Eine Analyse sozialkritischer Elemente in BLU's Street Art & Animation "MUTO"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Street Art: Herkunft und Bedeutung

3. BLU: Der Künstler

4. Gesellschaftskritik in BLU‘s Wandmalerei

5. MUTO: Analyse der Animation

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Abbildungsverzeichnis
7.2. Einstellungsprotokoll
7.3. Literaturverzeichnis
7.4. Bildquellenverzeichnis

1. Einleitung

„ I began to love the animations of blu, although they are sick, and creepy, but you always can get some things from them. The chaos world, things always change, advanced, but the consumerism, a vacuum in our life, everyone is hypo critical, THIS NEVER CHANGED!! ” (Doublecheat)1

BLU ist Phänomen und Phantom zugleich. Nur wenig ist über Arbeit und künstle- rische Motivation des „Street Art“-Künstlers bekannt, vieles ist Mutmaßung. Die- se Hausarbeit widmet sich einem Künstler der schwer zu fassen ist, da er aus- schließlich über seine Werke mit der Öffentlichkeit in Verbindung tritt. Anhand einer Analyse seiner Animation „MUTO“ aus dem Jahre 2008 sollen mögliche sozialkritische Botschaften herausgearbeitet und ein Anhaltspunkt geschaffen werden, der hilft den Künstler und auch das Kunstfeld „Street Art“ besser zu ver- stehen. Hierzu scheint es von Nöten zuerst den Begriff „Street Art“ zu definieren. Um den Künstler und seine Arbeit kunsthistorisch fassbar zu machen, werden in Punkt 3 (BLU: Der Künstler) und 4 (Gesellschaftskritik in BLUs Wandmalerei) Einblicke in die wenigen Informationen zur Biographie und in mögliche sozialkri- tische Aspekte seiner Wandmalerei gegeben. Punkt 5 (MUTO: Analyse der Ani- mation) widmet sich der Analyse von Schlüsselmotiven/-sequenzen der Animati- on. Nach einer kurzen Beschreibung der Hintergründe zur Entstehung des Videos werden diese Motive mit Hilfe eines Einstellungsprotokolls (siehe Anhang 7.2. Einstellungsprotokoll) herausgearbeitet und beschrieben. Im Versuch einer asso- ziativen Deutung der Motive wird das sozialkritische Potenzial der Animation in Augenschein genommen. Im abschließenden Fazit werden die gewonnenen Er- kenntnisse reflektiert und in Bezug auf BLU‘s Wandmalerei und „Street Art“ im Allgemeinen betrachtet.

2. Street Art: Herkunft und Bedeutung

„Street Art“ ist ein weitläufiger Begriff, der viele legale und illegale Interventio- nen im urbanen Raum zu umfassen scheint. Betrachtet man lediglich seinen Wortsinn (Straßenkunst), so würde sein Aktionsspektrum von Straßenkünstlern die Gemälde mit Kreidestiften auf den Boden malen, über Graffiti aus Farbsprüh- dosen, bis hin zu Objektkunst im öffentlichen Raum reichen (welche nicht selten kommunal gefördert wird).2 All diese Aktionen hätten den Spielraum der Straße gemein, welche gleichsam als Austragungsort und Medium fungiert. In dieser Ar- beit wird „Street Art“ jedoch auf die weitgehend inoffiziellen Interventionen im öffentlichen Raum bezogen, welche Daniela Krause und Christian Heinicke mit der „ [ … ] >>inoffiziellen<< Besetzung durch Zeichen und Codes auf den Ober- flächen des urbanen Raums (mit Ausnahme klassischer Graffiti) “ 3 bezeichnen. Graffiti gilt als Vorreiter der relativ jungen „Street Art“-Bewegung und grenzt sich in einigen Punkten von „Street Art“ ab. Ausgehend von New York entstand gegen Ende der 60er Jahre eine Kunst, bei der die Städte massenhaft mit Tags/Kürzeln & Pseudonymen von Künstlern und Banden übersäht wurden.4 Aus der ursprünglichen Arbeitsweise mit Markern und Sprühdosen entwickelten sich schnell neue Formen wie der Gebrauch von Schablonen, welcher 1971 in dem französischen Künstler BLECK (LE RAT) seinen Vorreiter fand. Mit Aufklebern und Plakaten/Cut-Outs erweiterte SHEPART FAIREY 1989 die bisher praktizier- ten Techniken. In seiner OBEY-Kampagne stand die Verbreitung (getting-up) und somit die Reproduzierbarkeit seiner Arbeit im Mittelpunkt. Hier scheinen auch die Anfänge der „Street Art“ zu liegen, die mit BANKSYs kommerzieller Gale- riekunst ihren Höhepunkt erreicht.5 Betrachtet man ausschließlich die Techniken, so lässt sich keine trennscharfe Unterscheidung zwischen Graffiti und „Street Art“ herstellen. Viele der heutigen „Street Art“-Künstler kommen aus der Graffiti Sze- ne und beziehen sich in ihren Arbeiten immer wieder auf ebendiese.6 Die augen- scheinlichste Abgrenzung liegt in dem Fakt, dass es in mehreren Ansätzen nicht gelang klassische Graffiti auf dem Kunstmarkt zu etablieren.7 Um diese Kunst als solche zu begreifen bedingte es der Erklärung von Absichten und Motivationen der Künstler. Diese konnten viele der Graffiti Künstler aufgrund mangelnder Bil- dung nicht leisten.8 Auch aufgrund ihrer Affinität zu bereits auf dem Kunstmarkt etablierten Kunstformen wie Landart, Pop-Art und Kunst im öffentlichen Raum setzte sich „Street Art“ gegenüber ihrem Vorreiter Graffiti auf dem Kunstmarkt durch.9 Ein zentraler Bestandteil von „Street Art“ ist die Ausrichtung an Werbung und Gesellschaft, auf welche die Künstler reagieren. Ihre Gesten seien gratis aber effektiv lässt SPACEINVADER aus Paris im Backjumps-Magazin (Nr.003, Dez. 2001) verlauten, sie deregulieren und resistieren.10 Diese Kunst taucht da auf, wo man sie nicht erwartet und wiederstrebt der Regulierung durch öffentliche Ein- richtungen. Sie arbeitet eher mit Bildern statt Buchstaben und erweitert somit ih- ren Interpretationsspielraum. Durch Witterung und Entfernung ist sie in ihrer Le- bensdauer und Haltbarkeit stark eingeschränkt.11 Dennoch erobert sie in rasantem Ausmaß den Stadtraum und macht vor kaum einem Medium halt. „ Street Art, Post Graf, Urban Art- call it what you like [ … ] “ 12, ist schlussendlich ein medial gebräuchlicher und dennoch umstrittener Kunstbegriff, der zwischen Vandalismus und Kommerz schwankt, und dessen immanenter Antrieb (nach D-FACE) das hinterlassen des eigenen Fußabdruckes ist.13

3. BLU: Der Künstler

BLU ist ein „Street Art“-Künstler aus Bologna, Italien.14 BLU, unter diesem Pseudonym verbirgt er erfolgreich seine wahre Identität (Abb.1), was ihn befähigt unerkannt im öffentlichen Raum zu agieren. Beginnend mit dem Jahr 2000 do kumentiert er eigene Wandmalereien und Animationen in einem virtuellen „SKETCH NOTE-BOOK“ auf seiner Homepage www.blublu.org.15 Hier veröf- fentlicht er auch Teile seiner Skizzenbücher in digitalisierter Form und gibt somit Einblicke in verschiedene Prozesse seiner Arbeitsweise. Die wöchentlich bis mo- natlich entstehenden Hefte gelten zugleich als Inspirationsquelle und Tagebuch.16 Sein unverkennbarer, individueller Stil aus surrealen, meist transformativen Figu- ren mit menschlichen Zügen erinnert an Comicfiguren. Kräftige schwarze Out- lines und eine reduzierte Ausmahlung unterstützen diesen Effekt. Meist verzichtet er in seinen Skizzen jedoch vollends auf den Einsatz von Farbe. Die Hefte setzen sich mal aus Bildern und Bilderstrecken ohne Worte zusammen, mal sind es de- taillierte Reiseberichte (Abb.2 und Abb.4).17 BLU‘s eigentliches Medium ist die Wandmalerei, sowie eine multimediale Kombination aus Wandmalerei und Ani- mation. Spätestens seit dem Jahr 2001 beginnt er mit digitaler Animation. Zu die- sem Zeitpunkt animiert er ein Video zu Musik der Band OK-NO.18 Bis zum Jahr 2013 produziert BLU zehn Animationsfilme, fünf davon in Kombination mit Wandmalerei (wall-painted animations), fünf weitere auf digitalem Wege.19 Ei- nige dieser Werke sind Kollaborationen mit anderen Künstlern oder Musikern. So entsteht auf dem Fame-Festival 2009 in Grottaglie, Italien, die Animation „COMBO“ in Zusammenarbeit mit David Ellis.20 Vierzehn making-of Videos do- kumentieren die Entstehungsprozesse von Wandmalereien, die er auf seinen Rei- sen nach Spanien, Deutschland, England, Argentinien, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala und Brasilien als Fußspuren hinterließ.21 Auch hier spielt die Zusam- menarbeit mit anderen Künstlern wie zum Beispiel ERICAILCAINE eine beson- dere Rolle.22 Um seine großformatigen Werke effizient realisieren zu können ar beitet BLU mit Wandfarbe, Farbrolle, Teleskopstab, Hebebühne und Helfern, die ihm beim Grundieren der Wandflächen und Fotografieren unterstützen.23

Über BLU‘s frühere Schaffensperioden (vor 2000), Motive und Einflüsse ist nur sehr wenig bekannt. Tristan Manco beschreibt seine Arbeit mit der eines intuiti- ven, suchenden, wenn nicht sogar forschenden Individuums: “ Wherever his ideas come from, Blu usually draws without much conscious planning. He often starts out with an anatomical idea or viewpoint to explore, sometimes with a visual pun or message in mind, but often his images take on a life their own.”24 Trotz dieser Unterstellung eines gewissen Maßes an Zufälligkeit scheinen seine Wandmalerei- en auf eine morbide und verstörende Art durchdacht und sozialkritisch aufgeladen zu sein. Zwischen Subversion und Aleatorik schwankend bietet seine Kunst einen großen Interpretations- und Assoziationsspielraum.

4. Gesellschaftskritik in BLU‘s Wandmalerei

Betrachtet man BLU‘s Arbeiten, so stößt man häufig auf eindeutige oder sub- til/latente gesellschaftskritische Botschaften. So weist der zerstörerische Zeige- finger einer Wandmalerei aus Milano (2005) die Städtekultur als Bestie aus ( „ LA METROPOLI È UNA BESTIA “ ) (Abb.3). In einer weiteren Arbeit aus dem Jahre 2005 thematisiert BLU negative Einflüsse der Medien und stellt diese als Rück- schritt in der Evolution dar, indem er eine weitverbreitete visuelle Darstellung der Evolution des Menschen rekontextualisiert (Abb.5). Medien und Werbung, die wie in Punkt 2 erwähnt einen großen Einfluss auf die Künstler haben und häufig zum Angriffsziel von Arbeiten werden, spielen auch in BLU‘s Werken häufig eine bedeutsame Rolle. 2008 kritisiert er die allgemeine sensationsgeleitete Mentalität der Kriegsberichterstattung -und Rezeption ebendieser-, indem er die Wand eines Gebäudes mit halb geöffneten Panzern bemalt, die die Ansicht in gemütliche Wohn- und Fernsehzimmer freigibt (Abb.6). In einer Bilderstrecke im Jahre 2011 kritisiert er den Werdegang/die Rekrutierung von Soldaten, dem er durch das symbolische entnehmen des Gehirns und aufsetzten des Stahlhelms Gehirnwä- schecharakter unterstellt (Abb.7). Die kurze Betrachtung dieser Beispiele sollte ausreichen um zu verstehen, dass der Aussagegehalt von BLU‘s Wandmalerei zu einem Großteil sozialkritisch motiviert zu sein scheint und er diese Kritik öffent- lich transportieren will.

5. MUTO: Analyse der Animation

MUTO: Entstehung

Die Animation „MUTO“(was ins Deutscheübersetzt so viel wie „ Stumm “ bedeu- tet) entstand in zwei Etappen im Jahre 2008 in Buenos Aires (Argentinien) und Baden (Schweiz). Sie wurde in Zusammenarbeit mit SIBE (Assistent) realisiert. Die musikalische und akustische Untermalung kommt von Andea Matignoni. Die Animation basiert auf einer Serie von einzelnen Fotos. BLU brachte seine Gemäl- de in öffentlichem Raum an und fotografierte sie Schritt für Schritt ab. Ob dies auf legalem oder illegalem Wege geschah ist nicht bekannt. Die Fotos wurden nachträglich aneinandergefügt, sodass eine Animation mit einer Länge von 7 Mi- nuten 24 Sekunden entstand. Zur Bemalung der Wände nutzte er ausschließlich weiße und schwarze Wandfarbe. Schwarz für die „Outline“ und Weiß für die Grundierung und Ausmalung.25 Eine Creative Commons License schützt das Vi- deo vor kommerziellem Missbrauch und Entfremdung. Auf www.youtube.com beziehungsweise www.blublu.org ist die Animation frei zugänglich, außerdem ist sie auf BLU‘s DVD enthalten, die im Jahre 2010 erschien.

[...]


1 Kommentar von Doublecheat, lidealdelacremation, Blu - ok no (2001), http://www.youtube.com/watch?v=Jr_lcVVoDIY, Stand: 16.09.2013.

2 Vgl. Krause, Daniela/ Heinike, Christian: „Was ist Street Art?“, S.58.

3 Krause, Daniela/ Heinike, Christian: „Was ist Street Art?“, S.58.

4 Vgl. Krause, Daniela/ Heinike, Christian: „Was ist Street Art?“, S.58.

5 Vgl. Reinicke, Julia: „Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.11.

6 Vgl. Reinicke, Julia: „Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.24-25

7 Vgl. Reinicke, Julia: „Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.34-44.

8 Vgl. Reinicke, Julia: „Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.34-44.

9 Vgl. Reinicke, Julia: „Street-Art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.18.

10 Vgl. Krause, Daniela/ Heinike, Christian: „Was ist Street Art?“, S.58.

11 Vgl. Krause, Daniela/ Heinike, Christian: „Was ist Street Art?“, S.60.

12 D-FACE: „Intro“, S.6.

13 Vgl. D-FACE: „Intro“, S.6.

14 Vgl. Iosifidis, Kiriakos: “MURAL ART: MURALS ON HUGE PUBLIC SURFACES AROUND THE WORLD from Graffiti to Trompe l’oeil”, S.36.

15 BLU: WALLS, http://blublu.org/sito/walls/001.html, Stand: 09.09.2013.

16 Vgl. Iosifidis, Kiriakos: “MURAL ART: MURALS ON HUGE PUBLIC SURFACES AROUND THE WORLD from Graffiti to Trompe l’oeil”, S.36.

17 Vgl. Manco, Tristan: “Street Sketchbook”, S.39-43.

18 Vgl. lidealdelacremation, Blu - ok no (2001),

http://www.youtube.com/watch?v=Jr_lcVVoDIY, Stand: 09.09.2013.

19 Vgl. BLU: VIDEO, http://blublu.org/sito/video/001.html, Stand: 10.09.2013.

20 Vgl. blu, COMBO a collaborative animation by Blu and David Ellis (2 times loop), https://vimeo.com/6555161, Stand: 10.09.2013.

21 Vgl. Iosifidis, Kiriakos: “MURAL ART: MURALS ON HUGE PUBLIC SURFACES AROUND THE WORLD from Graffiti to Trompe l’oeil”, S.36.

22 Vgl. BLU: VIDEO, http://blublu.org/sito/walls/2005/008.html, Stand: 10.09.2013.

23 Vgl. Iosifidis, Kiriakos: “MURAL ART: MURALS ON HUGE PUBLIC SURFACES AROUND THE WORLD from Graffiti to Trompe l’oeil”, S.36. Siehe auch: C100: „THE ART OF REBELLION 2: WORLD OF URBAN ART ACTIVISM“, S.68. Siehe auch: notblu, Blu at Fame festival 2009 - grottaglie (Italy), http://www.youtube.com/watch?v=DIujyzksbLY&feature=BFa&list=UUAdNgT3ZKKZFV1FR 5s8lkiA&lf=plpp_video, Stand: 10.09.2013.

24 Manco, Tristan: “Street Sketchbook”, S.39-43.

25 notblu, MUTO a wall-painted animation by BLU, http://www.youtube.com/watch?v=uuGaqLT-gO4, Stand: 11.09.2013

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Details

Titel
Eine Analyse sozialkritischer Elemente in BLU's Street Art & Animation "MUTO"
Hochschule
Universität Bremen  (Kunst, Medien & Ästhetische Bildung)
Veranstaltung
Kunst, Medien, Medienkunst
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
29
Katalognummer
V263005
ISBN (eBook)
9783656518525
ISBN (Buch)
9783656517795
Dateigröße
1556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, analyse, elemente, street, animation, muto
Arbeit zitieren
Christoph Zang (Autor), 2013, Eine Analyse sozialkritischer Elemente in BLU's Street Art & Animation "MUTO", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263005

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