Der Volkskreuzzug 1096 und die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung

Inwiefern waren die Massaker an den Juden während des Volkskreuzzuges eine Folge der herrschenden Stimmung im Europa des 11. Jahrhunderts?


Hausarbeit, 2011
12 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auseinandersetzungen zwischen Christen und Juden und der „heilige Krieg“

3. Die Lage der Juden vor und während des 11. Jahrhunderts

4. Darstellung des Schutzbriefes Kaiser Heinrich IV.

5. Rückschlüsse aus der Quelle

6. Der Volkskreuzzug

7. Fazit

8. Quellen und Literaturverzeichnis
8.1 Quelle
8.2 Literatur

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll die Lage der Juden zur Zeit des 11. Jahrhunderts und der Kreuzzüge genauer begutachtet werden. Der Volkskreuzzug 1096 zeichnete sich vor allem durch die Ausschreitungen gegen die Juden aus, allerdings waren diese kein integraler Bestandteil der Kreuzzugswellen, die besonders wichtig für die erfolgreiche Eroberung Jerusalems war. Der erste Kreuzzug war nicht auf die Bekämpfung der Juden ausgerichtet, sondern auf die der Muslime im Heiligen Land. Gezieltes und massives Vorgehen gegen Juden war bei den folgenden zwei Wellen nicht vorhanden und von Papst Urban II. zu Anfang auch nicht als ein Ziel ausgegeben worden. Deshalb soll geklärt werden, inwiefern die Massaker an den Juden eine Folge der herrschenden Stimmung im Europa des 11. Jahrhunderts waren und wie es dazu kommen konnte, dass die Lage so eskalierte und es Ausschreitungen gegen Juden gab, an deren Ende die fast vollkommene Vernichtung der jüdischen Gemeinden entlang des Rheins standen. Dazu wird im Folgenden zuerst die Geschichte der Konflikte zwischen Juden und Christen im 11. Jahrhundert dargestellt, ebenso wie die Vorgeschichte des ersten Kreuzzuges. Weiterhin soll die allgemeine Lage der Juden bezüglich ihrer Stellung innerhalb der Gesellschaft in dieser Zeit beleuchtet werden. Anhand des Schutzbriefes von Kaiser Heinrich IV. aus dem Jahre 1090 soll die rechtliche Ausgangslage der Juden in der Gemeinde von Speyer dargelegt werden, ebenso wie der eigentlich bestehende Schutz gegen Übergriffe. Des Weiteren werden Rückschlüsse aus der Quelle bezüglich bereits bestehender Gewalt gegen Juden gezogen. Abschließend wird der Volkskreuzzug und die Ausschreitungen kurz dargestellt, woraufhin dann das Fazit bezüglich der eingangs gestellten Frage gezogen wird.

2. Auseinandersetzungen zwischen Christen und Juden und der „heilige Krieg“

Auseinandersetzungen zwischen Christen und Juden im direkten Vorfeld des Kreuzzuges gab es bereits in den Jahren 1010 und 1063. Der Vergleich mit dem ersten Kreuzzug ist durchaus angebracht, handelte es sich doch beide Male um eine Auseinandersetzung zwischen Christen und Moslems, die auf die Juden übergriffen. 1010 wurde den Juden in Orléans die Schuld an der Zerstörung der Grabeskirche durch Moslems gegeben, was zu Ausschreitungen gegen Juden führte. Der Grund für das Übergreifen der Gewalt lag darin, dass Angst vor einem möglichen Bündnis zwischen Juden und Moslems herrschte. Diese Ausschreitungen wurden jedoch von einem Legaten des Papstes Johannes XVIII. gebremst und beendet, die Juden wurden unter sein Protektorat gestellt. Eine weitere Auseinandersetzung fand während des Feldzugs in Spanien 1063/1064 statt, die durch die Ermordung des Königs von Aragon durch Moslems ausgelöst worden. Trotzdem waren die ersten Ausschreitungen gegen Juden gerichtet. Abermals schritt der Papst ein und stellte sich auf die Seite dieser und schützte diese.[1]

Der erste Kreuzzug allerdings war ein „heiliger Krieg“ vorrangig zum Schutz der im Osten lebenden Christen. Das Hauptziel des Krieges war es, Kaiser Alexios und Byzanz im Allgemeinen zu unterstützen im Kampf gegen die drohende islamische Gefahr. Allerdings spielten in Folge des Schismas von 1054[2] auch kirchliche Motive eine bedeutende Rolle, da Urban II. darauf hoffte, dass die Kirche wieder vereinigt und die Einheit der Christenheit wieder hergestellt werden würde. Des Weiteren ist zu beachten, dass bereits Gregor VII. einen Kreuzzug starten wollte um Christen im Osten zur Hilfe zu kommen. Der erste Kreuzzug war also schon länger geplant, das Hilfegesuch Kaiser Alexios I. war der auslösende Kriegsgrund, der zum endgültigen Aufruf führte.[3] Im März des Jahres 1095 riefen byzantinische Gesandte während des Konzils von Piacenza Papst Urban II. dazu auf Byzanz zur Hilfe zu eilen. Dieser Forderung wurde nicht sofort entsprochen, ein halbes Jahr später allerdings rief Papst Urban II. zum „heiligen Krieg“ auf.[4]

Im Gegensatz zu den bereits genannten Beispielen von 1010 und 1063/1064 muss nun beachtet werden, dass der Krieg gegen den Islam vom Papst selbst ausgerufen wurde. In seinem Aufruf konstruierte Papst Urban II. ein dualistisches Bild der Welt, dass das Christentum in Gefahr sei und vor seinen Feinden beschützt werden müsse. Somit sollte aus dem Kampf gegen den Islam eine weltweite, christliche Angelegenheit werden, die die Christen vereinen sollte. Eine große Bedeutung in der Propaganda Urbans II. war die Entwicklung des Feindbildes. Am Anfang ging es noch darum, die Rum-Seldschuken als Feinde des byzantinischen Reiches darzustellen, während sich die Rhetorik insoweit veränderte, dass es schließlich nicht mehr um Konstantinopel ging, sondern um die Feinde von Jesus Christus im Allgemein, was den möglichen Bereich der Feinde vergrößerte.

Der innere Konflikt des Christentums, der Investiturstreit und die Kirchenreform, führten zu der Erwartung des jüngsten Gerichts und einer Endzeitstimmung, weshalb die Menschen der damaligen Zeit sich der Religion besonders widmeten und sich um ihr Seelenheil sorgten.[5] Diese besonderen Umstände führten dazu, dass das Buß- und Ablasswesen an Bedeutung gewann und neuen Ideen entwickelt wurden, wie die, dass der Kreuzzug eine besonders strenge und heilsbringende Form der Buße wäre. Urban II. gewährte jedem, der an einem Kreuzzug teilnahm, den Erlass seiner irdischen Sünden, wobei sich durch das Verbreiten der Kreuzzugsidee durch Dritte die Botschaft insofern veränderte, dass der Papst einen kompletten Sündenablass erteilen würde.[6] Die von Urban II. eingebrachte Verbindung von Krieg und Glaube führte dazu, dass sich die Verbreitung und Propaganda verselbstständigten und er keinerlei Gewalt mehr über die Botschaft an sich hatte. Somit hatte man die Kontrolle über den Kreuzzug und seine folgenreiche Entwicklung verloren.[7]

3. Die Lage der Juden vor und während des 11. Jahrhunderts

Die jüdischen Gemeinden innerhalb von Deutschland und auch Frankreich haben während des 11. Jahrhunderts ihre Bevölkerungszahl deutlich erhöhen können, was dazu führte, dass große Gemeinden in Deutschland entstanden, vor allem in Trier, Köln, Mainz, Speyer, Worms und Regensburg.[8]

Das jüdische Leben in diesen Gemeinden war vor allem davon geprägt, dass sie als Fremde angesehen wurden, da sie zwar die einheimische Sprache adaptierten, gleichzeitig aber ihre sprachlichen und religiösen Gewohnheiten beibehielten und sich von der restlichen Bevölkerung abgrenzten.[9] Innerhalb der Gesellschaft nahmen Juden primär die Arbeit von Händlern und Ärzten an. Das führte dazu, dass Juden auf der einen Seite meist zu der finanziell privilegierten Gruppe gehörten, aber auch dass sie aufgrund ihrer Handelstätigkeit weite Netzwerke gesponnen hatten, unter anderem auch zu den Moslems, was wiederum die Gefahr eines Bündnisses zwischen Juden und Moslems heraufbeschwören konnte, wie bereits 1010.[10] Diese Erwerbstätigkeit führte dazu, dass Juden, da sie sich meist zentral in einer mittelalterlichen Stadt ansiedelten und somit eine gute Ausgangslage besaßen, vom wirtschaftlichen Aufschwung besonders profitierten. Die wirtschaftliche Stärke der Juden führte dazu, dass sie, nachdem sie aus dem Handel zunehmend verdrängt wurden, sich vornehmlich dem Geldverleih zuwenden mussten. Innerhalb dieser Tätigkeit gelangten sie zu großer Wichtigkeit, da sie auch bedeutenden Adligen und Herrschern Geld liehen und sie im Gegenzug unter deren Protektion gestellt wurden.[11]

[...]


[1] Dieter Mertens: Christen und Juden zur Zeit des ersten Kreuzzuges, in: Bernd Martin und Ernst Schulin (Hgg.): Die Juden als Minderheit in der Geschichte, München 1981, S.52, im Folgenden zitiert als: Dieter Mertens: Christen und Juden.

[2] Vergleiche hierzu: Christoph Kohls: Die Bedeutung des Schismas von 1054 für die Trennung von Ost- und Westkirche, München 2013.

[3] Riley-Smith, Jonathan: The Crusades, 1095-1198, in: David Luscombe/Jonathan Riley-Smith (Hgg.): The New Cambridge Medieval History, Volume 4 c. 1024-c. 1198 Part I, Cambridge 2004, S. 534-537, im Folgenden zitiert als: Riley-Smith: Crusades.

[4] Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge, Darmstadt5 2010, S. 10-11, im Folgenden zitiert als: Jaspert: Kreuzzüge.

[5] Dieter Mertens: Christen und Juden, S. 52-56.

[6] Jaspert: Kreuzzüge, S. 29-32.

[7] Riley-Smith: Crusades, S. 537.

[8] Toch, Michael: Art. The Jews in Europe 500–1050, in: Paul Fouracre (Hg.): The New Cambridge Medieval History, Cambridge University Press, 2005, Cambridge Histories Online, Cambridge University Press. , letzter Abruf: 19 December 2011, Kennung: DOI:10.1017/CHOL9780521362917.022, 554 im Folgenden zitiert als: Michael Toch: The Jews in Europe.

[9] Michael Toch: The Jews in Europe, S. 547.

[10] Michael Toch: The Jews in Europe, S. 555-558.

[11] Ora Limor: Art. Christians and Jews, in: Miri Rubin/ Walter Simons (Hgg.): Christianity in Western Europe c. 1100–c.1500, Cambridge University Press, 2009, Cambridge Histories Online, Cambridge University Press, letzter Abruf: 19 December 2011, Kennung: DOI:10.1017/CHOL9780521811064.012, S. 135-146, im Folgenden zitiert als: Ora Limor: Christians and Jews.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der Volkskreuzzug 1096 und die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung
Untertitel
Inwiefern waren die Massaker an den Juden während des Volkskreuzzuges eine Folge der herrschenden Stimmung im Europa des 11. Jahrhunderts?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V263227
ISBN (eBook)
9783656518846
ISBN (Buch)
9783656519171
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
volkskreuzzug, ausschreitungen, bevölkerung, inwiefern, massaker, juden, volkskreuzzuges, folge, stimmung, europa, jahrhunderts
Arbeit zitieren
Christoph Kohls (Autor), 2011, Der Volkskreuzzug 1096 und die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263227

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