Die historische Entwicklung der Kabbala vom Mittelalter bis in die Gegenwart


Hausarbeit, 2013

18 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprünge der Kabbala
2.1. Begriffsentwicklung
2.2. Der Sefer Jezira
2.3. Die deutschen Chassiden

3. Entstehung der Kabbala im Mittelalter
3.1. Der Bahir
3.2. Provence und Nordspanien

4. Der Sohar
4.1. Die Lehre der Sefirot
4.2. Das Schöpfungsverständnis
4.3. Die Rolle des Menschen innerhalb der Schöpfung

5. Die Kabbala in der Neuzeit
5.1. Safed als Zentrum kabbalistischer Erneuerung
5.2. Isaak Luria: lurianische Kabbala
5.3. Messianische Bewegung des Sabbatianismus
5.4. Chassidismus
5.5. Kabbala heute

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man heutzutage Internetseiten, die sich mit der kabbalistischen Lehre beschäftigen,zeigt sich ein unwahrscheinlich breites Spektrum an verschiedenen Ansichten. Kabbala wirdoftmals mit Begriffen wie Magie, Zauberei, Okkultismus oder Esoterik in Verbindunggebracht. Auf der anderen Seite wird versucht, die »authentische« Kabbala von einer falschverstandenen Lehre zu unterscheiden und die Kabbala als eine Wissenschaft darzustellen.Das »Bnei Baruch Kabbala Bildungs- und Forschungsinstitut«, eine nach eigener Aussage„globale Bildungseinrichtung mit Studenten in vielen Ländern und Hauptsitz in Israel“1,definiert »Kabbala« zum Beispiel folgendermaßen: „Kabbala ist eine alte Weisheit […]. Sieermöglicht uns den Sinn des Lebens zu verstehen, wofür wir erschaffen wurden und woherwir kommen.“2 Kabbala wird allerdings nicht nur als Weisheit verstanden, sondern auch alseine ernstzunehmende Wissenschaft: „Kabbala ist eine Wissenschaft, die Physik derallumfassenden Wirklichkeit. Sie ist eine Weisheit, welche die umfassende Wirklichkeitenthüllt, die normalerweise vor unseren Sinnen verborgen ist.“3 Darüber hinaus versucht dasInstitut auf allgemeine Irrtümer hinzuweisen und „die damit verbundenen üblichen Mythenüber Kabbala auszuräumen“4: „Kabbala befasst sich weder mit Magie noch mit irgendeineranderen Zauberei; Im Gegenteil, sie befasst sich mit einer pragmatischen Erforschung derWirklichkeit.“5

Es fällt auf, dass nach heutigem Verständnis der Zweck der kabbalistischen Lehre vor allemdarin besteht, existentielle Lebensfragen der Menschheit zu beantworten. Über die Definitionder Kabbala als eine Weisheit bzw. eine Wissenschaft wird versucht, sie als authentischeLehre zu legitimieren und sie gleichzeitig von einem magischen Verständnis abzugrenzen.Ziel dieser Arbeit ist es, die historische Entwicklung der Kabbala von ihren Ursprüngen imMittelalter bis in die heutige Zeit nachzuvollziehen. Ich werde dabei die wichtigstenGrundlinien nachzeichnen und eine Überblicksdarstellung geben. Dabei sollen bedeutsameStrömungen der jüdischen Mystik beschrieben und - soweit möglich - zueinander in Bezuggesetzt werden. Darüber hinaus stehen die zentralen Ideen der Kabbala im Vordergrund.Zu Anfang sollen die Ursprünge der Kabbala anhand der Begriffsentwicklung, des Sefer Jezira und der Bewegung der deutschen Chassiden kurz skizziert werden. Anschließend gehtes um die Entstehung der Kabbala - als ein theoretisches und praktisches System - im Mittelalter. Danach soll das zentrale Werk der Kabbala, der Sohar, näher beschrieben werden.Dabei stehen Themen wie die Lehre der zehn Sefirot, das Schöpfungsverständnis und dieRolle des Menschen innerhalb der Schöpfung im Vordergrund. Im Rahmen derWeiterentwicklung der Kabbala in der Neuzeit sollen die lurianische Kabbala, diemessianische Bewegung des Sabbatianismus und der Chassidismus miteinander in Beziehunggesetzt werden. Abschließend werde ich auf die Kabbala in der heutigen Zeit eingehen unddie Frage erörtern, ob und in wie weit sich das heutige Verständnis der Kabbala von dertraditionellen Lehre unterscheidet.

2. Ursprünge der Kabbala

2.1. Begriffsentwicklung

Kabbala bedeutet dem Wortstamm nach „empfangen“. Einerseits wird der Begriff im allgemeinen Sprachgebrauch als ein „einfaches weltliches Wort“6 genutzt, andererseits bezieht man ihn - in einem religiösen Kontext - auf Moses‘ Empfang der Thora am Berg Sinai. So erlangte der Begriff »Kabbala« „die spezifische Bedeutung einer heiligen Überlieferung göttlichen Ursprungs“7. Während man unter Mystik für gewöhnlich eine individuelle göttliche Erfahrung versteht, meint »Kabbala« „im hebräischen religiösen Vokabular […] dagegen eine nicht-individuelle religiöse Wahrheit, die nicht auf Erfahrung beruht, sondern durch Tradition empfangen wird.“8

Dieses Verständnis änderte sich im Mittelalter. Laut Joseph Dan behaupteten Gruppen jüdischer Esoteriker und Mystiker „im Besitz einer geheimen Überlieferung über die Bedeutung der Heiligen Schrift und anderer antiker Texte“9 zu sein. Im Mittelalter steht also das Verständnis der Kabbala als eine geheime Überlieferung im Vordergrund, die hauptsächlich mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wird.Im Zuge der weiteren Entwicklung kam es zu einer Ausweitung und Generalisierung des Begriffs: „Die Kabbala wurde […] zum Synonym für Mystik, Magie und Spiritualität“10. Während sich die Vorstellungen in der Neuzeit zunehmend vom ursprünglichen kulturellen Kontext entfernten, gibt es dennoch - wie in der Einleitung beschrieben - Gruppierungen, die die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs bewahren wollen und für das »richtige« Verständnis der Kabbala ein langjähriges Studium voraussetzen.

2.2. Der Sefer Jezira

Die Meinungen über den Sefer Jezira, das Buch der Schöpfung, gehen auseinander. Währendeinige Autoren wie Jeremy Rosen behaupten, das Buch sei „der wichtigste Text der frühenKabbala“11, der „die grundlegenden mystischen Ideen und Auffassungen der Bewegungenthalte“12, bestreiten andere Autoren wie Joseph Dan diese Behauptung. Dan geht vielmehrdavon aus, dass es sich bei dem Sefer Jezira „um eine kosmologische wissenschaftlicheAbhandlung“13 handle. Unklarheit besteht auch in Bezug auf das Entstehungsdatum desBuches. Die Vermutungen reichen vom 1. über das 3. und 4. bis hin zum 9. Jahrhundert n.Chr. Zudem gibt es viele verschiedene Fassungen des Textes. Gemeinsam ist ihnen laut Dander „vorwiegend naturwissenschaftliche Charakter“14. Obwohl keine spezifisch religiösenTerminologien verwendet würden, hätten die Redakteure der verschiedenen Fassungen undnachfolgende Kommentatoren versucht, „Elemente jüdischer Religiosität in den Text oder inihre Deutungen mit einzubeziehen“15. Aufgrund dieser Bedeutungsverschiebung gewann „dasWerk in der jüdischen Tradition eine zentrale Stellung“16 und wurde schließlich zu einer„Quelle verborgener göttlicher Weisheit“17.

Dem Sefer Jezira liegt die Annahme zugrunde, dass der Schöpfungsvorgang „durch die Kraftder Buchstaben des Alphabets bewirkt wurde“18. Die sogenannte Buchstabenmystik taucht inden wesentlichen Lehren der späteren Kabbala immer wieder auf. „Die Vorstellung, dasUniversum sei durch die Kraft der göttlichen Sprache geschaffen worden, entspricht antikerjüdischer Tradition.“19 Auch im Buch Genesis wird die Schöpfung der Welt als einsprachliches Geschehen gedeutet: Gott spricht und daraufhin geschehen bzw. entstehen seineSchöpfungswerke. „Die Idee der Harmonie, die sich aus dieser sprachlichen Kraft ergibt […],wurde von nachfolgenden jüdischen Denkern übernommen und gewann in der kabbalistischenWeltanschauung eine zentrale Bedeutung.“20

Der Sefer Jezira entstand, bevor man von einem kohärenten System der Kabbala sprechen kann. Dennoch enthält die zunächst wissenschaftlich ausgerichtete Abhandlung zentrale Ideen, die in der jüdischen Mystik im Allgemeinen eine wichtige Rolle spielen.

2.3. Die deutschen Chassiden

Die Chasside Aschekenas, die frommen Deutschen, legten laut Rosen „durch ihre Übungenund ihre Hingabe den Grundstein der praktischen Kabbala“21. Die Bewegung entstand infolgeheftiger Judenpogrome und -vertreibungen im 12. und 13. Jahrhundert. Geprägt von denVerfolgungs- und Vertreibungserfahrungen entwickelten die deutschen Chassiden „Bräucheund Praktiken, die Frömmigkeit, Besinnlichkeit und Ekstase stärkten“22. Vor diesemHintergrund ist es nicht verwunderlich, dass ihr Weltbild von einem tiefen Pessimismusdurchzogen war und sie „die Welt vor allem als eine Reihe von Prüfungen“23 betrachteten.Die Chasside Aschkenas waren grundsätzlich eine „extrem asketische Variante desJudentums“24. Geprägt waren sie von der Vorstellung des kommenden Messias. Infolgedessenlebten sie unter „strikter Selbstbeherrschung und -züchtigung“25. Auch der Sefer Chassidim,das Buch der Frommen, „betont nachdrücklich die Notwendigkeit eines frommen undgottgefälligen Lebens, um Erleuchtung und Nähe zu Gott zu erlangen.“26

3. Entstehung der Kabbala im Mittelalter

3.1. Das Sefer Bahir

Der Sefer Bahir, das Buch des Lichts, ist laut Dan eine der „frühesten Manifestationen derKabbala“27. Das Buch, das um 1185 in der Provence oder in Nordspanien verfasst wurde, isteine kurze Abhandlung, in der hauptsächlich biblische Verse erläutert werden. Beispielsweiseenthält die Abhandlung Aussagen über die Schöpfung, aber auch „zahlreiche Erörterungenüber die Buchstaben des Alphabets, ihre Gestalt und die Bedeutung ihrer Namen“28. Obwohldie Abhandlung keine kohärente und schlüssige Struktur besitze, werde das gesamte Werkhäufig Rabbi Nechunia zugeschrieben. Neben dem Talmud, dem Midrasch und andererjüdischer Literatur benutzten die Verfasser des Werks auch den Sefer Jezira als Quelle.29

Das Werk enthält einige Grundideen, die in der späteren Kabbala eine wichtige Rolle spielen.Darum wird der Sefer Bahir oft auch als das erste Werk der Kabbala bezeichnet. ZumBeispiel behandelt es als erste jüdische Schrift „die Vorstellung der Seelenwanderung - derunendlichen Reinkarnation oder Wiedergeburt ein und derselben Seele - auf positive Weise“30. Darüber hinaus besteht der bekannteste Teil aus einer „rätselhafte[n] Beschreibungder zehn göttlichen Kräfte, die gemeinsam die Sphäre des Göttlichen bilden“31. Diesegöttlichen Kräfte werden später als die zehn Sefirot bezeichnet. Wichtig ist in diesemZusammenhang auch die Vorstellung, dass die erste Kraft „weiblich und von den anderenneun getrennt“32 ist. Auch die „Darstellung der göttlichen Welt als Baum“33 findet sich in derspäteren kabbalistischen Lehre als entscheidendes Kriterium wieder. Die Darstellung der zehnSefirot als Lebensbaum wird in einem späteren Abschnitt ausführlich erläutert werden.Kennzeichnend für den Sefer Bahir ist darüber hinaus auch die dramatischere Beschreibungdes »Bösen« als in vergleichbaren Quellen aus der jüdischen Mystik. „Die Mächte des Bösenwerden als Finger der linken Hand Gottes beschrieben“34. Es lassen sich durchaus gnostischeEinflüsse erkennen; die dualistische Vorstellung von einer bösen Macht, die einer gutenMacht feindlich gegenübersteht komme hingegen erst in späteren Generationen auf.35

3.2. Provence und Nordspanien

„Im 12. Jahrhundert unternahmen Juden in Südfrankreich und Nordspanien den bewusstenVersuch, ein theoretisches und praktisches System zu errichten, das später als die Kabbalabekannt wurde.“36 Die Schule von Gerona, die von zwei Rabbis gegründet wurde, spielte inder Entwicklung der Kabbala als ein gedankliches System eine bedeutende Rolle. „In diesemKreis wurden die Lehren des Sefer Bahir und jene der provençalischen Kabbalisten zu einemkohärenten System vereint, das als Grundlage der mittelalterlichen Kabbala insgesamtdiente“37. Dan betont die Bedeutung dieser Schule für die weitere historische Entwicklung derKabbala und sieht den wichtigsten Ertrag der Autoren aus Gerona in der „These einerverborgenen kabbalistischen Bedeutungsebene der antiken religiösen Texte, der Bibel und desTalmud, die nur Gelehrte verstünden, die mit den Geheimnissen der kabbalistischen Traditionvertraut seien.“38

Es entwickelten sich zu dieser Zeit verschiedene weitere kabbalistische Kreise. „Der wichtigste Kreis war jener um Rabbi Moses de Leon in Nordspanien, aus dem das bedeutendste Werk der mittelalterlichen Kabbala - der Sohar - hervorging.“39

[...]


1 http://www.kabbalah.info/de/info/%C3%BCber-bnei-baruch/%C3%BCber-uns.

2 http://www.kabbalah.info/de/was-ist-kabbala/was-ist-kabbala.

3 http://de.kab.info/germankab/mythen--kabbala-was-ist-kabbala-175.

4 http://de.kab.info/germankab/mythen--kabbala-was-ist-kabbala-175.

5 http://de.kab.info/germankab/mythen--kabbala-was-ist-kabbala-175.

6 Dan, Yosef: Die Kabbala. Eine kleine Einführung, Stuttgart 2012, S.11.

7 Dan: a.a.O., S. 12.

8 Dan: a.a.O., S, 13.

9 Dan: a.a.O., S, 14.

10 Dan: a.a.O., S, 19.

11 Rosen, Jeremy: Geheimnisse der Kabbala. Texte und Symbole der jüdischen Mystik, Hildesheim 2010, S. 36.

12 Rosen: a.a.O., S. 36.

13 Dan: a.a.O., S. 32.

14 Dan: a.a.O., S. 36.

15 Dan: a.a.O., S. 36.

16 Dan: a.a.O., S. 36.

17 Dan: a.a.O., S. 36.

18 Dan: a.a.O., S. 32.

19 Dan: a.a.O., S. 35.

20 Dan: a.a.O., S. 35.

21 Rosen: a.a.O., S. 43.

22 Rosen: a.a.O., S. 12.

23 Dan: a.a.O., S. 37.

24 Rosen: a.a.O., S. 42.

25 Rosen: a.a.O., S. 43.

26 Rosen: a.a.O., S. 42f.

27 Dan: a.a.O., S. 38.

28 Dan: a.a.O., S. 39.

29 vgl. Dan: a.a.O., S. 38ff.

30 Dan: a.a.O., S. 40.

31 Dan: a.a.O., S. 39f.

32 Dan: a.a.O., S. 41.

33 Dan: a.a.O., S. 41.

34 Dan: a.a.O., S. 41.

35 vgl. Dan: a.a.O., S. 41.

36 Rosen: a.a.O., S. 46.

37 Dan: a.a.O., S. 48.

38 Dan: a.a.O., S. 48.

39 Dan: a.a.O., S. 50.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die historische Entwicklung der Kabbala vom Mittelalter bis in die Gegenwart
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
14
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V262632
ISBN (eBook)
9783656509127
ISBN (Buch)
9783656509806
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kabbala, Jüdische Mystik, Mystik, Mittelalter, Sohar, Isaak Luria, Sabbatianismus, Chassidismus
Arbeit zitieren
Linda Lau (Autor), 2013, Die historische Entwicklung der Kabbala vom Mittelalter bis in die Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262632

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