Kindsmord im Drama des Sturm und Drang: Gesellschaftliche Wirklichkeit oder melancholische Fiktion?

Eine Untersuchung am Beispiel von H. L. Wagners "Die Kindermörderin"


Hausarbeit, 2012

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kindsmord als Abbild der repressiven Gesellschaft: Evchen als Opfer

3. Kindsmord als Ausdruck von Melancholie: Evchen als Melancholikerin

4. Fazit: Der Kindsmord im Drama des Sturm und Drang – Gesellschaftliche
Wirklichkeit oder melancholische Fiktion?

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Heinrich Leopold Wagners 1776 veröffentlichtes Trauerspiel Die Kindermörderin galt nicht nur unter seinen Zeitgenossen als umstritten. Während es zu seiner Zeit als so anstößig empfunden wurde, dass es nur in einer zensierten, umgearbeiteten Form aufgeführt werden durfte, wird in der gegenwärtigen Germanistik über den künstlerischen Wert des Dramas diskutiert. Wagner sei ein minderwertiger Plagiator Goethes gewesen, heißt es vor allem in der älteren Forschung. Der Kindermörderin mangele es an künstlerischer Qualität und tieferem Sinn, weil die gewollt natürliche Darstellung der niederen Stände nur auf grobe Effekthascherei aus sei. Zudem sei die unmotiviert wirkende Zufallsdramaturgie der Handlung in vielerlei Hinsicht unglaubwürdig und nicht nachvollziehbar.[1] Besonders in den letzten Jahrzehnten wurde jedoch zunehmend ein gegenteiliger Standpunkt vertreten. Gerade durch die naturalistische Darstellung gelinge Wagner mit dem Drama eine eindringliche Repräsentation seiner Epoche. Die gesellschaftliche Situation mit all ihrer Problematik werde in dem Werk exemplarisch reflektiert und mit dem eintretenden Kindsmord auf das Schärfste kritisiert. Johannes Werner bezeichnet das Stück gar als „Brennglas und Hohlspiegel, Destillat und Konzentrat“ einer „gesellschaftlichen Situation in einem gesellschaftlichen Prozess“[2]. Er tritt soweit für die Authentizität des Werks ein, dass er der Ansicht ist, die ihm vorgeworfenen Fehler seien nicht die Fehler des Dramas selbst, sondern eher die Fehler der Zeit, die es abbildet.[3]

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit eben dieser oft vertretenen These auseinander, dass das populäre Kindsmordmotiv[4] im Drama des Sturm und Drang die repressiven gesellschaftlichen Verhältnisse exemplarisch abbilden und somit kritisieren würde. Der Kindsmord diene dabei nicht nur dazu, auf das brutale und ungerechte Strafrecht aufmerksam zu machen, sondern verweise als letzte Konsequenz eines verzweifelten Individuums auf die menschenfeindliche Gesellschaftsordnung, gegen die sich die Stürmer und Dränger wandten.

Der gesellschaftskritische Aspekt, der dem Kindsmordmotiv anhaftet, ist evident. Ob es sich dabei jedoch tatsächlich um eine exemplarische Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit handelt, lässt sich diskutieren. So bietet Gert Mattenklott eine andere Perspektive zur Beurteilung des Dramas im Sturm und Drang an. Er vertritt die These, dass es vor allem die zeittypische Melancholie sei, die sich in den Dramen äußert und weniger allein die repressiven gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Melancholie sei sogar als die Ursache für die gesellschaftliche Ohnmacht der Stürmer und Dränger anzusehen.[5]

Im Folgenden werden diese unterschiedlichen Standpunkte zum Drama des Sturm und Drang in Bezug auf den Kindsmord in Wagners Die Kindermörderin einander gegenübergestellt, so dass die Bedeutung des Kindsmords in diesem Zusammenhang näher beleuchtet wird. Am Ende soll die Frage beantwortet werden, ob es sich dabei tatsächlich um ein Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit oder doch eher um melancholische Fiktion handelt.

2. Kindsmord als Abbild der repressiven Gesellschaft: Evchen als Opfer

E v c h e n. […] Mein armes bischen Verstand hat, glaub ich, vollends den Herzstoß bekommen! – (das Kind schreyt wieder) Singst du? Singst? Singst unsern Schwanengesang? – sing, Gröningseckchen! sing – Gröningseck! so hieß ja dein Vater; (nimmts vom Bett wieder auf und liebkosts.) – Ein böser Vater! der dir und mir nichts seyn will, gar nichts! und mirs doch so oft schwur, uns alles zu seyn! – ha! im Bordel so gar es schwur! (zum Kind) Schreyst? schreyst immer? laß mich schreien, ich bin die Hure, die Muttermörderinn; du bist noch nichts! – ein kleiner Bastert, sonst gar nichts; – (mit verbißner Wuth.) – sollst auch nie werden, was ich bin, nie ausstehn, was ich ausstehen muß – (nimmt eine Stecknadel, und drückt sie dem Kind in Schlaf […] ).[6]

In dieser Szene ereignet sich die Katastrophe, auf die das Drama hingearbeitet hat. Evchen verzweifelt endgültig an ihrer Situation. Allein, aus der Gesellschaft ausgestoßen, von äußerer und innerer Schande geplagt, verliert sie die Kontrolle über sich selbst und tötet in einem Anflug von Wahnsinn ihr Kind. An diesem Punkt bricht sie unter dem gesellschaftlichen und psychischen Druck, der auf ihr lastet, zusammen. Jegliche Beziehungen zur Umwelt, die sie vorher dazu veranlasst haben, die Fassung zu wahren – wie etwa die zu ihren Eltern, zu Gröningseck oder selbst zu Frau Marthan – sind nun vollkommen abgebrochen. Wie Beat Weber herausstellt, identifiziert sie sich nun endgültig mit der Rolle der „Hurenmutter“[7], die ihr unter diesen Umständen von der Gesellschaft zugeschrieben wird. Die unterdrückten Aggressionen gegen v. Gröningseck und die verinnerlichte Verachtung sich selbst gegenüber entladen sich nun in dem Kindsmord. Laut Weber sei sie außerstande sich als Mutter dieses Kindes zu fühlen, weil es sie an ihre Schande und den daran schuldigen v. Gröningseck erinnere. Mit dem „Schandmal der Unehelichkeit“[8] belastet, sei das Kind dazu verdammt, genau wie seine Mutter, ein Außenseiter der Gesellschaft zu werden. Indem sie das Kind tötet, möchte sie ihm dieses Schicksal ersparen. Nur das Eintreffen der übrigen Figuren verhindere, dass Evchen, in dem Wunsch sich zu bestrafen, auch ihrem eigenen Leben ein Ende setzt.[9]

Doch welche Umstände genau haben zu dieser Katastrophe geführt? Ist doch anzunehmen, dass die Lage Evchens deshalb geschildert wird, um „den gesellschaftlichen Mißständen vorzubeugen, die zu diesem Schicksal führen konnten“[10], wie El-Dandoush es treffend formuliert. Zur Beantwortung dieser Frage gilt es, Evchens Fall genauer zu rekonstruieren.

Die Katastrophe nimmt bereits im ersten Akt ihren Lauf. Die naive Bürgerstocher Evchen Humbrecht wird das Opfer einer Vergewaltigung in einem schäbigen Wirtshaus, das sich später als Bordell herausstellt. Zu der Vergewaltigung durch den gesellschaftlich höher gestellten Lieutenant v. Gröningseck kommt es, weil dieser bewusst die Naivität und Unerfahrenheit von Mutter und Tochter der Metzgerfamilie Humbrecht ausnutzt. Geprägt von dem Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg hat Frau Humbrecht gegen den Willen ihres Mannes einem Ballbesuch mit v. Gröningseck zugestimmt. Weil sie, genau wie Evchen, bisher ein behütetes, häusliches Leben geführt hat und in Sachen Ball und Tanz – der Domäne des Adels – unerfahren ist, lässt sie es auch zu, dass v. Gröningseck sie in ein Wirtshaus bringt, wo er sie mit einem Pulver in den Schlaf versetzt, um Evchen ungestört verführen zu können. Nagla El-Dandoush verweist in ihrer Interpretation der Kindermörderin zu Recht auf die Mitschuld der Mutter an der Verführung Evchens. Weil diese sich zu Hause stets den moralischen Werten ihres Mannes unterordnen müsse, sei ihre Sehnsucht nach Vergnügen so groß, dass sie sich in der Öffentlichkeit geradezu töricht und lächerlich als Dame von Welt aufführen müsse und dabei in ihrer Naivität die Gefahren übersieht, was sich auch auf Evchen übertrage.[11] Dieses Verhalten lässt sich jedoch wiederum mit der herrschenden Ständeordnung erklären. Während das Bürgertum im Begriff war gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung zu gewinnen und im Zuge dessen die Moden des Adels, wie etwa das Ballleben, übernahm, besteht Vater Humbrecht nach wie vor auf der strikten Trennung der Stände.

H u m b r e c h t: […] Was scheeren mich die mit samt ihrem Stand? – ich hab auch einen Stand, und jeder bleib bey dem seynigen! – Und dann, so hab ich ja noch nicht gesagt, daß das Ballgehn überhaupt nichts taugte; - meine Leut aber sollten nicht drauf gehen, das sagt ich! – Laßt die immerhin herumtänzeln, die drauf gehören, wer wehrts ihnen? – für die vornehmen Herren und Damen, Junker und Fräuleins, die vor lauter Vornehmheit nicht wissen, wo sie mit des lieben Herrgotts seiner Zeit hinsollen, für die mag es ein ganz artiges Vergnügen sein; wer hat was darwider? – aber Handwerksweiber, Bürgerstöchter sollen die Nas davon lassen; die können auf Hochzeiten, Meisterstückschmäusen, und was das Zeugs mehr ist, Schuh genug zerschleifen, brauchen nicht noch ihre Ehr und guten Namen aufs Spiel setzen. - - Wenn denn vollends ein zuckersüßes Bürschchen in der Uniform, oder ein Barönchen, der sich Gott erbarm! ein Mädchen vom Mittelstand an solche Örter hinführt, so ist zehn gegen eins zu verwetten, daß er sie nicht wieder nach Haus bringt, wie er sie abgeholt hat.[12]

Wie sich herausstellt, ist die Sorge Humbrechts begründet. Dennoch ist gerade sein striktes Verbot, Bälle zu besuchen oder sich generell mit dem adeligen Stand abzugeben, als Grund dafür anzusehen, dass Evchen und ihre Mutter auf die List v. Gröningsecks hereinfallen und nicht wissen, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten sollen. So ist es für den adeligen Offizier ein Leichtes, die Unerfahrenheit der naiven, leicht zu beeindruckenden Bürgerstochter auszunutzen. An dieser Stelle schwingt nicht nur die Kritik am adeligen Offizierstand mit, der es sich scheinbar zum Sport gemacht hatte, wehrlose Bürgerstöchter zu verführen, sondern auch eine von Wagner implizierte Kritik an den konservativen Erziehungsmethoden des Bürgertums. Diese Kritik repräsentiert vor allem auch der Magister, der sich fortschrittlich dafür ausspricht, junge Menschen über die weltlichen Laster aufzuklären, damit sie entsprechend darauf reagieren können, anstatt es vor ihnen verborgen zu halten.[13]

Auffällig ist dabei, dass gerade der Adel mit Lasterhaftigkeit, Zügellosigkeit und fehlender Moral assoziiert wird und damit eine Gefahr für das Bürgertum darstellt, das sich eine derartiges Verhalten nicht erlauben kann, weil es sich seinen guten Namen verdienen und erhalten muss. Das Drama übt somit Kritik an den oberen gesellschaftlichen Ständen und macht sie für das Unglück der unteren Stände verantwortlich. Dafür spricht nicht nur die spätere Intrige v. Hasenpoths, sondern auch die Eröffnung des Stücks mit einer Bordellszene. Die Tatsache, dass v. Gröningseck dort mit der Magd Marianel sehr vertraut ist, spricht dafür, dass das Bordell für ihn, einen Vertreter des höheren Standes, ein Ort ist, in dem er häufig und wie selbstverständlich verkehrt. Auf diese Weise personifiziert er geradezu die Unsittlichkeit, die Humbrecht dem Adel unterstellt. Die Vergewaltigung Evchens demonstriert weiterhin die Unterdrückung des Bürgertums durch den Adel. Dabei spielt es keine Rolle, dass Evchen später zugibt, in v. Gröningseck verliebt zu sein. Schließlich konnte er sie nur durch eine List und körperliche Gewalt zum Geschlechtsakt zwingen.[14]

[...]


[1] Zur Rezeption und Forschungsgeschichte des Stücks mehr bei Johannes Werner (1977) und Andreas Huyssen (1980).

[2] Johannes Werner: Gesellschaft in literarischer Form. H. L. Wagners ‚Kindermörderin’ als Epochen- und Methodenparadigma. Stuttgart 1977, S. 113.

[3] Vgl. ebd., S. 113 f.

[4] Neben Wagner machten auch Goethe, Schiller, Lenz und Bürger den Kindsmord zum Thema.

[5] Vgl. Gert Mattenklott: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang. Stuttgart 1968, S. 47.

[6] Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin. Ein Trauerspiel. Stuttgart 1983, S. 79-80.

[7] Beat Weber: Die Kindsmörderin im deutschen Schrifttum von 1770-1795. Bonn 1974, S. 97.

[8] Weber: Die Kindsmörderin im deutschen Schrifttum von 1770-1795, S. 101.

[9] Vgl. ebd., S. 97 ff.

[10] Nagla El-Dandoush: Leidenschaft und Vernunft im Drama des Sturm und Drang. Dramatische als soziale Rollen. Würzburg 2004, S. 195.

[11] Vgl. ebd., S. 174-176.

[12] Wagner: Die Kindermörderin, S. 21-22.

[13] Vgl. ebd., S. 26.

[14] Vgl. Wagner: Die Kindermörderin, S. 16.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Kindsmord im Drama des Sturm und Drang: Gesellschaftliche Wirklichkeit oder melancholische Fiktion?
Untertitel
Eine Untersuchung am Beispiel von H. L. Wagners "Die Kindermörderin"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Deutschsprachige Literatur mit dem Schwerpunkt Neuere Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V232868
ISBN (eBook)
9783656498612
ISBN (Buch)
9783656499367
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindermörderin, Kindsmord, Wagner, Drama, Sturm und Drang, Melancholie, Mattenklott
Arbeit zitieren
Elena Schefner (Autor), 2012, Kindsmord im Drama des Sturm und Drang: Gesellschaftliche Wirklichkeit oder melancholische Fiktion?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/232868

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