Bundesliga-Aufstieg und Spielzeit des SSV Ulm 1864 e.V. in der Berichterstattung der Südwest Presse Online

Eine qualitative Inhaltsanalyse


Diplomarbeit, 2000
141 Seiten, Note: 1

Leseprobe

INHALT

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

TEIL I EINLEITUNG
1 Die Forschungsidee oder: Warum ausgerechnet Fußball?
2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
2.1 Philosophische und wahrnehmungspsychologische Grundlagen.
2.2 ...und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für Zielsetzung und Methodik
2.3 Zum Aufbau der Arbeit

TEIL II THEORIE
1 „Gott ist Rund“ – Faszination Fussball
1.1 Was ist dran am Fußballsport?
2 Fußball und Massenmedien – eine Symbiose
2.1 Aspekte des Medienkonsums
2.2 Die Mannschaftssportart Fußball - Magnet für ein Massenpublikum
2.2.1 Die Live-Produktion eines Dramas.
2.2.2 ...und die Nachbereitung durch die Presse
3 Zum Wandel der Medienstruktur und die Bedeutung des (Fußball-) Sports
3.1 Sportübertragungen im Fernsehen
3.2 Sport in den Printmedien
3.3 Online-Zeitungen im Internet – eine neue Konkurrenz für die Sportpresse?
3.3.1 Der Internetauftritt des Deutschen Fußball-Bundes als Beispiel.
3.3.2 ...für eine potentielle Existenzbedrohung der Pressebranche durch das Internet?
3.3.3 Eigenschaften, Vor- und Nachteile virtueller und „herkömmlicher“ Presseprodukte
3.4 Die Mediensituation heute und morgen – Fazit und Ausblick
4 Sportmedien und Mediensport – zum Stand der Forschung
4.1 Veröffentlichungen zum Thema im Überblick
4.2 Anmerkungen zum Stand der Forschung
4.2.1 Presseähnliche Inhalte im Internet sind bisher nicht Gegenstand sportwissen- schaftlicher Forschung
4.2.2 Das quantitative Forschungsparadigma dominiert
5 Grundlagen für eine systemtheoretische Rahmenkonzeption
5.1 Vorüberlegungen: Zur Eignung quantifizierender Verfahren in der Sportwissenschaft
5.2 Positivismus und Konstruktivismus - erkenntnistheoretische Pole
5.3 Grundbegriffe der Systemtheorie
5.4 Massenmediale Konstruktion von Realität
5.4.1 Zur Theorie der Massenkommunikation
5.4.2 Die Beobachtung der Beobachter
5.4.3 Die Erzeugung gesellschaftlicher Hintergrundrealität, Nachrichtenwerttheorie und Agenda-Setting
5.5 Die Realität des Sports in den Medien
5.5.1 Verfälschte Wirklichkeit?
5.5.2 Mediensport ist gleich Hochleistungssport ist gleich Fussball
5.5.3 Zwischen Information und Unterhaltung: (Fußball-) Sport in der (Online-) Printbe- richterstattung
6 Zwischenfazit

TEIL III EMPIRIE
1 Thesen oder: Den „Ulmer Fußballgeschichten“ auf der Spur
1.1 Prämissen
1.1.1 Literarische Erzählformen und die Geschichten des Fußballs
1.1.2 Elemente, Akteure und Bezugsgruppen des Profifußballs
1.2 Thesen
2 Methodologische Implikationen und Datengrundlage
2.1 Qualitative Inhaltsanalyse mit Unterstützung von AQUAD 5®
2.2 Datengrundlage
2.3 Kategorien
3 Ergebnisse
3.1 Ulmer Fußballgeschichten
3.1.1 Märchenhaft, legendär, dramatisch - Erzählstrukturen
3.1.1.1 Das Märchen vom „Wunder von Ulm“
3.1.1.2 Legendär
3.1.1.3 Fußball dramatisch
3.1.2 Siegertypen: Die Helden von Ulm
3.1.2.1 Von Torhütern, Torjägern und anderen Helden
3.1.2.2 Kollektive Einzigartigkeit
3.1.3 Der Held als Identifikationsobjekt
3.1.3.1 Menschen wie du und ich: Private Aspekte der Stars
3.1.3.2 „Körperspuren“
3.2 Die Konstruktion der Sozialfigur “Trainer“
3.2.1 Zur Trainerrolle
3.2.2 Die Konstruktion des Trainer-Images
3.3 „Sie finden nicht zu ihrem Spiel“ – Begründungen von Erfolg und Mißerfolg
3.3.1 Beanspruchungsannahmen
3.3.2 Pech und Glück
3.3.3 Fähigkeitsannahmen
3.4 Fußball der Superlative
3.5 ...Und die Moral von der Geschicht... - Werte, Normen und Klischees

TEIL IV FAZIT
1 Kritische Reflexion der Methode und Vorgehensweise
1.1 Zur Methode der qualitativen Inhaltsanalyse mit AQUAD 5®
1.1.1 Computerunterstützung
1.1.2 ...der qualitativen Inhaltsanalyse
1.2 Zur Wahl des Untersuchungszeitraums
2 Thesenprüfung und Zusammenfassung der Ergebnisse
2.1 Konstruktion einer Realität des Hochleistungsfußballs
2.2 ...vor dem Hintergrund eines konservativen Wertekosmos
2.3 ...erzählt mit Hilfe von Erzählformen der fiktionalen Literatur

TEIL V LITERATUR

TEIL VI ANHANG

ABBILDUNGEN

Abbildung 1: Schematisierte Darstellung des Wahrnehmungsvorgangs (Quelle: ZIMBARDO 1983, 314)

Abbildung 2: Top-Ten: Die interessantesten Sportarten (Quelle: SCHOLZ 1999)

Abbildung 3: Die Lieblingssportarten (Quelle: SCHOLZ 1999)

Abbildung 4: Das Internet auf dem Weg zum Massenmedium (Quelle: MSO 04/2000)

Abbildung 5: Schöne neue Medienwelt (Quelle: MSO 06/2000)

Abbildung 6: Ein abgegrenztes Gebiet in seiner Umwelt

Abbildung 7: Das System „SSV Ulm in der Südwest Presse Online“ und dessen Umwelt

Abbildung 8: Die Rekonstruktion der von der SWP konstruierten Welt „SSV Ulm 1846 in der Bundesliga“ und die Umwelt des Rekonstruierten

Abbildung 9: Grundgattungen fiktionaler Literatur (Quelle: ENCARTA 1999)

Abbildung 10: Bezugsgruppen im Fußballsport (Quelle: HORTLEDER 1974, 132ff)

Abbildung 11: Spiel-Binnenfeld und Spiel-Umfeld (Quelle: HAGEDORN (1985) und BRACK (1994))

Abbildung 12: Datenreduktion mit AQUAD®

Abbildung 13: Hardcopy des SSV Ulm Special der Südwest Presse Online-Dienste GmbH

Abbildung 14: Auf den Überlegungen von ARISTOTELES basierendes dreistufiges Entwicklungsschema des Dramas (Quelle: VWB 1969, 1122)

TABELLEN

Tabelle 1: Mediennutzung in der Freizeit; Gesamtbevölkerung (Quelle: AAWG 1998)

Tabelle 2: Virtuelle Massenmedien im Vergleich zur traditionellen Presse

Tabelle 3: Positivistisches und konstruktivistisches Paradigma (Quelle: TU CHEMNITZ 2000)

Tabelle 4: Sportarten in der TV- und Printberichterstattung (Quelle: HACKFORTH/WERN- ECKEN 1999)

Tabelle 5: Thesenkatalog

Tabelle 6: Auswahleinheit differenziert nach Saisonabschnitten

Tabelle 7: Kategorien

TEIL I EINLEITUNG

1 DIE FORSCHUNGSIDEE ODER: WARUM AUSGE- RECHNET FUßBALL?

Sportveranstaltungen in Deutschland sind wahre Magneten für ein Massenpublikum. Kein anderes Ereignis ist in der Lage, so hohe Einschaltquoten zu erzielen wie eine Fußball- Weltmeisterschaft (vgl. AAWG 1998), und der Sportteil der Zeitungen erfreut sich einer sol- chen Beliebtheit, daß die Bild-Zeitung als auflagenstärkstes Blatt Deutschlands in erhebli- chem Umfang über die Sportseiten verkauft wird (vgl. KRÜGER 1993, 28).

Die vorliegende Arbeit basiert auf einer Seminararbeit mit dem Titel „Die Bedeutung des Sports in den Medien“. Sie wurde im Rahmen des Hauptseminars „Management im Sport“ unter der Leitung von Dr. Rolf BRACK und Rainer HIPP im Wintersemester 1996/97 am Institut für Sportwissenschaft der Universität Stuttgart angefertigt. Bei der Bearbeitung der Seminar- arbeit, die einen allgemeinen Überblick über die Forschungslage des Sports in den Mas- senmedien liefern sollte, ist deutlich geworden, daß innerhalb der Sportberichterstattung vor allen Dingen die Berichterstattung über Fußball dominiert. Dies konstatiert auch KROCK:

„Fußball bildet die große Ausnahme. Fußball, das ist der Herrgott“ (KROCK 1982, zit. in ROHNE 1993, 87).

Den Medien wird immer wieder einseitige „Leistungssportberichterstattung“ vorgeworfen. Zahlreiche Arbeiten existieren hierzuI, und sie alle können die Vormachtstellung des Fußballs anhand von Zahlen belegen. Die Vorwürfe gehen alle in die selbe Richtung. Viel zu viel Fußball würde gesendet, immer nur Fußball sei auch Thema der Sportpresse. Selbst die neu- en Online-Medien scheinen hier keine Ausnahme darzustellen.

So deutlich die Vormachtstellung des Fußballs in den Medien auch herausgestellt wird - nicht eine einzige Studie hat sich jemals damit befaßt, wie der „Herrgott Fußball“ aussieht, welches Bild vom Fußballsport ein Printmedium (und hierzu zählt sowohl die traditionelle pa- pierene Form als auch die online publizierte neuere Form in Gestalt von virtuellen Zeichen) an seine Leser weitervermittelt. Es konnte trotz intensivster Literaturrecherche keine einzige Arbeit gefunden werden, die genau dies zum Thema hat. Eine Abhandlung darüber, wie Fußball in der Presse dargestellt wird, fehlt. Diese Lücke soll die vorliegende Arbeit mit dem Charakter einer Pilotstudie zumindest ein Stück weit schließen.

2 ZIELSETZUNG UND AUFBAU DER ARBEIT

Bundesliga-Fußball ist eine Inszenierung, eine Welt, die in einem Stadion stattfindet und dann in verschiedenen Formen an ein Massenpublikum weitervermittelt wird – in Bild und Ton im Fernsehen, geschrieben und auf Papier gedruckt als Zeitung oder mit Hilfe virtueller Zeichen per Internet.

Die vorliegende Arbeit hat das Ziel zu zeigen, welches Bild eine Online-Sportredaktion von einem ortsansässigen Fußball-Bundesliga-Verein skizziert. Die Frage wird sein, was Bundesli- ga-Fußball in der Südwest Presse Online (SWP) ist, und wie, in welcher Art und Weise diese über den Erstliga-Aufsteiger SSV Ulm 1846 e.V. vor und während der Bundesliga-Saison 1999/2000 berichtet. Dabei wird in Anlehnung an die Systemtheorie Niklas LUHMANNSI - und hier vor allem in bezug auf dessen Überlegungen zur massenmedialen Realitätskonstruktion (vgl. Teil II, Abschnitt 5) - zu berücksichtigen sein, daß Medien die reale Realität nicht abbil- den, sondern den Stoff für unsere Wirklichkeit konstruieren. Und letztlich ist die „Wirklichkeit“, die dann entsteht, wenn sich ein Sportfan über seine Sportart beispielsweise durch Zeitungs- lesen informiert, immer eine ganz individuelle Interpretation dessen, was geschrieben steht, denn:

Wir können die Welt nicht sehen, wie sie wirklich ist!

Zahlreiche Philosophen und auch Vertreter der Wahrnehmungspsychologie haben sich dar- über Gedanken gemacht. Als Beispiele hierfür dienen im folgenden die Überlegungen der Philosophen BERKELEY und POPPER (vgl. bspw. GÖBEL 1998) sowie wahrnehmungspsy- chologische Grundlagen aus dem Lehrbuch der Psychologie von ZIMBARDO (1983).

2.1 Philosophische und wahrnehmungspsychologische Grundlagen...

Schon der Philosoph George BERKELEYII hat 1710 in seiner „Abhandlung über die Prinzipien der menschlichen Erkenntnis“III gezeigt, daß wir von dem Sein der Dinge nichts wissen kön- nen, außer wenn wir sie wahrnehmen. So besteht für BERKELEY die Welt nur im Wahrge- nommenwerden. Sir Karl Raimund POPPERIV hat mehr als 200 Jahre später mit seiner 3- Welten-TheorieV gezeigt, daß das Denken des Menschen sich eine eigene Welt erschaffen hat, die über die Entsprechungen zur dinghaften Welt hinausgewachsen ist. Er geht weiter- hin davon aus, daß wir die Wirklichkeit nur im vorgegebenen Rahmen unserer Erwartungen erfahren und deshalb unsere Erkenntnisse nie Abbilder, sondern lediglich Modelle der Wirk- lichkeit sein können. Jedes Modell ist nur eine Konstruktion unseres Denkens, weshalb sich nie feststellen läßt, ob es der Wirklichkeit tatsächlich entspricht. POPPERS Fazit lautet des- halb: Es läßt sich niemals beweisen, ob eine Erkenntnis wahr ist; es läßt sich zuweilen aber durchaus beweisen, daß sie falsch ist (vgl. bspw. GÖBEL 1998).

Die Wahrnehmungspsychologie geht davon aus, daß nur der naive Beobachter im Sinne des phänomenalen Absolutismus seine Sinneseindrücke akzeptiert und glaubt, auf direkte, unmittelbare Art Merkmale der sich in der Umwelt befindlichen Objekte wahrzunehmen (vgl. ZIMBARDO 1983, 308). Er nimmt an, daß der andere Beobachter die Situation genauso wahrnimmt wie er, und daß er direkten Kontakt mit den Objekten hat. Experimente jedoch zeigen, daß die subjektive Wahrnehmung bzw. phänomenale Realität eines Menschen nicht der objektiven Realität entspricht, obgleich der Mensch sicher ist, daß es so istI (vgl. ebd., 309). ZIMBARDO konstatiert:

„Jeder Wahrnehmungsakt ist eine Konstruktion (...) der Realität, welche auf allen relevanten, gegenwärtigen und vergangenen, dem Organismus zu- gänglichen Informationen basiert.“ (ZIMBARDO 1983, 313).

Wahrnehmung ist also weit davon entfernt, eine direkte Erfahrung „dessen, was ist“ zu sein – sie ist, wie Abbildung 1 zeigt, ein mittelbarer Prozeß organisierter Schlußfolgerungen über die „reale“ Welt (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Schematisierte Darstellung des Wahrnehmungsvorgangs (Quelle: ZIMBARDO 1983, 314)

2.2 ...und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für Zielsetzung und Methodik

Vor dem Hintergrund der Überlegungen in Abschnitt 2.1 wird deutlich, daß es keine direkte Erfahrung und Erfassung dessen, was in der SWP über den SSV Ulm geschrieben steht, ge- ben kann. Zeitung lesen, so ESPOSITO (1998), ist das Beobachten der Beobachtung eines anderen. Der Leser konstruiert die Vorstellungen des Autors. Er tritt nicht mit dessen Vorstel- lung real in Kontakt. Jeder Rezipient konstruiert seine individuelle Realität des SportsI. Jede inhaltliche Rekonstruktion basiert auf Informationen, welche dem Organismus aufgrund von gegenwärtigen und vergangenen Erfahrungen zugänglich sind. Sie ist somit abhängig da- von, was der Rekonstruierende von der Konstruktion wahrnimmt und wie sich dies in seinen Erfahrungs- und Wissenshorizont einfügt.

Mit anderen Worten: Jemand, der noch nie im Leben mit Fußball zu tun gehabt hat, wird anders rekonstruieren als jener, der tagtäglich mit dem Sport lebt. Jemand, der nur „Fern- sehsessel-Fußballer“ ist, wird wiederum anders interpretieren als der, der Zeit seines Lebens aktiv „am Ball“ gewesen ist. Vor diesem Hintergrund ist die Rekonstruktion und Interpretation der Realität des SSV Ulm 1846 e.V. in der Südwest Presse Online zu verstehenII. Die Rekon- struktion der von der SWP konstruierten Realität bildet nicht die konstruierte Realität der SWP schlechthin ab, sondern sie ist wiederum eine individuelle Konstruktion dessen, was die SWP über den SSV Ulm geschrieben hat.

Die zentrale Fragestellung dieser Arbeit lautet:

WAS IST DAS FÜR EINE REALITÄT DIE DIE SÜDWEST PRESSE ONLINE

VOR UND WÄHREND DER FUßBALL-BUNDESLIGA-SAISON 1999/2000 VOM SSV ULM 1846 E.V. KONSTRUIERT,

UND AUF WELCHE WEISE

BRINGT SIE DIESE REALITÄT DEM LESER NAHE?

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Presseberichterstattung der in Ulm ansässigen Südwest Presse, da die Fußball-Bundesliga-Saison vom Aufstieg bis zum direkten Wiederabstieg des SSV Ulm Gegenstand ihrer Berichterstattung war. Grundlage der Auswertung sind dabei 715 Presseberichte, die in der Zeit vom 17.Juni 1999 bis zum 22. Mai 2000 von der SWP im Internet publiziert worden sindIII.

2.3 Zum Aufbau der Arbeit

Die Arbeit ist aufgeteilt in fünf Teile. Im ersten Abschnitt (Abschnitt 1) von Teil II (Theorie) werden empirische Belege für die Beliebtheit des Fußballspiels dargestellt und es soll ver- sucht werden, den Reiz des Massenphänomens Fußball zu begründen. Anschließend steht in Abschnitt 2 die symbiotische Beziehung von Fußball und Massenmedien im Vordergrund - die Massenmedien haben bei der Entwicklung des Fußballs zur Unterhaltungsware eine e- benso entscheidende Rolle gespielt, wie der Fußballsport der Entwicklung der Fernsehbran- che v.a. mit dem WM-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Jahre 1954 in Bern einen Schub verschafft hat. Des weiteren wird auf die verschiedenen Rollen des Fern- sehens und der Presse in der Berichterstattung über Sport eingegangen. Wandlungsprozesse der Medienstruktur sind das Thema in Abschnitt 3. Entwicklungsprozesse im Fernsehen, in den Printmedien und in den „Neuen Medien“, hier insbesondere die der virtuellen Online- Zeitungen im Internet werden eingehend beleuchtet. In Abschnitt 4 wird ein allgemeiner Überblick über den Stand der Forschung kritisch hinterfragt.

Der einleitende Teil I liefert den „Background“ für Abschnitt 5 in Teil II. Wahrnehmungspsy- chologische und philosophische Basisannahmen aus Teil I führen über einen Vergleich er- kenntnistheoretischer Grundhaltungen hin zur neueren soziologischen Systemtheorie Niklas LUHMANNS (Abschnitt 5, Teil II). Den allgemeinen Überlegungen LUHMANNS zur massenme- dialen Konstruktion von Realität folgt eine Darstellung der Realität des Sports in den Medien. Das Zwischenfazit in Abschnitt 6 leitet schließlich über zu Teil III.

In Teil III (Empirie) wird zunächst mit Hilfe von Modellen dargestellt, wie Fußball in der Presse präsentiert werden, d.h. wer oder was Gegenstand der Berichterstattung sein könnte und wie davon erzählt werden kann. Literarische Erzählformen (sie helfen zu erkennen, welche Erzählweisen es gibt) auf der einen und Bezugsgruppen, Elemente und Akteure des Profi- fußball-Systems (sie zeigen, wer oder was Gegenstand der Erzählungen sein könnte) auf der anderen Seite helfen bei der Thesenbildung (Abschnitt 1). Darauf folgen in Abschnitt 2 me- thodologische Implikationen, die Beschreibung der Datengrundlage sowie die Definition der Kategorien. Schließlich werden in Abschnitt 3 die Ergebnisse der empirischen Untersu- chung in fünf Teilen präsentiert.

Teil IV reflektiert Methode und Vorgehensweise kritisch (Abschnitt 1), bevor in Abschnitt 2

eine Thesenüberprüfung mit dem Charakter einer Ergebniszusammenfassung folgt.

Dem Literaturverzeichnis in Teil V folgt mit Teil VI der Anhang. Darin findet sich eine Darstel- lung aller von der Südwest Presse online publizierten Artikel in tabellarischer Form, ein Sai- sonkalender, der gleichzeitig einen Überblick über den Untersuchungszeitraum geben soll, sowie das Quellenverzeichnis der aus den Artikeln der SWP zitierten Textstellen.

TEIL II THEORIE

1 „GOTT IST RUND“ – FASZINATION FUSSBALL

„Maßgebend iss' auf’m Platz“ - wie so Vieles aus den 1950er Jahren gilt auch diese Weisheit des Dortmunder Fußballidols Addi Preissler nicht mehr uneingeschränkt. Fußball, einst

„schönste Nebensache der Welt“, hat längst die Grenzen eines harmlos-gewöhnlichen Frei- zeitvergnügens gesprengt. „Unsere Ideologie heißt Fußball“, stellt SCHÜMER in seinem 1996 unter dem Titel „Gott ist rund“ erschienenen Buch fest. Fußball, so der Ex-Bundesliga-Trainer Kalli Feldkamp, ist das Theater des kleinen MannesI. Gerade weil die Unterhaltungsware Fußball spannender und viel weniger vorhersehbar ist als ein Opern- oder Theaterbesuch und so von Woche zu Woche weitaus mehr Menschen fasziniert als jeder Kinofilm, ist das von Konrad Koch aus England importierte SpielII zu einem gesamtgesellschaftlichen Ereignis und damit zum Spiegel der modernen Zivilisation geworden.

Konrad Koch, Turnlehrer am Braunschweiger Martino-Catharineum-Gymnasium, lernte durch einen Englandbesuch seines Schwiegersohnes das Fußballspiel schätzen. Fußball wurde dort an den Schulen gespielt und Koch befand es für die Umsetzung seiner pädago- gischen Idee als weitaus tauglicher als das autoritäre und militärische Turnen. So führte er diesen neuen Sport, nachdem er einen Fußball aus England kommen ließ, sogleich am be- sagten Gymnasium ein. Im Jahre 1874 versammelte er einige jüngere Schüler um sich herum und warf, anstatt die Regeln zu erläutern, einen Ball in die Gruppe, so daß sich prompt das erste Fußballspiel an einer deutschen Schule ergab. Dieser „Einwurf“ gilt als Geburtsstunde des Fußballs in Deutschland (vgl. BAROTH 1992; vgl. GRÜNE 1995; vgl. SCHULZE-MARMELING 1995).

Heute ist Fußball eine äußerst populäre und telegene Sportart (vgl. RITTNER 1988, 165). Dies stellt auch die HAMBURGER MORGENPOST ONLINE (HMO) in einem resümierenden Artikel zur Europameisterschaft 2000 fest:

„Die Resonanz ließ keine Wünsche offen. Über eine Million Besucher strömten in die fast immer ausverkauften Stadien, die in vielen Fällen zu klein für den Ansturm der Fans waren. Im Schnitt kamen 35 840 Zuschauer pro Begeg- nung. Auch die Einschaltquoten der TV-Sender bestätigten ein ungebrems- tes Interesse des Fußball-Konsumenten am Kräftemessen der Ländermann- schaften. Dies galt auch bei ARD und ZDF, die selbst in der K.o.-Runde über- raschend hohe Marktanteile von über 60 Prozent vermeldeten, obwohl die als Appetitanreger untaugliche deutsche Mannschaft bereits aus dem Ren- nen war.“ (HMO 2000).

SCHOLZ führte 1999 eine Grundlagenstudie über die Nutzung, Bewertung und Einstellung von Online-Sportangeboten durch. Zielgruppe dieser Befragung waren „sportinteressierte Internetuser nach Selbstselektion“ (ebd.). Der interaktive WWW-Fragebogen setzte sich aus über 80 Fragekonstellationen zusammen und war gelinktI bei den wichtigsten Sportanbie- tern. Die Studie konnte die große Beliebtheit des Fußballsports empirisch nachweisen (vgl. Abb. 2 und Abb. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ergebnisse dieser Befragung sind eindeutig – 96,7 Prozent nannten auf die Frage „Für welche Sportarten interessieren Sie sich?“ bzw. 96 Prozent auf die Frage „Nennen Sie Ihre drei Lieblingssportarten (auch TV-Sport)!“ (vgl. Abb. 3) hin die Sportart Fußball.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Die Lieblingssportarten (Quelle: SCHOLZ 1999)

Keine andere Sportart erzielte in dieser Studie vergleichbare Ergebnisse – Grund genug, um erst einmal der Frage nachzugehen, was dran ist an diesem Sport.

1.1 Was ist dran am Fußballsport?

Der Ball ist die Seele des Fußballspiels. Er steht im Zentrum der Interaktion zweier Mannschaf- ten und ist so „in gewisser Weise sogar der Hauptakteur“ (PARIS 1983, 151). „Der Ball ist rund“

– dieser berühmte Satz stammt von Sepp Herberger, einst Reichs- und später Bundestrainer. Wahrscheinlich wollte er mit diesem simplen Satz zum Ausdruck bringen, daß das Fußball- spielen ein durchaus kompliziertes Unterfangen ist. Die Schwierigkeit des Fußballspiels liegt darin, daß ein rundes Spielobjekt, das ständig im Begriff ist wegzurollen und dessen Verlauf nie vollständig berechnet werden kann, mit den Füßen diszipliniert werden muß (vgl. PARIS 1983, 152).

Fußball garantiert den Grundtonus von Identität und Differenz (SCHÜMER 1998, 170). Das in groben Zügen immer gleiche Spiel mit seinen einfachen Regeln bringt trotz dieser Merkmale jede Woche etwas Neues hervor, „aber niemand wird davon in seinem Begriffsvermögen überfordert.’“ (ebd.). Fußball ist die einzige Spielsportart, die auf nur 17 leicht zu erlernenden RegelnI basiert (vgl. BAUSENWEIN 1995).

Fußball kann jeder spielen, und er ist „anscheinend überall ‚derselbe’“ (ebd., 29). Die Le- bendigkeit des Balles, dessen Flugeigenschaften, Rundheit und freie Beweglichkeit machen das Spiel auch deshalb so interessant, da auf den Gebrauch der Hände verzichtet wird. Hände, so BAUSENWEIN, kontrollieren und disziplinieren den Ball. Der Ball, der nur im Flug für kurze Zeit dem Gefangen-Sein entkommt, bleibt wie tot. Er spielt nicht mit (ebd., 36).

Fußball ist ein „Ereignis der Demut“ (SCHÜMER 1998, 254). Nicht das Gelingen ist die Regel, der Anhänger wird statt dessen mit Scheitern und Niederlagen konfrontiert. Ein Fußballfan ist sich von vorneherein im Klaren darüber, „daß ihn beim Spiel die völlige ästhetische Pleite, die vernichtende Niederlage, der Abstieg gar erwarten können“ (ebd.). Rare Momente des Gelingens sind die Ausnahmen, die den Fan beglücken und auf die er immer wieder von neuem hofft. Kein anderer Sport lebt in diesem Ausmaß vom Scheitern, denn die „Ver- suchsanordnung“ des Fußballspiels lebt von den Mängeln des Menschen (vgl. ebd., 255). Wird der Ball mit dem Fuß gespielt, kann er nicht in Besitz genommen werden. Der Ball ist Mitspieler und kann selbst mit dem Menschen spielen. Er kann nie vollständig kontrolliert werden. Das zielgerichtete Stoßen des Balles mit dem Fuß ist enorm schwierig, kann aber von Filigrantechnikern mit hoher Perfektion durchgeführt werden. Und trotzdem – oder auch deshalb - liegen im Fußball „geniale Kunst und hilflose Stümperei so nahe beieinander wie in kaum einem anderen Spiel.“ (ebd., 44). Der Ball ist ständig dem Tritt des Gegners ausge- setzt, kein Spieler kann sich dessen Besitz sicher sein.

„Das durch die Ungeschicklichkeit der Füße verursachte extrem hohe Risiko des Ballverlusts führt dazu, daß dem Fußball eine elementare Unsicherheit und Unkalkulierbarkeit im Ablauf des Geschehens eigen ist, die sich mit kaum einer anderen Mannschaftssportart vergleichen läßt. (...) Der Erfolg des Fußballspiels beruht zu einem großen Teil auf einem Mißerfolg.“ (ebd., 59).

Zufall innerhalb eines nicht zufälligen Rahmens wird beim Fußball inszeniert – der Erfolg läßt sich nicht kaufen. Auch die größten Finanzinvestitionen in „Spielermaterial“ und Umfeld ga- rantieren nicht den Erfolg, wie das klägliche Abschneiden vom nur knapp dem Abstieg entgangenen Meisterschaftsanwärter BV Borussia Dortmund in der Saison 1999/2000 einmal mehr gezeigt hat.

Fußball lebt vom Scheitern (SCHÜMER 1998, 255). Die Gesellschaft führt sich ein Spektakel vor, bei dem die Mechanik des menschlichen Körpers immer wieder scheitern muß.

„Der Fußballsportler, Idol des technischen Zeitalters, ist wieder zurückgewor- fen auf die vorzivilisatorischen Gaben der Körpermotorik.“ (ebd., 256).

Beim Fußball verzichtet der Mensch auf seine Stärken - und das in einer Zivilisation, die die Natur durch Maschinen beherrscht, und die nichts dem Zufall überlassen will. Fehler und Aussetzer unserer Natur haben wir sonst fast überall behoben. Fehler sind nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Beim liebsten Spiel des Deutschen ist das genau andersherum. Fuß- ball beruht auf Hoffnung, er kann eigentlich nicht gelingen, gelingt manchmal auf wunder- same Weise aber doch.

Hierin könnte der Reiz des Massenphänomens Fußballsport begründet sein. In einer Welt, in der alles geregelt scheint, lockt Fußball mit seiner fehlerbehafteten und völlig unspektakulä- ren Art.

2 FUßBALL UND MASSENMEDIEN – EINE SYMBIOSE

2.1 Aspekte des Medienkonsums

Medienkonsum ist die dominierende Ideologie der Industrienationen (vgl. KRÜGER 1993, 57). Das Konsumieren sieht KRÜGER (ebd.) als eine ökonomische Reflexion des Narzißmus, die Identifikation mit den Stars als narzißtischen Traum vom Ruhm. Der Wunsch nach Distinktion, nach Abheben von der Masse Gleicher sei der tiefere Hintergrund. BETTE und SCHIMANK (1995) reflektieren die Popularität des Mediensports vor dem Hintergrund biographischer Diskontinuitäten - die Identifikation mit einer Sportmannschaft schaffe eine biographische Referenzgröße und gebe Sicherheit in einer von schier grenzenloser sozialer und geographi- scher Mobilität geprägten Welt.

WEIß (1990, 138) diskutiert dies unter dem Begriff der „parasozialen Interaktion“ und geht davon aus, daß Fans intensiv mit ihren Idolen fühlen und Beziehungen positiver oder negati- ver Art zu ihnen unterhalten, obwohl sie sie nicht persönlich kennen. Durch den Konsum massenmedialer Produkte sehen sie sich in eine andere Welt versetzt, sie treten mental aus der realen sozialen Realität aus und hinein in eine künstliche fiktionale von stellvertretenden sozialen Erfahrungen. Die Attraktivität und Anziehungskraft des Sports in den Medien für Re- zipienten sieht HÜTHER (1992, 64) darin, daß hier eine Möglichkeit entsteht, „die eigenen nationalen, regionalen oder lokalen Empfindungen und Sympathien auf die in den Medien agierenden Sportler zu projizieren.“ Die Sportstars aus den Massenmedien sind „seine“ Stell- vertreter, die um Tabellenplätze, Anerkennung und Prestige kämpfen.

2.2 Die Mannschaftssportart Fußball - Magnet für ein Massenpublikum

Mannschaftssportarten, und hier insbesondere Fußball, sind Magneten für ein Massenpubli- kum. Sportveranstaltungen haben schon von jeher die breite Masse der Bevölkerung ange- zogen. Die „Spiele auf Leben und Tod“ im Römischen Reich (753 v. Chr. bis 476 n. Chr.), die im 50.000 Zuschauer fassenden Kolosseum inszeniert worden sind, lebten davon, daß die Zuschauer eng mit eingebunden waren - sie konnten über Tod oder Leben des unterlege- nen Gladiators entscheiden (vgl. SPILLER/KATZSCHMANN 1996). Eine solch enge Einbindung der Zuschauer gibt es heute nicht mehr. Auch die „Stars zum Anfassen“ gehören der Ver- gangenheit an (vgl. VON HOFFMANN 1983, 109).

Für all das bietet der Mediensport heute vielfältigen Ersatz. Er vereint über räumliche Distan- zen Sportstars und Rezipienten in der Freude des Sieges und im Verliererschmerz, vermittelt Hochgefühle und Enttäuschungen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene (vgl. HÜTHER 1992, 64). Nicht ohne Grund konstatiert BECKER (1983, 29), daß die Fernsehübertragung des Triumphes der deutschen Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft am 4. Juli 1954 in Bern in eine Phase der Suche nach neuen Selbstwerten gefallen ist und so zu einem Stück nationaler Identitätserneuerung beigetragen hat.

Die Massenmedien haben bei der Entwicklung des Fußballsports zur Unterhaltungsware eine entscheidende Rolle gespielt. Sie sorgten für die „notwendige Multiplikation des Sport- ereignisses, ohne die die kommerzielle Verwertung des Fußballs unmöglich wäre“ (LUDWIG 1987, 33). Umgekehrt hat auch der Fußballsport - und hier insbesondere der bereits erwähn- te WM-Sieg der deutschen Elf - der Entwicklung der Fernsehbranche entscheidende Impulse gegeben, wie auch HÜTHER konstatiert:

„Der deutschen Elf bringt das Spiel Sieg und Titel, dem deutschen Fernsehen den Durchbruch zum Massenmedium.“ (HÜTHER 1992, 63).

Die Verkaufszahlen von Fernsehgeräten stiegen von diesem Tag an stetig an. Der 3:2-Sieg über die ungarische Nationalmannschaft hat „nicht nur Fußball-, sondern wohl auch Fern- sehgeschichte gemacht.“ (ebd., 64). Fernsehübertragungen aus Fußballstadien sind heute, so SCHÜMER, „die teuersten Medieninvestitionen überhaupt. (...) Mit der Übernahme der Senderechte durch das Privatfernsehen und der nahezu täglichen Präsentation der Spiele als eine Art Volkszirkus hat die professionelle Ausbeutung des Fußballs für die Gemütslage der Nation aber erst begonnen.“ (1998, 143). Die Realität übertrifft die kühnsten Erwartun- gen SCHÜMERS, der einst die Vermutung äußerte, daß bald die Übertragungsrechte für gro- ße Spiele an Privathaushalte verkauft werden würden (1998, 143) - in der Saison 2000/01 wird die Kirch-Gruppe alle Spiele der „gigantischen Scheinwelt Profifußball“I live im deut- schen Pay-TV-Sender Premiere Sports-World zeigen.

2.2.1 Die Live-Produktion eines Dramas...

Heute jubelt und leidet eine ganze Nation mit ihren ganz persönlichen „Helden“, so daß selbst ein zehnfach größeres Kolosseum nicht mehr ausreichen würde, alle Fußballfans opti- mal zu informieren und zufriedenzustellen. Genau dies ist heute die Aufgabe der Massen- medien, die sich um die Übertragungsrechte für ein Fußballspiel nicht ohne Grund zu reißen scheinen, denn: Das Fußballspiel ist, sobald es stattfindet, immer eine Uraufführung. Die Live- Produktion eines Dramas (vgl. KRÜGER 1994, 28) im Stile spannenden „Reality-TV“ ist es, was Fußball für das Fernsehen und auch für den Hörfunk so interessant macht - die eigentlich eher langweilige Gesellschaft sucht nach Spannung, die sie beim Zuschauen und Zuhören finden kann.

Das Erlebniskorrelat des Sportcodes, die Einheit der Differenz von Sieg und Niederlage im Sport ist Spannung. Sie ist das personale Gefühlsresultat derje- nigen, die sich auf die Ungewißheit sportlicher Konkurrenzsituationen einlas- sen.“ (BETTE 1989, 174).

Ein Fußballspiel muß nicht erst, wie Fernsehfilme und dergleichen, mit dem Drehbuch als Leitfaden in Bild und Ton übersetzt werden. Ein Fußballspiel ist echt, eben „live“, und hat eine eigene und nicht kalkulierbare Dramaturgie. Dieser eigenwillige, individuelle Charakter zieht das Publikum an. Fußball ist ein Magnet für ein Massenpublikum - unabhängig davon, welche Bildung der Zuschauer hat, diesen Sport kann jeder verstehen, und das Zusehen erfordert eine vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit, so daß Kommunikation unter den Zuschauern deren Sportgenuß nicht beeinträchtigt (vgl. HOFFMANN-RIEM 1988, 13). Diese Tatsache machen sich die Medien zueigen - jedes Ereignis im Fernsehen wird von mindes- tens einem Kommentator, oft auch noch von einem zusätzlichen „Experten“I begleitet. Sie

„übersetzen“ dem Zuschauer das visuelle Erlebnis Fußball in eine einfache und verständliche Sprache. Sportberichte im Hörfunk konsumieren die meisten Sportfans „nebenbei“, während sie einer anderen Tätigkeit nachgehen. Außerdem spricht Fußball alle SprachenII und eignet sich aufgrund dessen zur gleichzeitigen Übertragung in mehreren Ländern (vgl. HOFFMANN- RIEM 1988, 16). Keine andere medial verwertbare Sparte - außer der Musik - kann dies von sich behaupten.

2.2.2 ...und die Nachbereitung durch die Presse

Des weiteren - und dies ist der Punkt, an den diese Arbeit anknüpfen wird - ist Sport die Pro- grammsparte, die sich am besten zur „Zusatzverwertung“ durch die Presse eignet. Eine un- terhaltende Aufbereitung der Bundesligapartie, die ein Fußballfan live im Stadion erlebt hat, bekommt er in SAT1 „ran“; die Hintergründe für das schlechte (oder gute!) Abschneiden seiner Mannschaft und die Statements von Spielern, vom Trainer und von sonstigen Verant- wortlichen wird er durch die Presse tags darauf im Detail erfahren.

Wer ein Spiel zeitgleich miterlebt hat, braucht dessen diskursive Aufbereitung in der Sport- presse oder im Gespräch, um sich das Gesehene in der Zeit überhaupt erst genüßlich klar- zumachen. Während des Spiels ist der Fan mimetisch ins Geschehen mit einbezogen – er kann keine eigene, autonome, persönliche Perspektive entwickeln und sie auch nicht be- wußt erleben. Er ist in das Geschehen involviert, die Kommunikation des Spiels läuft weiter und läßt kein Überlegen zu (vgl. ESPOSITO 1998). Erst das durch die Medien festgehaltene, auf- und nachbereitete Ereignis erlaubt dem Fan, über das abgelaufene Geschehen nach- zudenken, aus einiger Distanz eine kritische Haltung zu entwickeln und eine bestimmte Posi- tion zu beziehen.

3 ZUM WANDEL DER MEDIENSTRUKTUR UND DIE BEDEUTUNG DES (FUßBALL-) SPORTS

Über 20 Fernsehsender mit eigenem Vollprogramm und etwa 150 Hörfunksender sorgen rund um die Uhr für einen stetigen Nachrichtenfluß, tagtäglich werden etwa 35 Millionen Zeitungen verkauft (vgl. DFB 2000): Deutschland - eine gigantische Medienlandschaft.

Die Medienstruktur in der Bundesrepublik Deutschland hat sich in den letzten Jahren auf- grund des rasanten technischen Fortschritts der Übertragungsmöglichkeiten wie beispiels- weise der Satellitentechnik, welche die weltweite und zeitgleiche Übertragung ermöglicht, stark gewandelt. Das duale Mediensystem schrieb seit Gründung der Bundesrepublik ein Gleichgewicht zwischen vom politischen System kontrollierten öffentlich-rechtlichen Rund- funk- und dem den Marktmechanismus unterworfenen Presseanbietern gesetzlich vor. Die Aufhebung des dualen Systems am 1.1.1984 schuf die politisch-rechtlichen Rahmenbedin- gungen für die freie Marktwirtschaft auf dem Medienmarkt (vgl. TEWES 1991, 5f; vgl. EMIG 1987, 18). Neben dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen und Hörfunk erhielten auch private Anbieter eine Lizenz. Angebot und Nachfrage bestimmten fortan den Verkehrswert aller medialen Produkte – bis heute hat sich daran nichts geändert.

Insbesondere die Berichterstattung über SportI spielte eine der Hauptrollen in dieser Entwick- lung, wie TEWES bemerkt:

„Das eigentlich Erstaunliche dieser Veränderung ist, daß eine entscheiden- de, vielleicht sogar die wesentliche Rolle speziell der Berichterstattung über den Sport zukommt.“ (TEWES 1991, 6).

Sportberichterstattung entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich Gesinnungszeitungen zu Massenblättern zu wandeln begannen. Auf der Suche nach verkaufsfördernden Themen erwies sich der Sport für die Verlage als wahrer Glücksfund, und in kürzester Zeit hatte sich der Sport zum selbständigen Ressort gemausert. Aus der Wechselbeziehung von Sport und Presse ist schließlich der Publikumssport entstanden, wie wir ihn heute kennen. Im aktuellen sozialen und kulturellen Leben nehmen Sport, Medien und die Berichterstattung über Sport einen immer größeren Raum ein. Tatsächlich sind Sportveranstaltungen ohne Medienpräsenz nur die Hälfte wert. Eine Großveranstaltung kann sich in der heutigen Zeit nur dann als solche bezeichnen, wenn Massenmedien das Ereignis übertragen, auf- oder nachzeichnen. Ansonsten hat eine Sportveranstaltung schnell den Geschmack von Provinzialität an sich (vgl. HOFFMANN-RIEM 1988, 12).

3.1 Sportübertragungen im Fernsehen

Sportübertragungen waren bereits zu Zeiten, als die Allgemeinen Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) und das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) in den Jahren 1952 bzw. 1972 den Sendebetrieb aufnahmen, sehr beliebt, doch nur eine winzige Minderheit von 27.600 Haushalten konnten 1954 ein Fernsehgerät ihr eigen nennen (vgl. SW3 2000). So ver- folgte die Mehrzahl der Deutschen den Sieg der deutschen Elf bei der Fußball- Weltmeisterschaft am 4. Juli 1954 – bei einer Fernseh-Einschaltquote von 100% (ebd.) - ledig- lich am Radio, so daß Hörfunk und Printmedien als Hauptberichterstatter gelten konnten.

Heute konkurrieren finanzkräftige private Fernsehanstalten wie beispielsweise SAT1, RTL und der ehemalige „Frauensender“ TM3 mit den „alteingesessenen“ öffentlich-rechtlichen ganz besonders heftig um die Übertragungsrechte der Medienware Sport. Jahr für Jahr wächst die Zahl der Live-Übertragungen im Fernsehen stetig an, und mit DSF und Eurosport haben gar zwei Fernsehsender den Sport als einzigen Programminhalt für sich beansprucht. Und auch der Hörfunk ist Samstag für Samstag „live im Stadion“I.

Mit dem Abschluß des neuen Fernsehvertrages für die Saison 2000/01 zwischen dem Deut- schen Fußball-Bund (DFB) und der Münchner Kirch-Gruppe (SAT.1, DSF, Premiere World, Pro Sieben, Kabel 1) steht das Tor zu einem neuen Medienzeitalter weit offen - die Kirch-Gruppe wird, wie bereits erwähnt, alle Fußball-Bundesliga-Spiele live im digitalen Bezahl- Fernsehkanal Premiere Sports-World zeigenII. Für 3 Milliarden DM sind nicht nur die Fernseh-, sondern auch die Internet-Rechte für die kommenden vier Jahre an die Kirch-Gruppe ge- gangen (vgl. MSO 05/2000). Dies wird vor allen Dingen bei den Spitzenvereinen der 1. Bun- desliga – zur Zeit sind dies Bayern München, Bayer Leverkusen, Borussia Dortmund und auch Hertha BSC BerlinIII - für volle Kassen sorgenIV.

3.2 Sport in den Printmedien

„Ohne Zeitung gäbe es montags keine Bundesliga.“ (BDZV 2000) V

1999 erschienen in Deutschland 337 lokale und regionale Abonnement-Zeitungen, 25 Wo- chen-, 10 überregionale, 8 Straßen- und 7 Sonntagszeitungen (vgl. BDZV 2000). Die lokalen und regionalen Abonnement-Zeitungen erreichten dabei eine Auflagenhöhe von 17,1 Milli- onen (ebd.). Der Sport zählt, so BIZER (1988, 137), zum Unterhaltungsteil einer jeden Tageszei- tung. Zudem hat der Sportjournalismus in den Printmedien „alle Angriffe der Konkurrenten Fernsehen und Rundfunk glänzend überstanden“ (ebd.). Sportfans nutzen Fernsehen, Hör- funk sowie Printmedien parallel, um sich zu informieren. Dies zeigt Tabelle 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Mediennutzung in der Freizeit; Gesamtbevölkerung (Quelle: AAWG 1998)

Wer am Samstag nachmittag ein Bundesligaspiel „seiner“ Mannschaft live im Stadion oder am Bildschirm verfolgt hat, möchte tags darauf Kommentare und Hintergründe darüber lesen. Er ergänzt gewissermaßen seine persönlichen Eindrücke durch die Betrachtungswei- sen des Journalisten. Die Nachrichtenpresse wird also mehr und mehr in die Rolle des Nachbetrachters von Sportveranstaltungen gedrängt; „die Tageszeitung muß zwangsläufig auf das Fernsehen reagieren, nicht (...) umgekehrt“ (TEWES 1991, 10), denn Fernsehen ist das

„schnellere Medium“, da es die Möglichkeit hat, Sportereignisse zeitgleich in farbigen und bewegten Bildern zu präsentieren.

„Das Handicap der Presse ist und bleibt (...) das Papier, auf dem die Zeitun- gen gedruckt werden.“ (ebd.).

Also sind die Printmedien in erster Linie „Zusatzverwerter“ - sie ergänzen die Berichterstat- tung des Hör- und Fernsehfunks, und das durchaus erfolgreich. HACKFORTH und WERNE- CKEN (1999) stellten fest, daß Sport vor allem bei der Boulevardpresse das Verkaufsargu- ment Nummer Eins ist. Durchschnittlich 27,5 Artikel und 8,8 Abbildungen pro Ausgabe wid- met die Tagespresse dem Sport. Rund elf Jahre zuvor kam BIZER zu dem Ergebnis, daß ca. 30 Prozent aller Zeitungsleser sich im Sportteil informieren, und folgert hieraus:

„Der Sport ist für eine Abonnenten-Zeitung längst ein klassisches Ressort, für eine Boulevard-Zeitung sogar ein unverzichtbares Verkaufsargument“ (BIZER 1988, 138).

Würden die Tageszeitungen, allen voran die BoulevardpresseI, aktuelle Sportereignisse nicht mehr berücksichtigen, so würden die Auflagenzahlen in ihrer derzeitigen Höhe wohl nicht länger Bestand haben.

3.3 Online- Zeitungen im Internet – eine neue Konkurrenz für die Sportpresse?

Wie bereits erwähnt, wird die Tageszeitung durch das „schnellere Medium“ Fernsehen im- mer mehr in die Rolle des Nachbetrachters von Sportveranstaltungen gedrängt. Nun wird der Status der Presse heute nicht nur durch das Fernsehen bedroht – auch das neue Medi- um Internet macht neben dem Hörfunk vor allen Dingen der schreibenden Zunft zuneh- mend Konkurrenz.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschers Rüdiger SCHULZII bejahten zwar insgesamt nur zwei Prozent der Leser die Frage „Möchten Sie den ‚Südkurier’ künftig nicht mehr auf Papier, sondern komplett im Internet?“. Bei den jüngeren Internetnutzern waren dies allerdings schon elf Prozent. Vor allem die Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren schauen oft gar nicht mehr in die Zeitung und informieren sich gleich aus dem Internet. Der Leserschwund, so SCHULZ, betrage jährlich gut ein Prozent, und nur noch gut die Hälfte der jungen Menschen (53 Prozent) seien Zeitungsleser.

3.3.1 Der Internetauftritt des Deutschen Fußball-Bundes als Beispiel...

Da die Pressebranche kein Monopol auf die Sportberichterstattung besitzt, steht es theore- tisch jedermann frei, das Internet für Sportinformationsgebung zu nutzen. Dies hat auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) erkannt und hat zur Rückrunde der Saison 1999/2000 in Koope- ration mit dem Dienstleister Altus Analytics AG ein Pilotprojekt gestartet - den weltweit ersten Internet-Auftritt einer kompletten Profiliga (vgl. MSO 03/2000).

Der Schritt in ein neues Zeitalter umfaßt die Übertragung sämtlicher Spiele beider Ligen und sorgt damit für ein üppiges Fußballangebot im Netz der Netze. Zugang erhält der Fan über die Homepage des DFBI. Dort kann er unter dem Titel „Die Liga im Netz“ über einen Hyper- linkII die Begegnungen auf dem grünen Rasen in Form einer Hörfunk-Liveberichterstattung miterleben. Auch ein „Live-Ticker“ steht für diejenigen, deren computertechnische Ausrüs- tungIII es nicht zuläßt, sich die Hörfunkreportagen ins Haus zu holen, zur Verfügung. Darüber hinaus kann der Fußballinteressierte rund um die Uhr Bilder seines Lieblingsteams, Mitschnitte der Pressekonferenzen, Spielberichte, brandaktuelle News und vieles mehr auf der Home- page bewundern.

3.3.2 ...für eine potentielle Existenzbedrohung der Pressebranche durch das Internet?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Das Internet auf dem Weg zum Massenmedium (Quelle: MSO 04/2000)

Die Gefahr, die sich hier für die Pressebranche verbirgt, ist offensichtlich. Fußballfans können nun tagtäglich von einem Angebot wie dem des DFB profitieren, und die Zahl derer, die zu Hause einen Internetzugang besitzen, nimmt stetig zu. Im Internet entstehen neue Informati- onsmärkte mit Anbietern aus medienfremden Herkunftsbereichen. Der Journalismus verliert so mehr und mehr seine Funktion als Vermittler - auch im Bereich des Sports (vgl. NEUBERGER 2000).

Das Internet ist, so SENNEWALD, ein neuer „Träger für die Übertragung von presseähnlichen Inhalten (...), die in einer regelmäßigen Folge erscheinen, sich an eine Öffentlichkeit wen- den, für jedermann potentiell zugänglich sind und einen Gegenwartsbezug haben“ (1998, 96). Einem solchen Medium können und wollen die Tageszeitungen keinesfalls kampflos das Feld überlassen, denn das Internet bietet nicht nur neuen und bestehenden Anbietern die Möglichkeit, den Medienunternehmen – und hier insbesondere der Printmedien - Konkurrenz zu machen, sondern es kann im Extremfall zu einer Bedrohung der Pressebranche werden (ebd., 163).

PIPERI fragt provokativ:

"Wozu noch Wälder abholzen, aus den Baumstämmen in einem umwelt- schädlichen Prozeß Papier erzeugen, das dann mit Druckerschwärze be- schmieren, nur um ein Produkt zu haben, das nach einem Tag weggeworfen wird - wenn man die Nachrichten genausogut mit ein paar Klicks der Com- putermaus zu den Leuten bringen kann? Wozu braucht es noch Verleger und Journalisten, wenn im Grunde alle Menschen Verleger und Journalisten sein können?" (PIPER 1996, 35).

Wieso das alles – in einer Zeit, in der die Zahl derer, die einen Computer ihr eigen nennen, stetig ansteigt, wo es dank schneller Datenleitungen und frei verfügbarer Informationen möglich ist, Zeitungen mit mengenmäßig unbegrenztem Inhalt praktisch ohne Transport- und Druckkosten zu jedem einzelnen nach Hause zu schicken? Computernetzwerke sind, wie im folgenden noch zu sehen sein wird, hinsichtlich Aktualität, Individualisierungsmöglich- keiten der Nutzung und Interaktivität wohl ohne Konkurrenz.

SENNEWALD ist der Frage, wie Tageszeitungen mit der rasanten Entwicklung des Internet umgehen, in ihrer 1998 erschienenen DissertationII nachgegangen und hat festgestellt, daß einige Verlage bereits mit umfassenden Internet-Aktivitäten auf die Entwicklung des „Hyb- rid-Medium[s] zwischen Presse und Rundfunk“ (1998, VI) reagiert haben, „andere wiederum halten an tradierten Vorstellungen fest und versäumen es, sich dem neuen Medium anzu- passen.“ (ebd., 1). Die Verlage erkennen in dem neuen Medium Chancen und Risiken für das eigene Unternehmen. Obwohl die Zahl der erreichbaren Leserschaft momentan noch relativ gering ist und diese sich zu einem Großteil aus einer elitären männlichen Clique zu- sammensetzt (vgl. SCHOLZ 2000), zudem die Werbeeinnahmen nur spärlich fließen und die zukünftige Entwicklung des Netzes ungewiß ist - sie ziehen fast alle mit. Die mittelfristigen Perspektiven sind es, die locken. Das Motto könnte lauten: „Wer etwas auf sich hält, präsen- tiert sich im Netz“.

Zu den oberflächlichen Prestigegründen, die weite Teile der Unternehmenswelt erfaßt ha- ben, kommt bei den Verlagen ein als Zwang des Marktes empfundener Antrieb hinzu, der sie zu den Investitionen auf unbekanntem Gebiet antreibt.

„Die meisten Zeitungsverlage wollen mit ihrem Online-Engagement regiona- le Informations- und Kommunikationszentren schaffen, um das Eindringen branchenfremder Anbieter in ihre angestammte Leser- und Anzeigenmärkte zu verhindern. Sie setzen auf regionale Inhalte, optisch attraktive Gestaltung, aktuelle Nachrichten, maßvolle Unterhaltung und größtmöglichen Service.“ (RIEFLER 1996, 539).

NEUBERGER bedauert die Tatsache, daß das Internet trotz zahlreicher Onlineangebote von Presse- und Rundfunkunternehmen bisher kaum zur Erweiterung der publizistischen Vielfalt beiträgt.

„Auch aktuell-informierende Angebote [verfügen] kaum über exklusive Bei- träge, sondern verwerten Inhalte mehrfach (...). Inzwischen sind fast alle Ta- geszeitungen im Internet vertreten, wobei der Schwerpunkt wie bei den Printtiteln auf der Lokalberichterstattung liegt.“ (NEUBERGER 2000).

Mittlerweile sind rund 185 Tageszeitungen onlineI (vgl. BDZV 2000) und bieten eine erstaunli- che Vielfalt an Service-Leistung, Aufbereitung von Nachrichten und layout-technischer Ges- taltung. Online-Tageszeitungen sind im Gegensatz zur papierenen Mutter in der Regel mit einem umfassenden interaktiven Dienstleistungs-Angebot ausgestattet. Das beinahe schon obligatorische Archiv mit Gratis-Volltext-Recherche, das fast jede Online-Zeitung zur Verfü- gung stellt, führt den Websurfer zu sportbezogenen Inhalten.

3.3.3 Eigenschaften, Vor- und Nachteile virtueller und „herkömmlicher“ Presseprodukte

Das gedruckte Produkt ist zentrales Charakteristikum der Presse, das im Internet zwangsläu- fig verloren geht - presseähnliche Produkte im Internet sind virtuelle Massenmedien. Sie sind nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, erscheinen aber „echt“ in Gestalt elektronischer Zeichen.

Die wesentlichen Merkmale virtueller Presseprodukte hat SENNEWALD (1998, 96) zusam- mengestellt. Sie zeichnen sich aus durch Dynamik, da das Hypertext-Prinzip der pressety- pisch starren Erscheinungsform „Leben“ gibt, und durch Selektivität, da der Nutzer Inhalte, die ihn nicht interessieren, von vorneherein ausschließen kann. Jeder Nutzer kann des weite- ren Informationen senden und auch empfangen (Interaktivität). Zeitliche Disponibilität und Aktualität sind weitere Stärken, da die Angebote rund um die Uhr verfügbar sind und jeder- zeit abgerufen werden können. Der größte Vorteil der virtuellen Massenmedien ist wohl die Multimedialität - Audio-, Video- und gedruckte Inhalte können mit- und untereinander be- liebig und ohne Einschränkung verknüpft werden.

Die folgende Tabelle zeigt einen Vergleich von Eigenschaften virtueller Massenmedien mit jenen der traditionellen Presse:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Virtuelle Massenmedien im Vergleich zur traditionellen Presse

(Quelle: SENNEWALD 1998, 98)

3.4 Die Mediensituation heute und morgen – Fazit und Ausblick

Die Medien spielen zunehmend eine aktive und einflußreiche Rolle in der Vermarktung und damit in der Instrumentalisierung des Sports im allgemeinen und des Fußballs im besonde- ren. Von hoher Relevanz sind die generell aus der KommerzialisierungI und im speziellen aus der „Mediatisierung“II erfolgenden Popularisierungs- und Inszenierungstendenzen. Im stren- gen Wettbewerb des Mediensports setzen Sportveranstalter, Vermarkter und Medien vor- nehmlich auf Massenattraktivität als Garant für publizistisch-ökonomischen Erfolg. Dies steht in engem Zusammenhang mit der forschreitenden Inszenierung des kommerzialisierten Profi- fußballs, welche auf Unterhaltungs- und Konsumbedürfnisse ausgerichtet ist. Boulevardisie- rungIII, FiktionalisierungIV und EntertainisierungV sind maßgebliche Trends der Verwertung (fußball-)sportlichen Geschehens.

Vielfach ist in der Vergangenheit die Befürchtung laut geworden, daß der medial aufberei- tete Sport hierdurch an Popularität einbüßen könnte. Fußball würde zu Tode gesendet, die Zuschauer würden aufgrund Übersättigung dem Fernsehfußball den Rücken kehren, heißt es immer wiederVI. Die pessimistische Prognose scheint so alt wie der Fußball als Fernsehsport selbst zu sein. Doch entgegen aller Befürchtungen setzt Fußball vor allem bei den TV-

Zuschauern weiblichen Geschlecht seinen Siegeszug fort. Nach einer repräsentativen Forsa- Umfrage der Zeitschrift „Fit for Fun“ ziehen 21 Prozent das Fußballspiel allen anderen Sportar- ten vorI. Daß jegliche Schwarzmalerei unbegründet ist, stellt auch HACKFORTHII fest:

„Noch nie war die sportbezogene Nachfrage in Deutschland höher als 1999, noch nie zuvor ist so viel Sport im TV gesendet worden. Immer noch gehören Sportübertragungen zur größten Gruppe in den TOP 100 eines jeden Jahres. Die Freizeit- (Sport-) und Informationsgesellschaft wird sicher im nächsten Jahrtausend für weitere Expansionen sorgen.“ (HACKFORTH 2000).

Ein Blick in die mediale Zukunft dieser Freizeit-, Sport- und Informationsgesellschaft könnte in etwa so aussehen:

Alle Medien werden zwar ihre spezifischen Eigenschaften, ihre Vor- und Nachteile behalten, aber gleichzeitig verwischen die Grenzen zwischen ihnen. Alles wird miteinander vernetzt und über den PC verfügbar. Die neuen Datenautobahnen und die Digitalisierung der Über- tragungswege für Hörfunk- und Fernsehprogramme sorgen für eine dynamische Expansion des Informations- und Unterhaltungsangebots.

Den Printmedien kommt auch in Zukunft eine bedeutsame Aufgabe zu. Tages- und auch Wochenzeitungen haben in einer Zeit, in der die Erlebniswelt und die Wahrnehmungsdichte der Menschen immer dramatischer vom Fernsehen geprägt wirdIII, die Chance, das Wissen und Verständnis um die Hintergründe von Ereignissen und Entwicklungen zu vertiefen und durch Informationen und Interpretationen für Orientierung zu sorgen. So gesehen haben Printmedien, auch wenn sie als Online-Dienste auf dem häuslichen PC abrufbar sind, durchaus eine Zukunft. Sie dienen als Orientierungspunkte in der Masse elektronischer Infor- mationen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Schöne neue Medienwelt (Quelle: MSO 06/2000)

Ein im Vergleich zu manch anderem Land reiches Zeitungs- und Zeitschriften-, Hörfunk- und Fernsehangebot, das in Kombination mit Online-Diensten und dem PC noch vielfältiger werden wird, steht zur Verfügung, wie Abbildung 5 illustriert. Es muß nur - und dies ist die gro- ße Herausforderung für alle, die in irgendeiner Art und Weise in diesem System mitwirken und für sein Funktionieren verantwortlich sind - richtig genutzt werden und darf keinesfalls ins wissenschaftliche Abseits gedrängt werden. Auch die Sportwissenschaft und vor allen Din- gen ihre Teildisziplin Sportpublizistik muß sich angesichts der medialen Präsenz des Sports dieser Herausforderung stellen. Doch „Sport in den Massenmedien“ war lange Zeit ein nicht sehr beliebtes Arbeitsfeld (vgl. GÖDEKE 1976, 9).

„Im Bereich der Kommunikationswissenschaften (...) genießen Untersuchun- gen über den Sektor ‚Sport in den Massenmedien‘ Seltenheitswert“ (QUANZ 1974, 1).

Das wissenschaftliche Interesse an diesem Forschungsfeld hat seit den 1970er Jahren ohne Zweifel zugenommen, wie im folgenden zu sehen sein wird.

4 SPORTMEDIEN UND MEDIENSPORT – ZUM STAND
DER FORSCHUNG

Die Feststellung von QUANZ (vgl. Abschnitt 3.4 in Teil II) trifft heute sicherlich nicht mehr zu. Zahlreiche Sammelbände, Monographien, Dissertationen und auch Examensarbeiten sind inzwischen verfügbar. Sie thematisieren den Sport im Hörfunk, in der Printberichterstattung und im TV, sie befassen sich mit der Sprache und den Geschichten des Sports, und sie be- leuchten die Situation am Beispiel einzelner Sportarten. Einige Autoren haben bereits Sam- melbände zum Thema „Sportberichterstattung“ herausgegeben. Der folgende Abschnitt stellt die aktuelle Forschungssituation im Überblick dar.

4.1 Veröffentlichungen zum Thema im Überblick

Sammelbände

Ein Klassiker schlechthin ist das von DIGEL 1983 publizierte Buch „Sport und Berichterstat- tung“. Er zeigt die Beziehung zwischen Sport und Massenmedien aus der Sichtweise von 12 Experten auf. Unter dem Titel „Sport und Massenmedien“ haben HACKFORTH und WEI- SCHENBERG 1978 einen weiteren Sammelband zum Thema herausgegeben. Im Vorder- grund stehen die Geschichte der Sportkommunikation, die Sprache, die Situation der Sport- berichterstattung in den Massenmedien, Struktur und Funktion der Sportkommunikatoren sowie spezifische Probleme des praktischen Sportjournalismus.

1988 ist der von TEWES als „wichtigste Veröffentlichung der letzten Jahre auf diesem Gebiet“ (TEWES 1992, 20) bezeichnete Sammelband „Neue Medienstrukturen – neue Sportberichter- stattung?“ erschienen. Namhafte Autoren – u.a. HACKFORTH, BINNEWIES, WEISCHENBERG, BLÖDORN und EMIG – haben die Klage von J. HENNIG (1988, 9), daß die „wissenschaftliche Bearbeitung des Themas Sportberichterstattung (...) über weite Strecken unverändert defizi- tär“ erscheine, aufgegriffen und nach einer gründlichen Bestandsaufnahme die journalisti- sche Praxis eingehend beleuchtet. Ausgewählte Aspekte der Sportpublizistik stehen im Vor- dergrund des Bandes von KRÜGER und SCHARENBERG (1993). Unter dem Titel „Wie die Me- dien den Sport aufbereiten“ präsentieren die Herausgeber Studien zu Themen wie Sport in den elektronischen Medien, Mittel der Medienbindung des Zuschauers, Tageszeitungen, andere Printmedien sowie Berichterstattung am Beispiel einzelner Sportarten.

Das „ABC des Sportjournalismus“ stammt von HACKFORTH und FISCHER (1994). Der Sam- melband umfaßt sämtliche Facetten der Sportberichterstattung – der Journalist, die Spra- che des Sports und Sportagenturen stehen ebenso im Blickpunkt wie Sport in der Tageszei- tung, in der Zeitschrift, im Hörfunk und im Fernsehen. Auch Public Relations und Sportsponso- ring kommen nicht zu kurz. „Verkaufen die Medien die Sportwirklichkeit?“ fragen TROSIEN und DINKEL (1999) provokativ. Der Sammelband faßt die Themen des 2. Heidelberger Sport- busineß-Forums von 1998 zusammen und bietet einen Überblick über die Sport-Medien- Landschaft an der Schwelle zum neuen Jahrtausend.

Sportsprache

DANKERT hat mit seiner bereits 1969 erschienenen Arbeit die Struktur der Fußballsprache und den Stil der Sportberichterstattung unter die Lupe genommen (vgl. DANKERT 1969). Auch FINGERHUT hat sich mit der Fußballberichterstattung befaßt und zeigt anhand der Berichter- stattung in der ehemaligen DDR und der BRD Entwicklungstendenzen der deutschen Ge- genwartssprache auf (vgl. FINGERHUT 1991).

Zum Selbstverständnis von Sportjournalisten

WEISCHENBERG hat den Journalisten an sich näher betrachtet und Struktur, Funktion und Bedingungen des Sportjournalismus auf historisch-soziologischer Ebene untersucht (vgl. WEI- SCHENBERG 1976). Er hat Dissonanzen im Selbstverständnis von Sportjournalisten festgestellt, deren geringer Ausbildungs- und Bildungsstand sich als gravierend erweist.

Medienwirkungsforschung

VOM STEIN prüft die mittelbaren Wirkungen der Massenmedien auf den Spitzensport und kann belegen, daß sich der Leistungsdruck auf den Sportler ungemein gesteigert hat (vgl. VOM STEIN 1988a).

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen

Untersuchungsgegenstand der Arbeit von THIEM (1988) ist die funktionale Presse- und Öf- fentlichkeitsarbeit des Fußball-Bundesliga-Vereins BVB Dortmund. Die Studie beleuchtet den institutionalisierten Interaktionsprozeß zwischen den Funktionären des Systems Bundesliga- verein und jenen des Systems Zeitungsredaktion. Die Ergebnisse seiner empirischen Studie zeigen, wie groß die Möglichkeit der Einflußnahme auf die Berichterstattung der lokalen und regionalen Tageszeitungen ist, und in welchem Ausmaß tatsächlich von Wirkungen der Ver- eine auf die redaktionelle Kommunikation gesprochen werden kann. Das aufgrund Befra- gungen, Beobachtungen und Analysen nachgewiesene große publizistische Defizit auf die- sem Sektor führt er auf mangelnde Professionalität zurück.

Narrative AspekteI der Sportreportage

Der Sportreporter M. ZIMMERMANN befaßt sich - ausgehend von praktischen Aufgabenstel- lungen, mit welchen ein Sportjournalist konfrontiert wird - mit der Form der Sportreportage. Er zeigt, wie „Geschichten“ des Sports entstehen, wenn das ihm zur Verfügung stehende Ma- terial besonderen Darstellungsmodi und Kompositionsregeln unterworfen wird (vgl. BO- SCHERT/GEBAUER 1996, 12).

Sport im Hörfunk und im Fernsehen

GÖDEKE war Mitte der 1970er Jahre einer der ersten, der Sport im Rundfunk thematisiert hat (vgl. GÖDEKE 1976; 1978). WARZELHAN hat vier Jahre später die Sportberichterstattung im regionalen Hörfunk am Beispiel von Radio Kurhessen (vgl. WARZELHAN 1993, 93ff) unter- sucht. PRÜFERS Arbeit vermittelt einen allgemeinen Überblick über die Situation des Sports im Hörfunk (vgl. PRÜFER 1988, 343ff), und HACKFORTH hat in seiner Dissertation die Sportbe- richterstattung im Fernsehen näher beleuchtet (vgl. HACKFORTH 1975). Sport im Fernsehen ist vor allen Dingen aufgrund der Diskussion über die Vermarktungsrechte des Spitzenfuß- balls ein viel beachtetes Thema, wie die große Anzahl vorliegender Untersuchungen zu die- sem Thema zeigt (vgl. bspw. ZUCK 1998; TETTINGER 1998; SUMMERER 1994).

Sportberichterstattung in den Printmedien

Zu den Klassikern dieses Forschungsfeldes zählt zum einen die Arbeit von QUANZ, welcher 29 Ausgaben der Bild-Zeitung, die während der Olympischen Spiele 1972 in München erschie- nen sind, analysiert hat, um den Einfluß der Sportberichterstattung auf den Leser und damit die politische Relevanz der Massenmedien im Sinne einer Ideologiekritik aufzuzeigen. Zum anderen ist jene von BINNEWIES zu nennen, welche sich mit dem Sport in der Tageszeitung befaßt (vgl. BINNEWIES 1975). BINNEWIES analysiert die Sportteile von neun verschiedenen Tageszeitungen aus der gesamten Bundesrepublik und setzt die Analyseergebnisse in Korre- lation zu Fakten aus dem Bereich der Sportpraxis.

Den „Frauensport in der Tagespresse“ hat M.L. KLEIN 1986 unter die Lupe genommen. Die Untersuchung von vier bekannten Tageszeitungen des Jahrgangs 1979 zur sprachlichen und bildlichen Präsentation von Frauen in der Sportberichterstattung hat ergeben, daß dem Frauensport gegenüber dem Männersport ein wesentlich geringerer Flächenanteil zu- kommt. Es wird eine Sportmythologie transportiert, die den (Hochleistungs-) Sport vorrangig als männlich besetzten Raum definiert. EMIGS Input-Output-Analyse mit dem Titel „Barrieren eines investigativen Sportjournalismus“ vergleicht das Nachrichtenangebot von Agenturen mit deren Bearbeitung durch Zeitungsredaktionen und mit dem Abdruck in den verschie- denen Zeitungen (vgl. EMIG 1987).

Eine sozialwissenschaftliche Explorationsstudie von LUDWIG (1987) untersucht die Beziehun- gen zwischen Sportjournalisten und Profi-Fußballvereinen. Ausgehend von einer Analyse der Sportberichterstattung und einer theoriegeleiteten Betrachtung des Profifußballs beleuchtet LUDWIG das Beziehungsgeflecht am Beispiel des Bundesligisten BVB Dortmund und bietet Einblicke in das Handeln von Journalisten und Vereinsführung. MÖWIUS (1988) analysiert am Beispiel der Berichterstattung der Tageszeitungen im Kommunikationsraum Moers die Nut- zungsmotive der Leser der lokalen Sportteile. Berücksichtigt werden die Merkmale der Leser- schaft, die Erwartungen an den Lokalsportteil sowie der Bedarf nach weitergehender Be- richterstattung.

TEWES untersucht in seiner Dissertation 1991 den „Sport in der Tageszeitung zwischen Bil- dungs-Journalismus, Unterhaltungs-Journalismus und 1:0-Berichterstattung“ am Beispiel von acht deutschen Tageszeitungen. Die zentrale Fragestellung der Untersuchung lautet: „Nach welchen Regeln konstruiert die Tageszeitung den Sport als Medienthema?“ (TEWES 1991, 12). Dieser Frage geht TEWES mit Hilfe von drei hierarchisch geordneten Feinkategorien („Thematisierung“, „Hintergrund“ und „Interpretation“) sowie zehn sportspezifisch definierten Hauptkategorien („Leistung“, „Kommerzialisierung“, „Medizin“ usw.), deren Häufigkeiten ihm als Interpretationsgrundlage dienen, auf den Grund.

Anhand einer Untersuchung des Sportteils der Zeitschrift „Der Spiegel“ hat BOSCHERT zwei Erzählweisen herausgearbeitet. Die Darstellung von Athleten erfolgt in Form von Helden- bzw. Anti-Heldengeschichten, die beide eine mythisch überhöhte Sportlerfigur konstruieren (vgl. BOSCHERT/GEBAUER 1996, 12). Das Drama, der Mythos und der Held machen „ein kol- lektives Imaginäres erkennbar“ (ebd.). A. HAAG hat in seiner Magisterarbeit den Schwer- punkt auf die Publikums- und Rezipientenforschung für den Bereich der lokalen Sportbe- richterstattung gelegt. Leser wurden zu ihrem Nutzungsverhalten befragt, und eine quanti- tative Inhaltsanalyse des Lokalsportteils zweier Tageszeitungen macht die Einordnung der Ergebnisse aus der Befragung möglich (vgl. HAAG 1997).

Sportberichterstattung am Beispiel einzelner Sportarten

THIELE (1993) hat sich mit der Berichterstattung über die Offenen Australischen Tennismeis- terschaften von 1992 befaßt. Mit Hilfe der Inhaltsanalyse analysiert THIELE 229 Tageszeitun- gen und Zeitschriften sowie 136 Stunden Fernsehmaterial des Kölner Privatsenders RTL plus. SCHARENBERG (1993) geht der Frage nach, wie Kunstturnen durch die Medien betrachtet wird. Sie versucht anhand geeigneter Literatur zu ergründen, ob Wandlungen oder aber Kontinuität die Berichterstattung über das Kunstturnen kennzeichnen.

4.2 Anmerkungen zum Stand der Forschung

4.2.1 Presseähnliche Inhalte im Internet sind bisher nicht Gegenstand sportwissenschaftlicher Forschung

Die sportwissenschaftliche bzw. sportpublizistische Forschung scheint der rasanten Entwick- lung des Internet in den letzten Jahren (vgl. hierzu Abbildung 4) hinterherzuhinken. Dies trifft vor allem auf das Internet in seiner Rolle als Träger presseähnlicher Inhalte zu - auch neuere Untersuchungen zum Thema „Sportmedien und Mediensport“ (vgl. Abschnitt 4.1, Teil II) be- fassen sich ausschließlich mit den Inhalten traditioneller Presseprodukte. Und das, obwohl inzwischen rund 185 deutsche Tageszeitungen onlineI sind (vgl. BDZV 2000) und diese gar, im Gegensatz zur „herkömmlichen Zeitung“, mit einem umfassenden interaktiven Dienstleistungs-Angebot ausgestattet sind. Es scheint daher notwendig zu sein, auch einmal eine solche Online-Zeitung inhaltlich näher zu betrachten. Dies soll in dieser Arbeit gesche- hen.

4.2.2 Das quantitative Forschungsparadigma dominiert

Ein weiterer Aspekt wird beim Studium der vorhandenen Literatur zur Sportpublizistik- Forschung (vgl. Abschnitt 4.1, Teil II) deutlich - nahezu alle oben angeführten Studien basie- ren auf quantifizierenden Verfahren.

BINNEWIES (1975) beispielsweise bevorzugt die quantitative Inhaltsanalyse, da die Forde- rung nach Objektivität es notwendig mache, bei der Kategorisierung nur den manifesten Inhalt der Kommunikation zu berücksichtigen. Das „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ sei zu ver- meiden, damit unkontrollierbare subjektive Interpretationen ausgeschlossen werden können (vgl. BINNEWIES 1975, 27). Dementsprechend sind auch die Ergebnisse der Studie in Rang- folgen und Prozentzahlen dargestellt - er analysiert die Tageszeitungen beispielsweise da- hingehend, wie hoch die prozentualen Anteile der Sportarten liegen, die am meisten be- rücksichtigt wurden (vgl. BINNEWIES 1975, 89), oder wie hoch der Anteil der sportbezogenen Rubriken „Bilder“, „Kommentar“ und „Feature“ in den verschiedenen Zeitungen ist.

Die Arbeit von KLEIN (1986) konzentriert sich darauf, den Flächenanteil von Berichten über Frauensport in der Tageszeitung zu berechnen. Geringere Text-, Bild- und Überschriftgrößen sowie ein geringer Flächenanteil (nicht einmal 7 Prozent) sollen belegen, daß Frauensport im Sportteil eine Randerscheinung ist (vgl. KLEIN 1986, 113ff). Und auch A. HAAG (1997) be- rechnet Flächenanteile der lokalen Sportberichterstattung bzw. jene einzelner Sportarten. Die Ergebnisdarstellung erfolgt konsequenterweise in Quadratzentimetern bzw. im prozen- tualen Anteil an der Gesamtfläche.

TEWES (1991) konstruiert ein aufwendiges Kategorienschema, das er sehr stark an den Güte- kriterien der Validität und Reliabilität orientiert. Aus diesem Grunde wohl verliert er sportim- manente Zusammenhänge teilweise aus dem BlickI. Auch die Ergebnisfindung orientiert sich stark an dem Kriterium der Gültigkeit (vgl. TEWES 1991, 151f). THIELE (1993) analysiert mit Hilfe der quantitativen Inhaltsanalyse Tageszeitungen, Zeitschriften sowie Fernsehmaterial und errechnet bspw. Anteile der Sendezeiten in Minuten, den Anteil der Werbung an der Ge- samtsendezeit, Zeilenanteile in den Printmedien und Redeanteile der Kommentatoren.

Sportberichterstattung im regionalen Hörfunk am Beispiel von Radio Kurhessen hat WARZEL- HAN (1993) untersucht - ebenfalls mit Hilfe quantifizierender Methoden.

Lediglich drei Autoren wählen keine quantifizierende Methodik. SCHARENBERG (1993) ver- sucht mit Hilfe einer Interpretation geeigneter Literatur die Berichterstattung über das Kunst- turnen zu erforschen. BOSCHERT (1996) untersucht die narrativen Aspekte der Berichterstat- tung des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, und ZIMMERMANN (1996) versucht zu er- gründen, wie die Geschichten des Sports beschaffen sind und wie sich die Realität des Sports in den Medien darstellt.

„Erfolg“, „sportliche Karriere“ und „Ersatzmann“ aber ordnet er der Kategorie „Leistung“ zu (vgl. TEWES 1991, 137ff). Das Ganze nimmt (nach Ansicht der Verfasserin) einen recht willkürlich anmutenden Charakter an. Elemente, die voneinander abhängen und sich gegenseitig bedingen, die im „wirklichen“ Sportgeschehen untrennbar zusam- mengehören, werden völlig aus dem Zusammenhang gerissen, voneinander isoliert und zu ebenso willkürlich schei- nenden neuen Dimensionen zusammengefaßt. Es kann dem „Fußballpraktiker“ nämlich nicht einleuchten, wieso z.B. der „Ersatzmann“ zur Dimension der „Leistung“ gehören, die „Mannschaftsaufstellung“ in ihrer Eigenschaft als „Organisation“ aber den „Ersatzmann“ nicht beinhalten soll.

In der Arbeit von TEWES sind zahlreiche derartige Ungereimtheiten zu finden, die der Autor wohl allein zugunsten der Gütekriterien Reliabilität und Validität in kauf genommen hat. Die Frage bleibt, wo der „Sinn“ eines solchen Vorgehens liegen soll.

5 GRUNDLAGEN FÜR EINE SYSTEMTHEORETISCHE RAHME NKONZEPTION

In Abschnitt 4.2 von Teil II wurde herausgestellt, daß inhaltsanalytische Untersuchungen in der Sportwissenschaft bzw. Sportpublizistik zum überwiegenden Teil auf einem quantitativen ForschungsparadigmaI basieren. Auf der Basis von Vorüberlegungen im nun folgenden Ab- schnitt 5.1 sollen die Gründe dafür erläutert werden, daß Ergebnisse quantitativer Methoden weniger dazu geeignet sind, ein ausreichend scharfes Bild von der komplexen Realität sportlichen Geschehens im allgemeinen und vom DiskursII darüber im speziellen zu zeichnen.

Das Ziel dieser Arbeit ist zu zeigen, wie ein elektronisches Printmedium Wirklichkeit konstruiert. Zu dessen Rekonstruktion wiederum wird es hilfreich sein deutlich zu machen, daß es ver- schiedene erkenntnistheoretische Ansätze, d.h. verschiedene theoretische Wege zum Ziel gibt.

Deshalb führt der Weg über Vorüberlegungen in bezug auf die Eignung quantifizierender Methoden in der sportwissenschaftlichen Forschung im nun folgenden Abschnitt 5.1 hinweg über die erkenntnistheoretischen Polen des PositivismusIII und des Konstruktivismus (vgl. Ab- schnitt 5.2) hin zur Systemtheorie Niklas LUHMANNS. Einer kurzen Einführung in systemtheore- tische Grundbegriffe (vgl. Abschnitt 5.3) folgen die Überlegungen LUHMANNS zur massen- medialen Realitätskonstruktion in Abschnitt 5.4. Diese sollen helfen, ein grundlegendes Ver- ständnis für das methodische Vorgehen und Ziel dieser Arbeit zu erhalten. Darüber hinaus dienen LUHMANNS Gedankengänge auch als Interpretationsgrundlage, indem sie helfen, die Realitätserfassung der SWP zu rekonstruieren und auch zu interpretieren.

Abschnitt 5.5 schließlich zeigt, daß die Wiedergabe sportlicher Realität das Resultat von Selektionen ist und so unser Gedächtnis darüber formt, „was Sport ist“. Auch wird deutlich werden, daß Sport in der Presse mit dem Begriff des „Infotainment“ am treffendsten zu be- schreiben ist. Vor dem Hintergrund marktwirtschaftlicher Gesetze ist der Unterhaltungsaspekt selbst in der Printberichterstattung nicht mehr wegzudenken. Daraus wird schließlich ersicht- lich werden, daß die Rechnung „Mediensport ist gleich Hochleistungssport ist gleich Fußball“ zwangsläufig aufgehen muß.

5.1 Vorüberlegungen: Zur Eignung quantifizierender Verfahren in der Sportwissenschaft

Alle Menschen besitzen ein zumindest ausreichendes Wissen über die Kultur, in der sie leben. Ohne dieses Wissen könnten sie sich im Alltag nicht zurechtfinden und auch nicht handelnI. Relevante Geschehnisse und Zusammenhänge sind jedoch nicht explizit beobachtbar. Um sie zu „sehen“, um sie zu verstehen, muß man beispielsweise herausfinden, welche Motive einen Menschen leiten oder welche Absichten er mit seinem Handeln verfolgt.

Das besondere Merkmal einer Welt des Sozialen ist, daß sie aus Sinnzusammenhängen be- steht, ohne deren Kenntnis sie nicht verständlich ist. Der Bereich der organisierten Komplexi- tät – und Situationen des Sozialen, die entstehen, sobald Menschen interagieren, zählen hierzu - ist gekennzeichnet durch selektive Verknüpfung der Elemente, durch Intransparenz, Vernetzung, Gleichzeitigkeit und einer Nichtlinearität der Elemente (vgl. BETTE 1999, 90).

Das alles unterscheidet die Welt des Sozialen von der physikalischen Welt, der Natur. So kann es nicht sinnvoll sein, eine soziale Welt mit naturwissenschaftlichen Methoden zu unter- suchen, die für die Erforschung der physikalischen Welt entwickelt wurden. Im Gegenteil - quantitative Methoden scheitern dort, wo es für sozial- und geisteswissenschaftliche Frage- stellungen interessant zu werden beginnt.

Auch das System des Sports ist eine Welt des Sozialen, ein soziales Phänomen (vgl. HEINE- MANN 1998, 33ff), und trotzdem ist in der Sportwissenschaft das quantitative Forschungspa- radigma dominant vertreten. BETTE (ebd., 85) bedauert diese Tatsache und stellt fest, daß die hierin versteckten Tretminen nicht mit berücksichtigt worden sind. Die weite Verbreitung der auf Häufigkeiten und Korrelationen hindrängenden, zeitlich und sachlich aufwendigen empirischen Forschung hat Wissensdefizite mit sich gebracht;

„die Ergebnisse (...) erreichten oft noch nicht einmal das Erkenntnisniveau der im Untersuchungsfeld lebenden Experten“ (BETTE 1999, 86).

Forschung mit Hilfe quantitativer Methoden kommt einer Anpassung an das Erkenntnisideal der Naturwissenschaften gleich – die Errechnung statistischer Durchschnittswerte, Häufigkei- ten oder prozentualer Anteile zwingt den Forscher, von einer Gleichheit gleichzeitig auftre- tender, nichtlinearer, selektiv verknüpfter, intransparenter Elemente auszugehen. Das Ver- stehen bloßer Zahlenlogik kann deshalb nicht ausreichen, um soziale Sachverhalte verste- hen zu können (vgl. ebd., 88), und soziale Dimensionen bzw. Phänomene sperren sich wie- derum einem statistischen Zugriff. Kurz gesagt gehen dort, wo standardisierte Beobach- tungsschemata die Vielfalt des Sports und seiner Akteure zu quantifizieren versuchen, subtile Formen organisierter Komplexität verloren.

„Quantitative Methoden reduzieren die Forschungsgegenstände auf ihre mathematisch meßbaren Dimensionen. (...) Zahlen abstrahieren von den besonderen Beschaffenheiten der Personen oder Dinge, um die es geht, und erzeugen auf der Basis formaler Kalküle eine eigene Wirklichkeit.“ (BETTE 1999, 87).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I Man stelle sich als Beispiel hier einmal ein Marsmännchen vor, das zum ersten Mal die Erde besucht und mitten in einer großen Stadt wie Stuttgart landet. Es würde sich bspw. darüber wundern, daß diese eigenartigen rollenden Blechdosen – vorausgesetzt, auf dem Mars gibt es keine mit den unsrigen vergleichbare Automobile - auch noch gemeinsam zu bestimmten Zeiten anhalten, da ihm Verkehrsampeln ebenso fremd wie Autos sein dürften.

Eigenheiten, latente Sinnstrukturen, symbolische Bedeutungsgehalte und die impliziten Er- fahrungsregeln des Sports werden weitestgehend ausgeblendet.

„Auf der Grundlage der Zahlenaxiomatik inszenieren quantitative Forscher (...) ein problematisches Bild von der ‚Realität’ des Sports“ (ebd., 91).

In dieser Arbeit soll aber die Rekonstruktion der von der SWP konstruierten Realität rund um die Fußball-Bundesliga-Saison des SSV Ulm 1846 im Vordergrund stehen, und es ist nicht das Ziel, irgend etwas in eine in Zahlen transformierte und daher stark reduzierte Komplexität hineinzuinterpretierenI. So wird es notwendig, im Vorfeld Theoriearbeit zu leisten, um nicht in der von BETTE (ebd., 88) so drastisch formulierten „Forschungssackgasse“ zu enden. In diese begibt sich der Forscher unfreiwillig, wenn er soziale Sachverhalte anhand von Zahlen zu verstehen und zu interpretieren versucht. Die Einbettung in und Anbindung an eine mutter- wissenschaftliche TheorieII zeigt den Weg um die Sackgasse herum.

Es gibt im wesentlichen, wie Abschnitt 5.2 zeigen wird, zwei wissenschaftliche Grundhaltun- gen zu unterscheiden – der Positivismus (auch: Realismus) und der Konstruktivismus. Auf- grund ihres gegensätzlichen Wissenschaftsbildes werden sie auch gerne als erkenntnistheo- retische Pole bezeichnet (vgl. bspw. PORR 1999).

5.2 Positivismus und Konstruktivismus - erkenntnistheoretische Pole

Der Realismus bzw. Positivismus versteht den Menschen als Informationsverarbeiter, in Ana- logie zu einem Computermodell. Aus positivistischer Sicht besteht die Umwelt des Indivi- duums aus einer Fülle von Reizen, die seine Informationsverarbeitungskapazität übersteigt, so daß er Wichtiges von Unwichtigem filtern mußIII. In den USA der 1970er Jahre stellte man jedoch fest, daß Rezipienten sich nicht passiv der Bilderflut aussetzen, sondern sich damit selbst manipulierenIV (vgl. ROGERS 1994, 200).

Der Konstruktivismus ist eine wissenschaftliche Grundhaltung, die sich sehr stark vom „klassi- schen“ naturwissenschaftlichen Wissenschaftsbild unterscheidet. Innerhalb des Konstrukti- vismus gibt es verschiedene theoretische Richtungen, die jedoch gewisse Basisannahmen gemeinsam haben. Es ist zu unterscheiden zwischen der konstruktivistischen Theorie als Wis- senschaftstheorie v.a. der Erlanger Schule (begründet von P. LORENZEN) und als Erkenntnis- theorie. Letztere kann noch einmal in zwei Richtungen unterschieden werden, nämlich in die des „Radikalen Konstruktivismus“ nach MATURANA & VARELA, H. VON FOERSTER, u.a., und in die des „Konstruktionismus“ in Anlehnung an J. PIAGET und T. VON UEXKÜLL (vgl. TU CHEMNITZ 2000).

Tabelle 3 zeigt die wesentlichen Unterschiede zwischen dem klassischen naturwissenschaft- lichen und dem konstruktivistischen Paradigma.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Positivistisches und konstruktivistisches Paradigma (Quelle: TU CHEMNITZ 2000)

Wir können die Welt nicht sehen, wie sie wirklich ist

Dem subjektiven Ansatz, daß wir die Welt nicht so sehen, wie sie in Wirklichkeit ist, trägt der Konstruktivismus (vgl. Teil I, Abschnitt 2.1) in besonders radikaler Weise Rechnung (vgl. PORR 1999, 22f). So leugnet er geradezu, daß wir die Welt so sehen, wie sie wirklich ist. Die Welt wird „im Kopf“ konstruiert, da physikalischen Reizen an sich keine Bedeutung zukommen kann. Die Bedeutung von Umweltreizen wird im Laufe der Entwicklung durch Bewährung in der Umwelt erlernt. Informationsüberflutung gibt es in diesem Modell nicht, da von der un- endlichen Menge von Sinnesreizen nur diejenigen überhaupt wahrgenommen werden, denen eine Bedeutung zugewiesen wird, sei es nun bewußt oder unbewußt. Informationen können also in diesem Modell nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, da jeder Mensch seine „individuelle Geschichte“I hat und die Welt anders (re)konstruiert.

Der Ansatz der strukturell-funktionalen Systemtheorie Talcott PARSONSII zeigt, daß Menschen, obwohl sie Unterschiedliches denken, sich trotzdem auf der Ebene des Verhaltens koordi- nieren können (vgl. PORR 1999). Kommunikation ist, so PARSONS, eine Phase des Interakti- onsprozesses und ein Prozeß der Informationsübertragung zwischen den interagierenden

[...]


I Vgl. hierzu die Überlegungen zur menschlichen Entwicklung aus der Entwicklungspsychologie und Sozialisations- theorie.

II Die struktur-funktionale Theorie ist ein „Schema sozialwissenschaftlicher Kategorien zur Analyse sozialer Phänome- ne“ (HILLMANN 1994, 652). Sie stammt aus den frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts. PARSONS Handlungstheo- rie bezieht sich auf offene Systeme, die zueinander und zur Umwelt in Interaktion treten. Sein Ziel war es, eine ein- heitliche Theorie menschlichen Handelns zu schaffen, wobei er sich u.a. auf Arbeiten von S. FREUD, V. PARETO, E. DURKHEIM, M. WEBER und G. MEAD stützte (vgl. HILLMANN 1994, 652). PARSONS Handlungstheorie bezieht sich auf offene Systeme, die zueinander und zur Umwelt in Interaktion treten (auch bekannt unter dem Begriff „AGIL- Schema“: Adaptation – Goal attainment – Integration – Latent pattern maintenance).

I Vgl. z.B. BINNEWIES 1975; vgl. SCHRÖDER 1990; vgl. BRACK 1993; vgl. ROHNE 1993; vgl. FRANKE 1993; vgl. BOUCSEIN 1993; vgl. LOOSEN 1993; vgl. STEGGER 1993; vgl. HAAG 1997; vgl. SCHOLZ 2000.

I Die Systemtheorie ist eine rekursive Theorie, welche sich in einem linearen Text sehr schwer darstellen läßt. Sämtli- che Überlegungen und Definitionen dieser Theorie bauen nicht linear aufeinander auf. Auch in dieser Arbeit war das Vorhaben, ihre theoretischen Denkgebäude stringent linear zu beschreiben, ein aussichtsloses Unterfangen. Die manchmal „chaotisch“ anmutende Darstellung ist also kein „Unfall“, sondern liegt in der Eigenart der system- theoretischen Rahmenkonzeption dieser Arbeit begründet!

II BERKELEY, George (1685-1753), irischer Philosoph und Kleriker. Er gilt gemeinhin als Begründer des modernen Idea- lismus (vgl. ENCARTA 1999).

III Originaltitel: „ Treatise Concerning the Principles of Human Knowledge

IV POPPER, Sir Karl Raimund (1902-1994), englischer Philosoph und Wissenschaftstheoretiker österreichischer Ab- stammung. Er wurde insbesondere durch seine Forschungen zur wissenschaftlichen Methodik und seine Kritik am historischen Determinismus bekannt; darüber hinaus gilt er als Begründer des kritischen Rationalismus (vgl. ENCARTA 1999).

V Welt 1: Physische Welt. Welt 2: Einzelbewußtsein. Welt 3: Immateriell und überpersönlich; Welt der Theorien, der Probleme und der Werte als Produkt des menschlichen Geistes.

I Wir wissen z.B., daß die Zimmerdecke über uns ist, weil wir die Decke im Verhältnis zu uns sehen. Wo sie aber wirk- lich ist, können wir nicht sehen.

I Und darüber hinaus beeinflußt er wiederum mittels Konsumentenverhalten das, was Massenmedien an Sportarten und Sportformen anbieten und was nicht. Die Auflagenstärke einer Tageszeitung oder auch Einschaltquoten bei- spielsweise dienen der Messung von Konsumentenverhalten. Je höher die Auflage, je höher die Quoten, um so reizvoller ist die jeweilige Zeitung bzw. Sendung für die Werbewirtschaft (vgl. bspw. SCHUMANN 1988, 75f), aus deren Gelder sich vor allem private Fernsehsender finanzieren.

II Die Autorin dieser Arbeit ist seit ihrer Kindheit dem Fußballsport sowohl aktiv als auch passiv sehr verbunden.

III http://www.suedwest-p resse.de/special/nr6.html

Die Arbeit hat den Charakter einer Pilotstudie. Sie erhebt keinen Anspruch auf Repräsenta- tivität. Sie soll dazu dienen, ein Untersuchungskonzept zu testen, das bewußt auf quantifizie- rende inhaltsanalytische Verfahren verzichtet. Statt dessen kommt - ausgehend von den Überlegungen der Wahrnehmungspsychologie, der Philosophie (vgl. Abschnitt 2.1) und vor dem Hintergrund der neueren soziologischen Systemtheorie Niklas LUHMANNS (vgl. Teil II, Abschnitt 5) - die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse (vgl. Teil III, Abschnitt 2) zur An- wendung. Darüber hinaus wird es notwendig sein, „zwischen den Zeilen zu lesen“, das heißt, beschreibend-interpretativ vorzugehen.

I K. Feldkamp in der Talkshow „Berlin Mitte“ am 26.10.2000 (Thema: Daum, der Fußball und die Folgen).

II Im England Mitte des 19. Jh. war es das Spiel bürgerlicher Mittel- und aristokratischer Oberschichtsangehöriger. Es wurde an bürgerlichen Eliteschulen, v.a. in Eton, gespielt.

I Gelinkt kommt von engl. „link“ und meint Verbindung. WWW-Dokumente sind über einen Hyperlink miteinander verbunden.

I Vgl. Regelwerk der FIFA (Fédération Internationale de Football Association).

I TV-Sport-Moderator Günther Jauch in einem Interview im Rahmen der Champions-League-Übertragung von RTL am 25.10.2000.

I Dies sind meist ehemalige Profis mit einem bekannten „Namen“, wie bspw. Thomas Helmer (ehemaliger National- spieler, war u.a. in Dortmund und München unter Vertrag) beim DSF während der Europameisterschaft 2000, oder auch Trainer, wie Ulms Trainer Martin Andermatt, der ebenfalls während der EM 2000 für das Schweizer Fernsehen DRS als Kommentator tätig war.

II Dies gilt ganz allgemein für „den Sport“ (vgl. HOFFMANN-RIEM 1988).

I In einer ersten Annäherung wird hier ein weit gefaßter Sportbegriff zugrunde gelegt.

I Titel der Fußball-Bundesliga-Livereportage in SWR1 am Samstag nachmittag ab 16.00 Uhr.

II Die Zusammenfassung der Bundesligaspiele wird auch in Zukunft bei SAT.1 „ran“, also im so genannten Free-TV, zu sehen sein. Das Rennen um die zusammenfassende Berichterstattung über das Topspiel am Samstagabend hat das ZDF („Das Aktuelle Sportstudio“) für sich entschieden.

III Nach Einschätzung von Rostocks Präsident Rehberger (in einem DSF-Interview vom 17.9.2000) sind die genannten Vereine die Clubs, die aufgrund ihrer Professionalität in Führung und Vereinsstruktur langfristig gesehen das Potenti- al für eine Spitzenposition im deutschen Profifußball haben.

IV Die Bundesliga erhält 80 Prozent, die 2. Liga 20 Prozent aus dem Gesamtpaket. Das bedeutet eine Garantie- summe von 16,5 Millionen DM für jeden Erstligisten ab der kommenden Saison, etwa 6,5 Millionen DM für jeden Zweitligaklub bei einem mittleren Wert von 750 Millionen DM. Nach einem leistungsorientierten Modell werden darüber hinaus innerhalb der Bundesliga etwa 300 Millionen DM und innerhalb der 2. Liga 37,5 Millionen DM nach den Plazierungen der Klubs in den zurückliegenden drei Jahren und in der laufenden Saison verteilt. Aus dem Pay- per-view-Geschäft erhofft sich die Liga in spätestens drei Jahren zusätzlich 100 Millionen DM (vgl. MSO 05/2000).

V Quelle: BZ vom 16. Oktober 2000, Seite 31.

I Sensationell aufgemachte, in großen Auflagen erscheinende und daher preiswerte Zeitungen, die v.a. zu früheren Zeiten überwiegend im Straßenverkauf feilgeboten wurden. Die Bild-Zeitung oder auch der Kölner Express zählen hierzu.

II Quelle: LKZ vom 18. Oktober 2000, Seite 24.

I www.dfb.de

II http://www.bundesliga.de/live/default.asp

III Um die Live-Reportagen verfolgen zu können, muß der PC entsprechend ausgerüstet sein und auf eine beste- hende Internetverbindung zugreifen können. Hardwarevoraussetzungen: Soundkarte, Lautsprecher. Softwarevor- aussetzungen: RealPlayer (Freeware, kostenloser Download; Hyperlink auf der Seite http://www.bundesliga.de).

I PIPER, N.: Chaos am virtuellen Kiosk. In: DIE ZEIT vom 5. Mai 1996, S.35.

II Leider ist die Forschungslage zur Sportberichterstattung im Internet noch äußerst dürftig, so daß auf diese nicht auf den Sport bezogene Arbeit zurückgegriffen werden mußte.

I Stand 10.Mai 2000

I Kommerzialisierung: kulturelle Werte werden wirtschaftlichen Interessen untergeordnet und dem Gewinnstreben dienstbar gemacht (vgl. DUDEN Das Fremdwörterbuch 1997).

II Eigentlich: „mittelbar machen“ (vgl. DUDEN Das Fremdwörterbuch 1997); hier: verstärkte mediale Präsenz des kommerzialisierten Leistungs- und Hochleistungssports mit dem Ziel, die Sportereignisse einem Massenpublikum zugänglich zu machen.

III Von „Boulevardjournalismus“ bzw. Boulevardzeitungen: Sensationell aufgemachte, in großen Auflagen erschei- nende und daher preiswerte Zeitungen, die v.a. zu früheren Zeiten überwiegend im Straßenverkauf feilgeboten wurden (Bild-Zeitung, Kölner Express).

IV Von Fiktion, fiktiv: nicht wirklich, nicht echt. Nur in der Vorstellung existent.

V Entertainment: Unterhaltung.

VI Von Zeit zu Zeit fällt diese „unendlich“ anmutende Diskussion dem aufmerksamen Leser bzw. Fernsehzuschauer auf. Das Thema scheint immer dann bevorzugter Gegenstand der Berichterstattung zu sein, wenn bspw. die Über- tragungsrechte für die Bundesliga oder für die internationalen Wettbewerbe an einen anderen Fernsehsender gegangen sind, oder auch dann, wenn Änderungen im Spielmodus v.a. internationaler Wettbewerbe beschlossen werden, die ein „Mehr“ an Fernsehfußball bedeuten könnten.

I Quelle: BZ vom 18. Oktober 2000, Seite 20.

II Quelle: DIE WELT vom 3. Januar 2000.

III Das Fernsehen ist mit 199 Minuten pro Tag das mit Abstand am meisten genutzte massenmediale Angebot (vgl. HACKFORTH 1999).

I Narrativ meint erzählend, in erzählender Form darstellend. Von Narrativik: Forschungsbereich, bei dem man sich mit der Kunst des Erzählens (als Darstellungsform), der Struktur von Erzählungen befaßt (vgl. DUDEN Das Fremdwör- terbuch 1997).

I Stand 10.Mai 2000

I Beispielsweise zählt er die Dimension „Mannschaftsaufstellung“ zur Kategorie „Organisation“, die Dimensionen

I Denkmuster, das das wissenschaftliche Weltbild bzw. die Weltsicht einer Epoche oder die jeweilige wissenschaftli- che Grundauffassung prägt (vgl. DUDEN Das Fremdwörterbuch 1997).

II Gedankenaustausch, Unterhaltung, Wortwechsel auf der Grundlage von Sprache (vgl. DUDEN Das Fremdwörter- buch 1997). Diskurse sind i.S. von institutionalisierten, geregelten Redeweisen nicht nur gesellschaftlich bedingt bzw. durch sie geprägt, sondern sie formen und prägen ihrerseits die Gesellschaft. Diskurse sind in der Lage, Macht auszuüben, da sie Bedeutung und Wissen transportieren. Texte und Textfragmente, die bestimmte Themen behan- deln, heißen nach JÄGER (1993, zit. in KIRVEL 1996, 33) „Diskursfragmente“. Jedes Printmedium enthält Texte, und jeder Text ist Teil und Ausdruck einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis. Er ist mehr oder weniger stark sozial struk- turiert und konventionalisiert (vgl. KIRVEL 1996., 31). Oppositionelle Diskurse nennt JÄGER „Gegendiskurse“, wissen- schaftliche Diskurse sind „Spezialdiskurse“, das Allgemeinwissen „Interdiskurs“ (vgl. ebd.).

III bzw. Realismus

I LUHMANN hierzu: „Praktisch treten oft komplizierte Auswertungsverfahren an die Stelle einer (...) Theorie, und man sucht dann nachträglich anhand der Ergebnisse heraus, welche Zusammenhänge sinnvoll interpretierbar sind (...). In gewisser Wiese gleicht dieses Verfahren einem Spiel mit dem Zufall (...), die Komplexität der Welt erscheint in dem Überraschungswert selbstproduzierter Daten.“ (LUHMANN 1991, 369f).

II BETTE konstatiert weiterhin, daß zahlreiche sportsoziologische Forschungsvorhaben schon daran scheitern, da sie Primärliteratur konsequent außer Acht gelassen bzw. die Theoriegebäude der Mutterdisziplin Soziologie nicht aus- reichend berücksichtigt haben (vgl. BETTE 1999, 88).

III HICKS LAW: Nach dieser Vorstellung würde die Auswahl-Reaktions-Zeit (Choice-Reaction-Time) größer mit der Anzahl der Antwortalternativen oder mit der Größe bzw. mit dem Umfang der zu verarbeitenden Informationen. Das heißt: je mehr Informationen ankommen, um so länger dauert es, bis eine Reaktion in Form bspw. einer Bewe- gung initiiert wird (vgl. SCHMIDT 1988)

IV. Es setzte sich schließlich die Ansicht durch, daß jeder Zuschauer einer Nachricht erst eine Bedeutung zuweist und daß diese nicht automatisch mit der Nachricht transportiert wird. Damit bietet sich umgekehrt die Möglichkeit, daß Nachrichten auch keine Bedeutung für den Rezipienten haben können. (vgl. den Terminus „uses-and-gratification approach“).

Ende der Leseprobe aus 141 Seiten

Details

Titel
Bundesliga-Aufstieg und Spielzeit des SSV Ulm 1864 e.V. in der Berichterstattung der Südwest Presse Online
Untertitel
Eine qualitative Inhaltsanalyse
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Sportwissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
141
Katalognummer
V249
ISBN (eBook)
9783638101905
ISBN (Buch)
9783638690737
Dateigröße
2703 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Rekonstruktion einer konstruierten Realität - Profifußball in einer elektonischen Tageszeitung: Bundesliga-Aufstieg und Spielzeit des SSV Ulm 1864 e.V. in der Berichterstattung der Südwest Presse Online - eine qualitative Inhaltsanalyse
Schlagworte
Bundesliga-Aufstieg, Spielzeit, Berichterstattung, Südwest, Presse, Online
Arbeit zitieren
Dr. phil Sabine Dettling (Autor), 2000, Bundesliga-Aufstieg und Spielzeit des SSV Ulm 1864 e.V. in der Berichterstattung der Südwest Presse Online, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/249

Kommentare

  • Gast am 9.8.2008

    Fakten überprüft ?.

    Es ist mir schleierhaft wie eine Arbeit mit 1 bewertet werden kann in der mehrmals offensichtlich gezeigt wird dass sich die Doktorantin nicht vergewissert hat alle Fakten korrekt zu überprüfen. Es ist der SSV Ulm 1846 und nicht 1864 wie mehrfach fälschlich behauptet wird, was einen einmaligen Schreibfehler ausschließt

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