Roboter in der literarischen Science Fiction

Die Parodie der Asimov′schen Robotergeschichten in Stanislaw Lems′ „Robotermärchen“


Hausarbeit, 2012
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kulturgeschichte des Roboters - Vom „Automat“ zum „Roboter“

3 Die Parodie als Gattung und Schreibweise

4 Kants′ Moralphilosophie

5 In den „Robotermärchen“ parodierte Bereiche aus „Ich, der Robot“.
5.1 Erzählperspektive, Titel und Titelhelden.
5.2 Die Handlung
5.3 Herr - Sklave - Beziehung von Mensch und Roboter.
5.4 Die dargestellte Welt

6 Die Entstehung der Parodie

7 Der Zweck der Parodie

8 Schlussbemerkungen: Lems′ Menschenbild – Was macht das Menschsein aus?

9 Literaturverzeichnis
9.1 Primärliteratur
9.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

"Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel."[1] In der literarischen Science Fiction lassen sich mannigfaltige kulturelle Fremderfahrungen konstruieren, wie die Begegnung mit Außerirdischen und anderen Welten, die Reise in Vergangenheit oder Zukunft sowie die Konfrontation mit künstlicher Intelligenz. Im Zentrum dieser „Gedankenexperimente“ steht häufig nicht das Fremde, sondern die Konfrontation mit dem Fremden ermöglicht eine Auseinandersetzung mit dem Menschsein. In unterschiedlicher Art und Weise gilt dies auch für die ausgewählten Texte: Stanislaw Lems′ „Robotermärchen“ und die Asimov′schen Robotergeschichten.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der intertextuellen Beziehung zwischen beiden Werken sowie deren unterschiedlicher Sichtweise von Robotern und künstlicher Intelligenz, dem Fremden und dem Menschsein. Insbesondere wird Lems′ Vorwurf der Anthropozentrik an Asimov behandelt, denn Lem schrieb seine Robotermärchen wohl als Parodie auf die weltweit bekannten Robotergeschichten Asimovs. Die Parodie gilt als das Musterbeispiel eines Textes, der nur im Verhältnis zu einem anderen Text seine Bedeutung entfaltet.[2] Das ausgewählte Beispiel soll Entstehung und Zweck der Parodie nachvollziehen und diskutieren. Damit wird auch die Möglichkeit gegeben generelle Aspekte von Intertextualität aufzuzeigen.

Die Zielsetzung erklärt den deduktiven Aufbau der Arbeit. Nach Einführung zum Thema wird im Hinblick auf die ausgewählten Primärtexte die Kulturgeschichte des Roboters in Kapitel 2 kurz dargestellt. Der Fokus liegt hierbei auf der Literaturgeschichte und der Diskussion um den Bedeutungswandel vom „Automat“ zum „Roboter“. Da die Parodie im Mittelpunkt der Untersuchung steht, wird in Kapitel 3 eine literaturwissenschaftliche Definition des Begriffes „Parodie“ gegeben. Das Verständnis von Parodie als Gattung und Schreibweise sowie ihre strukturellen Merkmale werden herausgearbeitet. Lems′ Kritik an Asimov lässt sich in zentralen Punkten auf Kants Moralphilosophie beziehen und so auf einer tieferen Ebene begreifen. Deshalb wird in Kapitel 4 gezeigt, wie Kant den moralischen kategorischen Imperativ auf jedes Subjekt überträgt und damit den Freiheitsanspruch aller vernünftigen Wesen garantiert.

In Kapitel 5 werden die zentralen parodierten Bereiche der Asimov′schen Robotergeschichten in den Robotermärchen herausgearbeitet und an Textstellen nachgewiesen. Die Textanalyse untersucht, wie intensiv der Prätext Eingang in den parodierenden Text findet, wie Analogiebildung und Differenzerzeugung auf unterschiedlichen Textebenen realisiert werden und berücksichtigt dabei Figuren-, Situations- und Handlungs- sowie Sprachkomik. Darauf folgend soll das Kapitel 6 abstrahieren und vertiefen, wie Lems′ Parodie entsteht. Dazu werden Thesen der Forschungsliteratur herangezogen und hinterfragt. Es wird auch zu diskutieren sein, ob es sich bei den Robotermärchen tatsächlich um eine Parodie handelt. Welche Kriterien für oder gegen eine Parodie sprechen. Dafür werden die herausgearbeiteten strukturellen Merkmale der Parodie mit den vorherigen Ergebnissen verglichen.

Kapitel 7 geht ausführlich auf die Frage ein, welches Ziel Lem mit dem Einsatz der Parodie verfolgt. Warum bezieht er sich auf Asimov und was will er beim Leser erreichen? Seine Kritik an Asimov wird unter Einbeziehung von Kants Moralphilosophie und Lems′ Aufsatz „Roboter in der Science Fiction“ präzisiert. Lems′ Ablehnung von Asimovs postulierter Beherrschbarkeit der Technik durch den Menschen, seine Missbilligung der flachen Psychologisierung der Roboter durch Asimov und seine Forderung nach fruchtbareren Vermutungen über künstliche Intelligenz werden diskutiert. Insgesamt kulminiert der Vorwurf an Asimov in den Hauptkritikpunkten der Anthropozentrik und der Trivialität, die an dieser Stelle selbst geprüft werden sollen. Im Schlussteil werden die Ergebnisse zusammengefasst und es wird bezogen auf Lems′ Denken der Frage nachgegangen, was das menschliche des Menschen ausmacht.

2 Kulturgeschichte des Roboters - Vom „Automat“ zum „Roboter“

Die Ursprünge von durch den Menschen erschaffenen künstlichen Wesen reichen bis in die Bereiche des Mythos zurück und verbinden so den Imaginationsraum Roboter mit archetypischen Vorstellungskomplexen.[3] Darüber hinaus, spiegeln Golems, Homunculi, Androiden und Automaten das Selbstverständnis ihrer Schöpfer wieder und erhalten je nach Epoche unterschiedliche Bedeutungen.[4]

Im 17. Jahrhundert entwickelt sich die Auffassung von Maschinenwesen, die durch menschliche Wissenschaft und Technik verwirklicht werden. Die Konzepte von Descartes, Leibnitz und La Mettrie werden in der Aufklärung in den nach dem Urwerkprinzip funktionierenden Automaten augenscheinlich gemacht. [5] Wie beispielsweise Vaucansons′ Flötenspieler und Kempelens′ Schachspieler übernehmen sie kulturelle Funktionen und sollen Staunen und Bewunderung erregen.[6] In der Romantik erhält der künstliche Mensch bedrohliche Züge. E. T. A. Hoffmann, Mary Shelly und Jean-Marie Villiers de l′Isle-Adams sind es die den späteren „Frankensteinkomplex“ prägen, der Angst des Menschen vor der Bedrohung durch die Maschine bezeichnet.

Mit Beginn der Roboterliteratur und Karel Čapeks′ R.U.R., in dem zum ersten Mal den Begriff „Roboter“ (der „Arbeit“ oder „Fronarbeit“ bedeutet) auftaucht, wird der Roboter zu einem Arbeitswesen bestimmt.[7] Hier zeigt sich die Bedeutungsverschiebung vom „Automaten“ zum „Roboter“: Der Roboter verkörpert die Utopie der Befreiung des Menschen von körperlicher Schwerstarbeit, wohingegen der Automat nur Bewunderung erregen soll.[8] Und vor dem Hintergrund von Industrialisierung und Massenproduktion wandelt sich das Aufbegehren des einzelnen künstlichen Menschen gegen seinen Schöpfer bei Čapek in die Rebellion einer ganzen Herde von Robotern.[9]

In den 1950er Jahren wird in Turings Computing Machinery and Intelligence und Wieners′ Cybernetics die Gleichheit von Mensch und Maschine postuliert und der Roboter wird als Verbündeter des Menschen betrachtet.[10] Die Entdeckung, dass genügend komplexe Systeme unberechenbar sind, schafft die Voraussetzung für autonomes Handeln und den freien Willen. So wird Individualität auch für den Roboter möglich: „Die Kybernetik garantiert so das ‚Menschentum‘ des Menschen und fördert gleichzeitig das ‚Menschentum‘ der Maschine.“[11] Asimovs′ Ich, der Robot und Lems′ Robotermärchen beschäftigen sich mit der Frage nach der moralischen Gleichheit von Mensch und Roboter.[12]

3 Die Parodie als Gattung und Schreibweise

Der Begriff „Parodie“ geht auf die altgriechischen Wörter „pará“ („gegen“ oder „neben“) und „ōde“ („Gesang“) zurück.[13] Traditionell wird die Parodie als „Gegengesang“ übersetzt und als „Nachahmung, die einen Originaltext imitiert und dabei das Werk, den Autor oder dessen Meinung verspottet“[14] verstanden. Form und Stil des Originals werden dabei beibehalten, aber der Inhalt verändert. Durch die Inkongruenz zwischen Form und Inhalt ergibt sich der humoristische Effekt.[15]

Die neuere Forschung deutet den Begriff nicht nur im Sinn von „Gegengesang“, sondern auch als einen alternativen „Nebengesang“. Sie sieht den Begriff im Zusammenhang mit der Intertextualitätsdiskussion. Die literarische Parodie „ist demnach eine Form der Intertextualität, eine zwar andersartige, aber der Aussage des Original- bzw. Prätextes nicht unbedingt diametral entgegengesetzte und auch nicht unbedingt spöttische Abwandlung.“[16] Hier steht das Nebeneinander von Original und Parodie im Vordergrund.

Während also die traditionelle Definition die Parodie eher als Gattung sieht, ist sie für Vertreter des intertextuellen Ansatzes eine Schreibweise. Beate Müller schlägt eine Kombination beider Interpretationen vor. Für sie gehört ein parodistischer Text dann zur Gattung Parodie, wenn die Charakteristika der parodistischen Schreibweise über die Eigenschaften der ursprünglich parodierten Gattung dominieren.[17]

Auch ein ganzes Genre kann parodiert werden. In Kapitel 6 wird zu diskutieren sein, inwieweit sich Lems′ Robotermärchen tatsächlich als Parodie der Asimov′schen Robotergeschichten betrachten lassen. Dabei wird insbesondere die Frage eine Rolle spielen, ob sie sich nicht nur allgemein auf das Genre der Science Fiction als Ganzes beziehen.

4 Kants′ Moralphilosophie

Wenn eine Moral notwendig gelten soll, muss sie laut Kant universal sein. Sie darf nicht nur für den Menschen, sondern muss für alle vernünftigen Wesen gelten.[18] Nur die vernunftmäßige Beschaffenheit des Willens ist frei und eignet sich damit für die moralische Bewertung.[19] Ein guter Wille unterstellt sich der Pflicht,[20] die dem kategorischen Imperativ folgt.[21] Er ist das Sittengesetz, das gelten würde, wenn die Vernunft die volle Gewalt über den Willen hätte. Die Vernunft unterstellt sich somit ihren eigenen Gesetzen und ist damit autonom.[22]

Die Freiheit des Willens ist also eine Voraussetzung für moralisches Handeln. Denn nur wenn ein Vernunftwesen frei ist, kann es sich seine eigenen Gesetze machen und danach Handeln. Damit muss jedem vernünftigen Wesen individuelle Freiheit ermöglicht werden: „Nun behaupte ich: daß wir jedem vernünftigen Wesen, das einen Willen hat, notwendig auch die Idee der Freiheit leihen müssen, unter der es allein handle.[23]

Die Menschenwürde bestimmt Kant allein daraus, dass der Mensch ein Vernunftwesen ist.[24] Da Menschen sich die Konsequenzen ihrer Handlungen vorstellen können und fähig sind Triebe und Instinkte zu überwinden, können sie sich seine eigene Moral geben.[25] Damit hat der Mensch den Anspruch von anderen Menschen geachtet zu werden und muss umgekehrt andere Menschen achten:

„Handele so, daß Du die Menschheit, sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“[26]

Die Würde als Vernunftwesen verbietet es, sich selbst zu schaden, zu verkaufen oder zu töten oder dies mit anderen vernünftigen Wesen zu tun. Ein vernünftiges Wesen hat die Pflicht sich keinem anderen zu unterwerfen und selbst keinen anderen zu unterjochen.

5 In den „Robotermärchen“ parodierte Bereiche aus „Ich, der Robot“

5.1 Erzählperspektive, Titel und Titelhelden

Der Titel „Robotermärchen“ deutet schon an, dass Lems′ Geschichten aus der Sicht von Robotern erzählt werden, von Robotern handeln und vorgeblich für die Leserschaft von Robotern gedacht sind. Evident wird dies am Anfang der ersten Erzählung:

„Der Konstrukteur beschloß denkende Wesen aus Wasser zu bauen, - aber nicht auf so scheußliche Weise, wie ihr nun meint! O nein, es lag ihm fern, an weiche nasse Körper zu denken! Davor ekelte er sich, wie jeder von uns.“[27]

[...]


[1] Stanislaw Lem: Solaris. Phantastischer Roman. Aus dem Polnischen von Irmtraud Zimmermann-Göllheim. 2. Auflage Berlin: Claassen Verlag 1981, S. 97.

[2] Beate Müller: Komische Intertextualität. Die literarische Parodie. Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 1994 (=Horizonte, Bd. 16).S. 147.

[3] Matthias Pötzsch: Stichwort künstlicher Mensch. Bemerkungen zu einem kulturgeschichtlichen Komplex. In: Roboter-Alltag. Zur Soziologie und Geschichte des künstlichen Menschen. Hg. von Roland Seim und Josef Spiegel. Münster: Kulturbüro 1995, S. 8.

[4] Ebd., S. 8

[5] Ulrike Barthelmeß Ulrich Furbach: IRobot – uMan. Künstliche Intelligenz und Kultur. Eine jahrtausendealte Beziehungskiste. Berlin Heidelberg: Springer 2012, S. 89.

[6] Die Roboter kommen. Mensch, Maschine, Kommunikation. Hg. v. Bodo-Michael Baumunk. Heidelberg: Ed. Braus 2007 (= Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation Bd. 24), S. 9.

[7] Kölsch: Antike Menschenschöpfungsmythen in der Science Fiction, S 177.

[8] Die Roboter kommen. Baumunk, S. 9.

[9] Ebd, S 177.

[10] Kandel: Stanisław Lem über Menschen und Roboter, S. 306.

[11] Ebd., S. 307.

[12] Ebd., S. 307f.

[13] Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Hg. v. Ansgar Nünning. 3. Auflage. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler 2004, S. 512.

[14] Ebd., S. 512.

[15] Ebd., S. 512.

[16] Ebd., S. 512.

[17] Ebd., S. 512.

[18] Immanuel Kant: Kritik der praktischen Vernunft. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hg. von Wilhelm Weischedel. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974 (= Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 7), S. 36.

[19] Der Zweck einer Handlung unterliegt Naturnotwendigkeiten und die Handlung selbst ist an empirische Zufälligkeiten gebunden. Ebd., S. 18ff.

[20] Ebd., S. 23.

[21] Ebd., S. 51.

[22] Ebd., S. 74f.

[23] Ebd., S. 83

[24] Ebd., S. 59f

[25] Ebd., S. 59

[26] Ebd., S. 61

[27] Stanislaw Lem: Robotermärchen. Hg. v. Franz Rottensteiner. Aus dem Poln. von Irmtraud Zimmermann-Göllheim. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2009 (= Suhrkamp Taschenbuch, Bd. 4136), S. 7.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Roboter in der literarischen Science Fiction
Untertitel
Die Parodie der Asimov′schen Robotergeschichten in Stanislaw Lems′ „Robotermärchen“
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V263317
ISBN (eBook)
9783656520344
ISBN (Buch)
9783656523000
Dateigröße
811 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
roboter, science, fiction, parodie, asimov′schen, robotergeschichten, stanislaw, lems′, robotermärchen
Arbeit zitieren
Daniela Berbenni (Autor), 2012, Roboter in der literarischen Science Fiction, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263317

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