, dass zwei und zwei vier ist. Gilt dies, ergibt sich alles Übrige von selbst“[97]. Am Ende der Dystopie benutzt O’Brien diese Erkenntnis des Protagonisten, um ihn unter grausamer Folter der Gehirnwäsche zu unterziehen, die jeder Delinquent durchlaufen muss, bevor er letztlich – zu einem ihm unbekannten Zeitpunkt – exekutiert wird. Winston wird gezwungen zu akzeptieren, dass zwei und zwei fünf ist, womit er die Allmächtigkeit des Grossen Bruders anerkennt.[98]

Der Krieg, für den es also weder ökonomische noch ideologische Gründe gibt, ist zu einer rein internen Angelegenheit geworden. Es handelt sich um einen durch das außenpolitische Scheingefecht getarnten Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Sein Hauptziel ist die Vernichtung der maschinellen Überproduktion, welche ansonsten einer Anhebung des allgemeinen Lebensstandards Bahn brechen würde. Wie bereits erläutert suchen die herrschenden Gruppen dies mit allen Mitteln zu verhindern, um den Fortbestand der hierarchischen Gesellschaftsstruktur, die nur auf der Basis von Armut und Dummheit möglich ist, zu sichern. Xenophobie und Kriegsmentalität stellen zudem wesentliche Stabilitätsfaktoren für die Regimes dar. „Doppeldenk“ ermöglicht es der Führungsriege, trotz dieses Wissens die größte Kriegsbegeisterung und den blindesten Fanatismus aufzubringen, denn:

„(…) je größer die Einsicht, desto größer die Selbsttäuschung: je intelligenter, desto weniger vernünftig.“[99]

Wieder ist es Julia, die intuitiv die Realitätsverzerrung der Partei durchschaut. Sie überrascht den intellektuellen Winston, indem sie beiläufig bekundet, dass der Krieg ihrer Ansicht nach ein Scheinkrieg ist, der dazu dient, das Volk paranoid und damit gefügig zu halten.[100] Instinktiv begreift sie damit, was mit der Partei-Parole „Krieg ist Frieden“ gemeint ist.

Der Intelligenzija war bei der Begründung ihrer post-totalitären Diktaturen klar, dass Industrialisierung und Mechanisierung irreversibel waren. Staatlich angeordnete Rationalisierungsmassnahmen, die einen allgemein wachsenden Wohlstand verhindern sollen, dürfen für das Volk nicht als unnötig aufgebürdete Belastung erkennbar sein, da sich ansonsten eine Opposition herausbildet und die Oligarchen stürzt. Um die Ungleichheit zu manifestieren, mussten Fortschritt und Geschichte eingefroren werden.

„Das Problem war, wie man die Räder der Industrie in Schwung hielt, ohne den realen Wohlstand in der Welt zu heben. Waren mussten produziert werden, durften aber nicht zur Verteilung gelangen. Und praktisch ließ sich dies nur durch eine dauernde Kriegsführung erreichen.“[101]

Wesentliche Elemente der in „1984“ prophezeiten Weltordnung entsprachen im Jahre 1984 der Wirklichkeit. So hatte Orwell nicht nur den Kalten Krieg prognostiziert, sondern auch die Einbindung Chinas als dritte Weltmacht, sowie die in den Ländern der Dritten Welt ausgetragenen Stellvertreterkriege.

Macht als Selbstzweck

Bei der klassischen Sozialutopie war das Modell der herrschenden Elite funktional gedacht. Platon, der als Begründer dieser Utopie-Tradition gilt, zielte mit seiner in der „Politeia“ entworfenen Sophokratie darauf ab, dass die Besten bzw. Geeignetsten die Macht zum Wohle der Allgemeinheit ausüben. Bei den negative Utopien dagegen verfolgen die machthungrigen Herrscher nur ein Ziel: die Verewigung der eigenen Macht, welche damit zum Selbstzweck wird.

Wie Samjatin und Huxley führt Orwell in seiner Dystopie dem Leser, auf beängstigende Art, die Entmenschlichung des Individuums durch die totalitäre Staatsmacht vor Augen. Die totale Demütigung ist der essentielle Teil der Umerziehungsmaßnahmen, denen Gedankenverbrecher wie Winston unterzogen werden. Auch in diesem Punkt brüstet sich die Partei damit, die Schwächen ihrer totalitären Vorgänger ausgemerzt zu haben. Im Gegensatz zum nationalsozialistischen Deutschland und dem stalinistischen Russland weiß das ozeanische Regime Märtyrertum zu verhindern.

„Wir geben uns nicht mit unfruchtbarem Gehorsam, ja nicht einmal mit der hündischsten Unterwerfung zufrieden. Wenn sie sich uns schließlich ergeben, dann muss es freiwillig geschehen. Wir vernichten die Ketzer nicht, weil er uns Widerstand leistet: solange er uns Widerstand leistet vernichten wir ihn nicht. Wir bekehren ihn, wir ergründen sein Innerstes, wir formen ihn um. (…) wir bringen ihn auf unsere Seite, nicht dem Anschein nach, sondern aufrichtig, mit Herz und Seele. Wir machen ihn zu einem von uns, bevor wir ihn töten. (…) wir machen das Gehirn zuerst vollkommen, bevor wir es ausblasen.“[102]

Als ersten Schritt des Rehabilitationsprogramms lehrt O’Brien Winston also, dass niemand der entmenschlichenden Gehirnwäsche entrinnen kann. Auf der zweiten Stufe muss Winston das Wesen der Macht, deren Opfer er ist, verstehen. Wie ihm gerade durch die Torturen der Folter am eigenen Leib demonstriert wird, bedeutet Macht, andere Menschen leiden zu lassen. In dem folgenden Zitat kommt zum Ausdruck, dass der Machthunger der durch O’Brien repräsentierten Führungselite deutliche Züge des Wahnsinns aufweist.

„Macht bedeutet Schmerz und Demütigung zufügen zu können. Macht bedeutet den menschlichen Geist zerpflücken und dann nach eigenem Gutdünken wieder zusammensetzen zu können. Sehen sie jetzt allmählich was für eine Art von Welt wir erschaffen? Sie ist das genaue Gegenteil der törichten hedonistischen Utopien, die den alten Reformern vorschwebten. Eine Welt der Furcht, des Verrats und der Folter, eine Welt des Tretens und Getretenwerdens, eine Welt, die mit fortschreitender Höherentwicklung nicht weniger gnadenlos, sondern immer noch gnadenloser werden wird. Fortschritt in unserer Welt wird ein Fortschritt hin zu mehr Schmerzen sein. Die alten Zivilisationen behaupteten auf Liebe und Gerechtigkeit gegründet zu sein. Unsere ist auf Hass gegründet. In unserer Welt wird es keine Gefühle geben außer Angst, Wut, Triumph und Selbsterniedrigung.“[103]

Während O’Brien von diesem an Abscheulichkeit nicht zu übertreffenden Horrorszenario der Menschheit schwärmt, zeugen Stimme und Gesichtsausdruck von irrsinniger Begeisterung und euphorischer Verklärtheit. Ich denke, Orwell wollte durch diese Darstellung, bei der er wiederum das Stilmittel der satirischen Überspitzung einsetzte, vor den Gefahren der menschlichen Macht-Besessenheit warnen.[104]

O’Brien macht Winston klar, dass dieses System des „ kollektiven Solipsismus[105], in dem es nur noch den Rausch an der Macht gibt, ewig fortbestehen wird. Es gibt keine andere Zukunft für die Menschheit, denn die Partei ist die Menschheit.

„Wenn sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, dann stellen sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschantlitz tritt – immer und immer wieder.“[106]

Obwohl Winston als menschliches Individuum für non-existent erklärt wird, glaubt er die Partei letztendlich besiegen zu können, indem er sein Innerstes bewahrt und im Hass auf den Grossen Bruder hingerichtet wird.[107] Der hochintelligente und psychologisch versierte O’Brien weiß jedoch, dass Winston noch nicht aufgegeben hat. Daher spielt der letzte Akt, in dem Winston seine Enthumanisierung akzeptieren wird, in dem berüchtigten „Raum 101“.

Es handelt sich dabei um die Schlüsselszene des Romans, in der die Quintessenz der orwellschen Lebensphilosophie liegt. Winston verliert seine Menschlichkeit erst dadurch, dass er Julia verrät. Sein Geist, der während der Folter über das Leiden des geschundenen Körpers siegte, kapituliert erst, als er in Raum 101 mit seiner Urangst konfrontiert wird. Für Winston ist die Angst vor Ratten unerträglich, daher schreit er, als O’Brien ausgehungerte, riesige Ratten auf sein Gesicht loslassen will: „Macht es mit Julia, nicht mit mir!“[108]. Dieser Verrat an seiner Geliebten bedeutet den seelischen Tod des Protagonisten.

„Die Macht lebt vom Verrat der Ohnmächtigen untereinander, vom Mord am Gefühl und am Gewissen“[109], nur so kann das System das menschliche Individuum besiegen.

Das deprimierende Ende drückt Orwells eigene lebenslange Verzweiflung am trennenden Wesen der Klassengesellschaft und der daraus resultierenden Selbstentfremdung und Selbstzerstörung der Menschheit aus.

„und weil alle voneinander wissen, dass sie Verräter sind, wachsen das Misstrauen und die Einsamkeit. Die Furcht vor der Folter ist das totalitäre Extrem. Aber der Verrat hat seine demokratische Normalzeit: Die Angst, aus dem Netz der Gesellschaft zu fallen, trennt die Menschen, der Kampf im Rattenrennen macht uns füreinander unempfindlich.“[110]

Ausblick: Lösung der drei gesellschaftspolitischen Grundprobleme

Der natürliche Antagonismus zwischen Individuum und Gemeinschaft äußert sich auf gesellschaftspolitischer Ebene in drei fundamentalen Problemen. In jeder Sozietät stellen sich die Fragen der Koordination, Kooperation und Verteilungsgerechtigkeit.[111]

Charakteristikum des traditionellen utopischen Denkens ist die Kritik an der zeitgenössischen Herrschaftsform und deren defizitärer Lösung der gesellschaftspolitischen Grundprobleme. In ihren Visionen einer besseren Gesellschaft meinten die Utopisten, Mittel und Wege aufzuzeigen, wie das Zusammenleben in Einklang zu bringen sei. Da jedoch utopisches Gedankengut offenkundig an der Realität scheiterte und totalitären Kräften Bahn brach, ist bei den negativen Utopien, wie im Kapitel „Der Ursprung: Scheitern des utopischen Ideals“ ausführlich beschrieben, der Gegenstand der Sozialkritik verkehrt.

In der folgenden abschließenden Betrachtung werde ich analysieren, welche Rolle Koordination, Kooperation und Verteilungsgerechtigkeit in der ozeanischen Parteidiktatur spielen. Da die moderne Anti-Utopie eine Negation der utopischen Versprechen darstellt, demonstriert Orwell in Form der Satire die denkbar schlechteste Lösung der drei gesellschaftlichen Grundprobleme.

Die post-totalitäre Diktatur Ozeaniens gibt sich dem Anschein nach sozialistisch. Wie aus den vorangegangenen Kapiteln deutlich wurde, existiert und operiert jedoch das gesamte politische System auf der Basis bewusster Täuschung.

Koordination

Der Aufbau des ozeanischen Regierungs- und Verwaltungsapparats ähnelt formal gesehen der in vielen klassischen Sozialutopien entworfenen politischen Ordnung. So koordinieren beispielsweise schon bei Campanella die Ministerien der „Macht“, „Weisheit“ und „Liebe“ das gesellschaftspolitische Leben des „ Sonnenstaates “.[112] In Orwells düsterem Zukunftsszenario verwalten die vier Ministerien eine perfektionierte Unterdrückungs- und Überwachungsmaschinerie.

Im ozeanischen Staatswesen existieren keine Partikularinteressen, die es zu vereinbaren gilt, denn das System ist darauf angelegt, die Individualität des Einzelnen zu vernichten. Hierin ist der entscheidende Unterschied zu den Utopien der klassischen Tradition zu sehen, deren Entwürfe auf die Aussöhnung zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Allgemeinwohl abzielten. Der besonders bei den sozialistischen Utopien dominierende Antiindividualismus fand seine Legitimation in der emanzipatorischen Vernunft, also in dem Glauben, die Herrschaft des „volonté générale“ würde eine bessere Welt für alle schaffen. Dieses utopische Ideal zeigt sich bei Orwell, wie auch bei Samjatin und Huxley in einer völlig verkehrten, entarteten Version. In der orwellschen Dystopie verrät eine machthungrige Gruppe die Revolution und installiert eine hierarchische Gesellschaftsordnung mit dem Ziel, eine Welt zu schaffen in der - um es mit den Worten Siegmund Freuds zu sagen - der Todestrieb „ Thanatos “ über den Lebenstrieb „ Eros[113] gesiegt hat und es nur noch den Rausch der Mächtigen an der Macht gibt.

Das Koordinationsproblem ist faktisch obsolet geworden, denn das Individuum hat nur im parteilichen Kollektiv, das im Interesse des eigenen Machtanspruchs bestimmt, was Realität ist, eine Daseinsberechtigung. Für den Einzelnen gibt es daher keine Alternative zu Konformität und Orthodoxie. Bezweifelt er, und sei es nur in Gedanken, die für alle Parteimitglieder verbindlichen Glaubenssätze, wonach der Grosse Bruder allmächtig und die Partei unfehlbar ist, bedeutet dies seinen Tod.

Es existieren keine Gesetze um die Ordnung im Gemeinwesen aufrecht zu erhalten. Das System setzt früher an, indem es verhindert, dass das zum Dissens nötige Bewusstsein sich überhaupt entwickeln kann. Das einzelne Individuum ist zu einem entmenschlichten Ausführungsorgan staatlicher Perversionen degradiert und zu einer quasi autistischen Existenz verdammt. Von frühesten Kindesbeinen an mit dem schizophrenen Denksystem „Doppeldenk“ indoktriniert, ist es der Manipulation durch die Partei hilflos ausgeliefert und kann sich nicht aus seiner Unmündigkeit befreien.

Kooperation

Da in Orwells Anti-Utopie der Einzelne seiner persönlichen Entscheidungsfreiheit beraubt ist, stellt sich für das entworfene Gesellschaftssystem auch das Kooperationsproblem nicht im herkömmlichen Sinn. Kooperation wird vielmehr gleichgesetzt mit Gehorsam und Konformität, welche durch den perfektionierten Unterdrückungs- und Überwachungsapparat sowie Indoktrination, Manipulation und Propaganda gewährleistet wird. Da bereits von der Gedankenpolizei aufgespürte, unorthodoxe Gedanken und Gefühle mit Folter, Gehirnwäsche und schließlich der Liquidierung des Abtrünnigen sanktioniert werden, kommt es in der Regel erst gar nicht zu defektivem Verhalten. Da die Parteimitglieder nicht als Menschen, sondern als bloße Ausführungsorgane betrachtet werden, wird als selbstverständlich vorausgesetzt, dass sie in jeder Hinsicht perfekt funktionieren. Der Einzelne hat keine andere Wahl, als bei Arbeit wie Freizeit unermüdliches Engagement zu zeigen. Den Zwang zu verinnerlichen und sich selbst einer permanenten Gedankenkontrolle nach dem Prinzip des Doppeldenk zu unterwerfen, ist die einzig mögliche Überlebensstrategie der Unterdrückten.

Die Lösung der Kooperationsfrage in dem von Orwell entworfenen post-totalitären Regime kann als direktes Gegenstück zur anarchistischen Utopie eines Pjotr Kropotkin gesehen werden. Dieser beschreibt in „ Die Eroberung des Brotes “ das Konzept der freiwilligen gegenseitigen Hilfe, welche ohne übergeordnete staatliche Zwangsgewalt auskommt.[114] In Orwells Anti-Utopie dagegen existieren auf Grund der Bewusstseins-Manipulation via Doppeldenk und Neusprech Begriffe wie freier Wille, Solidarität oder Rationalität nicht mehr. Demzufolge besteht auch kein Konflikt zwischen individueller Rationalität und kollektiver Optimalität.

Die Lösung dieses Dilemmas fand in den Entwürfen der klassischen Sozialutopien zumeist vor dem Hintergrund abstrakter Ideen, hoher Ideale und weit entfernter Ziele statt, da ihre Verfasser von der Hoffnung durchdrungen waren, die Schaffung eines Paradieses auf Erden werde eines Tages auf Grund der evolutionären Fortschritte der Menschheit möglich. Dieser Glaube war jedoch Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts von der Realität eingeholt worden. Versuche, utopische Ideale zu realisieren, hatten, wie die historische Entwicklung lehrte, zu Gewalt und Tyrannei geführt; die moderne Gesellschaft zeigte sich so anti-utopisch, dass man nicht viel Phantasie brauchte, um künftige Schreckensszenarien zu entwerfen. Nach der Enttäuschung über das Scheitern der bolschewistischen Revolution, die letztlich in die stalinistische Terrorherrschaft mündete, war es ein Anliegen der negativen Utopien, zu zeigen, dass das Streben nach dem Pareto-Optimalen ein großes Gefahrenpotential in sich birgt.

Die von Orwell geschilderte Bürokratische Parteidiktatur zielt auf die Auslöschung des Individuums im Namen des Gemeinwohls ab. Die größenwahnsinnigen, machtbesessenen Herrscher wollen die Menschheit neu erschaffen, indem sie den Einzelnen zu einem von Hass zerfressenen, bösartigen Fanatiker und seelenlosen Bürokraten umformen. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass sich das System im Jahre 1984 noch im Wandlungsprozess befindet. Bis die menschliche Natur völlig deformiert ist, müssen die Machthaber jedes Aufflackern des Lebenstriebs, welcher nach Liebe, Gerechtigkeit und hedonistischen Werten strebt, unterdrücken oder instrumentalisieren. Hierzu bedient sich die Staatsmacht allen voran der negativen Energie und enormen Frustration, welche sich durch die Unterdrückung des Sexualtriebs bei den Menschen anstaut. Misstrauen, Verrat, Kriegshysterie, Angst und Paranoia beherrschen die Atmosphäre, was die Leistungsbereitschaft des geistig paralysierten Volkes steigert. Ein eindrückliches Beispiel für die Instrumentalisierung des menschlichen Verlangens nach Liebe, Sicherheit und vertrauensvoller Bindung ist der extreme Führerkult um den gottgleichen „Grossen Bruder“, von dem die in Unwissenheit gefangene Bevölkerung glaubt, er wolle selbstverständlich das Beste für die Allgemeinheit.

Durch die Leugnung der objektiven Realität und der Vergangenheit ist das Bewusstsein des Einzelnen so eingeengt, dass in der Regel nicht-kooperative Strategien, sprich Ungehorsam in seiner Weltsicht non-existent sind. Da das orthodoxe Parteimitglied ausschließlich dem Interesse des parteilichen Kollektivs dient, hat es die Staatsmacht nicht nötig, konkrete Anreize für die Wahl kooperativer Verhaltensstrategien zu bieten. Das enorme Arbeitspensum und eine Ethik des Verzichts werden durch den permanenten Kriegszustand und den Kampf gegen innere Feinde legitimiert. Die Tatsache, dass sowohl gesellschaftlicher Aufstieg wie Fall möglich sind, erhöht allerdings die Bereitschaft der Bürger, durch Fleiß, konforme Lebensführung und geistige Orthodoxie ihre soziale Reputation zu verbessern.

Im Kontext der Kooperationsfrage wird eine Ungereimtheit deutlich, die ich auch generell als einen Schwachpunkt des orwellschen Entwurfes sehe. Nach der Partei-Devise „Proles und Tiere sind frei“, werden 85 Prozent der Bevölkerung sich selbst überlassen, was für ein totalitäres Regime ohnehin untypisch ist. Meiner Ansicht nach ist zweifelhaft, ob der primitive Patriotismus der Proles und ihre Unwissenheit ausreichen, um sie weitere Rationalisierungsmassnahmen und längere Arbeitszeiten ertragen zu lassen. Wahrscheinlicher wäre es in meinen Augen, wenn sich innerhalb dieses zahlenmäßig so überlegenen Teiles der Bevölkerung kooperative Strategien herausbilden, die der eigenen Gruppe zugute kommen.

In seinem Klassiker „ Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt “ weist Kropotkin nach, dass Kooperation und Solidarität die entscheidenden Faktoren der Evolution sind, denn sie sichern am besten den Fortbestand der Gattung.[115] Kropotkins Auffassung wird durch die von Robert Axelrod auf der Basis des iterierten Gefangenendilemmas durchgeführten Analyse bestätigt. Axelrod veranstaltete Computerturniere mit zahlreichen voneinander unabhängigen, von verschiedenen Experten der Spieltheorie ausgearbeiteten Spielprogrammen, die sich jeweils bemühten, aussichtsreiche Spielstrategien zum Einsatz zu bringen. Dabei zeigte sich die Überlegenheit derjenigen Strategien, die die Fähigkeit haben zu kooperieren und sich gegen Ausbeutung zu schützen.[116]

[...]


[1] geb. Eric Arthur Blair; vgl.: Biography. Availabel Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/about/biography.html#top [02.08.2003]

[2] Orwell, George: “Why I write”. 1947. Available Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/work/essays/write.html [10.07.2003]

[3] ebenda: Available Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/work/essays/write.html [10.07.2003]

[4] ebenda: Available Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/work/essays/write.html [10.07.2003]

[5] ebenda: Available Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/work/essays/write.html [12.07.2003]

[6] vgl.: Kumar, Krishan: “Utopia and Anti-Utopia in Modern Times”. Oxford: Basil Blackwell, 1987; S. 288 ff

[7] vgl. zu diesem Thema: Saage, Richard: „ Innenansichten Utopias “. Wirkungen, Entwürfe und Chancen des utopischen Denkens. Duncker und Humblot: Berlin, 1999

[8] Letter to Francis A Henson of the UAW, 16 June 1949, CEJL, vol. IV, p. 564. Zitiert in: Kumar, Krishan (1987); S.290

[9] vgl. zur Rezensionsgeschichte auch: Kahrmann, Bernd: George Orwells Nineteen Eighty Four (1949), in: „ Literarische Utopien von Morus bis zur Gegenwart “. Hrsg. v. Klaus L. Berghahn und Hans Ulrich Seeber, 2. Auflage, Königstein/Ts., 1986; S. 233-249.

[10] Zitiert wurde nach folgender Edition: Orwell, George: „1984“. Hrsg. v. Herbert Franke, 23. Auflage, München: Ullstein Taschenbuchverlag, 2002

[11] Orwell, George: „1984“; S. 242

[12] ebenda; S. 244

[13] Saage, Richard: „ Politische Utopien der Neuzeit “. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1991; S. 268 ff

[14] Orwell, George: „1984“; S. 229

[15] ebenda; S. 246

[16] Orwell, George: „1984“; S. 244, 245

[17] Burnham, James: „ Das Regime der Manager “. Stuttgart: Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, 1948; S. 61

[18] Orwell, George: „1984“; S. 248

[19] ebenda: S. 248

[20] Orwell, George: „1984“; S. 253

[21] ebenda: S. 254

[22] vgl. z.B. Orwell, George: „1984“; S. 80, 81

[23] Orwell, George: „1984“; S.233

[24] ebenda; S. 250, 251

[25] Anm.: vergleichbar mit der kommunistischen Nomenklatur

[26] Orwell, George: „1984“; S. 250

[27] ebenda; S. 254

[28] ebenda; S. 255

[29] ebenda; S. 251

[30] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 231

[31] Orwell, George: „1984“; S. 233

[32] ebenda; S. 249

[33] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 252, 253

[34] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 252, 253

[35] Orwell, George: „1984“; S. 251

[36] vgl. z.B.: Orwell, George: „1984“; S. 75, 93

[37] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 102

[38] vgl. z.B.: Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit (1991); S. 284, 285

[39] vgl.: ebenda; S. 284, 285

[40] Orwell, George: „1984“; S. 76

[41] Anm.: nach der Terminologie von Bruno Rizzi vgl. z.B.: Available Online: http://www.sozialistische-klassiker.org/Trotzki/LT37.html

[42] Orwell, George: „1984“; S. 76

[43] vgl.: Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit (1991); S. 282, 283

[44] Orwell, George: „1984“; S. 82

[45] ebenda; S. 82

[46] Anm.: nach dem Neusprech-Diktionär, neunte / zehnte Auflage, steht dieser Begriff für sexuelle Unmoral; vgl.: S.368

[47] Anm.: nach dem Neusprech-Diktionär, neunte / zehnte Auflage, steht dieser Begriff für Keuschheit; vgl.: S.368

[48] Orwell, George: „1984“; S. 163

[49] Orwell, George: „1984“; S.163; Hervorhebung durch den Verf.

[50] ebenda; S. 154, 155

[51] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 320, 163, 164

[52] vgl. z.B.: Orwell, George: „1984“; S. 30-33, 164

[53] Orwell, George: „1984“; S. 164

[54] sh. Kap. 4.2.; S. 8 meines Aufsatzes

[55] Orwell, George: „1984“; S. 89; vgl. hierzu auch S. 323

[56] vgl. z.B.: Orwell, George: „1984“; S. 90

[57] Orwell, George: „1984“; S. 253

[58] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 55, 56

[59] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 160

[60] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 106, 107

[61] Orwell, George: „1984“; S. 89

[62] Orwell, George: „1984“; S. 88, 89

[63] vgl. z.B: Orwell, George: „1984“; S. 259

[64] Orwell, George: „1984“; S. 19

[65] sh. hierzu: Kap. 6 in diesem Aufsatz

[66] Orwell, George: „1984“; S. 19

[67] vgl. z.B.: Orwell, George: „1984“; S. 25

[68] sh. Kap. 3 in diesem Aufsatz; Rolle O’Briens

[69] vgl. z.B.: “Work, Summaries & Interpretations: Nineteen Eighty-Four”. Available Online: http://www.k-1.com/Orwell/index.cgi/work/summaries/1984.html#symbol [10.06.03]

[70] Anm.: nach dem Neusprech-Diktionär, neunte / zehnte Auflage, steht dieser Begriff für ein von Natur aus orthodoxes Parteimitglied; vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 254

[71] Orwell, George: „1984“; S. 257

[72] ebenda; S. 257

[73] ebenda; S. 257

[74] vgl. z.B.: Kumar, Krishan (1987); S. 326, 327

[75] Orwell, George: „1984“; S. 45, 298

[76] ebenda; S. 258

[77] ebenda; S. 260

[78] vgl.: Verhörszene; Orwell, George: „1984“; S. 295-301

[79] Orwell, George: „1984“; S. 258

[80] Orwell, George: „1984“; S. 371

[81] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 371

[82] Kenny, Antony (Hrsg.): Ludwig Wittgenstein. Ein Reader. Stuttgart: Reclam, 1996, S.36

[83] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 368

[84] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 367

[85] vgl.: Orwell, George: “Politics and the English Language”. Horizon, April 1946. Available Online: http://www.netcharles.com/orwell/05.htm [20.08.20003]

[86] Anm.: Weltkarte sh. Anhang S. 41

[87] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 224

[88] Orwell, George: „ The Coming Age of Superpowers”, “As I please”-Column. In: Tribune; 02.02.1945. Available Online: http://www.netcharles.com/orwell/09.htm [02.08.2003]

[89] vgl.: Kumar, Krishan: S.308, 309

[90] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 225

[91] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 234, 235

[92] Orwell, George: „1984“; S. 226

[93] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 237

[94] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 237

[95] Orwell, George: „1984“; S. 238

[96] ebenda; S. 239

[97] ebenda; S. 101

[98] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 298-312

[99] Orwell, George: „1984“; S. 259

[100] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 187

[101] Orwell, George: „1984“; S. 230

[102] Orwell, George: „1984“; S. 306, 307

[103] ebenda; S. 320

[104] vgl.: Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit (1991); S. 293, 294

[105] Orwell, George: „1984“; S. 319

[106] ebenda; S. 320

[107] vgl.: Orwell, George: „1984“; S. 337

[108] Orwell, George: „1984“; S. 343

[109] Greffrath, Mathias: „ Der letzte Mann in Europa “. In: Die Zeit 26/2003. Available Online: http://www.zeit.de/2003/26/A-Orwell [28.07.2003]

[110] ebenda: Available Online: http://www.zeit.de/2003/26/A-Orwell [28.07.2003]

[111] vgl.: Kern, Lucian: „ Theorien der Verteilungsgerechtigkeit “. In: Jahrbuch für Handlungs- und Entscheidungstheorie, Bd. 1 (2001), S. 2

[112] vgl.: Saage, Richard: Politische Utopien der Neuzeit (1991); S. 287

[113] vgl.: Freud, Siegmund: „ Das Unbehagen in der Kultur “. Frankfurt: Fischer (Tb.), 1994

[114] vgl.: Kropotkin, Pjotr: „ Die Eroberung des Brotes “. Grafenau: Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG, 1999

[115] vgl.: Kropotkin, Pjotr: „ Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt “, 2. Auflage, Grafenau. Trotzdem Verlagsgenossenschaft eG, 1999

[116] vgl.: Axelrod, Robert: „ Die Evolution der Kooperation “; München: Oldenbourg, 1988

Ende der Leseprobe aus 275 Seiten

Details

Titel
Die Welt von George Orwells „1984“: Zwischen fiktivem Schrecken und realer Bedrohung
Autoren
Jahr
2013
Seiten
275
Katalognummer
V232681
ISBN (eBook)
9783656487234
ISBN (Buch)
9783956870712
Dateigröße
1549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welt, george, orwells, zwischen, schrecken, bedrohung
Arbeit zitieren
Miriam Helisch (Autor)Carl Sulz (Autor)Oliver Trenk (Autor), 2013, Die Welt von George Orwells „1984“: Zwischen fiktivem Schrecken und realer Bedrohung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232681

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