Stereotypenforschung am Beispiel von Polenwitzen


Magisterarbeit, 2008
49 Seiten, Note: Sehr Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Stereotypenforschung
2.1. Was ist ein Stereotyp ? – Begriffserklärung
2.2 Nationale Stereotypen
2.3 Visuelle Stereotypen
2.4 Stereotyp der Polnischen Wirtschaft
2.5 Stereotyp der „edle Pole“ und die „schöne Polin“

3. Polen und Deutschland – Gegenseitige Wahrnehmung
3.1 Die Deutschen über Polen und die Polen
3.2 Deutschland und die Deutschen in den Augen der Polen

4. Polenwitze
4.1 Witze als Träger der Stereotype
4.2 Nationalstereotypen im Witz

5. Zusammenfassung

6. Bibliographie

7. Streszczenie

1. Vorwort

In unserer globalisierten Gesellschaft ist die Konfrontation mit anderen Kulturen zur Normalität geworden. Trotz dieses kulturellen Nebeneinanders erweisen sich jedoch Abwehrmuster gegenüber Fremden, d.h. Stereotype und Vorurteile, als äußerst rigide und stabil. In Stereotypen spiegelt sich das Wissen und die soziale Erfahrung einer konkreten Gemeinschaft wieder. Dieses Wissen nun wird über Generationen weiter gegeben. Stereotypen werden nicht ständig verifiziert und verändert, sondern oft selbst nach häufiger Nichtbestätigung so aufgenommen wie sie der Betrachter verinnerlicht hat. Sie sind von persönlichen Erfahrungen relativ unabhängig, auch wenn sich die zugrundeliegenden Tatbestände verändert haben. Stereotypen gehören zum geteilten Wissen einer Gruppe. Man sollte an dieser Stelle erwähnen, dass Stereotype oft aus ,,zweiter Hand" und zweifelhaften Quellen übernommen werden. Vorstellungen über andere Nationen und einzelne Personen werden durch spektakulär aufgemachte Massenmedien vermittelt, so dass der Zuschauer sich oft gar keine eigenen Vorstellungen machen kann, da ihm im Prinzip schon eine Meinung mitgegeben wird. Mit stereotypen Sprüchen ersetzt man oft das Unwissen und den Mangel an Erfahrungen. Wir haben gesehen, dass die Auto- und Heterostereotype eine wesentliche Rolle in der Kristallisierung der Meinung über andere Menschen spielen. Sie können als Grund der Fremdenfeindlichkeit dienen.

Je weniger eigene Erfahrungen man hat, desto mehr neigt man zu Stereotypen. Je erfahrener man ist, desto mehr zieht man die eigene Meinung vor. Ob sich Menschen auf Stereotype berufen, hängt vor allem vom Milieu und von der Ausbildung ab. Ein Stereotyp ist im Grunde genommen nichts anderes als die Angst vor dem Fremden. Man baut eine innere Abwehr gegen das auf, was man nicht kennt. Man sollte mehr Aktionen gegen Fremdenhass organisieren und über die Hintergründe diskutieren. Aktionen wie Lichterketten und Demonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit sind ein richtiges Signal – aber mehr auch nicht. Die Menschen müssen endlich lernen einander zu akzeptieren. Die Vorurteile müssen schon im ganz Kleinen in den Köpfen abgebaut werden.

"Solange die Welt besteht, wird kein Deutscher eines Polen Bruder sein". Dieser alte, unselige Spruch, der als Ausdruck einer tausendjährigen Feindschaft zwischen der polnischen und deutschen Nation das schwierige Verhältnis zwischen zwei benachbarten Völkern auf den Punkt bringt. Stereotypen sind vereinfachte Bilder der Umwelt in den Köpfen der Menschen.

Sie sind nicht erstrebenswert, inkorrekt, starr und schwer veränderbar. Erleichtern das Leben in einer komplexen sozialen Umwelt. Die Menschen können ohne Stereotype nicht Leben, weil sie Orientierung in einem neuen Umfeld geben, die Erklärung unbekannten oder unklaren Verhaltens ermöglichen, die Zugehörigkeit fördern und stützen so die Identität. Es gibt auch die Gefahren von Stereotypen, weil sie die Wirklichkeit verzerren, den Blick auf einzelne Personen verstellen, zu eingeschränkter Wahrnehmung und sich selbst erfüllenden Prophezeiungen führen. Stereotype halten sich lange. Historisch verwurzelte Stereotype sind grundlegend wichtig für die Art, wie die Deutschen Polen und seine Bewohner sehen, sie unterliegen gegenwärtig jedoch gewissen Veränderungen. In ähnlicher Weise verändert sich auch das Bild von den Deutschen in der polnischen Gesellschaft. Polen wird jedoch in Deutschland (wenn es überhaupt wahrgenommen wird) immer noch als ein fernes und zivilisatorisch zurückgebliebenes Land wahrgenommen. Als Osten. In der vorliegenden Arbeit versuche ich die Frage beantworten, warum es so ist, dass Polen bis heute als ein zurückgebliebenes Land wahrgenommen ist. Welchen Einfluss hatte die Geschichte auf die Bildung von Stereotypen? Welche Stereotypen, die in der Vergangenheit gefestigt wurden, bis Gegenwart lebendig sind? Auf diese Fragen, versuche ich die Antwort geben.

Hubert Orłowski weist darauf, dass der Stereotyp der polnischen Wirtschaft von großer Bedeutung ist. Das Stereotyp polnische Wirtschaft gehört zu den ältesten und meistverbreitetsten nationalen Stereotypen über Polen. In der Zwischenkriegszeit diente es der Kennzeichnung vermeintlicher oder tatsächlicher wirtschaftlicher oder kultureller Rückständigkeit und entsprach der eigenen Überlegenheit. Polnische Wirtschaft bedeutete soviel wie Unordnung und Misswirtschaft. Im Sprachgebrauch weckt der Ausdruck Assoziationen von Schlendrian und Durcheinander. Stereotypisches Denken an den anderen Völker ist immer negativ gekennzeichnet, wenn sich die Völker gut kennen lernen, gemeinsame Geschichte haben oder ganz einfach in der Nachbarschaft leben. Polen erfüllt alle diese drei Bedingungen, deshalb wird Polen in Deutschland ständig so schlecht wahrgenommen.

Die Stereotype werden in Massenmedien weit verbreitet, vor allem im Internet sind verschiedene Stereotypenträger zugänglich. Man kann feststellen, dass die Deutsche Polenwitze als Träger der Stereotype genannt wurden. Im Internet kann man eine große Menge von Polenwitzen finden. Ein Witz stellt eine kurze Geschichte dar, die mit einer unerwarteter Wendung, einem überraschenden Effekt, einer Pointe am Ende zum Lachen reizt. Es gibt viele Polenwitze, die nur durch negativen Motiven gekennzeichnet sind.

2. Stereotypenforschung

2.1. Was ist ein Stereotyp ? – Begriffserklärung

„ Der Begriff Stereotyp (von griech. στερεός, stereós „fest, hart, haltbar, räumlich“ und τύπος, týpos „-artig“) tritt in verschiedenen Zusammenhängen mit unterschiedlicher Bedeutung auf. Allen Bedeutungen ist gemeinsam, dass ein bestimmtes gleich bleibendes oder häufig vorkommendes Muster bezeichnet werden soll. Ein Stereotyp kann als eine griffige Zusammenfassung von Eigenschaften oder Verhaltensweisen aufgefasst werden, die häufig einen hohen Wiedererkennungswert hat, dabei aber in aller Regel für sich genommen den gemeinten Sachverhalt sehr vereinfacht. Somit steht es in engem Bedeutungszusammenhang zumKlischee oderVorurteil.“[1]

Der Begriff Stereotyp ist in verschiedenen Fachrichtungen verwendbar, hier wurde vor allem Psychologie, Soziologie und Linguistik gemeint. Dieser Begriff wird vor allem in einem sozialwissenschaftlichen Kontext verwendet. Ein Stereotyp ist eine komplexe Beschreibung von Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die bestimmten Personengruppen zugeschrieben werden. Stereotype sind vor allem dadurch kenngezeichnet, dass sie offensichtliche Eigenschaften karikierend hervorheben und z. T. falsch verallgemeinern. Solche vereinfachte Präsentation von Personen oder Gruppen erleichtert die alltäglichen Interaktionen mit unbekannten Personen. Durch äußere Merkmale (z. B. Alter, Kleidung, Auftreten, Geschlecht) ausgelöste Stereotype dienen als Hinweisstrukturen für erwartete und zu erwartende Verhaltensweisen. Im populärwissenschaftlichen Lexikon The Fontana Dictionary of Modern Thought wird der Terminus wie folgt definiert: Ein Stereotyp ist „ ein vereinfachtes Denkbild von einer bestimmten Kategorie von Menschen, Institutionen oder Ereignissen, das – betreffs der wichtigsten Merkmale – von einer groβen Anzahl von Menschen geteilt wird. Stereotype werden von Vorurteilen begleitet, d.h. von positiven oder negativen Stellungen gegenüber einem jeden Mitglied, das zu der jeweiligen Kategorie gezählt wird.“[2] Das Groβe Wörterbuch der Deutschen Sprache versteht unter Stereotyp „ vereinfachendes, verallgemeinerndes, stereotypes Urteil, unhaltbares Vorurteil über sich oder andere oder andere Sache; festes klischeehaftes Bild.“[3] Die populäre Encarta Enzyklopädie Professional 2003 versteht unter Stereotyp „ die Verweigerung eines vereinfachten Bildes einer Kategorie von Personen, Institutionen oder Kulturen. Der Ausdruck ‚Stereotyp’ hat im Allgemeinen eine negative Bedeutung. Es degradiert das individuelle Denken zur Rezeption vorgeformter Auffassungen, die sich der kritischen Bedeutung verweigern. Es ist eng mit dem Vorurteil verbunden.“[4] Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen: Die bis auf den heutigen Tag kursierenden Definitionen des Stereotyps erlauben dessen Charakter als polysemantisch zu bestimmen. Die populärsten Definitionen sind al unvollständig zu benennen.[5]

In die soziologische Literatur wurde der Begriff 1922 vonWalter Lippmann eingeführt.[6] Seine Arbeit „Public Opinion − die öffentliche Meinung“ war bahnbrechend für die Stereotypenforschung. Die erste Weltkrieg rief bei klügeren Intellektuellen eine tiefe Skepsis hervor und dies führte zu der Erkenntnis, dass die Wahrnehmung der Welt nicht mit der Welt selbst identisch sei, sowie zu Einsichten in die Mechanismen menschlicher Wahrnehmungs- und Denkökonomie. Lippmann griff aus der Druckersprache stammende Wort ‚Stereotyp’ und benützte es im Sinne von feststehenden Bildern in unseren Köpfen.[7]

Man kann verschiedene Merkmale von Stereotypen nennen.

In der Literatur kann man sich nicht darauf einigen, wo Stereotype zuzuordnen sind: Sind es besondere Haltungen, Überzeugungen oder verbale Ausdrücke von Überzeugungen? Einig ist man sich dagegen, was die Merkmale von Stereotypen anbelangt:

- der Gegenstand von Stereotypen sind bestimmte Gruppen von Menschen, zweitrangig auch die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen,
- Stereotype sind dauerhaft und resistent gegen Veränderungen, weil sie unabhängig von der Erfahrung und emotional geladen sind, vernünftige Argumente zeigen kaum Wirkung,
- die soziale Funktion besteht darin, die von einer Gruppe/Gesellschaft akzeptierten Werte und Urteile zu verteidigen,
- der Stereotypeninhalt kann durch ein Wort aktiviert werden,
- Stereotype sind immer verbal, sie sind linguistisch immer ein Satz (oder mehrere Sätze)[8]

In der Psychologie übernimmt das Stereotyp verschiedene Aufgaben, als:

- Orientierungssystem (vereinfachte Entscheidung für eine kognitive Ökonomie)
- Anpassungssystem (in einer Gruppe werden Konflikte verringert)
- System zur Aufrechterhaltung des Selbst (zur Selbstdefinition und Selbstverankerung)
Außerdem gibt es in Bezug auf Gruppen verschiedene Theorien:
- Komplexitäts-Extremitäts-Theorie: Je mehr Dimensionen ein Urteilsgegenstand hat, desto weniger extrem ist das Gesamturteil. Stereotype haben wenige Dimensionen und fallen deshalb eher extrem aus (positiv oder negativ).
- Reizklassifikationstheorie: Beim Zuordnen von Gegenständen in vorgegebene Kategorien wird der Unterschied in der Kategorie verkleinert, während er zwischen den Kategorien größer wird. Da Stereotype auf einer Urteilsverzerrung beruhen, tritt eben dieser Effekt auf.
- Theorie der vermuteten Merkmale: Den Mitgliedern der eigenen Gruppe werden eher positive, den Mitgliedern anderer Gruppen eher negative Merkmale zugeordnet. Stereotype heben die positiven Eigenschaften einer Gruppe noch hervor (oder auch die negativen).
- theoretischer Ansatz der Erwartungsabweichung: Es gibt bestimmte Merkmale, die man Gruppenmitgliedern zuschreibt − bei einer Abweichung ändert man seine Einstellung in die erfahrene Richtung. Stellt ein Beobachter fest, dass eine andere Person positiv von seiner Erwartung abweicht, wird er sie noch positiver beurteilen.[9]

Stereotype sind Wege und Ausdruck der Identitätssuche und –formulierung, ob der Weg nun über das Fremd- oder über das Eigenbild führt. Gleichzeitig sind sie Instrumente praktischen Handels: zum Zweck realer Ausgliederung, im Dienst aggressiver Kriegspropaganda. Stereotypen haben auch seine Funktion beim Brückenschlagen. Sie sind auch ein ständiges, wahrgenommenes Element der schönen Literatur. Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hielten es für ihre Aufgabe, Stereotypen mit der Realität zu vergleichen, um ihnen jeden Wahrheitsgehalt abzusprechen, Vorurteile richtigzustellen und damit den Aspekt des Stereotyps als Wahrnehmungsform in den Mittelpunkt zu stellen. Stereotypen lassen sich nicht eliminieren, der Umgang mit ihnen lässt sich aber zivilisieren und dazu sollen alle Kulturwissenschaften aufgerufen werden.[10]

2.2 Nationale Stereotypen

Nationale Stereotype charakterisieren eine Gruppe von Menschen, die eine Nation bilden, doch auch die Nation ist ein Merkmal, dass zur „generalisierenden Auffassung, die schließlich auf das Grenze der Bevölkerung in ihrer vermeintlichen Besonderheit zielt“[11] benutzt wird. Für die Erforschung nationaler Stereotype sind allerdings nur Gruppen von Menschen und deren ethnische Zugehörigkeit näher zu beleuchten. In einigen Fällen werden auch historische Ereignisse und Situationen zu der Bildung nationaler Stereotype führen. Dabei sind Stereotypen jedoch nicht immer Fremdzuschreibungen. Nationale Stereotypen treten in allen sozialen Bereichen auf – es gibt professionelle Stereotypen (der zerstreute Professor, der weltfremde Wissenschaftler, der Pauker, der windige Versicherungsvertreter, der hektische oder arrogante Manager), konfessionelle bzw. religiöse Stereotypen (der fanatische – oder heute fundamentalische – Mohammedaner, der dogmatische Katholik), Klassenstereotypen (der ausbeuterische Bourgeois, der Prolet, der beschränkte Kleinbürger) oder auch sexistische Stereotypen (die Frau am Steuer). Viele Komödien, ob im Theater oder im Film, leben von der Existenz und allgemeinen Akzeptanz solcher Stereotypen. Es wurde angemerkt, dass im konkreten Gebrauch nationale Stereotypen oft inhaltlich mit anderen (sozialen, politischen u.a.) Stereotypen vermischt werden – so ‚die polnische Anarchie’, der ‚tschechische Kleinbürger’, der ,britische Gentleman’ usw. Nationale Stereotypen sind subjektive von Emotionen beeinflusste und verallgemeinernde Werturteile, die auf Gruppen von Menschen angewendet werden (bzw. auf Einzelne als Mitglieder einer Gruppe). Es besteht eine Frage, ob alle Verallgemeinerungen Stereotype sind? Die Menschen können ohne Verallgemeinerungen nicht leben. Jeder Mensch lernt die gespeicherten Kenntnisse und Erfahrungen seiner Gesellschaft, und zwar gleichzeitig mit einem das soziale Leben regulierenden Wertesystem. Der verbale Ausdruck, wie solche notwendigen Verallgemeinerungen gelernt und benutzt werden, sind Begriffe. Allerdings ist keineswegs jeder Begriff oder jedes generalisierende Werturteil ein Stereotyp. Begriffe beruhen auf Erfahrungen, haben eine kognitive Funktion und bestimmte Beziehung zur Realität, d.h. sie sind überprüfbar, verifizierbar oder falsifizierbar, und sie verändern sich, wenn die Realität sich ändert. Nationale Stereotypen sind Verallgemeinerungen, bei denen die emotionale Komponente dominiert, sie sind emotional aufgeladen, diese emotionale Geladenheit stellt offensichtlich den wichtigsten Informationsgehalt dar. Nationale Stereotypen sind weder angeboren, auch wenn das oft von ihnen behauptet wird, noch beruhen sie in den meisten Fällen auf persönlicher Erfahrung, sondern sie werden emotional vermittelt durch das soziale Milieu.[12] Ein Stereotyp entsteht durch eine besondere Verwendung eines Wortes in einem besonderen Kontext. Stereotypen sind daher nicht essentialisch zu untersuchen, sondern nur kontextuell, in solchen Fällen es ist sinnvoll, von narrativen Stereotypen zu sprechen. Es existieren auch Auto- und Heterostereotype. Ein Autostereotyp ist ein Urteil, das eine Gruppe von sich selbst macht. In der Regel handelt sich hierbei um eine Auflistung von identitätsstiftenden Eigenschaften, die sich eine Ethnie bzw. Nation zuschreibt. Beim Heterostereotyp handelt sich um eine Vorstellung, um ein Vorurteil, das viele Angehörige einer ethnischen Gruppe von denen einer anderen besitzen. Im Heterostereotyp finden sich Charakteristiken, die einer fremden Ethnie bzw. Nation zugeschrieben werden. Die negativen Charakteristiken im Heterostereotyp stellen nur insofern eine Gefahr dar, als sie zu einem Feindbild ausgebaut bzw. für Schüren von Konflikten instrumentalisiert werden können. Das Autostereotyp ist immer differenzierter als Heterostereotyp. Es überwiegen meist die positiven Merkmale. Bei negativen Charakteristiken der eigenen Nation betrachtet sich der Sprechende in der Regel als eine glückliche Ausnahme, oder zumindest als einer, der in einer Stereotyp-Korsett nicht hinein passt. Wenn im Autostereotyp die negativen Eigenschaften start vertreten sind oder sogar dominieren kann eine außengeleitete Identität angenommen werden. Das Heterostereotyp tendiert eher in Richtung schwarz-weiß: stärkere Generalisierungen, ungerechtfertige Vereinfachungen und unzulässige Reduzierungen sind hier stärker ausgeprägt.[13] Es gibt aber auch Stereotypen die doppelt auftreten, sowohl als Auto- wie auch als Heterostereotyp. Das gilt z.B. für das Stereotyp des ‚deutschen Drangs nach Osten’, das Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch gleichzeitig als positiv gemeintes Autostereotyp zur historischen Rechtfertigung einen ,deutschen Ostmission’ und als negatives Heterostereotyp in einigen slawischen Gesellschaften entstand, um deren Bedrohungsängste auszudrücken, gleichzeitig mit dem Ziel der Gegnerdefinierung und Selbstmobilisierung. Häufiger ist das gleichzeitige Auftreten rein negativer Stereotypen als Hetero – und als Autostereotyp festzustellen. Als Beispiel kann hier das Stereotyp des Polen als Indianer dienen. Polen als Indianer – ein Stereotypenmotiv, das im 19. Jahrhundert einige Jahrzehnte funktionierte und das vor allem der Schriftsteller und Publizist Gustav Freytag[14] gerne benutzte. Das Stereotyp des ,edlen Polen’ aus der Zeit der deutschen Polenfreundschaft der 1830er Jahre ist auch sehr bekannt. Das idealisierte Stereotyp des ‚edlen Polen’ wird nicht nur trivialisiert, es wird viel mehr negativ konnotiert und als Überwertung von Äußerlichkeiten interpretiert und herausgestrichen. Was zuvor als Tugend der polnischen Patrioten interpretiert wurde, wird erst als Inszenierung verschlüsselt, um späterhin ganz in das Gegenteil verkehrt zu werden.[15]

Das 19. Jahrhundert stellt einen qualitativen Sprung dar, was den Gebrauch, die Verarbeitung, die Rolle und die Wirksamkeit von nationalen Stereotypen angeht. Hier sind diese drei Faktoren:

1. Zuerst soll man die Korrelation von intensivierter öffentlicher Kommunikation und verstärktem Auftreten von Stereotypen zu nennen. Die Entwicklung von Massenpresse bedeutete einer derart sich verdichtende Massenkommunikation. Damit wurde gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für die Wirksamkeit und wachsende Bedeutung von Stereotypen in öffentlichen Leben geschaffen. Das lässt sich schon an der politikgeschichtlichen Folgen ablesen: Seitdem es Massenpresse gibt , versuchen Politiker, sich ihrer zu bedienen; seitdem Politiker der Massen bedürfen, um eine führende Stellung einzunehmen, benutzen sie in zunehmendem Masse Stereotypen.

2. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Nation immer mehr die bestimmte Gruppe, die Vorgang vor anderen sozialen Gruppenzugehörigkeiten beanspruchte Dominanz, wenn gar nicht Ausschlieβlichkeit forderte in Bezug auf das Identitätsbewusstsein und das Loyalitätsempfinden ihrer Mitglieder. Dieser Prozess der ‚Nationalisierung’ des kollektiven und individuellen Bewusstseins hatte einen Einfluss auf den Stellenwert nationaler Auto- und Heterostereotypen.

3. Als dritter Falktor ist ein Veränderungsprozess in der Wahrnehmung der internationalen Beziehungen festzustellen. Europa wurde fast überall mit der Vorstellung vom naturgegeben Antagonismus der Völker beherrscht. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die sich verbreitende Akzeptanz nationaler Stereotypen, überall in Europa und vor allem in Deutschland und Russland.

Diese drei Faktoren – Kommunikationsverdichtung, Dominanz der nationalen Identität und analoges Verständnis der internationalen Beziehungen – erlauben es, seit dem 19. Jahrhundert von einer qualitativ neuen Rolle der nationalen Stereotypen in Zusammenhang der Menschen auf unserem Kontinent zu sprechen.[16]

Aus der historischen Legitimation der Stereotypeninhalte ergibt sich, dass nationale Stereotypen mehr bezeichnen, als nur verallgemeinernde emotional aufgeladene Werturteile. Sie enthalten nicht selten gleichzeitig bestimmte Visionen der Vergangenheit. Nationale Stereotypen beinhalten auch die Wahrnehmung von Sozialordnungen und deren potentieller oder tatsächlicher Veränderung, die Einstellung zu Modernisierungsprozessen, zum Stellenwert der Religion in der Gesellschaft und schließlich zu grundsätzlichen moralischen Werthaltungen. Damit mischen sich nationale und soziale oder konfessionelle bzw. religiöse Stereotypen. Viele nationale stereotypen des 19. und 20. Jahrhunderts berühren oder drehen sich um das Thema der Modernisierung.[17]

Im Internet gibt es viele Beispiele von nationale Stereotypen. Hier gibt es ein paar Beispiele, was man im Internet finden kann. Die Deutschen sagen was ihrer Meinung derzeit typisch polnisch ist. Diese Liste wurde vor allem für die Vorbereitung einer Reise vorbereitet.

- Polen wurde Hunderte von Jahren unterdrückt aber nie richtig bezwungen, daraus resultiert eine wichtige Charaktereigenschaft: ein Pole beugt sich dem Druck, in seinem Innersten ist er aber oft rebellisch (Polnische Nationalhymne: Noch ist Polen nicht verloren),
- melancholisch, die berühmte Polnische Melancholie,
- Problem in der Beziehung zwischen Individuum und Staat
- katholisch (sehr fleißige Kirchgänger)
- überaus starkes Bewusstsein von allgemeiner und individueller Freiheit, von Unabhängigkeit und Souveränität
- die Polen haben ein mystisches Selbstbewusstsein, das seine Kraft aus dem Leiden zieht.
- Operettenweisheit: die Schönste ist immer die Polin
- Polen rücken einem im Gespräch oft zu nahe auf den Pelz
- bringt ein 'nein' nicht direkt zum Ausdruck, sondern eher mit stilistischen Mitteln wie Metaphern oder Ironie
- gibt gerne Küsschen (Handkuss bei Damen oder vier Luftküsschen bei der Umarmung)
- ein Spruch sagt: 'Wenn ein Pole hungrig ist, dann ist er schlecht gelaunt und wenn er satt ist, ist er müde'[18]

2.3 Visuelle Stereotypen

Mit dem Beginn von visueller Stereotypen kann man von dem drucktechnischen Fachausdruck des vorigen Jahrhunderts auszugehen. 1843 wurde in Preußen und anderen deutschen Staaten die Zensur für Bilder aufgehoben. In Leipzig gründete Johan Jakob Weber die „Illustrierte Zeitung“, die sich vornahm, der Zukunft ein „Bild der Gegenwart“ zu überliefern. Aus dem Fluss der Ereignisse waren die wichtigsten auszuwählen. Während der Text den Ablauf eines Geschehens schildern konnte, waren die Illustrationen verpflichtet, den Moment zu zeigen, in dem sich das Ereignis verdichtet. Die Bilder der „Illustrierten Zeitung“ wurden vom Holzstock gedruckt. Nach einer – oft vor Ort gefertigten Zeichnung – stach ein Holzstecher die Darstellung in das harte Hirnholz eines Stocks. Dieses Hochdruckmodel konnte gemeinsam mit dem Bleisatz gedruckt werden . Um auch die Illustrierten in London und Paris versorgen zu können, fertige man Abgüsse von den Bildholzmodeln, wie man auch Abgüsse der Schrifttypen machte. Im Gegensatz zur Lithographie waren diese Hochdruckbildtypen dreidimensional, Stereotypen also. Stereotypen in diesem Sinne sind also echte Duplikate. Was sie duplizieren sind Typen, Typisierungen, Verallgemeinerungen. Während ein Typus nicht immer eindeutig zu definieren ist, trifft man dies für das Stereotyp nicht zu, es ist ein Duplikat oder bis zur unwechselbaren Eindeutigkeit entstellt.

Es ist nicht möglich ohne Verallgemeinerungen zu leben. Unsere Augen bedürfen der Universalisierung, um in der Kontingenz des Alltags nicht unterzugehen. Dabei ist das Allgemeine niemals statisch zu denken, es formuliert sich je neu am je neu gesehenen besonderen. Menschen bringen durch schon vorhandene Vorstellungen, Ordnung in das Chaos der Phänomene, die unseren Augen ununterbrochen gegenübertreten. Die Kompatibilität unserer Vorstellungen mit Phänomenen der uns umgebenden Welt erzeugt das Gefühl, dass wir in sinnvolle Kontexte einbezogen seien.

Im Gegensatz zu Typisierungen sind Stereotypen unveränderlich, auf jeden Fall, wenn wir das Wort im bildwissenschaftlichen Kontext verwenden wollen. Dabei stehen die Bilder nicht ohne Sprache in der Welt. „Richtig“ oder „falsch“ sind Aussagen, die für Bilder nur verwandt werden können, wenn sie mit Sätzen in Verbindung gebracht werden. Ob die karikierende Darstellung eines Polen, eines Juden, eines Deutschen oder einer Engländern, „richtig“ oder „falsch“, „niederträchtig“ oder „erhellend“ ist, ist erst zu klären, wenn der Kontext bekannt ist.

[...]


[1] Zitiert aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp, 18. Mai 2008

[2] Allan Bullock, Oliver Stallybrass: The Fontana Dictionary of Modern Thought. London 1983, S.601

[3] Das Groβe Wörterbuch der Deutschen Sprache, 2000 Dudenverlag, Sat_Wolf, Bayern.

[4] Encarta Enzyklopädie Professional 2003, 1993-2002 Microsoft Corporation.

[5] Hubert Orłowski: Die Lesbarkeit von Stereotypen. Der deutsche Polendiskurs im Blick historischer Stereotypenforschung und historischer Semantik. Wrocław 2005. S. 16-17.

[6] Walter Lippmann (* 23. September1889 inNew York City; †14. Dezember1974) war ein einflussreicherUS-amerikanischerSchriftsteller, Journalist und politischer Kommentator.

[7] Hans Henning Hahn, (Hrsg.): Stereotyp, Identität und Gesichte. Frankfurt am Main 2002, Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 9-10.

[8] Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp, 18. Mai 2008

[9] Vgl. ebd., 18. Mai 2008

[10] Hans Henning Hahn, (Hrsg.): Stereotyp, Identität und Gesichte . Frankfurt am Main 2002, Europäischer Verlag der Wissenschaften, S. 11-12.

[11] Hermann Bausinger: Name und Stereotyp. In: Helge Gernt (Hrsg.): Stereotypenvorstellungen im Alltagsleben. Beitrage zum Themenkreis Fremdbilder – Selbstbilder – Identität. München 1988, S. 13.

[12] Hans Hennig Hahn, Eva Hahn: Nationale Stereotypen. Plädoyer für eine historische Stereotypenforschung, in: Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktionen von Stereotypen in Gesellschaftlichen Diskursen. Hrsg. Von Hans Hennig Hahn. Frankfurt am Main 2002, S. 21-22.

[13] Olga Rösch: Wir und die Andersen. Über die Normalität von Stereotypisierungen in der interkulturellen Kommunikation. In: http://archiv.gwk.udk-berlin.de, 15. Juli 2008

[14] Gustav Freytag (* 13. Juli1816 inKreuzburg,Oberschlesien, heute Kluczbork ; † 30. April 1895 in Wiesbaden) war ein deutscher Schriftsteller.

[15] Andrea Himmelstoß: Das Bild Polens und der Polen in der deutschen Literatur am Beispiel ausgewählter Texte von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, Berlin 2007, Grin Verlag, S. 13.

[16] Hans Hennig Hahn, Eva Hahn: Nationale Stereotypen. Plädoyer für eine historische Stereotypenforschung, in: Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktionen von Stereotypen in Gesellschaftlichen Diskursen. Hrsg. Von Hans Hennig Hahn. Frankfurt am Main 2002, S. 52-53.

[17] Vgl. ebd., S. 54-56.

[18] http://maciek.piranho.de/, 16. März 2008.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Stereotypenforschung am Beispiel von Polenwitzen
Hochschule
Wyższa Szkoła Języków Obcych, Poznań
Note
Sehr Gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
49
Katalognummer
V263698
ISBN (eBook)
9783656653165
ISBN (Buch)
9783656653158
Dateigröße
1073 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stereotypenforschung, beispiel, polenwitzen
Arbeit zitieren
Justyna Hoffman (Autor), 2008, Stereotypenforschung am Beispiel von Polenwitzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263698

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