Goldhagen in der Presse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

25 Seiten, Note: gut (2)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Die Thesen Goldhagens
1.1. Eine neue Sichtweise des Antisemitismus
1.2. Die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland
1.3. Die Polizeibataillone
1.4. Die Arbeitslager
1.5. Die Todesmärsche
1.6. Die Motivation der Täter

2. Daniel Goldhagens Methode
2.1. Der anthropologische Ansatz

3. Die Goldhagen-Debatte in der Presse
3.1. Die Initiierung in der Presse
3.2. Die Ablehnung Goldhagens in der „FAZ“
3.3. Die Debatte in der Süddeutschen Zeitung
3.4. Die Debatte in der Neuen Zürcher Zeitung
3.5. Die „Presse“ aus Wien zur Goldhagen-Debatte

4. Fazit und abschließende Bemerkungen

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Einführung

Das Buch „Hitlers willige Vollstrecker - Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“ von Daniel Jonah Goldhagen führte besonders in Deutschland zu heftigen Kontroversen. Bereits vor seinem Erscheinen in deutscher Sprache löste die Dissertation Goldhagens, die im Frühjahr 1996 in New York herausgeben wurde, eine erregte Debatte aus. In Deutschland entsprach diese Debatte wie keine Geschichtsdebatte zuvor den Mediengesetzen.

Die Debatte war geprägt von Frontstellungen, überspitzten Formulierungen und Emotionen. Dabei kam es in bisher nicht gekannter Form zu einem Werben der Geschichtswissenschaft in den Medien um Öffentlichkeit, die Medien ihrerseits befriedigten ihr Skandalbedürfnis.[1] Initiiert hat die Mediendiskussion Volker Ulrich in der „Zeit“ vom 12.4. 1996 mit dem Titel: Die Deutschen - Hitlers willige Mordgesellen. Ein Buch provoziert einen neuen Historikerstreit: Waren die Deutschen alle schuldig? Mit Goldhagens Buch sah Ulrich den Auftakt für einen zweiten, einen noch schärferen Historikerstreit. Daniel J. Goldhagen „Hitlers willing Exekutioners“ sei einer der Provokationen, die mitten in große Debatten führen. Trotz aller Einwände, so Ulrich, handle es sich um ein diskussionswürdiges Buch.[2] Chronologisch fand die Goldhagen-Debatte in zwei Phasen statt: Die erste dauerte, initiiert von Volker Ulrichs Publikation, vom 12. 4.1996 bis Juni 1996. Die zweite Phase wurde ausgelöst durch das Erscheinen der deutschen Ausgabe und der anschließenden „Deutschland – Tournee“ Goldhagens und ging von August/September bis Oktober 1996.[3] In der ersten Phase war es aufgrund der Initiative der ZEIT möglich geworden, dass acht Historiker ihre Meinung über Goldhagen Ausdruck geben konnten. Dann hatte Goldhagen in der Serie der ZEIT Gelegenheit bekommen, seinen Kritikern zu antworten. Die Debatte endete schließlich mit der Antwort Mommsens auf die Ausführungen Goldhagens.[4] Daneben wurde die Debatte in der ersten Phase auch von Journalisten geführt. Jost Nolte in der „Welt“ führte aus, Goldhagen habe die Deutschen wieder in die Verderbnis ewiger Schuld zurückgestoßen.[5] Aber auch in der zweiten Welle der Debatte bestimmten Fachwissenschaftler die Diskussion. Bereits in den ersten Stellungnahmen wurden die gegensätzlichen Positionen deutlich. Die Reaktionen auf das Buch und die „Zeit-Initiative“ waren zunächst, d. h. bis Mitte April1996, eindeutig negativ. Exemplarisch für diese Reaktion sei der Artikel von Frank Schirrmacher in der FAZ genannt. Schirrmacher ordnete Goldhagens Werk in das Arsenal der Belehrungs- Selbstbezichtigungsliteratur der frühen fünfziger Jahre“[6] ein. Goldhagens Buch wurde Mitte/Ende April vollends zu einem Top-Thema der Medien. Mit Erich Böhmes „Talk im Turm“ (Sat1) am 28.4. 1996 übertrug sich die Debatte auch auf das Medium Fernsehen.[7]

Bei den untersuchten Zeitungsquellen zur Goldhagen-Debatte gilt es folgende Kriterien zu berücksichtigen: Bei den Medien muss zunächst deren Funktion dargelegt werden. Welche Absicht verfolgt der Autor mit diesem Artikel? Dabei muss festgestellt werden, dass im allgemeinen Fakten nie wertfrei, sondern stets in einem bestimmten Kontext dargestellt werden. Die Autoren selber sind Träger eines bestimmten Geschichtsbewusstseins und einer ideologischen Prägung, der so genannten „Tendenz“.[8] Anhand dieser erwähnten Kriterien einer Quelle muss untersucht werden, was in den Presseartikeln an Goldhagen sowohl inhaltlich als auch methodisch kritisiert wurde. Wird in den jeweiligen Artikeln die politische Grundeinstellung des Autors beziehungsweise der Zeitung deutlich erkennbar? Wirkt sich diese Grundeinstellung auf die Bewertung Goldhagens aus?

Goldhagen in der Bewertung der Forschung

Ausgelöst wurde die Kritik an Goldhagen in der Forschung vor allem durch die These Goldhagens, die bisherige Holocaust-Forschung habe den Charakter des Judenmordes nicht verstanden.[9] Sein Pauschalurteil über die Deutschen wirkte verletzend. Die Kernthese Goldhagens lautete nämlich, der „eliminatorische Antisemitismus“ sei im Laufe des 19. Jahrhunderts zum „nationalen Projekt“ der Deutschen geworden.[10] Zahlreiche Journalisten und Forscher kritisierten diese provokanten Urteile Goldhagens. Die Frontlinien in der Öffentlichkeit und Forschung waren schnell aufgebaut. Der Gegensatz zwischen den so genannten „Vergangenheitsbewältigern“ und der „kühlen Wissenschaft“ war klar ersichtlich. Teile der Wissenschaft gerieten dabei in den Ruch, einen „Schlussstrich“ unter die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen zu ziehen.

In den folgenden zwei Kapiteln wird die Arbeit Goldhagens vorgestellt. Dabei werden seine

Thesen erörtert und es wird versucht seine methodischen Ansätze zu beschreiben.

1. Die Thesen Goldhagens

1.1 Eine neue Sichtweise des Antisemitismus

In Teil I im ersten Kapitel seines Buches beschreibt er die Formen und den Wandel des Antisemitismus in Europa. Der Antisemitismus, den es zu allen Zeiten gegeben habe, sei zunächst vor allem religiös motiviert gewesen. Der christlich begründete Judenhass speiste sich aus zwei Hauptargumenten. Zum einen zogen die Juden den Hass der Christen auf sich, weil sie Christus als Messias ablehnten. Zum anderen galten die Juden für die Christen als das Volk der Jesusmörder. Einer der Hauptthesen Goldhagens lautet, dass sich dieser christlich motivierte Judenhass in Form des Antisemitismus in Europa gehalten habe.[11] Im neunzehnten Jahrhundert ließe sich überall in Europa feststellen, dass der mittelalterlich religiös bestimmte Antisemitismus sich zu einem neuen säkularen rassischen Antisemitismus umformte.[12]

1.2. Die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland vor und während des Nationalsozialismus

Goldhagen beschreibt im zweiten und dritten Kapitel seines ersten Teiles den Wandel der Formen des Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit sei die deutsche Gesellschaft durch und durch antisemitisch gewesen. Die Juden standen als Sündenbocke für den Großteil aller Übel. Für das 19. Jahrhundert unterstellt Goldhagen den Deutschen, dass sie ein kognitives Modell zur Lösung der so genannten Judenfrage entwickelt hätten.[13] Die religiöse Form des Antisemitismus verlor zunehmend an Bedeutung. Vielmehr setzte sich die Überzeugung durch, dass die Juden eine eigene „Rasse“ seien.[14] Das kulturelle Modell über die Juden bestand aus drei Vorstellungen: „Der Jude war erstens anders als der Deutsche, er stand zweitens in unversöhnlichem Gegensatz zum Deutschen, und er war drittens nicht einfach anders, sondern bösartig und zersetzend. Ganz gleich, ob die Juden nun eine Religionsgemeinschaft, eine Nation, eine politische Gruppe oder eine Rasse waren: Der Jude galt in Deutschland immer als Fremdkörper.“[15] Diese Vorstellungen waren selbst unter den „Freunden“ der Juden, unter den Liberalen verbreitet. Auch Christian Wilhelm Dohm, der in seinem Buch: Über die bürgerliche Verbesserung der Juden von 1781 die Judenemanzipation forderte, ging von folgender Vorstellung aus. Dohm war zwar für die Emanzipation, forderte aber von den Juden gleichzeitig, dass sie sich nicht nur politisch, sondern auch moralisch erneuern müssten.[16] Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik habe sich ein „eliminatorischer Antisemitismus“ in der deutschen Gesellschaft entwickelt. Allerdings hätten die Juden in Deutschland bis 1933 unbehelligt in Deutschland leben können. Größere Ausschreitungen habe es nicht gegeben, da der Staat Ausschreitungen oder Pogrome in Deutschland nicht geduldet hätte.[17] Während der NS-Zeit habe ein grundlegender Wandel hinsichtlich der Juden stattgefunden. Nun wurde der rassisch begründete Antisemitismus zum Leitprinzip staatlicher Politik. Neben den schärfer werdenden Angriffen auf die Juden, Goldhagen erwähnt den Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933, bildete sich nach Meinung des Autors ein gesellschaftlicher Konsens darüber, den jüdischen Einfluss in Deutschland für immer zu beseitigen.[18] „Nun wurden die Juden so behandelt, wie es der oft formulierten Auffassung über sie entsprach, nämlich als fremde Eindringlinge im deutschen Gesellschaftskörper, die dessen Wohlergehen gefährdeten.“[19] Als die „Nürnberger Gesetze“ von den Nationalsozialisten erlassen wurden, reagierte die deutsche Bevölkerung äußerst positiv darauf. „In dem Augenblick, in dem die nationalsozialistische deutsche Religion kodifiziert wurde, zeigte die Regierung dem Volk gleichsam die Gesetzestafeln mit der eliminatorischen Offenbarung.“[20] Ein Wende- und gleichzeitig Höhepunkt des ungezügelten Terrors war die „Reichspogromnacht“. Auch hier wurde den Nationalsozialisten von deutscher Seite nicht widersprochen.[21] Goldhagen schlussfolgert aus diesem Verhalten, dass die Deutschen nicht nur zur NS-Zeit, sondern schon lange vorher tief verwurzelt antisemitisch dachten. Dieser Antisemitismus sei immanenter Bestandteil der deutschen Geschichte und Kultur gewesen. Im Nationalsozialismus entwickelte sich dieser Antisemitismus zum „eliminatorischen Antisemitismus“.

Im dritten Teil seiner Analyse nimmt Goldhagen die Täter des Holocausts in den Blick. Dabei stellt Goldhagen klar, dass nicht gesichtslose Institutionen und Strukturen den Holocaust verübten, sondern Individuen. In drei Teilanalysen untersucht er dabei exemplarisch ein Polizeibataillon, ein Arbeitslager für Juden sowie die Todesmärsche von Juden gen Westen nach Auflösung der Konzentrationslager am Ende des Krieges.

1.3. Die Polizeibataillone

Über Polizeiverbände, die Massenmorde verübten, gab es bisher nur einziges Werk. In Christopher Brownings Buch „Ganz normale Männer“, von 1992 beschäftigt sich der Autor mit vierzig solcher Bataillone.[22] Goldhagen führt dagegen exemplarisch ein einziges Polizeibataillon an, nämlich das Polizeibataillon 101. Goldhagen zu Folge sei dieses Bataillon in Polen an zahlreichen Massenmorden von Juden beteiligt gewesen. Der Autor behauptet, dass die Angehörigen dieser Polizeieinheit dabei ohne Ausnahme freiwillig an den Mordaktionen teilnahmen.[23] Auf einen Befehl Himmlers hin konnte man von den Kommandeuren von den Erschießungen freigestellt werden. Tatsächlich hätten aber nur wenige von diesem Recht Gebrauch gemacht.[24] Offensichtlich baten einige diese Männer um Freistellung. Dieses Gesuch akzeptierte man ohne weiteres.[25] Die Mehrheit der Männer machte aber freiwillig bei den Aktionen mit. „Dass jene, die Juden und auch jüdische Kinder umbrachten, dies freiwillig taten, geht aus alldem unmissverständlich hervor.“[26] Bei der Frage nach Herkunft der Männer hält Goldhagen fest, dass es sich bei den Angehörigen der Polizeieinheit um ganz gewöhnliche Deutsche handelte.[27] In der Regel seien sie überdurchschnittlich alt gewesen und für den Frontdienst nicht tauglich gewesen. Weiterhin kommt er zu dem Schluss, dass die Angehörigen des Bataillons nicht einmal besonders ideologisch beeinflusst seien.[28] Goldhagen stellt die These auf, dass es nicht die Indoktrination durch den Nationalsozialismus gewesen sei, die die Täter veranlasst hätte, die Juden zu ermorden. Vielmehr sei der „eliminatorische Antisemitismus“ die Antriebskraft „ganz gewöhnlicher Deutscher“ bei den Erschießungen gewesen.

1.4. Die Arbeitslager

Bei seiner Analyse über die Arbeitslager untersucht er das Verhalten der Täter in einem Frauenlager. Die Gefangenen wurden hier von Frauen bewacht. Goldhagen sieht keine Unterschiede im Verhalten der weiblichen Aufseherinnen zu ihren männlichen Kollegen. In der Frage der Herkunft der Täterinnen stellt Goldhagen auch hier fest, dass es sich bei den Frauen um ganz gewöhnliche Deutsche gehandelt habe. Wieder kommt Goldhagens Ansatz zum Tragen, dass die Frauen bereitwillig an der Bewachung der Jüdinnen teilgenommen hätten, weil sie von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ motiviert waren. Sie hielten ihr Handeln für gut und gerechtfertigt. „In ihren Zeugenaussagen nach dem Krieg äußern sie praktisch keinerlei Mitgefühl für die Opfer, selbst dann nicht, wenn einer von ihnen das brutale Tun eines anderen schildert.“[29]

[...]


[1] Vgl.: Michael Schneider: Die „Goldhagen- Debatte“: ein Historikerstreit in der Mediengesellschaft (Electronic ed.), 1997, S.2.

[2] Vgl.: Volker Ulrich: Hitlers willige Mordgesellen, erschienen in die „ZEIT“ vom 12.4.1996, S.1.

[3] Vgl.: Michael Schneider: ebd., S.3.

[4] Vgl.: Marion Gräfin Dönhoff: Warum Daniel J. Goldhagens Buch in die Irre führt, erschienen in die „ZEIT“ Ausgabe: 37/96.

[5] Vgl.: Jost Nolte: Sisyphos ist Deutscher; erschienen in die „Welt“ vom 16. 04.1996.

[6] Vgl.: Frank Schirrmacher: Hitlers Code. Holocaust aus faustischem Streben? Daniel J. Goldhagens Remythisierung der Deutschen, erschienen in der FAZ vom 15.4. 1996.

[7] Vgl.: Frank Schirrmacher: Starke Thesen viel zu leicht. Daniel J. Goldhagens Buch im Gespräch, erschienen in der FAZ vom 30.4. 1996.

[8] Vgl.: Hans-Werner Götz: Proseminar Mittelalter, S. 86.

[9] Vgl.: Daniel J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker, Einleitung S. 6. und S.15- 54.

[10] Vgl.: Daniel J. Goldhagen: ebd., S. 59.

[11] Vgl.: Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker, S. 62.

[12] Vgl.: ebd., S. 63.

[13] Vgl.: ebd., S. 107f.

[14] Vgl.: ebd., S. 77.

[15] ebd., S. 78.

[16] ebd., S. 79f.

[17] Vgl.: ebd., S. 98f.

[18] Vgl.: ebd., S. 118.

[19] ebd., S. 118.

[20] ebd., S. 127.

[21] Vgl.: ebd., S. 132.

[22] Christopher R. Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve- Bataillon 101 und die „Endlösung“ in Polen, 1993.

[23] Vgl.: Goldhagen: ebd., S. 258.

[24] Vgl.: ebd., S. 265.

[25] Vgl.: ebd., S. 263 f.

[26] ebd., S. 264.

[27] Vgl.: ebd., S. 246ff.

[28] Vgl.: ebd., S. 249.

[29] Goldhagen: ebd., S. 398.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Goldhagen in der Presse
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Der Nationalsozialismus als politischer Streitpunkt
Note
gut (2)
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V26195
ISBN (eBook)
9783638286084
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goldhagen, Presse, Nationalsozialismus, Streitpunkt
Arbeit zitieren
Markus Schubert (Autor), 2004, Goldhagen in der Presse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26195

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