Wenn der Leser und die Leserin akzeptiert, dass bestimmte Menschen besondere geistige oder spirituelle Fähigkeiten besitzen und es ihnen aus diesem Grund gelingt, die grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung stehenden psychischen Möglichkeiten auszuschöpfen, dann können wir auch heute noch einen Zugang finden zum Verständnis der altägyptischen Jenseitsbeschreibungen, wie wir sie in der Jenseitsliteratur in vielfältiger Weise vorfinden.
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
Einleitung
Tiefenpsychologie und Jenseitsbeschreibungen
Schamanismus und Jenseitsbeschreibungen
Religiöses Erleben
Schluss
Schlussbemerkung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die altägyptische Unterweltsliteratur durch die Brille der Schamanismusforschung und Tiefenpsychologie neu zu bewerten, um ein tieferes Verständnis für die Jenseitsbeschreibungen jenseits klassischer ägyptologischer Deutungen zu gewinnen.
- Analyse der altägyptischen Jenseitsliteratur als Protokoll schamanischer Seelenreisen.
- Vergleich zwischen archetypischen Bildern in der Tiefenpsychologie (C. G. Jung) und jenseitigen Darstellungen.
- Untersuchung des Konzepts des Geistkontinuums nach Holger Kalweit im Kontext religiöser Transzendenz.
- Erörterung der Rolle ritueller Körperhaltungen und des religiösen Erlebens nach Felicitas Goodman.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Position der modernen Ägyptologie und dem Verlust des Sensoriums für die jenseitige Welt.
Auszug aus dem Buch
Schamanismus und Jenseitsbeschreibungen
Die Schamanismusforschung liefert verschiedene Ansätze, dem Jenseitsglauben näher zu kommen. Sie wurden aber bis jetzt in der Ägyptologie nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Einen meiner Meinung nach sehr guten Ansatz zum Verständnis der so genannten Bewusstseinszustände oder Bewusstseinsräume, in denen sich ein Schamane befinden kann, liefert der Ethnopsychologe Holger Kalweit.
Kalweit geht von einem „Geistkontinuum“ unterschiedlicher Intensität aus. Er unterscheidet acht essentielle Lebensfaktoren, die sich entlang dieses Kontinuums intensivieren: Materie, Raum, Zeit, Bewegung, Empfindung, Gefühl, Denken und das Ich. Die Intensitätsstufen sind folgende: 1) Normalbewusstsein, 2) Emotion, 3) Superemotion, 4) außerkörperliche Erfahrung, 5) Nah-Todeserfahrung und 6) Geistfeld. Je nach Intensitätsstufe werden die Lebensfaktoren unterschiedlich erlebt. „Der Intensivierungsmechanismus besteht lediglich darin, die acht Lebensfaktoren immer weiter zu erhöhen, zu verschärfen, zu verlebendigen! Die scheinbar verschiedenen Bewußtseinszustände sind im Grunde nicht anderes als Intensivierungen des Normalbewußtseins auf verschiedenen Niveaus“.
Das Normalbewusstsein kennen wir aus dem Alltag, es kann gesteigert werden zur Emotion, die die Lebensfaktoren reicher und farbiger erleben lässt. Die Merkmale der Superemotion beschreibt Kalweit wie folgt: Der Raum wird größer oder kleiner, schwankt, wird plastisch. Die Zeit wird langsam oder schnell oder ist ganz abwesend. Die Bewegung wird langsamer oder schneller oder kommt zum Stillstand. Die Materie wird lebendig, wirkt wie ein Lebewesen, man kann mit ihr sprechen. Die Empfindungen werden supersensitiv, wir hören brillanter, sehen 360 Grad um uns herum oder schauen hinter die Dinge, erkennen ihre wahre Bedeutung. Die Gefühle dehnen sich aus zum Mitgefühl. Wir fühlen über Entfernung hinweg. Das Denken verschärft sich, wird glasklar, enorm schnell. Das Ich wird umfassender, bezieht alles in sich ein. Wir sind tendenziell alles.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorbemerkung: Die Autorin erläutert den Entstehungskontext des Textes als Ergänzung zu einem Vortrag bei der 37. Ständigen Ägyptologenkonferenz 2005.
Einleitung: Es wird die Hypothese aufgestellt, dass altägyptische Jenseitsbeschreibungen im Kern Darstellungen schamanischer Seelenreisen sind.
Tiefenpsychologie und Jenseitsbeschreibungen: Dieses Kapitel vergleicht die Sichtweisen von Erik Hornung und C. G. Jung, um zu prüfen, ob die Unterwelttexte als Spiegel des Unbewussten gedeutet werden können.
Schamanismus und Jenseitsbeschreibungen: Hier wird das Modell des Geistkontinuums von Holger Kalweit eingeführt, um Bewusstseinszustände bei schamanischen Praktiken wissenschaftlich greifbar zu machen.
Religiöses Erleben: Dieser Teil befasst sich mit der Bedeutung von ritueller Körperhaltung und Trance für das unmittelbare, sinnliche Erleben des Göttlichen.
Schluss: Die Autorin diskutiert die ablehnende Haltung der klassischen Ägyptologie und den westlichen Verlust des Zugangs zu jenseitigen Erfahrungsdimensionen.
Schlussbemerkung: Es wird postuliert, dass die Anerkennung schamanischer Wurzeln im Alten Ägypten eine fundamentale Neuinterpretation religiöser Texte erfordern würde.
Schlüsselwörter
Tiefenpsychologie, Schamanismus, Jenseitsliteratur, Altägypten, Bewusstseinszustände, Geistkontinuum, Archetypen, Unbewusstes, Trance, religiöses Erleben, rituelle Körperhaltungen, Seelenreise, Unterwelt, Holger Kalweit, Felicitas Goodman
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die altägyptische Unterweltsliteratur als Niederschrift von schamanischen Seelenreisen verstanden werden kann, anstatt sie ausschließlich als religiöse oder mythische Texte zu betrachten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Verknüpfung von Ägyptologie mit der Schamanismusforschung, der Tiefenpsychologie (insbesondere nach C. G. Jung) und der Erforschung veränderter Bewusstseinszustände.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist ein Paradigmenwechsel in der Ägyptologie, indem die Jenseitsbeschreibungen als Ergebnis menschlicher, spiritueller Grenz- und Seelenerfahrungen interpretiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interdisziplinäre komparative Methode verwendet, die ägyptologische Quellentexte mit ethnologischen und tiefenpsychologischen Erkenntnissen über Geisteszustände und Trancephänomene abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Mechanismen der Bewusstseinsintensivierung (nach Holger Kalweit), die Rolle archetypischer Symbole und die Bedeutung körperlicher Rituale für die Induktion religiöser Erfahrungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Schamanismus, Jenseitsreise, Geistkontinuum, kollektives Unbewusstes und religiöse Trance charakterisieren.
Inwiefern unterscheidet sich diese Deutung von der Sicht von Jan Assmann?
Während Assmann Jenseitsbeschreibungen primär als kreative Imagination und kulturelle Wunschbilder der Ägypter sieht, argumentiert die Autorin für einen schamanischen Ursprung, der auf realen, wenn auch außerkörperlichen, Erfahrungen beruht.
Welche Rolle spielen ritueller Körperhaltungen im Text?
Die Autorin hebt hervor, dass bestimmte Körperhaltungen, wie sie in ägyptischen Darstellungen vorkommen, als rituelle Anker fungieren könnten, die Menschen gezielt in tranceähnliche Bewusstseinszustände versetzen können.
- Citation du texte
- M.A. Sabine Neureiter (Auteur), 2005, Tiefenpsychologie, Schamanismus und religiöses Erleben. Zu den altägyptischen Jenseitsbeschreibungen., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/233588