Sprachwandel. Ein Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
18 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Umfassende Definition von „Sprachwandel“

3. Sprachwandel versus Veränderung und Entwicklung

4. Sprachwandel – ein besonderes Phänomen

5. Sprachwandel und Sprachvariation

6. Theorien zum Sprachwandel

7. Veränderungen auf verschiedenen sprachlichen Ebenen
7.1. Lautwandel
7.2. Morphologischer Wandel
7.3. Syntaktischer Wandel
7.4. Semantischer Wandel
7.5. Sprachwandel durch Sprachkontakt

8. Ursachen und Gründe für Sprachwandel.

9. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Sprachen wachsen nicht wie Bäume. Sie funktionieren nicht wie Maschinen. Sprachen sind feinstrukturierte Sozialgebilde, die ihren Ort im Bewusstsein vieler Sprecher haben und sich nach den wechselnden Bewusstseinszuständen dieser Sprache unaufhörlich verändern. Ob zum Besseren oder Schlechteren, das hängt von vielen Umständen ab.[1]

Die beobachtbaren Veränderungen einer Sprache sind Gegenstand der historischen Sprachwissenschaft. Sprachwandel ist der Prozess der Veränderung von Sprachelementen in der Zeit. Ähnliche Begriffe sind Entwicklung und Veränderung, die in früheren Arbeiten noch an Stelle von Sprachwandel verwendet wurden. Dass sprachlicher Wandel ein ganz besonderes Phänomen ist, zeigt die Tatsache, dass sich jede Sprache in jedem Augenblick ändert, der Sprecher aber nie das Gefühl bekommt, dass die Sprache, die ihn umgibt, nicht dieselbe bleibt. Sprachwandel hängt sehr eng mit Sprachvariation zusammen, das heißt Veränderungen kommen unter anderem durch den Einfluss unterschiedlicher Varietäten zustande. Zahlreiche geschlossene und miteinander konkurrierende Theorien wurden bereits aufgestellt, welche die Entstehung bzw. Ausdifferenzierung von Einzelsprachen zu erklären versuchen. Sprachwandel vollzieht sich auf sämtlichen sprachlichen Ebenen, wie der Phonologie, der Morphologie, der Syntax, der Semantik und zu Guter letzt entsteht sprachlicher Wandel auch durch Sprachkontakt. Nach Ursachen und Gründen für Veränderungen in der Sprache wird immer wieder aufs Neue gesucht. Trotz allem ist es nicht möglich, Sprachwandel genau anzugeben, da er nicht mit Sicherheit und eindeutig vorhergesagt werden kann.

2. Umfassende Definition von „Sprachwandel“

Mit dem Wandel in der Sprache befasst sich die Historische Sprachwissenschaft, zu der allerdings viele Bereiche der deskriptiven und theoretischen Sprachwissenschaft beigetragen haben. Vor allem strukturalistische und generative Theorien spielen dabei eine Rolle. Wichtige Begriffe der Historischen Sprachwissenschaft sind neben Sprachwandel auch Sprachgeschichte[2], Synchronie und Diachronie[3] sowie Rekonstruktion[4].

Beim Sprachwandel handelt es sich also um einen Untersuchungsgegenstand der Historischen Sprachwissenschaft. Die englischen Begriffe lauten linguistic change, language change, changement linguistique[5]. Der sprachliche Wandel wird als Prozess der Veränderung von Sprachelementen in der Zeit gesehen[6]. Oder anders gesagt, Sprachwandel verändert die Eigenschaften sprachlicher Zeichen. Als Sprachwandel bezeichnet man die natürlichen Vorgänge, die jede Sprache, auch ohne äußere Einflüsse, davonträgt. Denn jede Sprache verändert sich ständig allein durch ihren Gebrauch. Sprachwandel vollzieht sich auf allen sprachlichen Ebenen, das heißt genauer im Bereich der Phonologie, der Morphologie, der Syntax und der Semantik. An den unterschiedlichsten Orten im Sprachvariationsraum kann sich durch den Wandel in der Sprache einiges ändern, wie beispielsweise die Strukturen auf Wort-, Satz- oder Textebene, usw. Es können sich die Bedeutungen und Sprachgebrauchskonventionen auf den verschiedenen Ebenen wandeln, die Aussprachen oder die Orthographie, Interpunktion, sowie die Umbruch- und Seitengestaltungskonventionen.

3. Sprachwandel versus Veränderung und Entwicklung

Der Begriff Sprachwandel findet sich bereits um 1950 bei Hugo Moser und Walter Porzig. Früher wurde nur allgemein von „Veränderungen des Sprachusus[7] [8] “ oder „Entwicklungsvorgängen[9] “ gesprochen.

Veränderung besagt lediglich, dass „sich ein Gegenstand in der Zeit nicht gleich bleibt, d.h. ihm zu verschiedenen Zeiten verschiedene Eigenschaften zukommen[10] “. Der Begriff wird oft mit Evolution gleichgesetzt und umfasst beobachtbare Oberflächenphänomene. Veränderungen können aber nicht erklärt, sondern nur nach Art und Zahl festgestellt werden. Es handelt sich also um eine quantitative Kategorie, die dem dynamischen Charakter von Sprache nicht gerecht wird.

Mit dem Begriff der Entwicklung wird die Vorstellung von einem kontinuierlichen, zielgerichteten Ablauf und dessen Wertung verbunden. In diesem Fall sprechen wir über eine teleologische Kategorie, die ganz bestimmte Regulative, das heißt Entwicklungsgesetze, Einteilungen bzw. Entwicklungsstufen und Deutungen wie beispielsweise Sprachzerfall oder Sprachdifferenzierung impliziert.

Als Sprachwandel bezeichnet man schließlich die schon geordnete „Vielfalt der ständig verlaufenden Prozesse der Umgestaltung, des Verlusts und der Neubildung sprachlicher Elemente[11] “. Vorausgesetzt werden muss hier der dynamisch-veränderbare Charakter der Sprache, die Kontinuität in einem gleich bleibenden Grundbestand wie zum Beispiel der Wortschatz, die Interpretationsoffenheit einzelner Phänomene, sowie eine funktionelle Annahme bei der Erklärung von Veränderungen. Beim Sprachwandel handelt es sich um eine pragmatische Kategorie, die metaphysische Deutungen ausschließt und das Forschungsinteresse verlagert auf Bedingungen und Faktoren von Veränderungsprozessen.

4. Sprachwandel – ein besonderes Phänomen

Wie wir inzwischen wissen, lässt sich sprachlicher Wandel auf allen sprachlichen Beschreibungsebenen, die auf den Gebieten der Semantik, der Morphologie, der Phonologie und der Syntax, feststellen. Neue Phoneme, Moneme, Wörter, Konstruktionen treten auf, alte Einheiten, Ausdrücke und Wendungen verlieren an Häufigkeit und geraten in Vergessenheit, das gesamte Spektrum der Verwendungsweisen eines Ausdrucks verändert sich im Laufe der Zeit.

Es ist eine Tatsache, dass sich jede Sprache ständig in Entwicklung befindet. Die Wandelbarkeit gehört zu den Universalien der Sprache, Sprachwandel ist also eine universale Eigenschaft der Sprache. Sprache ohne ständige Wandlungsprozesse ist undenkbar. Man kann also sagen, dass sprachliche Veränderung mehr oder weniger automatisch entsteht. Es ist ein unbeabsichtigter Nebeneffekt menschlicher Kommunikation, da wir Menschen durch unsere Kommunikation Sprachwandel erzeugen. Alle lebenden Sprachen unterliegen also einem beständigen Wandel. Dieser Wandel vollzieht sich aber nicht von einem Tag auf den anderen, sondern im Verlaufe der Zeit, denn die sprachlichen Folgen eines Wandels in der Gesellschaft wirken sich erst über einen längeren Zeitraum hinweg aus. Sie geraten mit den Neuerungen in Konflikt, zu denen spätere Stufen in der Entwicklung in der Gesellschaft führen. Die sprachlichen Folgen gehen mit den Neuerungen notgedrungen eine Form des erträglichen Zusammenlebens ein. Diese Form eines erträglichen Zusammenseins ist die Struktur der Sprache, in jedem Moment ihrer Entwicklung[12].

Am deutlichsten zeigt sich Sprachwandel wohl an der geschriebenen Sprache. Sieht man sich einen Text aus einer früheren Epoche in der Geschichte der deutschen Sprache ansieht, wie zum Beispiel einen mittelhochdeutschen Text, so stellt man überrascht fest, dass immer noch sehr vieles verstanden werden kann. Es ist sogar möglich, einen großen Teil der Bedeutung zu erschließen, wenn Übersetzungen und Erklärungen zu einzelnen Wörtern oder Phrasen zu Hilfe genommen werden. Bei älteren Texten, wie beispielsweise Texte aus dem Althochdeutschen, kann deren Bedeutung nicht mehr ganz so einfach erfasst werden und man ist auf eine vollständige Übersetzung des Textes in eine ältere Sprache, wie zum Beispiel dem Neuhochdeutschen angewiesen. Schließlich kann man in der Zeit sogar so weit zurückgehen, dass keinerlei schriftliche Zeugnisse mehr überliefert sind, die Aufschluss über die Sprache zu der entsprechenden Zeitepoche geben könnte. Dann kommt uns die Historische Sprachwissenschaft zu Hilfe und versucht die ersten und frühesten Vorläufer einer Sprachgruppe zu rekonstruieren[13], wie beispielsweise Urgermanisch, das der Urahn aller germanischen Sprachen ist oder Urindoeuropäisch, der Vorläufer aller Sprachen, die von Indien bis Westeuropa gesprochen werden[14].

Interessant ist die Tatsache, dass sich jede Sprache in jedem Augenblick ändert, der Sprecher aber nie das Gefühl bekommt, dass die Sprache, die ihn umgibt, die man um ihn herum gebraucht, nicht dieselbe bleibt. Niemand hat je den Eindruck, dass seine eigene Sprache sich zu seinen Lebzeiten groß wandelt oder dass die verschiedenen nebeneinander lebenden Generationen sich nicht auf einheitliche Weise ausdrücken. Am wenigsten sichtbar ist der gerade stattfindende Wandel.

„Vielleicht erscheint uns dieses oder jenes Wort oder dieser oder jener Vokal der Großeltern etwas »seltsam«, einen Wandel des Wortschatzes oder des Lautsystems erkennen wir darin so schnell nicht. Umgekehrt findet jede ältere Generation die Sprache der jüngeren »ungehörig«.[15]

Der Sprecher wird von der Unveränderlichkeit und Einheitlichkeit der Sprachform, derer sie sich bedienen durch mehrere Faktoren überzeugt. Genannt werden sollte hier die Beständigkeit der schriftlichen Form, der Konservatismus der offiziellen und literarischen Sprache, die Unfähigkeit, sich zu erinnern, wie man vor zehn oder zwanzig Jahren gesprochen hat sowie das Ignorieren jeglicher Abweichung, durch die das Verstehen beeinträchtigt werden könnte, das heißt man vergisst Abweichungen oder man befasst sich erst gar nicht damit[16].

[...]


[1] Weinrich, Harald: Wege der Sprachkultur. Stuttgart 1985, S. 7

[2] Sprachgeschichte befasst sich mit der systematischen Beschreibung von der Gesamtheit aller sprachlichen Veränderungen in der Zeit. Äußere Fakten wie politische Geschichte oder gesellschaftlicher Wandel werden mit einbezogen.

[3] Hierbei handelt es sich um eine methodisch wichtige Unterscheidung für die Auffassung und Untersuchung von Sprache als geschlossenem Zeichensystem. Die synchrone Sprachbeschreibung bezieht sich auf einen zeitlich fixierten Zustand, die Diachronie betrachtet die Veränderung eines Sprachzustandes in unterschiedlichen Zeitintervallen.

[4] Die Rekonstruktion ist ein Verfahren zur Ermittlung älterer, schriftlich nicht ausreichend belegter Sprachstufen.

[5] Vgl. Lewandowski, Theodor: Linguistisches Wörterbuch 3. Heidelberg 1985, S. 1027

[6] Vgl. Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1990, S. 721

[7] Vgl. Wolff, Gerhart: Deutsche Sprachgeschichte - Ein Studienbuch. Tübingen 1999, S. 28-32

[8] Paul, Hermann: Prinzipien der Sprachgeschichte. Tübingen 1968, S. 32

[9] Saussure, Ferdinand de: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. Berlin 1967, S. 23

[10] Boretzky, Norbert: Einführung in die historische Linguistik. Hamburg 1977, S. 28

[11] Lewandowski 1985, S. 1027

[12] Vgl. Martinet, André: Grundzüge der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Stuttgart 1963, S. 163

[13] Solchen Rekonstruktionen liegt das so genannte Regelmäßigkeitsprinzip zugrunde. Nach diesem Prinzip tritt Sprachwandel in allen Fällen auf, in denen ganz bestimmte Bedingungen für diesen Wandel bestimmt sind.

[14] Vgl. Pörings, Ralf und Schmitz, Ulrich (Hrg.): Sprache und Sprachwissenschaft. Tübingen 1999, S. 211

[15] Fischer, Steven Roger: Eine kleine Geschichte der Sprache. Frankfurt am Main 2001, S. 181

[16] Vgl. Martinet 1963, S. 160

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Sprachwandel. Ein Überblick
Hochschule
Universität Konstanz  (Sprachwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Einführung in die deutsche Sprachgeschichte
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V26286
ISBN (eBook)
9783638286749
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwandel, Hauptseminar, Einführung, Sprachgeschichte
Arbeit zitieren
Magister Artium Nicole Boldt (Autor), 2004, Sprachwandel. Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26286

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