Der Untergang des achämenidischen Perserreiches

Unvermeidlicher Niedergang oder überraschende Katastrophe?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema und Vorgehensweise

2. – Die antiken Quellen und ihr Einfluss auf die heutige Sicht des Perserreiches

3. Das Achämenidenreich – Königtum und Herrschaftslegitimation

4. Der Untergang des achämenidischen Perserreiches – unvermeidlicher Niedergang oder überraschende Katastrophe?
4.1 Die verschiedenen Theorien zum Untergang des Achämenidenreiches
4.1.1 Dekadenz und moralisch-charakterlicher Verfall
4.1.2 Strukturelle und militärische Schwächen
4.1.3 Unvorhersehbare Überraschung
4.2 Der Anfang vom Ende – Hat der Perserkönig Alexander unterschätzt?

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur

1. Thema und Vorgehensweise

Beschäftigt man sich mit dem Untergang des Perserreiches, gilt es zunächst die Begrifflichkeit zu klären: Streng genommen ist „das“ Perserreich im Prinzip nie untergegangen, da der makedonische Eroberer Alexander bereits zu Lebzeiten des letzten Achämenidenherrschers Dareios III. als dessen legitimer Nachfolger auftrat, nach dessen Tod als sein Rächer und rechtmäßiger Erbe. Nach der Niederschlagung des letzten persischen Widerstandes und der Rückkehr aus Indien inszenierte sich Alexander von Babylon aus als neuer Großkönig. Somit sollte hier eher vom Untergang einer Dynastie - der der Achämeniden - als dem eines Reiches gesprochen werden.

In dieser Arbeit soll die Frage geklärt werden, warum das so riesige und mächtige Reich der achämenidischen Großkönige sich derart schnell und vernichtend einem vergleichsweise winzigen, vermeintlich unbedeutenden Staat an der äußersten westlichen Peripherie des Reiches geschlagen geben musste. Zunächst möchte ich hierzu kurz auf das Königtum und die Herrschaftslegitimation im Achämenidenreich eingehen. Hier sollen die Verhältnisse im Perserreich und die Ausgangssituation vor der makedonischen Invasion betrachtet werden. Anschließend sollen vor diesem Hintergrund verschiedene „Untergangs“-Theorien der antiken, zumeist griechischen Autoren, sowie der neuzeitlichen Wissenschaft dargestellt und bewertet werden.

Nach dieser eher ideengeschichtlichen Betrachtung soll im folgenden Teil der Arbeit versucht werden, anhand der konkreten Ereignisse zwischen 336 und 330 v.Chr. Schlüsse auf die Ursachen der achämenidischen Niederlage zu ziehen. In einem abschließenden Urteil möchte ich die Gründe, die letztlich zum Untergang des Achämenidenreiches geführt haben, zusammenfassen.

2. – Die antiken Quellen und ihr Einfluss auf die heutige Sicht des Perserreiches

Betrachtet man die Geschichte des achämenidischen Perserreiches, ergibt sich zunächst einmal ein grundlegendes Problem: Der bei weitem überwiegende Teil der Quellen, die über die Verhältnisse und Ereignisse im Reich der Großkönige berichten, stammen keineswegs aus persischer Hand. Sie sind im Gegenteil von griechischen Schriftstellern und Dichtern verfasst worden. So stellt sich zum einen die Frage, was Dichtung und was Wahrheit ist, zum anderen, ob eine Quelle der reinen Information dienen sollte oder eher zu Propagandazwecken veröffentlicht wurde. Betrachtet man die einzelnen Quellen näher, fällt auf, dass nicht erst seit der Zeit des Alexander ein eher negatives Perserbild vorherrscht.

So wird bereits im 5.Jh. v. Chr. in Aischylos’ Persern der Großkönig als Prototyp eines Tyrannen dargestellt[1]. Auch aus Gründen der „eigenen [...] Identitätsfindung“[2], um sich gegenüber den „Anderen“, den „Barbaren“ abzugrenzen und die eigene – griechische – Kultur zu erhöhen wurden häufig derartige Bilder konstruiert. Während die ersten Achämeniden-könige – allen voran Kyros, den etwa Platon als „verständigen Regenten“ beschreibt[3] - noch vergleichsweise positiv dargestellt werden, verschärft sich der Ton vor allem im 4. Jahrhundert. Isokrates bezeichnet die Perser etwa als „Feinde der Natur nach“[4], was dazu gedient haben mag, die oft heillos zerstrittenen Griechenstädte gegen einen gemeinsamen Gegner zu einen.

Insgesamt sind die Werke griechischer Autoren, die sich mit dem Perserreich beschäftigen also mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, da sie immer voreingenommen, tendenziös und größtenteils nicht aus eigener Erfahrung berichten. Teilweise sind sie auch gar nicht als historische Quelle, sondern eher als politisch-philosophische Theorie – so etwa bei Platon[5] – oder als rein literarisches Werk aufzufassen, wie bei Xenophons „Kyroupaideia“[6]. Was sich hingegen in allen Texten findet, ist die Vorstellung einer „Hybris“, sprich einer Selbstüberhebung, die sich irgendwann rächen wird[7].

Nichtsdestotrotz haben antike Autoren wie Herodot oder eben Xenophon die neuzeitliche Sicht auf das Perserreich bis heute entscheidend und dauerhaft geprägt, nicht zuletzt deshalb, weil eine eigene persische Geschichtsschreibung nicht existiert – oder bis heute noch nicht entdeckt wurde[8]. Durch die Idealisierung der „Alten Griechen“ als erstes Kulturvolk Europas – vor allem im humanistischen Deutschland des 19. Jahrhunderts – kam es zwangsläufig auch zu einer Abwertung ihrer Gegner, der Perser: Demokratie stand gegen Tyrannenherrschaft, Freiheit gegen Despotie. So konnte sich das Bild des schwachen, dekadenten Großkönigs bis heute halten und wird gerne auch in den Medien bemüht, um den Gegensatz zu den edlen, heroischen Griechen deutlich zu machen.

Betrachtet man nur die aktuellsten Hollywood-Filme, wird dies überdeutlich: In Oliver Stones „Alexander“-Verfilmung von 2004 erscheint Dareios III. als geschminkter, zaudernder und militärisch weitgehend unfähiger Herrscher. Im aktuellen Kinofilm „300“, der die Schlacht bei den Thermopylen zum Thema hat, wird der persische Großkönig Xerxes als tyrannischer Gottkönig gezeigt.

Diese Klischees leben also bis heute fort und prägten auch, zumindest bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, das Bild vom achämenidischen Perserreich in der historischen Forschung. Die bekannteste Bewertung dürfte der Althistoriker Hermann Bengtson in seinem Handbuch zur Griechischen Geschichte abgegeben haben: Er spricht vom Perserreich als einem „Koloß auf tönernen Füßen“[9]. Inwieweit dies den tatsächlichen Verhältnissen im Achämenidenreich des 4. und 5. Jahrhunderts entspricht soll im Folgenden beschrieben werden.

3. Das Achämenidenreich – Königtum und Herrschaftslegitimation

Betrachtet man nun das achämenidische Königtum und deren Vertreter, fällt auf, dass zunächst zwei Hauptpunkte entscheidend für die Legitimation zu sein scheinen: Zum einen muss der König nicht nur zwingend „Perser, eines Persers Sohn“ sein[10], er muss darüber hinaus spätestens mit dem Regierungsantritt Dareios’ I. die Abstammung vom Ahnherr der Achämenidenfamilie, Achaimenes, nachweisen können[11].

Dareios I. konnte offensichtlich durch die Zurückführung seiner eigenen Familie auf Achaimenes einen entscheidenden Vorteil im Kampf um die Macht gegen Gaumata erringen, der diesen Nachweis eben nicht glaubhaft erbringen konnte und somit auch nicht als rechtmäßiger Herrscher anerkannt wurde. Für die Legitimation von Dareios I. mag dieses Argument ebenfalls von großer Bedeutung gewesen sein, da er selbst nicht in direkter Linie von seinem Vorgänger Kambyses II. abstammte.

Die Königswürde ging üblicherweise vom Vater auf den Sohn über und oftmals wurde die Nachfolge noch zu Lebzeiten vom Herrscher selbst durch die Ernennung eines designierten Kronprinzen geregelt. In den meisten Fällen war dies der Erstgeborene, manchmal jedoch auch der erste „in Purpur geborene“[12], das heißt nach der Investitur des Vaters geborene Sohn. Diese nicht immer eindeutige Regelung, bei der verschiedene Söhne einen Anspruch auf den Thron erheben konnten, führte jedoch oftmals nach dem Tod des Königs zu Konflikten und familiären Streitigkeiten und machte ein Interregnum oft zu einer überaus krisenbehafteten Zeit.

So berichten Quellen, Kambyses II. habe nach dem Tod seines Vaters Kyros II. seinen Bruder Bardiya als möglichen Konkurrenten getötet[13]. Auch mussten zwischen dem Tod eines Königs und dem Regierungsantritt seines Nachfolgers von diesem zunächst bestimmte Rituale, wie die Bestattung des Vorgängers, ausgeführt werden. Diese Zeit war geprägt von einer „Aussetzung gesetzlicher Zustände“[14]. In diesem Zeitraum konnten etwaige Thronprätendenten offenbar ohne großen Verlust von Ansehen oder Legitimation Gegner im Kampf um die Macht ausschalten, wie etwa das Beispiel nach dem Tod von Artaxerxes I. zeigt: Der designierte Kronprinz Xerxes stirbt durch die Hand seines Bruders Sekyndianos, des späteren Dareios II[15].

Die Wichtigkeit des dynastischen Prinzips zeigt sich auch überdeutlich anhand einer weiteren Tatsache: Über einen Zeitraum von beinahe tausend Jahren – sieht man von der seleukidischen Periode einmal ab – befand sich die Herrschergewalt in der Hand von nur drei verschiedenen persischen Dynastien, den Achämeniden, den Arsakiden und den Sasaniden. Eine zu dieser Zeit und in dieser Weltregion absolut nicht selbstverständliche „dynastische Konstanz“[16].

Neben der Frage der Herkunft spielte die religiöse Herrschaftslegitimation eine herausragende Rolle: Der „Segen von oben“, die Unterstützung Ahuramazdas, der höchsten persischen Gottheit, diente als weiteres entscheidendes Kriterium neben der Abstammung zur Legitimation des potentiellen Königs. Die Herrschaft wurde diesem „von Ahuramazda verliehen“[17], der König agiert quasi als dessen Stellvertreter auf Erden[18], wodurch ihm seine Untertanen natürlich die gebührende Loyalität und Achtung entgegenbringen mussten.

[...]


[1] Wiesehöfer, Josef: Der Zusammenbruch des Perserreiches der Achämeniden, in: Demandt, Alexander (Hg.): Das Ende der Weltreiche – Von den Persern bis zur Sowjetunion; München 1997, S.12.

[2] Wiesehöfer, Josef: Das frühe Persien – Geschichte eines antiken Weltreichs; München 2006, S.17.

[3] Wiesehöfer Josef: Das antike Persien von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr.; München 1994, S.120.

[4] nach: Wiesehöfer 1994, S.123.

[5] Wiesehöfer 1994, S.125.

[6] Wiesehöfer 1994, S.124.

[7] Garvin, E. Edward: Darius III and Homeland Defense, in: Heckel, Waldemar (Hg.): Crossroads of History – The Age of Alexander, Claremont 2003, S.88.

[8] Unterburg, Matthias: Sturm über Persien – Irrtum eines Weltreichs; in: Huf, Hans-Christian: Imperium – Vom Aufstieg und Fall großer Reiche; Berlin 2005, S.137.

[9] Bengtson, Herrmann; Griechische Geschichte von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, in: Handbuch der Altertumswissenschaft Abt.3, Teil 4/5, München 1977, S.337.

[10] Wiesehöfer 2006, S.47.

[11] Ahn, Gregor: Religiöse Herrscherlegitimation im achämenidischen Iran – Die Voraussetzungen und die Struktur ihrer Argumentation, in: Acta Iranica 31, Troisième Série, Textes et Mémoires, Volume 17; Leiden 1992, S.228.

[12] Wiesehöfer 2006, S.51.

[13] Unterburg 2005, S.139.

[14] Wiesehöfer 1994, S.56.

[15] Wiesehöfer 1994, S.57.

[16] Ahn 1992, S.228.

[17] Ahn 1992, S.196.

[18] Wiesehöfer 2006, S.48.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Untergang des achämenidischen Perserreiches
Untertitel
Unvermeidlicher Niedergang oder überraschende Katastrophe?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Alte Geschichte)
Veranstaltung
Alexander der Große
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V233351
ISBN (eBook)
9783656500803
ISBN (Buch)
9783656501770
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untergang, perserreiches, unvermeidlicher, niedergang, katastrophe
Arbeit zitieren
Philipp Schmitz (Autor), 2010, Der Untergang des achämenidischen Perserreiches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233351

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