Kindsein heute - Modernisierungstendenzen der Kindheit


Hausarbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Gesellschaftlicher Strukturwandel ( Individualisierung, Pluralisierung)
1.1. Veränderte Grundstrukturen der kindlichen Lebensbedingungen
1.1.1. Wandel sozioökonomischer Rahmenbedingungen
1.1.2. Wandel familialer Strukturen

2. Modernisierungstendenzen der Kindheit
2.1. Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt (Manuela du Bois-Reymond)
2.1.1. Merkmale des Verhandlungshaushaltes
2.2. Verhäuslichung der Kindheit (Jürgen Zinnecker)
2.2.1. allgemeine Veränderungen in der Großstadt (Zeiher)
2.2.2. veränderte Wohn- und Straßensituation
2.3. Verinselung der Kindheit (Helga & Hartmut Zeiher)
2.3.1. Zeit in heutiger Kindheit
2.3.2. verändertes Raumerleben von Kindern
2.3.3. Modell der Verinselung des individuellen Lebensraumes
2.4. Mediatisierung der Kindheit (u.a. Neil Postman)
2.4.1. dominantes Medium: Fernsehen
2.4.2. „Verschwinden der Kindheit“ durch Medien (Neil Postman)

Einleitung

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich Kindsein erheblich gewandelt.

Kinder wachsen heutzutage in anderen gesellschaftlichen Kontexten auf, welche das Wesen der Kindheit erheblich modifiziert und verändert haben.

Erzählen die Großeltern uns von ihrer Kindheit, und unter welchen Bedingungen sie damals aufgewachsen und sozialisiert worden sind, so lassen sich erhebliche Unterschiede feststellen zu unserer eigenen Kindheit.

Möchte man die veränderten Lebensbedingungen und Handlungsweisen von Kindern heute verstehen, so muss man sich zunächst mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen in den letzten Jahrzehnten näher auseinandersetzen.

Den gesellschaftlichen Strukturwandel werde ich im ersten Teil meiner Arbeit überblicksartig darzustellen versuchen.

Aber inwieweit haben diese gesellschaftlichen Veränderungsprozesse das Wesen von Kindheit verändert? Wie sieht Kindsein heute im gesellschaftlichen Kontext aus?

Diesen Fragen möchte ich im zweiten Teil meiner vorliegenden Arbeit auf den Grund gehen und anhand ausgewählter Modernisierungstendenzen von Kindheit aufzeigen, dass durch die verschiedensten äußeren Einflüsse ein Kind von heute anders aufwächst als dies bei unseren Großeltern noch der Fall war.

1. Gesellschaftlicher Strukturwandel

Die Veränderung von Kindsein ist ein Aspekt des sozialen Wandels, d.h. der Veränderung von Gesellschaft überhaupt. Daher können die Veränderungsprozesse von Kindheit nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesellschaft als Ganzes gesehen werden.

Eine zentrale gesellschaftliche Entwicklungstendenz in den letzten Jahrzehnten ist der Trend zur Individualisierung. Ulrich Beck formulierte in seiner Individualisierungsthese von 1986 drei grundlegende Veränderungsprozesse der Gesellschaft. (vgl. Melzer u.a.; S.19ff.)

Als erste Dimension nennt er die Freisetzungsdimension, die besagt, dass Menschen aus ihren historisch vorgegebenen Sozialformen und –bindungen herausgelöst, bzw. freigesetzt werden.

Die Freisetzungsdimension korrespondiert eng mit der zweiten von Beck formulierten Dimension, der sogenannten Entzauberungsdimension. Hier geht es vor allem um den Verlust an traditionellen Sicherheiten, wie zum Beispiel Handlungswissen, Glauben und Normen.

Doch der Mensch löst sich nicht nur aus traditionellen Mustern, sondern in der heutigen Gesellschaft entstehen auch neue Formen der Einbindung, die Beck als Kontroll- und Reintegrationsdimension bezeichnet.

Durch diese drei, von Beck formulierten Dimensionen wird deutlich, dass Menschen aus ihren traditionell kollektiven Sozial- und Lebensformen der Industriegesellschaft, wie z.B. Klasse, Schicht, Milieu und Familie herausgelöst werden und individuelle Existenzlagen entstehen. Die sogenannte „Normalbiographie“ eines Menschen wandelt sich zur „Wahlbiographie“. Diese individualisierten Existenzlagen können für den Einzelnen meines Erachtens verschiedene Chancen und Risiken mit sich bringen, denn der Mensch lebt in der heutigen Gesellschaft in einem ständigen Widerspruch zwischen Selbstverantwortlichkeit für die eigene biographische Lebensführung und der Abhängigkeit von oft nicht bewusst wahrgenommenen Bedingungen und Mechanismen, die er nicht, oder nur schwer steuern kann (z.B. Marktabhängigkeit).

1.1. Veränderte Grundstrukturen der kindlichen Lebensbedingungen

Zur Veränderung der Bedingungen, in denen Kinder heute leben und aufwachsen, kam es zum einen durch den Wandel der sozioökonomischen Rahmenbedingungen und zum anderen durch den Wandel familialer Strukturen.

1.1.1. Wandel sozioökonomischer Rahmenbedingungen

In den letzten Jahrzehnten kam es zu einer zunehmenden Urbanisierung, d.h. Verstädterung auch ehemals ländlicher Gebiete. Eine Folge dieser Entwicklung waren zu hohe Wohndichten in den Ballungsgebieten, sodass für die Kinder kaum mehr natürliche Spielräume vorhanden waren.

Eine weitere Rolle spielen die stattgefundenen und immer noch stattfindenden Mobilitätsprozesse. Zum einen kam es durch den Besitz eines Autos zu einer sozialen Mobilität, d.h. durch die Trennung von Funktionsbereichen und das Verinselungsphänomen wurde man zunehmend zum Pendler von einem Ort zum anderen, zum anderen ist eine Verschiebung des Qualifikationsbedarfs in der Gesellschaft hin zu höheren Qualifikationen zu verzeichnen, die als Bildungsmobilität bezeichnet wird.

Diese schließt zum Beispiel die gewachsene Frauen- und insbesondere Müttererwerbstätigkeit mit ein.

Weiterhin kam es zu einer Technokratisierung vieler Lebensbereiche, wie Arbeiten, Wohnen etc., und zu einer Verrechtlichung und Bürokratisierung des Alltaglebens.

Damit einher geht ein drastisch gestiegener Lebensstandard in unserer Gesellschaft im Vergleich zu anderen Ländern, der u.a. abzulesen ist an der Technisierung und Ausstattung der Haushalte sowie an der gesunkenen Arbeits- und gestiegenen Freizeit.

Des weiteren spezialisierte sich unser Wissen über gewisse Dinge, wie z.B. die Erziehung der Kinder, immer mehr und führte zu einer Expertisierung sowie Pädagogisierung vieler kindlicher Lebensbereiche.

Zum Schluss möchte ich noch erwähnen, dass durch das Aufkommen des Fernsehens und des Internets, es zu einer massenmedialen Mediatisierung kam und immer noch kommt, die mit verantwortlich ist für einige maßgebliche veränderte kindliche Lebensbedingungen. Doch darauf möchte ich später noch etwas näher eingehen.

1.1.2. Wandel familialer Strukturen

Betrachtet man sich die Veränderungen der Alterspyramide in den letzten Jahren, so ist ein deutlicher Geburtenrückgang zu verzeichnen, der uns vor Augen führt, dass wir auf eine „kinderarme Gesellschaft“ hinsteuern.

Abgesehen davon haben sich die familialen Strukturen in den letzten Jahrzehnten maßgeblich verändert. Es kam zur Deinstitutionalisierung von Ehe und Familie und zu Veränderungen in der Famlienzusammensetzung.

Deutlich wird das zum einen an der Zunahme der nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften und den zurückgehenden Heiratsziffern, zum anderen an den hohen Scheidungsraten, die eine Zunahme der Ein-Elter-Familien (Familien Alleinerziehender) nach sich ziehen. Alleinerziehende, meist Mütter, haben oft mit Existenzsorgen zu kämpfen, was die Lebensbedingungen der Kinder erheblich beeinträchtigen kann.

Einen weiteren wichtigen Aspekt möchte ich noch erwähnen, der meiner Meinung nach großen Einfluss auf das Aufwachsen heutiger Kinder ausübt; den Trend zur 1- und 2-Kindfamilie. Durch die geringer werdenden Geschwisterzahlen, bzw. das Fehlen von Bruder oder Schwester gibt es keine größeren, altersgemischten Gruppen mehr, d.h. heutige Kinder wachsen zunehmend in altershomogenen Gruppen (im Kindergarten, in der Schule etc.) auf.

2. Modernisierungstendenzen der Kindheit

2.1. Vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt (du Bois-Reymond)

(vgl. du Bois-Reymond, 1994)

Die Entwicklung vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt basiert laut du Bois-Reymond unter anderem auf der Veränderung des Stellenwertes bzw. der Wertschätzung von Kindern in Familien in den letzten Jahrzehnten.

Früher spielten die ökonomische Versorgung der Eltern durch die Kinder im Alter sowie die erwartete Mithilfe des Kindes auf dem Hof, im Haushalt oder Betrieb eine maßgebliche Rolle, d.h. Kinder wurden als „Zufallsprodukt“, bzw. „Notwendigkeit“ betrachtet.

Heute sehen Eltern in ihrem Kind Sinnstiftung und Sinnfindung. Eltern messen ihrem Kind einen hohen Stellenwert bei und wollen sich durch die Übernahme der sinnvollen Aufgabe der Erziehung der Kinder sich Selbst verwirklichen.

Allgemein in zwischenmenschlichen Beziehungen kam es zu einer Verschiebung der Machtbalance zwischen den Geschlechtern und Generationen. D.h. (Ehe-) Frauen haben mehr Einfluss und Macht gegenüber den (Ehe-) Männern dazu gewonnen, und Kinder haben mehr Einfluss gegenüber den Erwachsenen (Eltern) erlangt.

Damit wird das Geschlechter- und Generationenverhältnis allmählich ausgewogener.

2.1.1. Merkmale des Verhandlungshaushaltes

Ein Merkmal des modernen Verhandlungshaushaltes sieht du Bois-Reymond in der Intimisierung des Familienlebens. Wie ich oben schon erwähnt habe, wächst die Wertschätzung am Kind, d.h. das einzelne Kind wird wichtiger, da die Familien kleiner werden.

Das Erziehungsverhältnis wird zum Beziehungsverhältnis. Wo früher die traditionelle, patriarchalische Erziehung vorherrschte, die autoritär geprägt war und wo Befehlen und Gehorchen, sowie die Anwendung körperlicher Gewalt als Erziehungsmittel eine Rolle spielten, ist hingegen die heutige Erziehung weitestgehend liberal und vom Verhandeln und Aushandeln geprägt. In vielen Familien ist dieser Übergang zu einem partnerschaftlichen und gleichberechtigten Eltern-Kind-Verhältnisses zu verzeichnen. Doch das Verhandeln ist auch mit der Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten verbunden, denn die elterliche Erziehungsrolle wird zu einer elterlichen „Begründungsrolle“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kindsein heute - Modernisierungstendenzen der Kindheit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Sozialpädagogik, Sozialarbeit)
Veranstaltung
Soziale Netzwerke von Kindern
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V24478
ISBN (eBook)
9783638273480
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überblicksartige Arbeit über alle wichtigen Modernisierungstendenzen in den letzten Jahrzehnten, wie sieht Kindsein heute aus?
Schlagworte
Kindsein, Modernisierungstendenzen, Kindheit, Soziale, Netzwerke, Kindern
Arbeit zitieren
Anke Lehmann (Autor), 2004, Kindsein heute - Modernisierungstendenzen der Kindheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24478

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