Obwohl Zeit immer schon zu den herausragenden Interessenfeldern der Literaturwissenschaft und Philosophie gehörte, gewinnen Zeitbeobachtung und Zeitreflexion in den wissenschaftlichen Diskursen des 20. Jahrhunderts eine besondere B edeutung. Im Zuge naturwissenschaftlicher, vor allem physikalischer Entdeckungen, insbesondere die der Relativität der Zeit durch Albert Einstein, kommt es zur endgültigen Auflösung der traditionellen Vorstellung von Zeit als einer universalen, homogenen und gleichsam objektiven Größe. Bedingt durch die zunehmende Industrialisierung und die fortschreitende Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft, lässt sich auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilisierung gegenüber Zeitphänomenen beobachten. So ist es das erklärte Ziel moderner Philosophen wie Henri Bergson oder Paul Valéry die „Brüchigkeit einer ehemals angenommenen homogenen Zeiterfahrung offenzulegen, die in ontologischen, religiösen oder transzendentalen Denksystemen angesiedelt und durch diese verbürgt war.“ Während das Problem der Zeit in der Forschung immer wieder in Angriff genommen wird, beschränken sich die Untersuchungen zum Warten, der wohl intensivsten Zeiterfahrung, auf eine überschaubare Anzahl an Veröffentlichungen. Dieses Defizit ist durchaus erstaunlich, beschäftigen sich doch eine Vielzahl an Autoren der Moderne mit diesem Phänomen. So schreibt etwa Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“, dass „in allen Winkeln der Welt [...] Wartende [sitzen], die es kaum wissen, in wiefern sie warten, noch weniger aber, dass sie umsonst warten.“ „Glücksfä lle“, so meint er, seien dazu nötig, dass „ein höherer Mensch [...] noch zur rechten Zeit zum Handeln kommt...“.
Inhalt
1. Einleitung
2. Warten im Schloß-Fragment
2.1 Warten und Macht
2.1.1 Das Warten auf Klamm
2.1.2 Das Warten der Familie des Barnabas
2.1.3 Warten und Warten lassen
2.1.2 Die Leidenschaft des Wartens
2.3 Das Warten auf Wahrheit
3. Das Warten „[v]or dem Gesetz“
4. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das Motiv des Wartens in Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloß“ sowie in der Erzählung „Vor dem Gesetz“. Ziel ist es, die Funktion dieses Wartens für die Charaktere zu analysieren und aufzuzeigen, wie das Festhalten an dieser Haltung als Vermeidungsstrategie dient, um die Sinnlosigkeit einer ersehnten, jedoch fiktiven Machtinstanz nicht anerkennen zu müssen.
- Die Machtstrukturen und deren Einfluss auf das Warteverhalten der Dorfbewohner.
- Die psychologische Dimension des Wartens als Mittel zur Existenzsicherung und Sinnstiftung.
- Die Bedeutung von schriftlichen Botschaften und Protokollen im Kontext der Wahrheitssuche.
- Die Rolle der weiblichen Figuren im „Schloß“ und ihre spezifische Form der Erwartungshaltung.
- Der Vergleich der Wartesituation des „Mannes vom Lande“ mit den Figuren im Roman.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Das Warten auf Klamm
Im Gegensatz zum bloßen passiven Warten impliziert die Haltung des Erwartens eine Gerichtetsein auf ein Ziel, ein richtungsbestimmtes Streben. Zu Anfang des Kapitels „Das Warten auf Klamm“ orientiert sich das Warten K.s an solch einem konkreten Ziel: den Ratschlägen und Mahnungen Friedas und der Brückenhofwirtin zum Trotz sind K.s Bemühungen ganz auf den Schlossbeamten Klamm gerichtet, sein Ziel ist es, „frei vor einem Mächtigen“ zu sprechen. Zu diesem Zweck kehrt er nochmals in den Herrenhof zurück und nachdem er vom neuen Ausschankmädchen Pepi erfahren hat, dass Klamms Schlitten auf dem Hof für dessen Abfahrt bereit steht, wähnt er sich seinem Ziel schon sehr nahe und hastet „ohne eine Wort der Erklärung“ auf den Hof.
Doch sein demütig-petitives Warten wird nicht belohnt, obwohl er zunächst vom Kutscher die Erlaubnis erhält, in den Schlitten zu klettern, um von dort eine Flasche Kognak herauszureichen. Das Innere dieses Gefährts entspricht wohl ganz und gar den Erwartungen K.s. vom Inneren der Macht: „Man wußte gar nicht, ob man auf einer Bank saß, so sehr lag man in Decken, Pölstern und Pelzen; nach allen Seiten konnte man sich drehn und strecken, immer versank man weich und warm.“ Das Gefühl des Geborgenseins, der Wärme, des Wohlbehagens und der inneren Zufriedenheit überwältigen K., nur vage wird ihm bewusst, „daß er in seiner jetzigen Lage von Klamm lieber nicht gesehen werden sollte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Phänomen des Wartens im Kontext der literarischen Moderne und definiert die Fragestellung der Arbeit in Bezug auf Kafkas Werk.
2. Warten im Schloß-Fragment: Dieses Kapitel analysiert das Warteverhalten der Dorfbewohner, des Vaters des Barnabas sowie K.s im Kontext von Machtausübung und individuellem Streben.
2.1 Warten und Macht: Untersuchung der hierarchischen Abhängigkeiten, die das Warten im Dorf als soziale Praxis etablieren und legitimieren.
2.1.1 Das Warten auf Klamm: Analyse der zielgerichteten, aber letztlich erfolglosen Bemühungen K.s, den Schlossbeamten zu konfrontieren.
2.1.2 Das Warten der Familie des Barnabas: Darstellung der verzweifelten Versuche einer Familie, durch demütiges Warten eine Wiedereingliederung in die Gemeinschaft zu erreichen.
2.1.3 Warten und Warten lassen: Reflexion über die gegenseitige Instrumentalisierung der Figuren im Dorf und die Nutzlosigkeit ihres Strebens.
2.1.2 Die Leidenschaft des Wartens: Erörterung der Rolle der weiblichen Figuren, deren Liebe und Warten eng mit der Suche nach Sonderstatus und Macht verbunden ist.
2.3 Das Warten auf Wahrheit: Untersuchung des Umgangs mit Briefen und Botschaften als verzweifelte Versuche der Sinnsuche im Kontext der kafkaesken Sprachproblematik.
3. Das Warten „[v]or dem Gesetz“: Analyse der Parallelen zwischen der Türhüterlegende und dem Roman, wobei das Warten hier als lebenslange, aber substanzlose Existenzform erscheint.
4. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung, die das Warten in Kafkas Werk als kollektive Vermeidungsstrategie gegenüber der drohenden Erkenntnis einer sinnlosen Welt interpretiert.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Das Schloß, Vor dem Gesetz, Warten, Zeit, Macht, Sinnsuche, Vermeidungsstrategie, Moderne, Literaturwissenschaft, Autorität, Wahrheit, Existenz, Subjektivität, Romanfragment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Motiv des Wartens als zentrales Phänomen in Franz Kafkas Roman „Das Schloß“ und der Erzählung „Vor dem Gesetz“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Warten und Macht, die Sinnstiftung durch Hoffnung sowie die psychologische Flucht vor einer vermeintlich sinnlosen Realität.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist eine detaillierte Analyse der Funktion des Wartens: Es wird aufgezeigt, warum die Figuren Kafkas an diesem Zustand festhalten, obwohl er sie nicht zum Ziel führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng mit philosophischen und essayistischen Diskursen zur Zeitwahrnehmung verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Machtverhältnisse im Dorf, die Rolle der Geschlechter bei der Erwartungshaltung und die Bedeutung der Wahrheitssuche durch das geschriebene Wort.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem mit den Begriffen Kafka, Warten, Macht, Sinnverlust und literarische Moderne charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Vaters des Barnabas von der K.s?
Während K. noch aktiv gegen die Schlossinstanz kämpft, ist das Warten des Vaters des Barnabas rein auf Vergebung und Wiedereingliederung ausgerichtet, was ihn als noch verzweifeltere Figur kennzeichnet.
Welche Bedeutung hat das Schweigen Amalias im Roman?
Amalias Schweigen stellt eine bewusste Abkehr von den Mechanismen der Schlossmacht dar, da sie erkennt, dass Worte im Roman nur dazu dienen, eine Fiktion zu stabilisieren.
Warum spielt das Bett eine Rolle in den Begegnungen mit den Beamten?
Das Bett symbolisiert in den Szenen mit dem Gemeindevorsteher und Bürgel die Trägheit und die Abgeschiedenheit der Machtinstanz, die ihre eigene Ohnmacht hinter einer Fassade verbirgt.
- Arbeit zitieren
- Kathleen Niebl (Autor:in), 2003, Zur Funktion des Wartens in Franz Kafkas "Das Schloß" und "Vor dem Gesetz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23543