Die Erziehung des jungen Parzival - Hindernis oder Chance?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Erziehung im Mittelalter – der herkömmliche Weg

3. Die Erziehung des jungen Parzival durch Herzeloyde
a. Die Vorgeschichte
b. Herzeloydes Erziehungsmethoden
c. Parzivals Umsetzung der Erziehung an zwei ausgewählten Beispielen

4. Exkurs: Jean-Jacques Rousseau
a. Zum Verständnis seiner Person
b. Sein Konzept der natürlichen Erziehung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Parzivals Lebensgang ist ein Erziehungsroman. Er wird durchs Leben erzogen. In seiner Umwelt findet der weltunerfahrene Tor seine ersten Lehrmeister. Das Wohlgemeinteste, wenn auch nicht das Klügste, gibt ihm seine Mutter mit auf den Weg. [...] Mit psychologischer Folgerichtigkeit verläuft diese geistige Bildungsgeschichte und sie hat ihren natürlichen Boden in den Grundbedingungen der menschlichen Geistesformung, denn diese erziehende Lebensgestaltung wird getragen und ermöglicht durch die angeborene Natur.“[1]

Dieses Zitat Gustav Ehrismanns spiegelt die Problematik wider, mit der sich die vorliegende Arbeit zu befassen versucht: Wenn die Erziehung die grundlegende Weichenstellung im Leben eines Menschen ist, die durch natürliche Anlagen ergänzt und in besonderem Maße ermöglicht wird, muss der Erzieher einen großen Anteil an dem haben, was aus dem erzogenen Menschen im Laufe seines Lebens wird. Konkret heißt das: Herzeloyde hat großen Anteil an Parzivals Werdegang, da sie ihn von klein auf erzogen hat. Das Problem: In der Forschung bekommt die weltferne Erziehung Parzivals in der „waste ze Soltâne“ ein eher negatives Prädikat[2], das im Text Wolfram´s durch Aussagen wie: „der knappe alsus verborgen wart/ zer waste in Soltâne erzogn,/ an küneclicher fuore betrogn“[3] gestützt wird; denn betrogen wird niemand gerne, um was auch immer es gehen mag.

Joachim Bumke sagt hierzu kurz und knapp: „Pädagogisch macht Herzeloyde alles falsch[...]“[4].

Diese Arbeit will die Frage beleuchten, ob Herzeloydes Erziehungsansatz wirklich so negativ zu beurteilen ist oder ob nicht im Nachhinein etwas Gutes an ihrer Methode zu finden ist, denn schließlich wird Parzival am Ende des Buches zu einem wahrhaft tugendreichen Menschen. Wäre es nicht möglich, dass Herzeloydes Erziehung indirekt oder direkt positiv dazu beigetragen hat, dass Parzival sich so entwickelt? Kurt Ruh liefert dazu bereits einen Denkanstoss, denn er sieht Parzivals unkonventionelle Erziehung als eine „Chance ohnegleichen, Gewähr für Außerordentliches in einem Offensein, das alles vermag.“[5]

Um sich mit diesem Thema zu beschäftigen, soll zunächst ein Überblick über die pädagogische Kindheitsauffassung des Mittelalters gegeben werden, um im Anschluss daran Parzivals Erziehung damit zu vergleichen.

Danach folgt ein Exkurs zu Jean-Jacques Rousseau, der mit seinem Buch „Emilé oder Über die Erziehung“ großes Aufsehen erregte – mit einem Konzept, das dem Herzeloydes gar nicht so unähnlich zu sein scheint und dabei hilft, ihr Handeln einmal anders zu deuten, wenn sich auch die Motivation Rousseaus deutlich von der Herzeloydes unterscheidet.

Parzivals Erziehung hat, einmal abgesehen von vielen Arbeiten zu seiner „tumpheit“ und der Frage nach seiner vermeintlichen Schuld, anscheinend kein allzu großes Interesse in der Forschung gefunden, da es sehr wenige Werke gibt, die sich explizit damit befassen. Die wenigen Werke, die sich als hilfreich im Hinblick auf die Fragestellung erwiesen, waren nur für einen kurzen Zeitraum zugänglich bzw. gar nicht zu bekommen. Die Literatursammlung hat sich in diesem Punkt daher als schwierig erwiesen, so dass vielfach die Primärliteratur an erster Stelle zitiert wird.

2. Pädagogische Ansichten und Schulbildung des Mittelalters

Mittelalterliche Autoren teilten in Anlehnung an Isidor von Sevilla die Kindheit in drei Phasen ein. Sie behaupteten, dass in den verschiedenen Stufen bestimmte physische und psychische Anregungen erforderlich seien, um zu einer bestmöglichen Entwicklung des Kindes beizutragen.[6]

Die erste Phase bildete ihrer Auffassung nach die so genannte infantia, die den Zeitraum von der Geburt bis zum 7. Lebensjahr einschloss. Im Vordergrund stand hier der Spracherwerb des Kindes.

Die daran anschließende zweite Phase, die pueritia, dauerte bis zum 14. Lebensjahr und diente der Erziehung des Körpers, des Willens und des Verstandes in Form von Anleitung zur Beschäftigung des Körpers und des Geistes und Einführung in die Septem Artes Liberales.[7]

Das Kind „[...]erwirbt [...] zivilisatorische Fähigkeiten und kulturelle Werte“[8], so sagte man, die in der dritten Phase, der adolescentia, zunehmend vertieft wurden.

Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung nach Ansicht der mittelalterlichen Pädagogen nicht mehr wahllos verformbar, aber dennoch noch biegsam genug, um die ihnen vermittelten Lehren in ihre Persönlichkeitsentwicklung mit aufzunehmen und vernünftig zu denken und zu handeln.[9]

In die zweite dieser drei Phasen fiel demnach der Beginn der Erziehung eines adeligen Jungen zum Ritter.

Als Sieben- bis Zehnjährige kamen die Jungen, sofern sie denn Stand und Mittel dazu besaßen, an den Hof eines Adeligen und begannen dort zunächst als Page mit der Reitausbildung. Mit zwölf Jahren schloss sich eine grundlegende Waffenausbildung an. Inhalt dieser Ausbildung waren Fertigkeiten wie Fechten, Ringen und Bogenschießen. Darüber hinaus waren aber auch kulturelle Elemente Gegenstand der Erziehung, also Schachspielen, Musizieren und alle Formen sittlich-höfischen Benehmens.[10]

Mit etwa 15 Jahren endete ihre Ritterausbildung und die Jungen wurden zu Knappen, bis sie mit etwa 18 Jahren zum Ritter geschlagen wurden.[11]

Neben der ritterlichen Ausbildung war es für adelige Jungen allerdings auch möglich, eine Ausbildung zum Kleriker zu absolvieren, denn eine Ausbildung zu haben war von größter Wichtigkeit und schon damals galt: „Die Schule ist der wichtigste Katalysator sozialen Aufstiegs[...]“.[12]

Eine solche Ausbildung begann in der Regel mit sieben bis zehn Jahren mit dem Elementarunterricht an einer Sing- oder Leseschule.[13]

Daran schloss sich die so genannte Lateinschule an, die den Weg für das Studium an einer Universität ebnete.[14]

3. Die Erziehung des jungen Parzival

a. Die Vorgeschichte

Schon nach wenigen Zeilen der Lektüre Wolframs von Eschenbach wird deutlich, dass Parzival ganz anders aufwächst, als man es von einem Jungen seiner Abstammung erwarten dürfte: abgeschottet vom höfischen Leben auf dem Land, genauer gesagt „zer waste in Soltâne“[15].

[...]


[1] Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. (Im Folgenden zitiert als: Ehrismann) S.259

[2] Vgl. Bumke, Joachim: Die Blutstropfen im Schnee. (Im Folgenden zitiert als: Bumke 2001) S. 78 Er sagt:„Was Herzeloyde ihrem Sohn antut, indem sie alles Wissen und alles Verständnis von ihm fernhält,...“.

[3] Wolfram von Eschenbach: Parzival. 117,30 – 118,2. (Im Folgenden zitiert als: Wolfram)

[4] Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach. S.43 (Im Folgenden zitiert als: Bumke1997)

[5] Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. S.70 (Im Folgenden zitiert als: Ruh)

[6] vgl.: Shahar, Shubamith: Kindheit im Mittelalter. S.29 (Im Folgenden zitiert als: Shahar)

[7] vgl.: Bumke 2001, S.80

[8] Shahar, S. 191

[9] vgl.: Bumke 2001, S.80

[10] vgl.: Shahar, S.241 und 244

[11] vgl.: Shahar, S.241f.

[12] Borst, Arno: Lebensformen im Mittelalter. Berlin, Ullstein 1997. S.593.( Im Folgenden zitiert als: Borst)

[13] vgl.: Shahar, S.217

[14] vgl.: Shahar, S.217

[15] Wolfram, 117,9

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Erziehung des jungen Parzival - Hindernis oder Chance?
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Parzival Hauptseminar
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V26053
ISBN (eBook)
9783638285063
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Parzival, Hindernis, Chance, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Mareike Moers (Autor), 2004, Die Erziehung des jungen Parzival - Hindernis oder Chance?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26053

Kommentare

  • Gast am 30.8.2004

    Inhalt gut, Ausdruck nicht wirklich.

    Inhaltlich hat die Arbeit mir einige Denkanstöße geben können und vorallem das Literaurverzeichnis gab mir die Möglichkeit, noch einige weitere Werke für meine Arbeit zu bekommen. Ich finde jedoch, dass der Ausdruck überarbeitungswürdig ist und einige Formulierungen wirklich unglücklich sind für eine wissenschaftliche Arbeit.

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