Francis Bacon und René Descartes. Irrtumslehren im Vergleich


Essay, 2013

9 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Irrtumslehre von Bacon

3. Die Irrtumslehre von Descartes

4. Fazit und kritische Würdigung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das ehrgeizige Projekt, die Philosophie auf ein neues Fundament zu stellen, sie von bisherigen Irrtümern, Verfälschungen und Fehlerquellen befreien zu wollen und ihr eine reine, d.h. von Trugschlüssen freie Grundlegung zu geben, ist mindestens so alt wie die Philosophie selbst. Verbunden mit diesem ambitionierten Unterfangen sind so bedeutende Namen wie Bacon, Descartes und Hume, aber auch Kant, Heidegger oder Carnap, um nur einige zu nennen.

Die vorliegende Arbeit nimmt es sich zum Ziel, mit den Werken René Descartes’ und Francis Bacons das Schaffen zweier Denker zu untersuchen, deren besonderes Anliegen es war, ihre wissenschaftlichen Bestrebungen auf den Pfeilern einer zweifels-, vorurteils- und irrtumsfreien Erkenntnis zu errichten. Sowohl Descartes (1596-1650) als auch Bacon (1561-1626) stehen am Anfang des neuzeitlichen Denkens, das sich allein der wissenschaftlichen Methode verpflichtet sieht und die engen Fesseln der dogmatischen Scholastik der mittelalterlichen Philosophie zu sprengen sucht. In ihren Werken – Bacon in seinem Novum Organum von 1620 [1], Descartes in seinen Meditationes de prima philosophia von 1641 [2] – entwickeln beide unabhängig voneinander eine Irrtumslehre, die die Ursprünge und Erscheinungsformen menschlicher Vorurteile und Fehlerquellen zu ergründen sucht. Während Bacon eine Lehre von vier primären Irrtumsquellen – die sogenannte Idolenlehre – entwirft, auf die alle existierenden Vorurteile und Missverständnisse zurückzuführen seien, entwickelt Descartes zur Auffindung der richtigen, wahren Erkenntnis das Instrument des methodischen Zweifels, um einen Anfang zu schaffen, von dem aus die Erlangung gesicherten Wissens überhaupt erst möglich erscheint.

Zur Vorgehensweise dieser Arbeit: In einem ersten Schritt werden die Irrtumsanalysen der beiden in Rede stehenden Denker – beginnend mit Bacon – im bescheidenen Rahmen dieser Ausarbeitung erläutert. Dabei werden auch die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Überlegungen sichtbar gemacht. Den Schlusspunkt bildet schließlich eine kritische Würdigung beider Philosophen, wobei die jeweiligen Stärken und Schwächen der einzelnen Positionen herausgearbeitet werden sollen.

2. Die Irrtumslehre von Bacon

Die Lehre von den Idolen bildet den Kern von Bacons Vorurteilslehre und stellt den Versuch dar, zu ergründen, warum der menschliche Geist unentwegt dem Irrtum anheimfällt. Die Idole sind für Bacon die „leeren Bestimmungen“ [3], die er von den „Ideen des göttlichen Geistes“ [4], also von „den wahren Kennzeichen und Merkmalen, wie sie an den Schöpfungswerken in der Natur aufgefunden werden“ [5], abgrenzt. Er entwirft hernach eine Typologie von vier Idolen, die den Menschen von der richtigen Erkenntnis der Dinge abhalten. Die vier Idole sind: 1. die Idole des Stammes, 2. die Idole der Höhle, 3. die Idole des Marktes und 4. die Idole des Theaters.

Die Idole des Stammes ( Idola Tribus) liegen „in der menschlichen Natur selbst, im Stamme selbst oder in der Gattung der Menschen begründet“ [6]. Diese Trugbilder entstammen also dem Wesen des Menschen:

Zum Beispiel neigt der menschliche Geist dazu, in den Dingen einen größeren Grad von Ordnung und Regelmäßigkeit anzunehmen, als wirklich darin ist. Haben wir einen Satz ferner erst einmal […] angenommen, so blicken wir gern auf alle Tatsachen, die ihn bestätigen, und übersehen ebenso gern, was dagegen spricht. [7]

Die Idole der Höhle ( Idola Specus), so benannt nach dem platonischen Höhlengleichnis, wiederum sind Vorurteile, „die aus der besonderen Veranlagung, Erziehung, Einstellung und jeweiligen Lage des einzelnen Menschen entspringen. Es sind ihrer mindestens so viele, wie es Individuen gibt“ [8].

An dritter Stelle in der Typologie stehen die Idole des Marktes ( Idola Fori), womit „vor allem die Verzerrungen durch die menschliche Sprache gemeint“ [9] sind:

„Verkehrte Worte haben sich in die Sprache, durch die die Menschen miteinander verbunden sind, eingeschlichen. Wörter, die entweder gar

nicht existierende Dinge bezeichnen […] oder wirkliche Dinge nur verworren, nur unbestimmt benennen […] “ [10].

Die letzte Art von Idolen bilden die Idole des Theaters ( Idola Theatri), also die „Irrtümer der philosophischen Schulen sowie die Gefahren, die aus der Vermischung von Religion und Philosophie kommen können“ [11]:

Sie stammen aus den überkommenen […] Lehrsätzen der Philosophen […], in denen man oft die Wirklichkeit zu erfassen glaubte, während sie doch eher bloßen erfundenen Theaterstücken gleichen. [12]

„ein gar schwaches und irrtumgebundenes Ding“ [13] nennt Bacon die Sinne und kommt, nachdem er die Typologie der vier Idole aufgestellt hat, auf die Ursachen für die „beschränkte[n] Unzulänglichkeit“ [14] der Sinne zu sprechen. So widmet er sich einer genaueren Analyse der vier Idole, wenn er ihren Ursprüngen auf den Grund geht. Den Ursprung der Idole des Stammes etwa sieht er in „der Gleichheit der Substanz des menschlichen Geistes“ [15], dessen „Voreingenommenheit“ [16] und „Beschränktheit“ [17] etc., während er die Idole der Höhle auf die „seelische[n] und körperliche[n] Eigenart eines jeden“ [18] sowie auf „Erziehung“ [19], „Gewohnheit“ [20] usw. zurückführt. Die Idole des Theaters wiederum nennt Bacon despektierlich „aus den Fabeln der Theorien und den verkehrten Gesetzen der Beweisführungen“ [21] stammend und kündigt an, sich mit ihrer Widerlegung nicht weiter auseinanderzusetzen, da sie ohnehin von gänzlich anderen wissenschaftstheoretischen Prämissen („bezüglich der Grundlagen noch der Beweisführung“ [22]) ausgingen.

Um gute Wissenschaft betreiben und sorgfältig experimentieren zu können, rät Bacon u.a. zur „Aufstellung der Begriffe und Sätze durch wahre Induktion“[23].

[...]


[1]Bacon, Francis: Neues Organon. Teilbd. 1. Lat./dt.. Hg. u. mit einer Einl. v. Wolfgang Krohn. 2 Teilbde. Hamburg: Meiner, 1990 (Philosophische Bibliothek, Bde. 400a u. 400b).

[2]Descartes, René: Meditationen über die Grundlagen der Philosophie mit den sämtlichen Einwänden und Erwiderungen. Übers. u. hg. v. Artur Buchenau. Hamburg: Meiner, 1994 (Philosophische Bibliothek, Bd. 27).

[3] Bacon, a.a.O., S. 91. Aphorismus (= Aph.) 23.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Bacon, a.a.O., S. 101. Aph. 41.

[7]Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 13., überarbeitete Aufl. Frankfurt/Main: Fischer, 1987. S. 305.

[8] Störig, a.a.O., S. 306.

[9]Helferich, Chrisoph: Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken. Mit einem Beitrag von Peter Christan Lang. 6. Aufl. 2005. München: dtv. S. 154.

[10]Spierling, Volker: Kleine Geschichte der Philosophie. Große Denker von der Antike bis zur Gegenwart. Erweiterte Neuausgabe. München: Piper, 1990, 2004. S. 163.

[11] Helferich, a.a.O., 154.

[12] Störig, a.a.O., S. 306.

[13] Bacon, a.a.O., S. 113. Aph. 50.

[14] Ebd.

[15] Bacon, a.a.O., S. 115. Aph. 52

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd. Aph. 53.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Bacon, a.a.O., S. 125. Aph. 61.

[22] Ebd.

[23] Bacon, a.a.O., S. 101. Aph. 40.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Francis Bacon und René Descartes. Irrtumslehren im Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Alles nur Vorurteil? - Vorurteilstheorien seit der Neuzeit
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
9
Katalognummer
V262667
ISBN (eBook)
9783656511168
ISBN (Buch)
9783656510628
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
francis, bacon, rené, descartes, irrtumslehren, vergleich
Arbeit zitieren
Kim Schlotmann (Autor), 2013, Francis Bacon und René Descartes. Irrtumslehren im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/262667

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