Können Affen sprechen lernen?


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 2


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 KÖNNEN AFFEN SPRECHEN LERNEN ?

2 WAS IST SPRACHE?

3 WAS KÖNNEN AFFEN?
3.1 Wege der Kommunikation
3.2 Die Methode von Sue Savage-Rumbaugh
3.3 Savage-Rumbaughs Ergebnisse

4 AUSWERTUNG DER ERGEBNISSE
4.1 Vocal-auditory channel
4.2 Arbitrariness
4.3 Semanticity
4.4 Cultural transmission
4.5 Spontaneous usage
4.6 Turn-taking
4.7 Duality
4.8 Displacement
4.9 Strukture dependence
4.10 Creativity

5 SCHLUßFOLGERUNG

6 AUSBLICK

1. Können Affen sprechen lernen ?

Sprechende Tiere üben eine gewisse Faszination auf uns Menschen aus. Möglicherweise ist unsere Neugierde ein Grund dafür, warum wir uns mit solchen Phänomenen beschäftigen. Wir neigen dazu, wissen zu wollen, wie es wäre, wenn wir nicht wir selbst wären. Wer wäre nicht gerne mal für einen Tag jemand anderes: Sein Nachbar, oder vielleicht jemand Berühmtes, nur, um mal zu sehen, wie das ist, und was in den anderen so vorgeht. Die menschliche Unzulänglichkeit die Person zu wechseln können wir zum Teil kompensieren, indem wir Erfahrungen austauschen, welche es uns ermöglichen, uns in jemand anderen hinzudenken oder hineinzufühlen. Das Medium, welches wir dazu benutzen, ist Sprache. Wenn es nun Tiere gäbe, welche ebenfalls sprechen lernen könnten, könnten wir auch über sie vieles lernen und uns in sie hineinversetzen. Warum man hier als erstes an Affen, genauer: Menschenaffen denkt, liegt auf der Hand: Sie gehören zu den intelligentesten Tieren und sind mit uns Menschen eng verwandt. Ein weiterer Punkt sollte nicht vergessen werden: Wenn ein Tier, in unserem Falle ein Affe, nachweislich Sprache erlernen könnte, dann hätte dies weitreichende Folgen. Unsere Einzigartigkeit in der Natur würde relativiert, man müsste Affen ein Bewußtsein attestieren, einen menschenähnlichen Intellekt und vielleicht sogar eine Seele zugestehen, sie aber wohl auf jeden Fall mit Menschenrechten ausstatten.

Können Affen sprechen lernen? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler seit den 60er Jahren. Dabei läßt sich beobachten, daß es immer wieder Pro- und Kontra-Phasen gab. Anfang der 70er Jahre schienen sprechende Affen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Nim, Washoe und Koko sind einige berühmte Beispiele. Anfang der 80er Jahre jedoch folgte eine Welle der Kritik bezüglich der Sprachfähigkeit dieser Affen. Selbst Forscher wie Herbert Terrace, der viele Jahre damit verbrachte, seinem Schimpansen Nim Chimpsky das „Sprechen“ beizubringen, stellte seine eigene Arbeit in Frage und wurde zu einem großen Verfechter des Standpunktes, Affen seien zur Sprache nicht fähig. Ein Grund dafür war die Erkenntnis, daß viele „sprechende Affen“ keine sprechenden, sondern vielmehr imitierende Affen waren:

“[…] I must conclude that Nim’s utterances were less spontaneous and less original than those of a child. To a much larger extent than a child’s, Nim’s utterances were variations of the signs contained in his teacher’s prior utterance. He was much less likely than a child to add new information to a conversation in his replies.” (Terrace 1979:219)

Wie im Laufe dieser Arbeit noch erläutert werden wird, beruhte ihr Verhalten auf Konditionierung. Dennoch gab es einige Forscher, die das Projekt „sprechender Affe“ nicht so schnell begraben wollten, darunter auch Sue Savage-Rumbaugh, ihres Zeichens Psychologin und Biologin. Obwohl sie das oben geschilderte Problem erkannte, und gezielt zu umgehen versuchte, hatte sie sehr lange einen schweren Stand und musste gegen einen Strom schwimmen, welcher Affen jegliche Sprachfähigkeit abstreitig machen wollte. Da viele Forscher mit „sprechenden“ Affen experimentierten, würde die Analyse sämtlicher Beispiele den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb werde ich mich in der Haupsache auf die Arbeit von Sue Savage Rumbaugh beschränken, denn sie erscheint sehr vielversprechend und überzeugt trotz forscherüblichem Enthusiasmus durch hohe Anforderungen an und kritischer Einstellung gegenüber sich selbst.

2 Was ist Sprache?

Bevor darüber diskutiert werden kann, ob Affen sprechen lernen können oder nicht, muss der Begriff Sprache anhand eindeutiger Kriterien definiert werden, an welchen dann die sprachlichen Fähigkeiten von Affen gemessen und klassifiziert werden können. Leider ist man sich hier nicht ganz einig. Was für den einen bereits Sprache ist, geht für den anderen, welcher vielleicht strengere, engere oder einfach andere Maßstäbe ansetzt, über bloße Kommunikation nicht hinaus. Sue Savage-Rumbaugh meint::

„We agree with Nelson (1977) that the essence of human language is not found in syntax but rather in the fact that language permits ‚the translation of meanings, … knowledge of people, objects, events, and their relations into words: and the expression of these meanings to a social partner for some functional purpose. Reciprocally, it involves the interpretation of the meaning expressed by others to the child and the appropriate response to the functional purpose of the utterance.’ We suggest that every instance of referential symbolic communicative exchange, beginning with the one-word stage (once the child has moved beyond the pure performative use of words) is a complex phenomenon involving the following four components:

1. An arbitrary symbol which stands for, and can take the place of, a real object, event, person, action or relationship.
2. Stored knowledge regarding the actions, objects, and relationships relating to that symbol. […]
3. The intentional use of symbols to convey this stored knowledge about an object, event, person or relationship to another individual who has similar real-world experiences and has related them to the same symbol system.
4. The appropriate decoding of, and response to, symbols by the recipients.”

(Savage Rumbaugh 1986:15-16)

Demnach aber müsste der Warnschrei eines Erdhörnchens bei sich nähernder Gefahr auch als Sprache klassifiziert werden. Es erfüllt all diese Kriterien. Hilfreicher erscheint hier eine Kriteriensammlung von Jean Aitchison, in der sie sich z.T. auf Charles Hocket bezieht. Folgende zehn Punkte sind für sie notwendige Kriterien für Sprache:

1. Vocal-auditory channel
2. Arbitrariness
3. Semanticity
4. Cultral transmission
5. Spontaneous usage
6. Turn-taking
7. Duality
8. Displacement
9. Structure dependence
10. Creativity

(vgl. Aitchison 1998:25-26)

Auf diese Punkte wird später genauer eingegangen, wobei gleichzeitig die in der Affensprachforschung erzielten Ergebnisse daran gemessen werden.

3 Was können Affen?

3.1 Wege der Kommunikation

Nachdem nun Kriterien für Sprache umrissen wurden, kann man untersuchen, welche Experimente mit Affen in bezug auf deren Sprachfähigkeit durchgeführt wurden, und die Ergebnisse in Anlehnung an diese Kriterien auswerten. Hierzu sei eines gleich gesagt: Affen sind nicht zur akkustischen Artikulation fähig. Dazu fehlen ihnen die physiologischen Voraussetzungen, ihre Sprechwerkzeuge sind nicht in der Lage, Laute zu erzeugen, wie wir Menschen es können. Fred C. C. Peng spricht u.a. von “[…] limitations in musculature of the tongue“ (Peng 1978:215), und dem Fehlen von “[…] enough room in the oral and pharyngeal cavities for maneuvering the tongue in order to produce those sounds.” (Peng 1978:215). Er kommt zu folgendem Schluß:

“[…] in the case of nonhuman primates, since the anatomical structure has remained intact, the raising of the back of the tongue cannot be accomplished or if it is done accidently, it is nonfunctional. Hence, a wide variety of sounds involving this mechanism cannot be produced by nonhuman primates.” (Peng 1978:213)

“[…] if man’s vocal apparatus were only as good as the apes’, no matter how great man’s brain capacity […], he would not be able to speak beyond those few words that some apes have managed to aquire.” (Peng 1978:204)

Jedoch ist aber der vocal-auditory channel kein notwendiges Kriterium für Sprache. Auch die Gebärdensprache gilt als vollwertiges Sprachsystem und sie bedient sich keineswegs der akkustischen Informationsübermittlung. In der Tat hat man Versucht, Affen die Gebärdensprache beizubringen. Kritiker dieser Methode behaupten jedoch, daß sie mit gravierenden Nachteilen behaftet sei:

“Signs are often inadequate because the fine motor movements which are needed to produce a large number of signs are simply not within the capacity of the ape or the retarded person. Additionally, before the subject knows which sign to produce, or even why he is required to produce signs at all, he tends to produce signs which are not very discriminable. Because it is often difficult to determine which sign a subject is producing, one tends to give the beginner the benefit of the doubt and interprets a questionable sign as correct.” (Savage Rumbaugh 1986:46)

Affenhände sind also obiger These folgend für diese von und für Menschen entwickelte Art der Artikulation ungeeignet. Jedoch gibt es auch andere Forscher, welcher von der ASL-Methode überzeugt sind, und behaupten, sie mit Erfolg anzuwenden. Eine weitere prinzipielle Möglichkeit ist das Arbeiten mit grafische Symbolen, eine Variante, auf die ASL-Kritikerin Sue Savage-Rumbaugh – auf deren vielversprechende Arbeit noch intensiver einzugehen sein wird – zurückgegriffen hat. Das Prinzip: Gegenständen, Aktionen und Attributen werden grafische Symbole zugeordnet. Diese werden von den Affen zu mehr oder weniger komplexen Aussagen kombiniert. Es gibt mehrere Varianten dieser Art der Kommunikation. Im folgenden soll eine sehr fortschrittliche und vielversprechende Variante konkretisiert werden. Sie führte bei den Schimpansen Sherman und Austin, mit denen Savage-Rumbaugh lange Zeit gearbeitet hat, zu interessanten Ergebnissen.

3.2 Die Methode von Sue Savage-Rumbaugh

Das System besteht im Prinzip aus drei Komponenten: Aus einer Symboltastatur, deren Symbole Savage-Rumbaugh „Lexigramme“ (Savage-Rumbaugh 1986) nennt, aus einem Projektor, auf dem die gewählten Lexigramme angezeigt werden und einem akkustischen Signal, welches bei Betätigung der Tastatur ertönt (vgl: Savage-Rumbaugh 1986:45-46). Die Bedeutung des letztgenannten Elements ist nicht zu unterschätzten. Kommunikation auf optischem Wege ist gerichtet und verlangt vom Empfänger, daß seine Aufmerksamkeit dem Signal zugewendet ist. Wenn er also nicht weiß, daß eine Äußerung an ihn gerichtet ist, bleibt es dem Zufall überlassen, ob er gerade in die richtige Richtung sieht und sie registriert. Deshalb ist die optische Äußerung an ein akkustisches Signal gekoppelt, welches auch wahrgenommen werden kann, ohne daß der entsprechende Sinn in die Richtung des Signal gerichtet ist. Die Kommunikationssituation stellt sich also konkret folgendermaßen dar: Kommunikationspartner A (Affe oder Mensch) betätigt die Symboltastatur und drückt ein Lexigramm bzw. eine Kombination aus diesen. Ein Signal ertönt und die gewählten Lexigramme werden auf einem gut sichtbaren Bildschirm angezeigt. Kommunikationspartner B ist mit derselben Apparatur ausgestattet und kann gegebenenfalls „antworten“. (vgl. Savage-Rumbaugh 1986:46). Anfängliche Schwierigkeiten lieferten eine interessante Erkenntnis: Die Komplexität der ganzen Situation überforderte sie vor Allem dann, wenn sie als Affen keinen Sinn in der ganzen Sache sahen. Beobachtungen von Sue Savage-Rumbaugh weisen darauf hin:

“For one, the chimpanzees were not learning symbols for things they had little or no interest in requesting” (Savage Rumbaugh, 1986:105)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Können Affen sprechen lernen?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Englische Philologie)
Veranstaltung
Psycholinguistik
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V26062
ISBN (eBook)
9783638285131
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit untersucht anhand von aktuellen Kriterien für 'Sprache' ob bzw. inwieweit Affen sprechen lernen können. Dabei wird auf berühmte "sprechende Affen" wie die Gorilla-Dame Koko, oder den Bonobo (Verwandte der Schimpansen) Kanzi, bezug genommen. Arbeiten von Sue Savage-Rumbaugh oder Fred C. Peng fließen mit ein.
Schlagworte
Können, Affen, Psycholinguistik
Arbeit zitieren
Mario Vanella (Autor), 2003, Können Affen sprechen lernen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26062

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