Lernstörungen


Seminararbeit, 2001

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Was heißt Lernstörung?
1.1. Klassifikation von Lernstörungen
1.2. Mögliche Ursachen von Lernstörungen
1.2.1. Mangelndes Instruktionsverständnis
1.2.2. Mangelnde Vorkenntnisse
1.2.3. Mangelnde Lernmotivation
1.2.4. Nicht ausreichende Lernzeit
1.2.5. Mangelnde Unterrichtsqualität
1.2.6. Ungünstiges Klassenklima
1.2.7. Gestörte Beziehungen zwischen den Schülern
1.2.8. Beeinträchtigungen im familiären Umfeld
1.2.9. Der Einfluß von Medien

2. Diagnostik und Intervention.
2.1. Instruktionsverständnis
2.2. Vorkenntnisse
2.3. Motivation
2.4. Lernzeit
2.5. Unterrichtsqualität
2.6. Unterrichtsklima
2.7. Beziehungen zwischen den Schülern
2.8. Familiäres Umfeld
2.9. Medien

3. Spezielle Lernprobleme
3.1. Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (LRS).
3.1.1. Mögliche Ursachen von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
3.1.2. Diagnostik und Intervention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
3.1.3. Strukturanalyse einer Lern- und Leistungsstörung am Beispiel der Legasthenie
3.2. Rechenschwierigkeiten

4. Behandlung und Prävention

Literaturverzeichnis

1. Was heißt Lernstörung?

Lernstörungen sind alltägliche Phänomene. Wenn ein Inhalt nicht sofort richtig beherrscht wird – z.B. auch beim Erlernen von Sportarten –, liegt noch lange keine Lernstörung vor, sondern es kann sich auch einfach nur um einen schwierigen Lernprozeß handeln. Vielleicht war ja der Stoff sehr schwer oder man wurde durch Musik oder andere Sachen abgelenkt.

Bei der Definition benutzt man oft verschiedene Begriffe, wie Lernbehinderung, Leistungsversagen, Lernstörung oder Lernschwierigkeiten. Dabei muß man aber auch zwischen Einigen unterscheiden. Eine Lernbehinderung z.B., ist „das schwere und dauernde Versagen in Grund- bzw. Hauptschule, deren Bildungsmöglichkeiten nicht ausreichen, um das lernbehinderte Kind zu fördern.“1)

„Von Lernschwierigkeiten spricht man im allgemeinen, wenn die Leistungen eines Schülers unterhalb der tolerierbaren Abweichungen von verbindlichen institutionellen, sozialen und individuellen Bezugsnormen (Standards, Anforderungen, Erwartungen) liegen oder wenn das Erreichen (bzw. Verfehlen) von Standards mit Belastungen verbunden ist, die zu unerwünschten Nebenwirkungen im Verhalten, Erleben oder in der Persönlichkeitsentwicklung des Lernenden führen.“2)

Desweiteren muß man unterscheiden zwischen einer Lern- und einer Leistungsstörung. „Eine Lernstörung liegt vor, wenn der Klient Gelegenheit hatte zu lernen, aber der Lernerfolg nicht gegeben ist. Eine Leistungsstörung liegt vor, wenn der Klient vor einer Forderung, die er aller Voraussicht nach bewältigen könnte, versagt.“3)

Im engeren Sinne sind Lernstörungen Störungen der Lernfähigkeit. Die Lernfähigkeit wird unter anderem bezeichnet als Teilaspekt intelligenten Verhaltens, aber auch als Fähigkeit, die interne Organisation von Wissen und informationsverarbeitenden Strategien effektiv auf Problemsituationen anzuwenden. Im Amerikanischen unterscheidet man zwischen „mental retardation“ (geistiger Zurückgebliebenheit) und „learning disabilities“ (Lernunfähigkeit). Bei den „learning disabilities“ schöpfen offenbar die informationsverarbeitenden Prozesse nicht deren „intellektuelle Fähigkeiten“ aus oder erreichen sie nicht. Es besteht also eine Diskrepanz zwischen der Lernfähigkeit und der Intelligenz.

Lernstörungen im pädagogischen Kontext sind unterschiedlich „schwerwiegende, umfängliche und langandauernde“4) Beeinträchtigungen des Lernens. Hier ist eine Unterscheidung zwischen Lernbehinderung und Lernstörung nicht von Vorteil, da beide als Ergebnis eines komplexen Transaktionsprozesses zwischen den Anforderungen der jeweiligen Institution und den Lernvoraussetzungen des Individuums angesehen werden. Beide sind abhängig von der Person des Schülers, der Situation, in der der Schüler sich befindet und der Wechselwirkung zwischen Person und Situation.

In der Schule ist Lernen durch institutionelle Vorgaben geprägt. Es verlangt oft aufgrund seiner Anforderungen eine Loslösung von konkreten Lebensumständen. Es gibt Schüler, die bei schulischen Lernaufgaben versagen, im Alltag aber intelligent und lernfähig sind. Schulisches Lernen ist instruktionsabhängig, gefordert werden Fähigkeiten zur Generalisierung und eigenständigen Regelerweiterung. Lernstörungen äußern sich hier darin, dass das Kind Lesen, Rechnen und Schreiben – also das gewünschte Können – nicht in ausreichender Qualität, nicht mit ausreichender Sicherheit und nicht in der institutionell dafür vorgesehenen Zeit erwirbt, d.h. bestimmte Leistungsergebnisse werden nicht erreicht. Schulische Lernstörungen sind also Aneignungsstörungen, die 4 – 6 % der Schüler betreffen. Schulversagen ist deshalb zurückzuführen auf die „Unfähigkeit, von einer Strategie auf die andere umzuschalten, unangemessene Strategien aufzugeben, Informationen mit einer Strategie zu bearbeiten und dann eine andere auszuwählen oder gar verschiedene Verarbeitungsprozesse in schneller Folge zu berücksichtigen, um zu einer Problemlösung zu gelangen.“5)

1.1. Klassifikation von Lernstörungen

Man unterscheidet einmal zwischen passager-thematisch6) umschriebenen Störungen (Entwicklungsstörungen) und persistierend-allgemeinen7) Störungen. Desweiteren unterscheidet man zwischen defizitären und strukturellen Lernstörungen.

Die Entwicklungsstörungen sind Aneignungsbeeinträchtigungen, die nur in bestimmten, isolierten Inhaltsbereichen auftreten, z.B. in Bereichen des Lesens, Schreibens, Rechnens oder der Sprach- und Sprechentwicklung. Bei den persistierend-allgemeinen Störungen ist die Lernfähigkeit allgemein beeinträchtigt. Dies trifft zu bei allgemeinen Lernschwächen und auch bei der Lernbehinderung. Da die Lernbehinderung eine umfängliche und langandauernde Lernbeeinträchtigung ist, geht diese meist mit verzögertem Allgemeinverhalten einher. Die Schulleistungen lernbehinderter Kinder weichen deutlich von der Altersnorm ab, besondere Lernhilfen der Regelschulen reichen nicht zur Förderung dieser Kinder aus. Diagnostiziert wird eine Lernbehinderung meist, wenn der IQ des Kindes unter 85 liegt, d.h. wenn eine sozial sprachliche und leistungsbezogene Retardierung um zwei bis drei Jahre vorliegt, wenn Sinnesschädigungen vorliegen oder das Kind bereits in der Grundschule zweimal sitzengeblieben ist. Betroffen sind dabei pro Jahrgang ca. 3 % der Kinder.

Eine defizitäre Lernstörung liegt vor, wenn Funktionen von basalen Fähigkeiten ausgefallen, beeinträchtigt oder verzögert sind. Eine strukturelle Lernstörung liegt vor, wenn Variablen der Lernstruktur auch außerhalb der Grundfunktionen betroffen sind, wie z.B. das Erleben und Verhalten beteiligter Personen. Eine Lernstruktur ist ein Feld von Wirkungsgrößen (Gefühle, Erklärungen, Soziales), welche den „Boden“ bildet, der den Lernprozeß begünstigt oder verhindert; so gibt es „positive“ oder „negative“ Lernstrukturen. Bei der defizitären Lernstörung unterscheidet man noch zwischen temporären und permanenten Defiziten. Temporäre Defizite können mit wenig Aufwand ausgeglichen werden, wenn entsprechende Maßnahmen sofort ergriffen werden, ansonsten kann eine defizitäre Lernstörung auch schnell in eine strukturelle übergehen. Bei permanenten Defiziten kann eine strukturelle Lernstörung nur durch eine Kompensation8) vermieden werden.

Liegt bereits eine strukturelle Lernstörung vor, sollte man mit Hilfe einer strukturellen Lerntherapie versuchen, die negative Lernstruktur in eine positive umzuwandeln. Leistungs-, Selbstwert- oder Verhaltensstörungen spielen in der strukturellen Lerntherapie als lernhemmende Faktoren eine große Rolle. Selbstwertstörungen kommen in fast allen Fällen vor. Leistungsstörungen treten auf bei länger andauernden Lernstörungen als akute Folge von Streß und Überforderung. Verhaltensstörungen entwickeln sich in Abhängigkeit von der sozialen Umwelt. Wenn ein Schüler lern- und verhaltensgestört ist, liegt bereits eine fortgeschrittene bzw. chronifizierte Störung mit erheblicher Schädigung des Selbstwertgefühls vor.

Lerngestörte Schüler werden oft gekränkt und gedemütigt. Sie versuchen, ihr Selbstwertgefühl zu retten, indem sie Erfolge in andere Bereiche kompensieren. Gelingt dies nicht, erfolgt die Kompensation in sozial unerwünschten Bereichen. Die Schüler werden aggressiv – was dann als verhaltensgestört gilt – oder resigniert-depressiv.

„Verhaltensstörungen sind das Ergebnis sozialer Fehlanpassung, aber auch immer Ausdruck innerer Not. Verhaltensstörungen eines lerngestörten Schülers sind ein Alarmzeichen dafür, daß er überfordert ist und nicht mehr konstruktiv kompensieren kann.“9)

Zusammengefasst klassifiziert man Lernstörungen nach:

- Art der Bezugsnorm
- Spezifikation nach Lerninhalten
- Generalität der Normabweichung
- Grad der Normabweichung
- Zeitliche Erstreckung
- Grad der Beeinflussbarkeit
- Dominante Verursachungsbedingungen

1.2. Mögliche Ursachen von Lernstörungen

Viele Lehrer meinen, die Ursachen einer Lernstörung liegen in der Begabung oder in der Anstrengung eines Kindes. Oft ist dies aber nicht der Fall. Werner Zielinski unterscheidet hier drei verschiedene Verursachungsbedingungen: die internen, die externen und die moderierenden (verzögernden) Bedingungen.

Interne Bedingungen liegen im Lernenden selbst, wie die Fähigkeit eines Schülers, Instruktionen zu verstehen, die aufgabenspezifischen Vorkenntnisse und die Lernmotivation des Schülers. Externe Bedingungen entstammen der Lernumgebung. Das wären die dem Schüler vom Lehrer zugestandene Lernzeit und die Qualität des Unterrichts. Das Klima des Unterrichts, die Beziehungen zu den Klassenkameraden, die Bedingungen des Elternhauses und der Einfluß von Medien stellen die moderierenden Bedingungen dar.

Je größer die Schwierigkeiten und je unzureichender die Lernvoraussetzungen eines Schülers sind, desto mehr Lernzeit muß er zur Erreichung eines Lernziels aufwenden. Die dabei aufgewandte Lernzeit ist ein Indikator der Lernmotivation. Je weniger der Schüler motiviert ist, desto weniger wird er die Lernzeit nutzen. Lernschwierigkeiten entstehen dann, wenn die aufgewandte Lernzeit geringer ist als die erforderliche Lernzeit. Die Lernzeit ist dabei abhängig von der Qualität des Unterrichts. Auch das Unterrichtsklima und die Beziehungen zu den Klassenkameraden beeinflussen die Lernmotivation und damit die Lernzeit. Ungünstige Verhältnisse im Elternhaus führen zur Reduzierung der Lernmotivation oder zu mangelnden Vorkenntnissen. Durch Medien können Vorkenntnisse vermittelt werden, sie können sich aber auch negativ auf die Vorkenntnisse auswirken, wenn der Schüler dadurch von den Hausaufgaben abgelenkt wird. Auch die Lernmotivation kann durch den Einfluß von Medien abnehmen.

1.2.1. Mangelndes Instruktionsverständnis

Das „Instruktionsverständnis ist ... Ausdruck der intellektuellen Befähigung im allgemeinen und der sprachlichen Intelligenz im besonderen und eine notwendige, wenn auch nicht zureichende Voraussetzung für schulischen Erfolg.“10) Ein mangelndes Instruktionsverständnis im engeren Sinne kann auf ein defizitäres Wortverständnis, im weiteren Sinne auf Probleme im Bereich der sprachlichen Intelligenz zurückgehen.

Das Instruktionsverständnis wird durch Intelligenztests erfasst. Schüler mit Lernstörungen besitzen eine geringe Tendenz, Strategien zum Lösen von Problemen zu benutzen und neigen daher zum Raten. Sie haben Defizite bei der Metakognition und reflektieren ihre Fehler seltener. Defizite sind also nicht nur in bezug auf kognitive Strategien vorhanden, sondern auch beim Wissen über diese Strategien und wann sie am effektivsten eingesetzt werden.

1.2.2. Mangelnde Vorkenntnisse

Vorkenntnisdefizite hängen wahrscheinlich mit Gedächtnisproblemen zusammen. Gedächtnis-probleme lerngestörter Kinder können auf Defiziten der selektiven Aufmerksamkeit, des sensorischen Registers, des Kurzzeitspeichers, des Langzeitgedächtnisses und der Einprägungsprozesse beruhen. Diese Kinder vergessen nicht schneller als andere Schüler, sondern ihre Behaltensleistung gleicht jüngeren Kindern gleichen Intelligenzalters. Merkfähigkeitsdefizite entstehen eher aufgrund von defizitären Prozessen beim Erwerb von Lerninhalten. Das dominante Gedächtnisproblem sind also mangelhafte Lern- und Einprägungsstrategien und, wie schon gesagt, das reduzierte Wissen über diese Strategien. Dadurch entstehen lückenhafte Gedächtnisstrukturen.

Kinder mit Lernschwierigkeiten sind aber zur Anwendung von Kontroll- und Organisationsprozessen fähig, wenn sie hierzu angeleitet werden. Sie gleichen auf ihrem Problemgebiet „Novizen“, während nicht lerngestörte Kinder eher „Experten“ gleichen, deren breitere Wissensbasis die Aneignung neuen Lernstoffs erleichtert.

[...]


1) Zielinski, W., Lernschwierigkeiten, 1995, S. 12

2) Ebd., S. 12

3) Betz, D., Teufelskreis Lernstörungen, 1987, S. 28

4) Lauth, G., Lernstörungen, 1993, S. 70

5) Ebd., S. 70

6) passager = lat.-franz. sporadisch auftretend

7) Persistenz = lat. Beharrlichkeit, Hartnäckigkeit

8) Ausgleich, Ersatzbefriedigung

9) Betz, D., Teufelskreis Lernstörungen, 1987, S. 5

10) Zielinski, W., Lernschwierigkeiten, 1995, S. 21

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Lernstörungen
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Lernen und Gedächtnis
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V23683
ISBN (eBook)
9783638267601
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - kleine Schrift.
Schlagworte
Lernstörungen, Lernen, Gedächtnis
Arbeit zitieren
Anja Behr (Autor), 2001, Lernstörungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/23683

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