Rousseaus Bild vom Kind


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

GLIEDERUNG

0 Einleitung

1 Biographische Daten zu Jean-Jacques Rousseau

2 Der Gedanke der Aufklärung

3 „Emile“ und sein Wirken

4 Anthropologie – Rousseaus Bild vom Menschen

5 Teleologie – Rousseaus Erziehungsziele

6 Methodologie – Rousseaus Erziehungsmethoden
6.1. Negative Erziehung
6.2.. Erfahrungslernen
6.3. Altersgemäße Erziehung

7 Kritische Anmerkungen

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Kindheit wird heute vorwiegend als Konstrukt gesehen. Im Kind spiegeln sich unsere Vorstellungen vom Kind wieder, man kann sehen, wie wir uns gegenüber Kindern verhalten und Kindheit an sich betrachten.

Aus der Geschichte kennen wir viele Bilder von Kindheit. So z.B. von Friedrich Fröbel, der den Garten als idealen Raum für Kinder sah. Oder auch Maria Montessori, die Kinder als gottgleich ansah.

Doch die eigentliche Wurzel des Bildes vom Kind und von Kindheit finden wir bei Jean Jacques Rousseau. Er wird weithin als der Entdecker der Kindheit bezeichnet.

Im Folgenden möchte ich auf diesen Ursprung der Kindheit zu sprechen kommen. Ich werde untersuchen, wie Rousseaus Bild vom Kind wirklich war.

Zu diesem Zweck gehe ich zunächst auf Rousseaus Leben ein und werde danach die Epoche genauer beleuchten, in der er gelebt hat. Und schließlich werde ich Rousseaus Erziehungstheorie entfalten.

1 Biographis che Daten zu Jean-Jacques Rousseau

Jean-Jacques Rousseau wird am 28.Juni 1712 in Genf als Sohn des Uhrmachers Isaac Rousseau und Suzanne Bernards geboren. Seine Mutter verstirbt wenige Tage nach Jean-Jacques’ Geburt. Nachdem sein Vater aus Genf fliehen musste und seinen Sohn einfach zurückließ, kümmerte sich Pastor Lambercier um seine Erziehung. Mit ca. 13 Jahren (1725) kam Jean-Jacques in die Lehre bei einem Kupferstecher. Bis dahin hatte er trotz allem eine glückliche Kindheit. Doch in dieser fremden Handwerkerfamilie fühlt er sich ausgestoßen; das macht ihn scheu und verschlagen. Eine innere Verwahrlosung beginnt (vgl. Rang 1991, S.117)

1728 flieht Rousseau schließlich nach Savoyen. In Annecy wird er von der Baronin Madame de Warens aufgenommen. Zu ihr hat Rousseau einerseits ein mütterliches Verhältnis, andererseits ist er in sie verliebt und teilt später auch das Bett mit ihr. „Kein anderes Verhältnis ist für seine intellektuelle und emotionale Entwicklung so bedeutsam gewesen wie diese Liebe zu der um zwölf Jahre älteren Frau“ (ebd. S.118)

In dieser Zeit widmet sich Rousseau auch einem intensiven autodidaktischen Studium.

Als Hauslehrer will er sich zunächst seinen Lebensunterhalt verdienen.

So geht er 1740 nach Lyon ins Hause Mably, um dessen Söhne zu unterrichten. Auf dieser Grundlage entsteht Rousseaus erste pädagogische Schrift „Plan zur Erziehung des Herrn Sainte-Marie“. Darin drückt er v. a. sein Wissen über andere Pädagogen wie John Locke aus. Aber auch Anfänge seiner späteren Sichtweise auf Kinder und Erziehung lassen sich erkennen.

Aufgrund mangelnder Geduld und Selbstbeherrschung gibt Rousseau die Tätigkeit als Hauslehrer nach einem Jahr auf. Die Erfahrungen aus dieser Zeit lässt er später jedoch auch in seinen „Emile“ einfließen.

Er geht dann nach Paris, um als Musiklehrer, Musikschriftsteller und Komponist Karriere zu machen. So wird z. B. 1752 seine Oper „Der Dorfwahrsager“ vor dem König aufgeführt.

1743 beschäftigt sich Rousseau das erste Mal mit Politik: Er wird Gesandtschaftssekretär in Venedig. Inmitten der korrupten Adelsgesellschaft Frankreichs merkt er immer mehr, wie ideal die sittlichen und politischen Zustände in seiner Heimatstadt Genf waren. Er kommt mehr und mehr zu einem kritischen Bewusstsein gegenüber der Gesellschaft v. a. Frankreichs.

So erscheint 1749 sein „Erster Diskurs: … über die Wissenschaft und die Künste“, der ihn über Nacht berühmt gemacht hat. 1754 folgt dem ersten der „Zweite Diskurs: … über die Entstehung der Ungleichheit“, in dem er u. a. die Ambivalenz des Fortschritts diskutiert. In diesen beiden Abhandlungen entwickelt Rousseau seine Gedanken zur Gesellschaft und Natur, die er später dem „Emile“ zugrunde legt und daraus Schlüsse für die Erziehung zieht.

1756 geht Rousseau in die Abgeschiedenheit von Montmercy, um der „sündigen“ Gesellschaft von Paris zu entfliehen. Er nutzt die Einsamkeit für eine Schaffensperiode. So werden in kurzer Zeit drei seiner Werke veröffentlicht:

1761 „Julie oder Die neue Heloise“

1762 „Emile oder Über die Erziehung“

1762 „Der Gesellschaftsvertrag“

Im gleichen Jahr der Herausgabe werden „Emile“ und „Der Gesellschaftsvertrag“ vom obersten Gerichtshof und vom Erzbischof von Paris verurteilt. Gegen diese Verurteilung kämpft Rousseau so leidenschaftlich, dass man ihn verhaften wollte. Ihm blieb also nichts anderes übrig als die Flucht.

Zunächst geht er in die Schweiz, an das Gebiet am Neuenburger See (In Genf waren seine Schriften auch schon verboten.). Einer Einladung zufolge reist er bald darauf nach England. 1767 kehrt er schließlich nach Frankreich zurück und lebt unter dem Decknamen „Renou“.

In dieser Zeit des Auf-der-Flucht-Seins entstehen noch zwei seiner wichtigen Werke: seine Autobiographie „Bekenntnisse“ und „Dialoge: Rousseau urteilt über Jean-Jacques“.

Am 2. Juli 1778 stirbt Rousseau plötzlich in Ermenonwille bei Paris.

Für mich war Rousseau ein Revolutionär, der nach und nach immer deutlicher für seine neuen und teilweise bahnbrechenden Gedanken einstand und deshalb vielerorts auf der Flucht war. Er wollte in den Köpfen der Menschen etwas verändern, weil er sich die Welt genau anschaute und daraus seine Konsequenzen zog.

Wie die damalige Welt, also die Epoche der Aufklärung war, möchte ich als nächstes skizzieren.

2 Der Gedanke der Aufklärung

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ Immanuel Kant

Die Zeit der Aufklärung umfasst den größten Teil des 18. Jahrhunderts. Sie geht einher mit einer philosophischen, pädagogischen, politischen und gesellschaftlichen Umstrukturierung, in der alles in Frage gestellt wurde. Die Aufklärung war eine Revolution, eine Zeit, in der die selbst verschuldete Unmündigkeit ein Ende haben sollte.

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, so lautete das Postulat dieser Zeit.

Es breitete sich eine rationalistische, also vernunft- bzw. verstandesgemäße Denkweise auf alle Lebensgebiete aus. Traditionelle Werte und Normen wurden in Frage gestellt. Mittels Verstand sollten Vorurteile und Unwissenheit beseitigt werden.

Man begeisterte sich also für die Ratio und wandte sich dem Menschen zu. Alle Menschen sollten über die Welt und vor allem über sich aufgeklärt werden.

Das Interesse galt demnach ganz dem Menschen, dem einzelnen Exemplar. Auf rationale Weise wollte man seine Autonomie begründen. Im Namen der Vernunft sprach man jedem Freiheit und Würde zu.

Wie Baader (1996) schreibt, wurde danach geforscht, „was der Mensch von Natur aus und was an ihm gesellschaftliche Zutat ist“ (S. 36) Das Kind sah man dabei als den natürlichen Menschen an.

Es bildete sich langsam eine neue Grundhaltung gegenüber dem Menschen heraus:

Der Mensch ist von Natur aus gut – und zwar jeder! Man vertraute auf den menschlichen Verstand und darauf, dass man alles zu einem guten Ende führen kann, wenn man es nur vernünftig angeht. Man glaubte auch daran, dass eine Vervollkommnung des Menschen durch einen Appell an seine Einsicht und durch die richtige Belehrung möglich sei (vgl. Reble 1965, S. 139)

Politisch gesehen herrschte ein kritischer Geist gegenüber den Bindungen des Absolutismus und der kirchlichen Autorität. So bekam der Staat einen rein weltlichen Charakter, indem er sich von der Kirche abgrenzte.

Es verbreiteten sich Ideen von Freiheit, Gleichheit und Selbständigkeit. Aus Untertanen wurden allmählich Staatsbürger. Mit der Zeit milderten sich die Standesschranken. Es war die Zeit des aufsteigenden Bürgertums. Dieses wurde zur kulturtragenden Schicht.

Mit seiner Erwerbstüchtigkeit wuchs auch der Bildungsdrang des Bürgertums. Es wollte nun auch geistig dem Adel in nichts nachstehen.

„Da das Bürgertum aber in dieser Epoche im Staate seine Kräfte noch nicht befriedigend entfalten kann, bestellt es in verstärktem Maße das Feld geistigen Schaffens und geistiger Freiheit, sittlicher Lebensgestaltung und rationaler Welterfassung“ (ebd. S. 138) So war ein zentrales Merkmal der gesamten Aufklärungszeit die Idee der allgemeinen Volksbildung. Auch die untersten Schichten lernten lesen und schreiben, und konnten sich so bilden. Die allmähliche geistige Gleichstellung mit dem Adel befreite die Menschen aus den verschiedenen Ständen. Durch die wachsende Bildung bestand nun die Möglichkeit, dass jeder mündig werden konnte.

Aufgrund der Begeisterung für die Ratio und der Hinwendung zum Menschen bezeichnet man das Zeitalter der Aufklärung auch als das „pädagogische Jahrhundert“. Dies drückt sich besonders in einer Pädagogisierung der Wissenschaft und des gesamten Lebens aus. Man glaubte daran, die Menschen durch Belehrung verbessern und geistig mündig machen zu können. Auch bedingt durch die Milderung der Standesschranken fühlten sich nun sehr viele Professionalitäten dazu ermuntert, dieses große neue Werk der allgemeinen Volkserziehung zu verrichten. So verstanden sich Philosophen, Staatsmänner, Dichter und Pfarrer plötzlich als Lehrer und Erzieher (vgl. ebd. S. 141)

Die Erziehung und Bildung bekam in dieser Zeit eine Allmachtsstellung. Begründet wird diese vor allem durch Kants Worte: „Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss… Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was die Erziehung aus ihm macht.“ (Kant zitiert nach Tenorth 1988, S. 74)

Durch Erziehung sollte der Mensch lernen, seinen Verstand zu gebrauchen. Des Weiteren sah man Erziehung als unerlässlich an, da dem Menschen nun eigene Begabungen und eine eigene Natur zugesprochen wurden. Zu diesen konnte er jedoch nur durch die entsprechende Erziehung gelangen.

Ein Beispiel dafür, wie der Mensch zu seiner jeweiligen Natur kommen kann, zeigt Rousseau mit seinem „Emile“, den es hier zu besprechen gilt.

Anhand dieses klassischen Werkes möchte ich gleichzeitig Rousseaus Bild vom Kind herausarbeiten und zeigen, wie er Kindheit betrachtet hat.

3 „Emile“ und sein Wirken

In seinem Roman „Emile oder Über die Erziehung“ entwickelt Jean Jacques Rousseau anhand des fiktiven Jungen Emile seine Sicht vom Kind, von Kindheit, von Erziehung und schließlich vom Menschen. Er zeigt darin ein neuartiges pädagogisches Denken.

Sein Erziehungsdenken bezieht sich nicht auf bestimmte Stände und Traditionen, sondern auf den Menschen selbst, auf seine innere Natur, seine individuelle Erlebnisfähigkeit, seine eigenen Erfahrungen, Gefühle und Leidenschaften (vgl. Rang 1991, S. 116)

Vor allem aber spricht Rousseau der Kindheit und Jugend eigene Erlebnis- und Existenzweisen zu. Wohl um die jeweiligen Unterschiede deutlich hervorzuheben, stellt er Emiles Leben chronologisch von der Geburt bis zur vollendeten Jugendzeit dar.

Wie schon in Rousseaus Biographie durchschimmerte, war „Emile“ von Anfang an ein Welterfolg, und die darin enthaltenen Gedanken waren für die damalige Zeit so revolutionär, dass Rousseau fliehen musste, um nicht verhaftet zu werden.

Allem voranzustellen ist noch die Bemerkung, dass Rousseaus Werk kein Handbuch zur Erziehung und keine Anleitung, wie man mit Kindern umgehen sollte, ist. Es ist vielmehr ein idealer Entwurf von Kindheit unter idealen Bedingungen. Dies muss man während der gesamten Betrachtung dieses Romans im Auge behalten.

Im Folgenden möchte ich genauer auf Rousseaus Theorie eingehen; dabei werde ich Anthropologie, Teleologie und Methodologie berücksichtigen. An diesen drei Elementen wird Rousseaus Bild von Kindern und Kindheit deutlich.

4 Anthropologie – Rousseaus Bild vom Menschen

Zu Beginn möchte ich noch einmal einen wesentlichen Gedanken der Aufklärungszeit hervorheben, den Rousseau entscheidend mitprägte:

Kindheit wurde nicht länger als bloßes Durchgangsstadium zum Erwachsenenalter gesehen. Stattdessen bekam die Zeit des Kindseins einen Eigenwert und auch Eigenrechte.

Rousseau konstituierte Kindheit als etwas ganz Eigenes, als Totalität und als eigene Idee (vgl. Baader 1996, S. 35) Er schaute nicht so sehr darauf, was Kinder noch nicht können, sondern stellte eher das heraus, was sie schon können. So galt Kindheit erstmals als eigener Stand mit einer spezifischen Reife und Vollkommenheit.

Rousseau selbst sagt, dass Kinder Kinder sein müssen:

„Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, ehe sie Männer werden. Kehren wir diese Ordnung um, so erhalten wir frühreife Früchte, die weder reif noch schmackhaft sind und bald verfaulen: wir haben dann junge Gelehrte und alte Kinder. Die Kindheit hat eine eigene Art zu sehen, zu denken und zu fühlen, und nichts ist unvernünftiger, als ihr unsere Art unterschieben zu wollen“ (Rousseau 1983, S. 69)

Vor allem wegen diesen Worten wurde Rousseau als „Entdecker der Kindheit“ gefeiert. Sie stehen als Grundlage seiner Erziehungslehre, die ich im Laufe dieser Darstellung herausarbeiten werde.

Seine anthropologische Sicht entfaltet Rousseau gleich im ersten Satz seines Werkes „Emile oder Über die Erziehung“: „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen“ (ebd. S. 9) Dies ist die zentralste These Rousseaus.

Der Mensch ist also von Natur aus gut und die Gesetze der Natur einfach. Das Gute wird dem Menschen somit nicht von außen beigebracht, sondern seine Natur ist gut – jedoch nur sofern die Kräfte der Natur angemessen zur Entfaltung gebracht werden. Diese Kräfte kommen nach Rousseau am besten durch negative Erziehung zur Ausbildung. Auf diese Pädagogik des Nichts-Tuns gehe ich später genauer ein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Rousseaus Bild vom Kind
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Pädagogik)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V24305
ISBN (eBook)
9783638272100
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rousseaus, Bild, Kind
Arbeit zitieren
Ines Lück (Autor:in), 2004, Rousseaus Bild vom Kind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24305

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