In der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen in Bezug auf die Begleitung von Menschen mit Demenz wird ersichtlich, dass unterschiedliche Betrachtungsweisen nicht nur möglich, sondern auch notwendig sind (vgl. Meyer; 2008). So einmalig jeder Mensch ist, so individuell muss die Beziehungsgestaltung gelebt werden. Die Begleitung von Menschen mit Demenz gleicht dabei, auch aus einer ethischen Perspektive, einer Gradwanderung, bei der die unterschiedlichsten Anforderungen, die an die Begleitenden gestellt werden, manchmal den Blick auf die Person, die begleitet wird, verstellen.
Menschen mit fortgeschrittener Demenz leben im Augenblick, ihr Dasein und ihr Erleben findet im „Jetzt“ statt (vgl. Wojnar, 2001/2), wenn dieses auch häufig Jahrzehnte zurückliegt. Das Erleben der Situation scheint in enger Verbindung zu stehen mit emotionalen Erinnerungen, die im Sinne eines Déjà–vu-Erlebnisses (ebd.) präsent und handlungsleitend werden. Gleichzeitig, so Wojnar (ebd.), entfernen sie sich aus unserer Kultur, gehen zurück in kulturgeschichtlich frühere Zeiten der menschlichen Entwicklung. Die Befriedigung des Bedürfnisses „zu Hause oder bei sich zu sein“ (Wojnar, 2006: 81) schafft „Vertrautheit“ (Bosch, 1998: 123) und bildet die Grundlage für Lebensqualität.
Inhaltsverzeichnis
1 Ausgangslage
2 Grundlagen der Konzeptevaluation
2.1 Entwicklung und Begründung eines Untersuchungsinstrumentes für die Evaluation von Konzepten in der Begleitung von Menschen mit Demenz
3 Konzeptauswahl und Begründung
4 Validation nach Feil
4.1 Ursprung und theoretischer Hintergrund
4.2.1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen
4.3 Menschenbild und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
4.3.1 Quellenkritik
4.3.2 Inhaltliche Kritik
4.4 Philosophische Ausrichtung und ethische Positionen
4.5 Anforderungsprofil
4.6 Zusammenfassung
5 Das psychobiographische Pflegemodell nach Böhm
5.1 Ursprung und theoretischer Hintergrund
5.2 Zentrale Aussagen
5.2.1 Zusammenfassung der zentralen Aussagen
5.2.2 Kritik
5.3 Menschenbild und das Verständnis von Gesundheit und Krankheit
5.4 Philosophische Ausrichtung und ethische Positionen
5.5 Anforderungsprofil
5.6 Zusammenfassung
6 Diskussion und Vergleich
6.1 Theoretische Haltbarkeit
6.2 Praktische Brauchbarkeit
7 Zusammenfassung
8 Ausblick
8.1 Persönliche Anmerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die philosophischen Grundlagen und ethischen Implikationen der zwei in der deutschen Altenhilfe am weitesten verbreiteten Pflegekonzepte für demenziell erkrankte Menschen: "Validation nach Feil" und das "Psychobiographische Pflegemodell nach Böhm". Ziel ist es, die wissenschaftliche Haltbarkeit und praktische Anwendbarkeit dieser Ansätze im Hinblick auf ein würdevolles, autonomieorientiertes Begleitungsverständnis zu evaluieren.
- Kritische Analyse pflegetheoretischer Ansätze bei Demenz
- Ethische Reflexion von Paternalismus vs. Autonomie in der Pflege
- Evaluation der Konzepte "Validation nach Feil" und "Psychobiographisches Pflegemodell nach Böhm"
- Vergleich von Menschenbildern sowie Gesundheits- und Krankheitsverständnissen
- Untersuchung des Anforderungsprofils für professionell Pflegende
Auszug aus dem Buch
1 Ausgangslage
In der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen in Bezug auf die Begleitung von Menschen mit Demenz wird ersichtlich, dass unterschiedliche Betrachtungsweisen nicht nur möglich, sondern auch notwendig sind (vgl. Meyer; 2008). So einmalig jeder Mensch ist, so individuell muss die Beziehungsgestaltung gelebt werden. Die Begleitung von Menschen mit Demenz gleicht dabei, auch aus einer ethischen Perspektive, einer Gradwanderung, bei der die unterschiedlichsten Anforderungen, die an die Begleitenden gestellt werden, manchmal den Blick auf die Person, die begleitet wird, verstellen.
Menschen mit fortgeschrittener Demenz leben im Augenblick, ihr Dasein und ihr Erleben findet im „Jetzt“ statt (vgl. Wojnar, 2001/2), wenn dieses auch häufig Jahrzehnte zurückliegt. Das Erleben der Situation scheint in enger Verbindung zu stehen mit emotionalen Erinnerungen, die im Sinne eines Déjà – vu - Erlebnisses (ebd.) präsent und handlungsleitend werden. Gleichzeitig, so Wojnar (ebd.), entfernen sie sich aus unserer Kultur, gehen zurück in kulturgeschichtlich frühere Zeiten der menschlichen Entwicklung. Die Befriedigung des Bedürfnisses „zu Hause oder bei sich zu sein“ (Wojnar, 2006: 81) schafft „Vertrautheit“ (Bosch, 1998: 123) und bildet die Grundlage für Lebensqualität.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ausgangslage: Einleitung in die ethische Problematik der Begleitung von Menschen mit Demenz und Darstellung der Notwendigkeit individueller Beziehungsgestaltung.
2 Grundlagen der Konzeptevaluation: Einführung in die Kriterien zur Analyse und Bewertung von Pflegemodellen unter Einbezug relevanter wissenschaftlicher Ansätze.
3 Konzeptauswahl und Begründung: Darlegung der Kriterien für die Auswahl der untersuchten Pflegekonzepte basierend auf deren Verbreitung und Bekanntheit in der Praxis.
4 Validation nach Feil: Umfassende Untersuchung des Validationsansatzes, seiner theoretischen Herleitung, Menschenbildes sowie kritische Würdigung der ethischen Positionen.
5 Das psychobiographische Pflegemodell nach Böhm: Eingehende Analyse des psychobiographischen Modells, seiner theoretischen Annahmen, Stufenmodelle und kritische Bewertung der ethischen Implikationen.
6 Diskussion und Vergleich: Synthese der Ergebnisse, wobei Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Konzepte gegenübergestellt und kritisch diskutiert werden.
7 Zusammenfassung: Abschlussbetrachtung der Arbeit mit Resümee über die Ergebnisse der Konzeptevaluation und Empfehlungen für die Pflegepraxis.
8 Ausblick: Überlegungen zur zukünftigen Ausrichtung der Pflege bei Demenz unter Berücksichtigung ethischer Grundwerte und notwendiger fachlicher Weiterentwicklungen.
Schlüsselwörter
Demenz, Validation, Psychobiographisches Pflegemodell, Pflegeethik, Menschenbild, Beziehungsgestaltung, Autonomie, Paternalismus, Pflegewissenschaft, Lebensqualität, Bedürfnisorientierung, Biografiearbeit, Theorieevaluation, Altentherapie, Reaktivierung
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Ziel dieser Arbeit?
Das Hauptziel ist die kritische philosophische und pflegewissenschaftliche Auseinandersetzung mit den beiden in Deutschland dominierenden Demenzkonzepten, um deren ethische Validität für eine würdevolle Begleitung zu prüfen.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Die Arbeit behandelt die philosophischen Grundlagen der Altenpflege, ethische Spannungsfelder zwischen Fürsorge und Autonomie, sowie die wissenschaftliche Begründung von Demenzpflegemodellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine strukturierte Konzeptanalyse, basierend auf Kriterien wie Ursprung, inhaltlicher Reichweite, logischer Kongruenz, theoretischer Ableitung und Glaubwürdigkeit (in Anlehnung an Fawcett und Krohwinkel).
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse in Bezug auf die untersuchten Konzepte?
Beide Konzepte, Feil und Böhm, basieren zwar auf wichtigen praktischen Erfahrungen, leiden jedoch unter einer problematischen theoretischen Fundierung, die oft widersprüchlich wirkt und sich wissenschaftlicher Kritik weitgehend entzieht.
Wie werden Menschen mit Demenz in den Modellen gesehen?
Beide Konzepte neigen zu einer defizitorientierten Betrachtung, bei der der Mensch als Wirt einer Erkrankung agiert, wobei das Leben weitgehend durch frühe Prägungen oder hirnorganische Verluste determiniert ist.
Welche Rolle spielt die Ethik?
Die Arbeit kritisiert, dass in beiden Modellen eine starke paternalistische Grundhaltung herrscht, die das Autonomieprinzip zugunsten einer zielgerichteten Nützlichkeit oder "richtigen" Führung vernachlässigt.
Was unterscheidet das Psychobiographische Pflegemodell von anderen Ansätzen?
Es stützt sich stark auf eine "Seelenphänomenologie" und ein Schichtenmodell des Gedächtnisses, wobei psychische Auffälligkeiten primär auf biographisch bedingte Fehlprägungen in den ersten 25 Lebensjahren zurückgeführt werden.
Warum wird die "Validation nach Feil" als problematisch angesehen?
Neben der unklaren wissenschaftlichen Basis wird kritisiert, dass der Anspruch auf "empathische Begleitung" in der Praxis in eine normative Technik umkippt, die den Demenzkranken als zu steuerndes Objekt behandelt.
Welche Bedeutung hat der biographische Ansatz für den Autor?
Der Autor erkennt den Wert der Biografiearbeit als Basis für das Verstehen des alten Menschen an, warnt jedoch davor, diese in starre, pseudowissenschaftliche Raster zu pressen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die Zukunft der Altenhilfe?
Er fordert eine Abkehr von starren "Heilslehren" hin zu einer interdisziplinären, fachlich fundierten und ethisch reflektierten Pflege, die den Menschen mit Demenz als einzigartiges Subjekt in den Mittelpunkt stellt.
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- Dipl. Pflegewirt, M.A. Bernd Meyer (Author), 2013, Demenz und Ethik. Die Demenzpflegetheorien von Naomi Feil und Erwin Böhm aus pflegewissenschaftlicher-philosophischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264057