Der Zusammenhang von Wissen und Macht - Foucault's Ordnung des Diskurses


Essay, 2004
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1. Zum Begriff der Macht

2. Die Ordnung des Diskurses
2.1 Prozeduren der Ausschließung
2.2 Interne Prozeduren: Klassifikations-, Anordnungs- & Verteilungsprinzipien
2.3 Die Verknappung des sprechenden Subjekts

3. Zusammenfassung und Kritik

Wissen ist Macht, wie uns der Volksmund glauben machen will. Doch ist dem wirklich so? Ist das Verhältnis zwischen Wissen und Macht derart simpel, dass es sich schon durch drei Worte beschreiben lässt? Kann die These bestehen, wenn ich ihr entgegne, dass nur angewandtes Wissen Macht bedeutet? Was also, wenn ich über Wissen verfüge, es aber nicht anwenden darf? Wer (oder was) besitzt dann die Macht, meine Worte, meine Taten zu verbieten. Wodurch kommt seine Macht – wodurch kommt Macht überhaupt zustande? Und vor allem: Was ist sie eigentlich?

Um diese Fragen klären zu können, bedarf es sicherlich weitaus mehr als nur drei Worte.

Ziel der nun folgenden Ausführungen ist es, zunächst den Begriff der „Macht“, wie ihn Foucault versteht, zu klären und einen ersten Bezug zum Wissen herzustellen. In einem zweiten Schritt wird versucht, das Verhältnis von Wissen und Macht anhand Foucaults „Ordnung des Diskurses“ darzulegen. Abschließend sollen die Ansätze des französischen Philosophen kritisch bewertet werden.

1. Zum Begriff der Macht

Max Weber zufolge bedeutet Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“[1]

Dadurch gibt Weber dem Machtbegriff einen relativ umfassenden und mitunter gewalttätigen Charakter. Umfassend, weil er Einwirkungen sowohl auf das Handeln anderer, als auch auf deren Körper beinhaltet. Gewalttätig, weil die Einwirkungen auf den Körper verletzend und sogar tödlich sein können. Folter und Mord beispielsweise wären in Webers Augen also eine Form der Machtausübung.

Nicht so bei Foucault. Dieser grenzt ein solches Gewaltverhältnis eindeutig von einem Machtverhältnis ab.[2] Ersteres wirkt ausschließlich auf den Körper ein und kann ihn beugen, brechen oder gar zerstören, wobei es keinerlei Freiheit für den Unterlegenen vorsieht. Ein Machtverhältnis hingegen setzt zweierlei voraus: Zum einen muss derjenige, auf den Macht ausgeübt wird, erhalten bleiben, da mit seinem Leben auch das Machtverhältnis ein Ende finden würde. Zum anderen muss er – trotz des Machtverhältnisses – über gewisse Freiheiten verfügen. Dies wird deutlicher, wenn wir uns Foucaults Definition von Macht vor Augen halten, die besagt, dass ein Machtverhältnis – sei es zwischen individuellen oder kollektiven Partnern – als ein „Handeln auf ein Handeln[3] zu verstehen ist. Macht bedeutet somit nicht eine vollkommene Kontrolle, sondern eine Beeinflussung, ein Lenken des Handelns anderer in eine bestimmte Richtung – in dieser Richtung aber öffnen sich für den „beherrschten“ vielerlei Möglichkeiten, sein Handeln relativ frei auszuüben.

Macht vollzieht sich also in Handlungen. Dies impliziert, dass sich durch viele Handlungen viele Machtverhältnisse (z.B. Lehrer-Schüler, Soldat-Unteroffizier, Lehrling-Meister) konstituieren, welche in verschiedenen Machtregionen (z.B. Schule, Armee, Fabrik) ausgeübt werden[4] und – laut Foucault – ein komplexes Machtgeflecht bilden.[5] Um es deutlich zu sagen: Man darf nicht dem Irrtum unterliegen, dass es nur eine Macht gibt – Macht hat kein einzelnes Zentrum. Man darf eine Analyse der Macht nicht allein auf den Staatsapparat beziehen, obgleich ihm eine besondere Bedeutung zukommt, weil sich alle anderen Machtverhältnisse auf ihn beziehen und sich in ihrer Form zunehmend der staatlichen Organisationsweise annähern.[6]

Würde man sich einzig auf den Staatsapparat konzentrieren, so könnte man „Macht“ lediglich in ihrer negativen, juristischen Form betrachten, nämlich als Verbot, Regel oder Gesetz. Aber sie ist mehr als das – sie ist eine Technologie und sie umfasst auch außerjuristische und positive Formen.[7] (Ein außerjuristisches Machtverhältnis ist beispielsweise das Verhältnis zwischen dem Irren und seinem Arzt.) Positiv ist eine (lokale) Macht, weil sie etwas produziert – sei es ein Produkt in einer Fabrik, seien es Fähigkeiten in der Schule, oder seien es Leichen, welche von der Armee „produziert“ werden. Dass sich lokale Machtbeziehungen weiterentwickeln können, und wie sie mit Wissen zusammenhängen, sei kurz an einem Beispiel dargestellt: In früheren Zeiten waren Armeen relativ schlecht organisiert, es scharte sich eine mehr oder minder große Anzahl von Soldaten um einen Anführer. Mit der Erfindung des Gewehrs wandelte sich jedoch die Funktion des Soldaten: er war nicht länger „Kanonenfutter“, sondern musste am Gewehr ausgebildet werden. Diese Ausbildung war kostbar – und mit ihr der Soldat; es galt nun, ihn zu erhalten (vgl. oben) und ihm die nötigen Techniken und Kenntnisse (Wissen) zum Überleben beizubringen. Je mehr man ihn lehrte, desto länger und kostbarer wurde seine Ausbildung, und desto kostbarer wurde wiederum der Soldat, usw. ... Schließlich bedurfte man einem hierarchischen System von Unteroffizieren und Offizieren, welche die Schulung der Soldaten und deren Führung und Koordination übernahmen, um eine möglichst effiziente Produktion (von Leichen) zu gewährleisten.[8]

Ob ein Machtverhältnis negativ ist oder positiv – es muss nicht auf einem Konsens beruhen.[9] Foucault spricht von einem „Agonismus“[10] zwischen Macht und Freiheit, welcher im Zentrum eines jeden Machtverhältnisses steht – einem ständigen Kampf also und einem gegenseitigen Provozieren der beiden. Der Beherrschte möchte nicht beherrscht werden und wehrt sich gegen die Macht, welche ihrerseits versucht, eine Rebellion zu verhindern. Dies bleibt nicht ohne Folgen:

Denn wenn es stimmt, dass es im Kern der Machtverhältnisse und als deren ständige Existenzbedingung das Aufbegehren und die widerspenstigen Freiheiten gibt, dann gibt es kein Machtverhältnis ohne Widerstand, ohne Ausweg oder Flucht, ohne eventuelle Umkehrung.“[11]

Das heißt aber auch, dass sich ein Machtverhältnis nicht ausweiten kann, da jeder Versuch in diese Richtung entweder mit einem Aufbegehren, einer Rebellion bestraft, oder aber in einem Sieg der Macht über den Beherrschten – also in einem Ende der Machtbeziehung – enden würde. Die Machtausübung muss sich deshalb andere Strategien zurecht legen, um (an der) Macht bleiben zu können: Sie muss alle revolutionären Gedanken integrieren, sich ihnen anpassen und sich somit weiterentwickeln – und das tut sie auch: „sie schreibt sich fort, verwandelt sich, organisiert sich, stattet sich mit mehr oder weniger abgestimmten Prozeduren aus.“[12] Kurz: Machtausübung unterliegt einem ständigen Rationalisierungs- und Reproduktionsprozess.

Werfen wir einen Blick auf den Staatsapparat: Damit sich dieser erhalten kann, muss er über zwei zentrale Technologien der Macht verfügen, die sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt und immer weiter verfeinert haben. Es sind dies individualisierende und totalisierende Machttechnologien.[13] Das heißt, der Staat muss Macht einerseits über das Individuum und andererseits über die Gesellschaft ausüben. Ersteres gelingt ihm durch die Ausübung einer Anatomo-Politik[14], die darauf abzielt, das einzelne Individuum zu disziplinieren, es quasi durch sich selbst kontrollieren zu können. Disziplin – z.B. die eines Soldaten – wird durch eine sorgfältige Erziehung des Körpers, eine permanente Anwendung von Drill und durch eine panoptische Kontrolle erzielt (vgl. unten).[15] Erziehung, Drill und Kontrolle basieren allesamt auf Wissen – und sie haben sich mit ihm weiterentwickelt. Durch die Anatomo-Politik übt der Staat Macht über das Individuum, weil er in es hineinwirkt und ihm seine Individualität vorschreibt.[16]

[...]


[1] Korte (2002), S. 162

[2] Engelmann (1999), S. 192

[3] Engelmann (1999), S. 192

[4] Engelmann (1999), S. 176f.

[5] Defert (2003) S. 490f.

[6] Engelmann (1999), S. 198

[7] Engelmann (1999), S. 173ff.

[8] vgl. Engelmann (1999), S. 178 & 182f.

[9] Engelmann (1999), S. 192ff.

[10] Engelmann (1999), S. 194

[11] Engelmann (1999), S. 199f.

[12] Engelmann (1999), S. 197

[13] Engelmann (1999), S. 168

[14] Engelmann (1999), S. 184

[15] vgl. Münch, (2004), S. 405f.

[16] Engelmann (1999), S. 171

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang von Wissen und Macht - Foucault's Ordnung des Diskurses
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie II)
Veranstaltung
Proseminar "Das Wissen vom Wissen"
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V26378
ISBN (eBook)
9783638287319
ISBN (Buch)
9783638848237
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zusammenhang, Wissen, Macht, Foucault, Ordnung, Diskurses, Proseminar
Arbeit zitieren
Sebastian Wiesnet (Autor), 2004, Der Zusammenhang von Wissen und Macht - Foucault's Ordnung des Diskurses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26378

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