Weshalb gerät der angeblich zivilisierte Mensch immer wieder in das Triebwerk extremer Gewalt, wie ist es möglich, dass ganze Nationen, ganze Kulturen ein gigantisches Mordwerk des Massakers, der ethnischen Säuberungen, des Genozids aus sich selbst heraus erzeugen? Was im Menschen bringt die unbegreiflichen Gräueltaten des Holocausts im Hitler-Deutschland, den Völkermord in Ruanda hervor? Erklärende Versuche gibt es unzählige, die sich mit der Beschreibung der Gewaltentstehung auseinandersetzen und in der Folge mit Angaben der Gewaltprävention auffahren. Dennoch ist das Phänomen gerade der extremsten
Formen kollektiver Gewalt bis heute rätselhaft.
Terry George, der Regisseur des Films Hotel Ruanda beschreibt eine emotionale Haltung, die bezeichnend sein dürfte für viele, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Auf die Frage einer Interviewerin, warum er in seinem Film die Massaker des Völkermords in Ruanda 1994 nur andeute, antwortete er: „Wie kann ich das Unmögliche auf die Leinwand bringen und zeigen, wie Menschen andere Menschen mit Macheten zerhacken? Es wäre nicht auszuhalten gewesen. Ich wollte und konnte das Entsetzliche nicht realitätsnah 1:1 zeigen.“ (George, 2006)
Wolfgang Sofskys "Traktat über die Gewalt" ist ein Deutungsversuch, der Gewalt als kulturelles Kontinuum begreift und Kultur als zwingend gewalterzeugend beschreibt. „Sie durchherrscht die Geschichte des Gattungswesens von Anfang bis Ende.“ (Sofsky, 1996, S.10) In einem beständigen Wechsel von Ordnung und Chaos erzeugt die Kultur Gewalt immer wieder neu aus sich selbst heraus. Gewalt ist dem Prinzip menschlicher Vergesellschaftung inhärent.
Ziel der Arbeit ist es, Sofskys Standpunkt zum einen in seiner Argumentationskette zu skizzieren und zum anderen dessen düstere kulturpessimistische Schlussfolgerung zu rekonstruieren und zu kritisieren. Das Beziehungsgeflecht von Kultur, Freiheit und Gewalt soll dabei ebenso analysiert werden, wie die individuelle Motivation des Einzeltäters zur Anwendung extremster Gewalt. Hierfür werden zudem sozialpsychologische Befunde aus der Aggressionsforschung untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Trieb zur Freiheit
2.1. Zum Verhältnis von Freiheit und Kultur
2.2. Die Triebkräfte der Gewalt nach Wolfgang Sofsky
3. Die Grausamkeit der Täter
3.1. Kollektive Gewalt in der Historie
3.2. Die Entwertung der Opfer
4. Sozialpsychologische Grundlagen
4.1. Groupthink
4.2. Das Wir – Gefühl
4.3. Macht und Freiheit des Einzeltäters
4.4. Die Isolation der Tätergruppe
4.5. Das Wir – Gefühl bei Wolfgang Sofsky
4.6. Die Repression der Führungsebene
5. Angst und Gewalt
5.1. Zum Verhältnis von Angst und Gewalt
5.2. Die Verletzlichkeit des Leibes
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit Wolfgang Sofskys "Traktat über die Gewalt" auseinander, um dessen kulturpessimistische Schlussfolgerung, Gewalt sei ein unvermeidliches, kulturelles Kontinuum, zu rekonstruieren und zu widerlegen. Die Forschungsfrage untersucht dabei, ob Gewalt tatsächlich aus einem Trieb nach absoluter Freiheit resultiert oder ob sie durch soziologische und psychologische Faktoren erklärbar ist, die durch gesellschaftliche Strukturen beeinflusst werden.
- Kritische Analyse der Beziehung zwischen Freiheit, Kultur und Gewalt
- Untersuchung von kollektiven Gewaltformen wie Massakern und Menschenjagden
- Anwendung sozialpsychologischer Erkenntnisse (z. B. Groupthink, Wir-Gefühl)
- Dekonstruktion des absoluten Freiheitsstrebens als Ursprung der Gewalt
- Gegenentwurf: Gewalt als Folge von Machtmissbrauch und Angst
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Entwertung der Opfer
Die Menschenjagd ist bei Sofsky, was die soziale oder auch moralische Konstitution der Jagdgemeinschaft angeht, vergleichbar mit der Tierhatz. In der Jagd entwickelt der Mensch einen wahren Blutdurst, das Ziel muss erreicht werden und jedes Mittel ist dazu recht. Das Wild befindet sich dabei in einem außermoralischen Bereich, abgesehen davon, dass es Nahrung darstellt, hat es keinen Wert. Sofsky erwähnt in seiner Monografie, dass man Überbleibsel von Schlachtplätzen fand, noch aus der Eiszeit stammend, an denen der Mensch tausende von Tieren in gewaltigen Akten der Maßlosigkeit abgeschlachtet hatte. Die meisten dieser Tiere hatte man während der Jagd über eine Klippe getrieben, sie stürzten sich zu Tode oder waren verletzt am Fuß der Klippe leichte Beute für die dort bereits wartenden Jäger.
Sofsky setzt diese Begebenheit nicht direkt in einen Vergleich zu den Massakern, die sich in der Geschichte oftmals an Menschenjagden angeschlossen haben aber indirekt ist die Parallele natürlich zu ziehen. Die Grausamkeit, die der Mensch jenen Tieren antat, die Brutalität und Effizienz seiner Gewalt sind bei Sofsky gleichartig mit dem Vorgehen in Massakern. Diesen Vergleich möchte ich noch etwas weiter ausführen und auf eine Tatsache hinweisen, die Sofsky, wie ich meine, fälschlicherweise als hinfällig betrachtet.
Die Brutalität der Gewalt und die Masse der getöteten Tiere sind in meinen Augen der reinen Effizienz der Methode geschuldet. Diese Jagdmethode hatte wahrscheinlich die größte Aussicht auf Erfolg, bei geringerer Anstrengung und wohl weniger Verlusten auf Seiten des Jägers. Die Grausamkeit der Vorgehensweise ist dann aber eigentlich keine. Die betreffenden Jäger werden jedenfalls nicht so empfunden haben, aus dem Umstand heraus, dass sie die Tiere nicht als würdebesitzende und wertvolle Lebewesen begriffen haben. Vielmehr sind diese Tiere wahrscheinlich (zumindest im Falle des Beispiels) letztlich nur auf ihren Wert als Nahrung reduziert worden, was erklärt, wie ungerührt sie die Tiere niedermetzeln konnten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Wolfgang Sofskys These vom kulturellen Kontinuum der Gewalt und Formulierung der Zielsetzung, dieses kulturpessimistische Menschenbild kritisch zu hinterfragen.
2. Der Trieb zur Freiheit: Analyse von Sofskys zentralem Postulat, dass der Mensch aus einem inneren Trieb nach absoluter Freiheit die kulturellen Ordnungen zerschlage und dadurch zwangsläufig Gewalt erzeuge.
3. Die Grausamkeit der Täter: Untersuchung der Formen kollektiver Gewalt (Massaker und Menschenjagd) und die Bedeutung der Opferentwertung für die Täter.
4. Sozialpsychologische Grundlagen: Anwendung von Konzepten wie "Groupthink" und "Wir-Gefühl", um das enthemmte Verhalten in Tätergruppen jenseits von Sofskys Freiheitsbegriff zu erklären.
5. Angst und Gewalt: Untersuchung der Rolle von Angst vor der physischen Verletzbarkeit als zentralem Faktor für die Entstehung von Gewalt und Unfreiheit in Gesellschaften.
6. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Widerlegung des perpetuierenden Naturzustandes der Gewalt und Plädoyer für demokratische, machtbegrenzende und bildungsorientierte gesellschaftliche Strukturen.
Schlüsselwörter
Gewalt, Freiheit, Kultur, Wolfgang Sofsky, kollektive Gewalt, Massaker, Menschenjagd, Groupthink, Wir-Gefühl, Opferentwertung, Sozialpsychologie, Machtmissbrauch, Angst, Zivilisation, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Gewalt, Freiheit und Kultur auf Basis von Wolfgang Sofskys "Traktat über die Gewalt" und hinterfragt dessen pessimistische Annahme, dass der Mensch zu einem ewigen Kreislauf der Gewalt verdammt sei.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die kritische Analyse des Freiheitstriebs, die Entstehung kollektiver Gewaltformen, der Einfluss von Gruppenprozessen (Groupthink) und die Bedeutung von Angst und Macht für das Zustandekommen von Gewaltakten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Sofskys Argumentationskette zu dekonstruieren und eine Gegenthese zu formulieren, nach der Gewalt nicht in der menschlichen Natur oder einem zwangsläufigen kulturellen Schicksal liegt, sondern durch politische und soziale Faktoren steuerbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor verwendet eine literatur- und theorieorientierte Analyse, die philosophische Aussagen Sofskys mit sozialpsychologischen Konzepten wie dem Groupthink-Modell oder Erkenntnissen zur Opferentwertung konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung kollektiver Gewalt, indem er psychologische Mechanismen wie das "Wir-Gefühl" und "Groupthink" untersucht und aufzeigt, wie die Entwertung der Opfer und die Instrumentalisierung durch Eliten zur Radikalisierung führen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gewalt, Freiheit, Kultur, kollektive Gewalt, Opferentwertung, Groupthink, Wir-Gefühl, Angst und Machtmissbrauch.
Warum kritisiert der Autor Sofskys Sichtweise auf die "absolute Freiheit"?
Der Autor argumentiert, dass Sofskys Freiheitsbegriff als Triebkraft der Gewalt zu kurz greift. Stattdessen wird aufgezeigt, dass kollektive Gewalt oft in einem Zustand absoluter Unterordnung (Gefangensein im Kollektiv) stattfindet und viel eher ein Streben nach Macht als nach Freiheit darstellt.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Angst in Bezug auf kollektive Gewalt?
Der Autor sieht in der Angst vor physischer Verletzbarkeit den eigentlichen Urgrund der Vergesellschaftung. Wenn politische Akteure oder Regime ein Klima der Angst schaffen, korrumpieren sie soziale Strukturen und provozieren Gewaltexzesse gegen sogenannte "Andere" oder Feindbilder.
- Arbeit zitieren
- Robert Gehrke (Autor:in), 2012, Zum Verhältnis von Gewalt, Freiheit und Kultur in Wolfgang Sofskys "Traktat über die Gewalt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233194