Analyse der Verse IV, 393 – 449 der "Aeneis"


Seminararbeit, 2003
29 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einordnung des 4. Buches in die Didotragödie

2. Besonderer Focus auf die Verse IV, 393 – 449
a.) Gesamtwürdigung des Textabschnitts im Hinblick auf das 4. Buch
b.) Metrische Analyse der Verse IV 416 – 436 4 I. Skansion und Angabe von Zäsuren
c.) Textkritik und Interpretation mit besonderem Hinblick auf die Kommentare von Servius und Pease
d.) Übersetzung der analysierten Verse

3. Literaturverzeichnis

1. Einordnung des 4. Buches in die Didotragödie

Der Tragödie um Dido, die Königin von Karthago, welche ihren Ehemann Sychaeus durch frühzeitigen Tod verlor und sich trotz ihres Schwures, nie wieder einem anderen Mann ihre Liebe zu schenken, in den Trojaner Aeneas verliebt, widmet Vergil die ersten vier von den insgesamt zwölf Büchern der Aeneis.

Im ersten Buch begibt es sich, dass Aeneas auf seine als Jägerin verkleidete Mutter Venus trifft, welche ihm von Didos Flucht nach Afrika und deren Gründung Karthagos berichtet. Aeneas gelangt schließlich, von Venus unsichtbar gemacht, nach Karthago und begegnet dort, plötzlich wieder sichtbar, Dido. Diese lädt Aeneas und seine Gefolgsmänner zu einem Bankett ein.

Die Bücher zwei und drei lassen Aeneas von dem Fall Trojas und seiner Reise nach Karthago erzählen. Als er seinen Bericht abgeschlossen hat, ist ihm Dido vollkommen verfallen und ihr Gelöbnis, ihrem verblichenen Gatten treu zu bleiben, beginnt ins Wanken zu geraten.

Somit ist auch schon das vierte Buch, das sogenannte Didobuch, erreicht, das mit einer Unterredung zwischen Dido und ihrer Schwester beginnt. In diesem Gespräch vertraut sich ihr Dido bezüglich ihrer Liebe zu Aeneas an und Anna drängt die noch zögerliche und von schlechtem Gewissen geplagte Liebende, sich ihren Gefühlen hinzugeben. Und so bringen sie beide den Göttern, allen voran Juno, der Schirmherrin der Brautpaare, Opfer dar, damit die künftigen Ereignisse unter einem guten Stern stehen.

Lange Zeit wird Dido von ihrer Sehnsucht gequält bis der Tag kommt, an dem Dido und Aeneas sich auf die Jagd begeben. Unterdessen haben Venus und Juno eine Abmachung getroffen, die man für jede von ihnen als Zweckbündnis bezeichnen kann. In dieser Götterintrige einigen sie sich darauf, Dido und Aeneas zusammenzuführen. Als die Jagd der beiden durch ein von Juno hervorgerufenes Unwetter vorzeitig beendet wird, flüchten sich die beiden „zufällig“ in dieselbe Höhle und vereinen sich dort.

Dido verbirgt ihre Liebe zu Aeneas nicht länger vor der Öffentlichkeit und spricht sogar von einer Ehe mit ihm. Die personifizierte Fama verbreitet sich. Jupiter erfährt durch Iarbas, einen einst von Dido zurückgewiesenen afrikanischen Fürsten, von der Situation und entsendet Merkur, um Aeneas an sein Schicksal, der Gründer Roms zu werden, zu erinnern.

Aeneas fügt sich dem Willen der Götter und seinem eigenen Streben, seine Mission zu erfüllen. Er wartet auf einen günstigen Zeitpunkt, um Dido von seinem Vorhaben baldigst abzureisen zu erzählen und weist seine Männer an, die Abfahrt vorzubereiten. Dido aber erahnt Aeneas’ Plan und versucht ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Jedoch scheitert der Versuch und selbst als Anna nochmals in ihn dringt und wenigstens noch etwas Zeit erbittet, weicht er nicht von seiner Absicht ab.

Als Dido keine Möglichkeit mehr sieht, ihren Liebsten bei sich zu behalten, fasst sie den Entschluss, Selbstmord zu begehen. Sie schickt die ahnungslose Anna mit dem Vorwand, sie solle einen Scheiterhaufen errichten, um darauf die Dinge, die ihr von Aeneas geblieben waren zu verbrennen, fort. In der letzten Nacht schwankt die Unglückselige noch zwischen letzter Hoffnung und Verzweiflung.

Bei Tagesanbruch sieht sie die trojanische Flotte fortsegeln und verflucht Aeneas und die Seinen und verheißt ihm ewige Feindschaft von Seiten der Karthager. Schließlich besteigt sie den von ihrer Schwester errichteten Scheiterhaufen und tötet sich selbst mit dem Schwert, welches ihr Aeneas einst gegeben hatte. Anna, die zu spät Didos wahres Vorhaben erkannt hat, kann sie nicht mehr aufhalten. Proserpina nimmt Didos vorzeitigen Tod erst an, als Juno Iris entdendet, um eine Locke der Dido zu holen und sie den Toten weiht.

2. Besonderer Focus auf die Verse IV, 393 - 449

a.) Die Verse IV, 416 – 439 bilden den dramatischen Höhepunkt der Geschichte indem sie den letzten verzweifelten Versuch Didos, Aeneas von seiner Abreise aus Karthago abzuhalten, behandeln. Sie sendet dazu Anna zu dem Trojaner um ihre Bitte nochmals vorzubringen, aber Aeneas bleibt bei seinem Entschluss. Er kann sein von den Göttern vorherbestimmtes Fatum nicht hinter seine Liebe zu Dido stellen. Dies stellt die Peripetie des vierten Buches und der gesamten Didotragödie dar und leitet die zur Katastrophe abfallende Handlung ein. Denn nun gibt Dido ihre letzte Hoffnung auf und bereitet sich schon auf ihren Freitod vor.

b.) Nun werden die Verse IV 416 bis 436 einer genauen metrischen Untersuchung unterzogen, welche von der Skansion[1] und der Bestimmung der Zäsuren in diesem Abschnitt eingeleitet werden soll. Weitere metrische Besonderheiten werden im Kapitel zur Textanalyse und –interpretation erwähnt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

c.) Im folgenden komme ich zur Analyse der Verse IV, 416 ff., zu welcher ich vor allem die Kommentare von Servius[2] und Pease[3] als Hilfe heranziehe.

416 . ‘Anna, uides toto properari litore circum:

Annas Anwesenheit ist bis zu diesem Punkt nicht einmal angedeutet gewesen. Laut Pease ist dies typisch für Vergil, der stets nur auf die Hauptpersonen und die vordergründige Handlung eingeht und sich erst dann auf die unwichtigeren Charaktere bezieht, wenn sie für die Zusammenhänge in der Geschichte benötigt werden.

Servius auctus liest aus dieser Stelle die Bitterkeit Didos über Annas Ratschlag, sich dem Aeneas in Liebe zuzuwenden (IV 31 – 53), heraus. Pease jedoch – und da stimme ich zu – ist hier anderer Meinung, nämlich, dass sich keine Spur von Sarkasmus an dieser Stelle finden ließe und dass Dido hier keine Vorwürfe gegen ihre Schwester erhebt, wie sie es dann später in den Versen 548 f. „tu lacrimis euicta meis, tu prima furentem his, germana, malis oneras atque obicis hosti“ tut. Dido bringt in diesem Abschnitt noch kein böses Wort gegen Anna hervor, da sich, wie Pease vermutet, in ihr noch ein Funke Hoffnung verbirgt, und sie ihre Schwester in den Versen 420 – 424 um den Gefallen bitten will, sich nochmals flehend an Aeneas zu wenden. Es wäre demnach äußerst unklug von ihr, Anna jetzt zu verstimmen, da sie auf ihre Hilfe unbedingt angewiesen ist.

Das „uides“ bestärkt laut Servius die Worte Didos, so wie es auch bei der Nennung Annas am Anfang von Didos Rede der Fall ist. Die Schwester wendet sich verzweifelt an ihre Vertraute, weshalb wohl auch der Name „Anna“ zuerst auftritt.

„properari“ ist hier unpersönlich und fungiert als Substantiv. Austin[4] gibt an, dass dieses Phänomen typisch für lateinische Konversationen sei, wie man vor allem aus der Komödie schließen könne. Als Beispiel gibt er den Vers 273 aus Plautus’ „Pseudolus“ an: „quid agitur, Calidore?“. In solchen Textstellen falle der Prozess besonders auf, bei welchem der Handelnde zwar klar, jedoch untergeordnet sei. „properari“, das meinem Gefühl nach eher das Umhereilen und Durcheinanderlaufen meint, scheine hier außerdem im Gegensatz zu „convenere“ zu stehen, welches mehr eine bestimmte Richtung impliziert, in die die Menschen zusammenströmen. Vergil wende dies sehr häufig an, wie man an Beispielen wie „discumbitur“ (I, 700), „pugnatur“ (VII, 553) oder „certatur“ (X, 355) sehen könne.

Bezüglich des Wortes „circum“ ist Servius der Meinung, dass es hier keine Präposition, sondern ein Ortsadverb ist, also „circum litus“. Das Beziehen von „circum“ auf die Worte im nächsten Vers „undique [...]“, was nur wenige Herausgeber vorgenommen haben, wurde von der Mehrheit der Herausgeber abgelehnt und von Henry[5] sogar widerlegt.

417. undique conuenere ; uocat iam carbasus auras,

„conuenere“ ist ein historischer Infinitiv und steht für „conveniunt“. „vocat“ benutzt Vergil hier nicht mit der Grundbedeutung „rufen“, sondern, nach Pease, unter der Bedeutung „Segel setzen“. „carbasus“ wird von Servius als eine Art Leintuch beschrieben, welches in großer Menge zur Herstellung eines Segels dient und wird hier von Vergil folglich als pars pro toto verwendet.

Austin weist auf den besonderen Rhythmus des Verses hin, da zwar der Hephtemimeres bei „vocat“ stehe, der Sinn jedoch nach „convenere“ einen Einschnitt mache, was diesen Vers mit einem Rhythmus nach dem Muster Homers versieht. Die harten Konsonanten in diesem Vers unterstreichen weiterhin den Lärm und die vielen Geräusche, die mit dieser Szene in Verbindung zu bringen sind. Außerdem findet sich in diesem Vers nur eine Zäsur, und zwar die bukolische Diärese, was meiner Meinung nach den Eindruck verleiht, dass Dido angesichts der bestehenden Situation schnell und aufgeregt spricht, also keine Pause macht. Denn die Zeit drängt und sie weiß, dass sie nicht mehr viel davon übrig hat, um Aeneas von seiner Abreise abzuhalten.

418. puppibus et laeti nautae imposuere coronas.

Die Trojaner werden als „laeti nautae“ bezeichnet, weil sie im Gegensatz zu Aeneas, der im Inneren zerrissen ist, weder aufgrund einer Notwendigkeit noch auf einen Befehl hin abreisen müssen, sondern, weil sie selbst nur allzu gern wieder absegeln[6]. Das “laeti nautae“ steht meiner Meinung nach in starkem Gegensatz zu „pius Aeneas“ in Vers IV, 393. Die trojanischen Seemänner werden von Vergil mit einem Adjektiv versehen, welches dem Leser eine genaue Vorstellung von deren Gefühlsleben und dem daraus resultierenden Verhalten gibt: Die Teucrer fühlten schon lange, dass es Zeit ist, Karthago zu verlassen und haben sich sicherlich auch um Aeneas und dessen Pflicht Sorgen gemacht. Nun, da sie endlich gen Heimat abreisen werden, ist für sie alles in Ordnung und das zeigen sie, indem sie fröhlich sind und ihr Schiff schmücken. Aeneas hingegen wird von einem Adjektiv bestimmt, welches nichts über seine Gefühle aussagt. Es scheint, als könne oder wolle er seine Emotionen nicht zeigen, da seine Pflicht und der Wille der Götter vor allem anderen stehen. Das zeigt sich auch schon zuvor in den Versen IV, 333 ff., wo er Dido gegenüber förmlich und unnahbar bleibt, obgleich er starke Gefühle für sie hegt. Das alles macht deutlich, dass Aeneas durch seine bedeutende Aufgabe, die er zu erfüllen hat, nicht wie alle anderen Menschen um sich herum seine Gefühle offen zeigt, sondern sie in sich verschließen und mit dieser Last alleine bleiben muss. Sogar Dido, die eine Königin ist, lässt ihren Emotionen freien Lauf und vertraut sich ihrer Schwester mit ihren Sorgen an. Nur Aeneas ist ganz auf sich allein gestellt und muss „pius“ sein..

Buscaroli ist, wie Pease angibt, andererseits der Meinung, dass das Anbringen der Kränze am Heck des Schiffes hier keine besondere Vorgehensweise der Trojaner aufgrund ihrer Freude, sondern eher, wofür auch andere bei Pease angegebene Textstellen sprechen, ein allgemeiner Brauch vor einer Seereise ist. Andererseits gibt Servius zu bedenken, ob die trojanischen Seeleute, die schließlich unter Zeitdruck standen, sich tatsächlich mit diesem Brauch aufgehalten hätten..

[...]


[1] Die Skansion der Verse richtet sich nach: Ott, Wilhelm: Metrische Analysen zu Vergil. Aeneis Buch IV (Materialien zu Metrik und Stilistik). Tübingen 1982, S. 11 f.

[2] Servii grammatici qui feruntur in Vergilii carmina commentarii. Hrsg. Von Georg Thilo und Hermann Hagen. Leipzig 1881, S. 539 ff.

[3] Pease, A. St.: Publi Vergili Maronis Aeneidos liber quartus. Cambridge 1935, Ndr. Darmstadt 1963, S. 347 ff..

[4] Austin, R.G.: P. Vergili Maronis Aeneidos liber quartus. Oxford 1955, Ndr. 1985. S. 127 ff.

[5] Henry, James: Aeneidea, or critical, exegetical, and aesthetical remarks on the Aeneis, Vol II. Hildesheim 1969. S.741 f.

[6] Servii grammatici qui feruntur in Vergilii carmina commentarii. Hrsg. von Georg Thilo und Hermann Hagen. Leipzig 1881, S. 539.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Analyse der Verse IV, 393 – 449 der "Aeneis"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Lateinische Philologie)
Veranstaltung
Vergil, Aeneis IV
Note
3
Autor
Jahr
2003
Seiten
29
Katalognummer
V23658
ISBN (eBook)
9783638267380
ISBN (Buch)
9783638729406
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Verse, Aeneis, Vergil
Arbeit zitieren
Moni Kirner (Autor), 2003, Analyse der Verse IV, 393 – 449 der "Aeneis", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23658

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Analyse der Verse IV, 393 – 449 der "Aeneis"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden