Die realitätsnahe Schule - Das Konzept G. G. Hillers und seine Impulse für die moderne Gesellschaft


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Lebenssituation benachteiligter Jugendlicher als Herausforderung für die Gesellschaft

3. Fünf Thesen und die Forderungen an Gesellschaft und Schule

4. Konkretisierungen: Was müssen Gesellschaft und Schule leisten?
4.1 Die Bildungsaufgabe der Gesellschaft
4.2 Die Bildungsaufgabe des Schulsystems

5. Kommentar

1. Einleitung

In meinen zahlreichen Gesprächen mit Freunden und Kollegen, die an Förder-, Berufs- und Hauptschulen tätig sind, wird oft thematisiert, dass regelmäßig ein Teil ihrer Schüler langfristig ohne Abschluss bzw. Ausbildung bleibt. Eine von uns viel diskutierte Frage ist, wie man diesen Jugendlichen adäquater begegnen kann bzw. was eine Gesellschaft und insbesondere eine Schule leisten kann und muss, um jedem Schüler eine Perspektive zu bieten. Im Verlauf meines Studiums bin ich auf das Konzept der „realitätsnahen Schule“ von G. G. Hiller gestoßen: Er hat in seinem Werk eine Antwort auf diese Frage zu geben versucht.

Erstmals veröffentlicht er sein Konzept 1985 in einem Beiheft der Zeitschrift für Heilpädagogik. In seinem Buch „Ausbruch aus dem Bildungskeller“ von 1989 führt er dieses Konzept weiter aus und begründet es bildungstheoretisch, schulorganisatorisch und didaktisch. Die darin enthaltenen Texte sind seit 1991 unverändert.[1]

Zwischen 1992 und heute hat der Autor kein weiteres systematisches Werk vorgelegt. Stattdessen gibt es von ihm bis heute eine Vielzahl von Aufsätzen, Essays, Forschungs-berichten und Unterrichtsmaterialien, in denen er sein Konzept ausformuliert bzw. punktuell weiterentwickelt hat.[2] [3]

Zu Beginn seiner Veröffentlichungen bezieht sich Hiller auf die Absolventen der Sonderschule für Lernbehinderte. In späteren Veröffentlichungen und Vorträgen erweitert er seinen Blickwinkel zunehmend auf Jugendliche in erschwerten Lebens-lagen, die als bildungsbenachteiligte Schüler die unteren Bildungsgänge[4] mit Ergeb-nissen durchlaufen, die weder den Besuch weiterführender Schulen noch die Aufnahme einer Berufsausbildung ermöglichen: Einige werden sogar ohne einen Schulabschluss aus einer Regelschule entlassen. Da sie ungeachtet dessen mit Erreichen der Volljäh-rigkeit geschäftsfähig und strafmündig werden, bringt diese frühe Bildungsbenach-teiligung eine Reihe von zusätzlichen Problemen für die ohnehin Benachteiligten mit sich (vgl. Hiller 2010b, S. 23 ff.).

Das Konzept Hillers, diese Bildungsbenachteiligungen abzuschaffen, soll die folgende Arbeit darlegen: Sie versucht, seine fünf Thesen über die wahrscheinlichen Zukunfts-perspektiven Benachteiligter und die daraus resultierenden Forderungen an Schule und Gesellschaft möglichst exakt darzustellen. Zuvor soll seine Kritik an der Gesellschaft bzw. dem bisherigen Schulsystem erläutert werden, da sie grundlegend zur Entwicklung seines Konzeptes beigetragen hat.

Abschließend werden einige wichtige Impulse aufgegriffen und auch im Hinblick auf die künftige inklusive Schule kommentiert.

2. Die Lebenssituation benachteiligter Jugendlicher als Herausforderung für die Gesellschaft

Junge Menschen leben heutzutage in einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite versuchen sie etwas aus ihrem Leben zu machen, möchten eine gute Ausbildung, Arbeit, Familie, Freunde, Geld, Erfolg und Anerkennung etc. erreichen. Sie streben danach, ihre - und die gesellschaftlich etablierten - Vorstellungen von Glück und Zufriedenheit zu verwirklichen (vgl. ders. 1995, S. 2 f.). Auf der anderen Seite müssen sie sich der Tatsache stellen, dass sich eben diese Vorstellungen nicht mehr so einfach realisieren lassen: Selbst gute Ausbildungen sind heute kein Garant mehr für sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze (vgl. ders. 2010b, S. 28). Diese zunehmende Unwäg-barkeit zeigt sich auch im privaten Bereich: Durch den gesamtgesellschaftlichen Wandel sind an die Stelle des traditionellen Leitbilds vom lebenslangen Glück in Partnerschaft und Familie eine Vielzahl an unterschiedlich lange dauernden Lebens-formen getreten (vgl. ders./Hiller-Ketterer 1997a, S. 275). Hiller betont, dass benachteiligte Jugendliche von dieser Instabilität in besonderer Weise betroffen sind: Die Folgen des Wandels sind für sie intensiver und lang anhaltender zu spüren (vgl. ders. 1995, S. 4; vgl. ders. 2007c, S.117-126).

Eine Folge ist, dass diesen Jugendlichen eine klassische Arbeitnehmerkarriere heute häufig nicht mehr gelingen kann: Durch den Wandel des Arbeitsmarktes in Folge der Industrialisierung bzw. Globalisierung haben sich dauerhafte Beschäftigungsverhält-nisse für diese Zielgruppe zu eher flexiblen und unbeständigen (Teilzeit-)Jobs entwickelt (vgl. ders. 2006, S. 202). Begleiterscheinungen dieser Entwicklung sind (Massen-)Arbeitslosigkeit und zunehmende berufliche Entqualifizierung: Früher erstrebenswerte Abschlüsse haben dermaßen an Wert verloren, dass sie heutzutage keine verlässliche Perspektive mehr garantieren (vgl. ders. 1995, S. 2 f.). Insbesondere gering Qualifizierte sind von dieser Entwertung betroffen: Als Folge werden ihnen bestenfalls Jobs im Niedriglohnsektor angeboten, deren rechtliche Absicherung zuneh-mend aufgeweicht wird (vgl. ders. 2006, S. 203).

Absolventen von Haupt- und Förderschulen und erst recht diejenigen ohne Abschluss müssen sich darauf einstellen, dass sie einer unsicheren Zukunft entgegen gehen, die ihnen ein höchstes Maß an Frustrationstoleranz, Einschränkung und Ausdauer abver-langt: Da sie weder Zugang zu den bürgerlichen Karrieren haben noch angemessen am Rand der Gesellschaft leben können, muss es ihnen vor allem darum gehen, das eigene Überleben zu sichern (vgl. ders. 2010b, S. 28).

Anhand der Erforschung von Lebensverläufen von benachteiligten Jugendlichen (vgl. ders./Schroeder 1994b, S. 169 ff.; vgl. ders. 1994c, S. 85 ff.; vgl. ders. 2005a, S. 1 ff.) konstatiert Hiller, dass es zwischen den „ Ausbildungs- und Beschäftigungs-karriere[n] “(ders. 2006, S. 203) und sieben weiteren Karrieren in anderen Lebens-bereichen[5] vielfältige Wechselwirkungen gibt (vgl. 1998d, S. 21 ff.). Es genügt daher keineswegs, sich vorrangig nur um die scheinbar wichtigste Teilkarriere zu kümmern und möglichst viele Jugendliche in verschiedenen Maßnahmen und Qualifizierungen unterzubringen (vgl. ders. 1998e, S. 10): Es zeigt sich, dass trotzdem mindestens die Hälfte auf Grund ihrer sonstigen Lebensumstände in den bestehenden Arbeitsmarkt-verhältnissen nicht erfolgreich ist und weiterhin ohne Beschäftigung in zum Teil hoch belasteten Verhältnissen überleben muss. Da die berufsvorbereitenden Maßnahmen und oft auch die Ausbildungen selbst in solchen Fällen nur aufschiebende Wirkung haben, findet für die Betroffenen keine wirkliche Veränderung statt: Wie auch jene, die keine Maßnahmen durchlaufen haben, müssen sie künftig in wirtschaftlich extrem instabilen Verhältnissen leben (vgl. ders. 2002a, S. 329).

Die langfristigen psychischen Folgen sind hohe Frustration und mangelndes Selbst-vertrauen, da sich ihre Anstrengungen offensichtlich nicht lohnen. Nicht selten treten auch Aggressionen, Krankheiten und Suchtproblematiken auf (vgl. ders. 1995, S. 4).

Hiller betont, dass die bisherigen Angebote der Gesellschaft in keiner Weise ausreichen, die Jugendlichen „auf ein gelingendes, subjektiv erträgliches, objektiv nicht ruinöses und legalitätskonformes Leben im Prekariat “(ders. 2010b, S. 23) vorzubereiten, das gleichzeitig eine „kulturelle Handlungsfähigkeit“(ders. 2010b, S. 28) ermöglicht.

Gering qualifizierte Frauen sind in diesem Zusammenhang in besonderem Maße benachteiligt, da sie sich stärker als Männer zwischen den Polen „Arbeit“ und „Familie“ bewegen und ihre Karriere vermehrt von Brüchen begleitet wird. Sie leben zumeist in Abhängigkeit von Familie bzw. Partnerschaft und können wirtschaftliche Selbstständig-keit so gut wie nie erreichen (vgl. ebd.).

[...]


[1] Anm. d. Verf.: Dies sind persönliche Angaben von G. G. Hiller. Wegen der z. T. unklaren Quellenlage

habe ich Kontakt zu Herrn Hiller aufgenommen. Diese hier vorliegende Fassung hat seine Billigung.

[2] Vgl. u. a sein Schriftenverzeichnis 1967-2004. In: Baur, Mack und Schröder 2004, S. 361-379.

[3] Anm. d. Verf.: Diese Weiterentwicklungen habe ich zu berücksichtigen versucht.

[4] Gemeint sind Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen bzw. Emotionale und Soziale

Entwicklung und Hauptschulbildungsgänge (vgl. Hiller 2010a, S. 405 f.).

[5] Hiller nennt die Bereiche Finanzen, Beziehungen, Wohnen, Zeitmanagement, Gesundheitsfürsorge,

Legalität und Umgang mit Behörden (vgl. ders. 1998c, S. 15 ff.).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die realitätsnahe Schule - Das Konzept G. G. Hillers und seine Impulse für die moderne Gesellschaft
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Vertiefung Modul Didaktik
Note
1,0
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V264266
ISBN (eBook)
9783656536635
ISBN (Buch)
9783656539070
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schule, konzept, hillers, impulse, gesellschaft
Arbeit zitieren
Anonym, 2011, Die realitätsnahe Schule - Das Konzept G. G. Hillers und seine Impulse für die moderne Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264266

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