Untersuchung zweier Interpretationen zum Gedicht: Friedrich Hölderlin "Hälfte des Lebens"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
25 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhalt

1. Überblick
1.1 Arbeitsweise

2. Die Titel der beiden Interpretationen
2.1 Der Anfang der beiden Interpretationen
2.2 Die weitere Untersuchung
2.3 Der Schluß

3. Konklusion
3.1 Typologisierung der beiden Interpreten
3.2 Schlußbetrachtung

1. Überblick

Ein Gedicht ist der Ausdruck von Bewußtseinsinhalten in formalisierter Form. Die Interpretation stellt die Explikation des eigenen Verständnisses vom Text dar. Diese Explikation des Interpreten, beziehungsweise die Qualität dieser, soll in dieser Arbeit bewertet werden. Denn einen Text zu interpretieren, bedeutet auch immer ein Stück weit sich selbst als Interpret zu profilieren.

Es werden zwei Interpretationen zu dem Gedicht Hälfte des Lebens von Friedrich Hölderlin (1770-1843) miteinander verglichen. Die Interpretation von Jochen Schmidt, die den Titel „,Sobria ebrietas’. Hölderlins Hälfte des Lebens“ trägt, wurde der Anthologie „Geschichte der deutschen Lyrik in Beispielen. Von der Aufklärung bis zur Romantik“[1] entnommen. Die zweite Interpretation liegt vor von Ludwig Strauss, der seine Interpretation „Friedrich Hölderlin: ,Hälfte des Lebens’“ titelt. Diese Interpretation wurde ebenfalls einer Anthologie[2], die sich besonders an Schüler und Studenten richtet, entnommen.

1.1 Arbeitsweise

In dieser Arbeit soll, wie bereits erwähnt, bewertet werden, wie gut die Interpreten, in diesem Fall sind es Jochen Schmidt und Ludwig Strauss, ihr Handwerk des Interpretierens beherrschen. Dabei werden die beiden Interpretationen nicht immer linear miteinander verglichen, da der Beitrag von Ludwig Strauss mit 21 Buchseiten quantitativ höherwertig ist als der von Jochen Schmidt, dessen Beitrag 7 ausgedruckte Seiten zählt.

Diese Arbeit erhebt nun mehrere Ansprüche: Erstens soll deskriptiv der Inhalt der jeweiligen Interpretation wiedergegeben werden. Diese werden, soweit es möglich scheint, parallel zueinander untersucht. Dabei werden deskriptive Gesichtspunkte beachtet wie die logisch einführende Vorgehensweise, da sich beide Anthologien, denen die Interpretationen entnommen wurden, als Nachschlagewerk an Schüler und Studenten richten und somit eine didaktisch logische Struktur verlangen.

Zweitens soll schon innerhalb der deskriptiven Wiedergabe der Texte eine vorläufige Wertung erfolgen. Diese Wertung wird die beiden Interpretationen in kritischer Betrachtung der Argumentationskette und der Deutung des Interpreten zu durchleuchten versuchen. Dabei unterliegen besonders der Anfang und das Ende als prägnante Stellen einer besonderen Aufmerksamkeit. Der Anfang einer Interpretation läßt bereits in den ersten Sätzen eine Haltung des Interpreten erkennen, aus der heraus das Gedicht interpretiert wird. Diese Typologisierung des Interpreten hilft, die Einstellung desselben zu dem Gedicht Hälfte des Lebens zu explizieren, um so ein besseres Verständnis der Qualität des Handwerkes ,Interpretieren’ zu erhalten.

Auch der Schluß der jeweiligen Interpretation soll genau betrachtet werden hinsichtlich einer literarischen Wertung oder ein formuliertes Ziel. Dabei sei an dieser Stelle schon darauf hingewiesen, daß es eine abgeschlossene Interpretation nicht geben kann. Aber das sollte dem Interpreten nicht die Lizenz geben, irgendetwas zu erzählen. Demnach wird bei der Bewertung der Anspruch erhoben, daß die Interpretationen in sich geschlossen sind und beim Leser keine offenen Fragen zurückbleiben. Außerdem wird der Leistung der Interpreten, einen Übertrag und eine Reflexion des Gedichtes hinsichtlich anderer Bereiche zu erreichen, besonderes Gewicht auferlegt. Auch die Einordnung des Gedichtes in den historischen Kontext ist, hinsichtlich der Rezipienten, relevant für die Qualität der Interpretation.

Fragen wie: ,Ist der Interpret fähig zur Abstraktion?’, ,Handelt es sich bei der Entwicklung der Interpretation jeweils um schlüssige Argumente oder nur um Statements?’ und ,Beachten beide Interpreten die wichtigsten Stellen des Gedichtes?’ sind bei der Bewertung ebenfalls zu beachten.

Anhand dieser Fragen wird die kritische Auseinandersetzung mit der Interpretationsleistung expliziert. Nach dem Hauptteil folgt eine Konklusion, die einen Abschluß der Bewertung auch mithilfe eines eigenen Urteils bilden soll, und in einem weiteren Punkt soll auch die Typologisierung zu einem Abschluß beitragen.

2. Die Titel der beiden Interpretationen

Schon die unterschiedlichen Titel der vorliegenden Texte geben Aufschluß über die Art der Interpretation. Ludwig Strauss betitelt seine Interpretation „Friedrich Hölderlin: ,Hälfte des Lebens’“. Damit erhebt die Interpretation erst einmal keinen besonderen Anspruch auf eine Spezifizierung auf ein besonderes Problem, das innerhalb der Interpretation zu klären wäre.

Anders hingegen Jochen Schmidt. Er überschreibt seine Interpretation „,Sobria ebrietas’. Hölderlins Hälfte des Lebens“ und setzt damit das übergeordnete Sujet bereits fest.

Ludwig Strauss, der demnach die quantitativ umfassendere Arbeit mit allgemeinerem Charakter liefert, erarbeitet scheinbar sukzessive die Interpretation, indem er diese in drei Abschnitte teilt: I. Gehalt und innere Form, II. Rhythmus und Laut und III. Entstehung und Wirkung. Diese Einteilung erlaubt einen systematischen Vorgang bei der Interpretation und ist, hinsichtlich des Rezipienten, wichtig für die Möglichkeit der Replikation des Lesers.

Schmidt, dessen Spezifikation in der Interpretation anhand der Überschrift zu erahnen ist, setzt keine zu erarbeitenden Anschnitte fest. Dies bedeutet jedoch nicht, daß er nicht sukzessive und damit logisch arbeitet. Wie bereits erwähnt, darf und kann diese Arbeit nicht den Anspruch erheben, sich allein durch quantitative Unterschiede zu einem Urteil verleiten zu lassen. Natürlich widmet sich Strauss in seinem zweiten Abschnitt ausführlich der Rhythmik und der Lautentwicklung innerhalb des Gedichtes. Doch auch Schmidt schneidet diese Thematik an. Demnach soll die Bewertung hauptsächlich qualitative Kriterien, wie die jeweilige Vollständigkeit und eine Schlüssigkeit in der Argumentation, in den Vordergrund stellen.

2.1 Der Anfang der Interpretation

Jochen Schmidt wählt als Einstieg in die Interpretation eine Behauptung, die eine literarische Wertung enthält:

„Hölderlins Hälfte des Lebens gehört zu den berühmtesten Gedichten der deutschen Literatur. So vollkommen wie in nur ganz wenigen lyrischen Gebilden hat sich hier ein Daseinsgefühl, die Erfahrung einer Lebenskrise, in die Symbolik von Naturerscheinungen übertragen.“(1)[3]

Durch diese Qualitätszuschreibung befindet sich nicht nur das Gedicht, sondern auch der Interpret, der dieses qualitative Gedicht behandelt, an exponierter Stellung. Der Behauptung, das Gedicht gehöre zu den berühmtesten Gedichten der deutschen Literatur, folgt sogleich die zitierte Begründung. Diese Begründung besitzt die Qualität, innerhalb eines Satzes überschriftartig das Gedicht Hälfte des Lebens zu thematisieren.

Eine weitere Begründung für die Besonderheit des Gedichtes wird an die erste angeschlossen, die an ihrem Ende eine Gefühlregung des Interpreten offenbart: „Ohne Aufwand und Pathos, ohne erkennbare formale Virtuosität scheint hier eine Vision des Innen im Außen einfach geglückt zu sein-ein großer lyrischer Moment.“ Diese Äußerung beinhaltet ebenfalls eine literarische Wertung. Diese Wertung zu Anfang der Interpretation kann einmal die Funktion haben, dem Leser das Gedicht durch Aufbau dieser Spannung auf beinahe schulmeisterliche Manier „schmackhaft“ zu machen, oder aber die eigene Berechtigung, gerade dieses Gedicht interpretieren zu wollen, zu begründen.

In der weiteren Behauptung, das Gedicht stehe auch in Hölderlins Werk einzig da, spricht Schmidt als ein Kenner der Werke Hölderlins. Auch die Einordnung des Gedichtes in den Kontext des Gesamtwerkes Hölderlin konstituieren die einzigartige Stellung des Gedichtes: „Auch in Hölderlins Werk steht dieses Gedicht einzig da. Seine Oden und Elegien sind artistisch durchgeformt. Die Hymnen nach 1800 erheben einen äußersten Anspruch. [...] Nichts davon findet sich in dem Gedicht Hälfte des Lebens.“ An dieser Stelle wird eine Typologisierung des Interpreten als ,predigender Schulmeister’ offenbar, wenn Schmidt behauptet, das Gedicht sei zu einfach, um auf Anhieb verstanden zu werden, denn „diese beiden Strophen [erfordern] mehr als eine paraphrasierende Verdeutlichung des auch ohne genauere Analyse in seinen Grundzügen Erkennbaren.“ Auf diese Behauptung folgt ebenfalls eine Begründung, die den eigentlichen Grund der Interpretation enthüllt und dem Interpreten den Typus des Entdeckers zukommen läßt: „[...] Die Bilderwelt des Gedichts birgt noch eine esoterische Schicht, die bislang unerkannt blieb.“ Damit schreibt sich der Interpret eine gewisse Universalität, eine Sonderstellung, zu, denn er hat eine sogenannte ,esoterische Schicht’, eine sich nur dem Eingeweihten eröffnenden Nuance, des Gedichtes entdeckt, die noch niemand zuvor erkannt hat. Damit ist die Funktion, der Sinn und Zweck der Interpretation, aufgedeckt - die Untersuchung des Gedichtes gilt einer neuen Erkenntnisdimension.

Ludwig Strauss geht in seinem Eingang der Interpretation anders vor als Jochen Schmidt. Er stellt seiner Interpretation das Gedicht voraus. Dieses scheint gerade für die Rezipienten sinnvoll, denn so kann der Inhalt der Interpretation sogleich am Gedicht überprüft werden. Dann eröffnet er, ebenfalls wie Schmidt, seinen ersten Abschnitt mit einer Behauptung, die jedoch einen auffällig angreifenden Duktus hat. Diese Behauptung steigt sofort in den übergeordneten Gegenstand des Gedichtes ein, statt die Thematik der Antithese zu entwickeln: „Sommer und Winter als Hälften des Lebens sind nicht Jugend und Alter.“(113) Mit dieser Behauptung extrahiert sich Ludwig Strauss von den Interpreten vor ihm, da er die vom Leser erste und richtige Schlußfolgerung, die nach dem Lesen des vorangestellten Gedichtes automatisch eintritt, es handele sich um die erfahrene Jugend und um das nahende Alter, als falsch erklärt.

Doch diese Behauptung kann keinen Bestand finden, denn innerhalb einer literarischen Reihe verweist die Jahreszeitenmetaphorik immer auch auf eine Lebenszeitmetaphorik.

Die These wird nun anhand einer biographischen Begründung abgearbeitet: „Hölderlin weiß und hat es in Briefen und Gedichten mehr als einmal gesagt, wie friedlich, heiter und herrlich das Alter sein kann.“ Da sich diese erste Begründung mit der zuvor gemachten Behauptung nicht schneidet - das Alter kann zwar herrlich sein, doch Angst vor und eine Auseinandersetzung mit dem Alter und der Konfrontation mit dem Tod besteht natürlich, folgt eine weitere Begründung der spannungsbeladenen Behauptung: „Mitten in den Jahren der höchsten Manneskraft, und nicht im Alter, überwältigte ihn die unheilbare Krankheit.“ Diese Information über Hölderlins Leben scheint aber ebenfalls keine Untermauerung der ersten These zu sein, da in der zweiten Strophe des Gedichtes nicht das Alter, das im Grundakkord der Jahres-, Tageszeit- und Lebensmetaphorik dem Winter entspräche, sondern das Altern, das Überwinden der besten Jahre im Bild des Herbstes ausgedrückt wird: „Weh mir, wo nehm’ ich, wenn /es Winter ist, die Blumen [...].“

Eine Begründung für die Eingangsthese wäre, eine Differenzierung zwischen Alter und Altern, auch im Hinblick auf die Biographie Hölderlins, zu erreichen. Doch die Bedeutung der Lebenszeitmetaphorik wird auch in der folgenden Behauptung, die die Negation der ersten Behauptung revidieren soll, nicht offenbar, wenn Strauss schreibt: „Sommer und Winter sind in unserem Gedicht die gesegnete, blühende und fruchtbare Zeit gegen die segenlose, kahle und unfruchtbare [...]“. Mit dieser Richtigstellung, es gehe in der Hälfte des Lebens nicht um Jugend und Alter, sondern um Sommer und Winter mit den jeweiligen Konnotaten der Fruchtbarkeit bzw. Unfruchtbarkeit, wird mit vielen Worten und unter Nichtbeachtung des Grundakkordes in der Jahreszeitenmetaphorik die offenbare Antithetik entwickelt.

Eine erste Typologisierung kann hier unternommen werden, der Interpret spricht als ,Hölderlin-Kenner’ zum Leser.

[...]


[1] D. Jaegle (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik in Beispielen. Von der Aufklärung bis zur Romantik (Teil II). Reclam-Verlag: o. Ort, o. Jahr. (CD-Rom)

[2] J. Schillemeit (Hrsg.): Interpretationen. Deutsche Lyrik von Weckherlin bis Benn (Bd. 1). Fischer: Frankfurt am Main/Hamburg 1966. S. 113-134.

[3] Angegeben werden die jeweiligen Seitenzahlen der ausgedruckten und der in Buchform vorliegenden Interpretation. Bei gleicher Seitenzahl zweier hintereinanderliegenden Zitaten erfolgt keine Seitenangabe.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Untersuchung zweier Interpretationen zum Gedicht: Friedrich Hölderlin "Hälfte des Lebens"
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Deutsche Philologie (I))
Veranstaltung
Linguistische Analyse des Textmusters "Gedichtinterpretation"
Note
2.0
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V24680
ISBN (eBook)
9783638274982
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es werden zwei Interpretationen zu dem Gedicht von Friedrich Hölderlin "Hälfte des Lebens" qualitativ untersucht: wie gut beherrschen die Interpretatoren ihr Handwerk? Wie werten sie literarisch? Findet eine Reflexion hinsichtlich anderer Bereiche in dem Gedicht statt (Metrik u.ä.)? Ist der Interpret fähig zur Abstraktion?
Schlagworte
Untersuchung, Interpretationen, Gedicht, Friedrich, Hölderlin, Hälfte, Lebens, Linguistische, Analyse, Textmusters, Gedichtinterpretation
Arbeit zitieren
Nadine Bavink (Autor), 2001, Untersuchung zweier Interpretationen zum Gedicht: Friedrich Hölderlin "Hälfte des Lebens", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/24680

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