Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischen Deutschland


Wissenschaftliche Studie, 2013
25 Seiten

Leseprobe

Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischeDeutschland

Inhaltsübersicht

Weltanschauliche Wegbereiter der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik: Seite 1 - 9

"Der Reichstag brennt - tolle Phantasie!" - Das "Reinemachen unserer Kultur" - Rassistische Überlegenheitsrhetorik - "Das Dritte Reich" - "Die Bauhütte" - "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" - Die "Dolchstoßlegende" und die "Novemberverbrecher" - Der Krieg als "existenzielle Bewährungsprobe" - Rückwärtsgewandte Agrarromantik und Blut-und-Boden-Mythos - "Heimatkunstbewegung" und Heimatliteratur -

"Volk ohne Raum" - Rückzug in die Innerlichkeit, Utopie eines erneuerten Menschen - Literarische Verherrlichung des Nationalsozialismus: Hanns Johst - Das Individuum in der völkischen Gemeinschaft -

Vitalismus und Lebenskult - Kämpferische Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken - Rückbesinnung auf das Individuum: Heidegger und Jaspers

Im Zeichen der Gleichschaltung: Phasen der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik:

Das NS-Parteiprogramm von 1920 - Repressalien und Schikanen gegen missliebige Autoren - "Ermächtigungsgesetz" und Maßnahmen zur "moralischen Sanierung des Volkskörpers" -

Nationalsozialistische Literaturpolitik im Zeichen der Gleichschaltung - Gleichschaltung der Schriftstellerverbände: Gründung der Reichsschrifttumskammer - Treuebekenntnis zum nationalsozialistischen Staat, Aberkennung der Staatsbürgerschaft für "Schädlinge des Volkes" - Thomas Manns Flucht ins Exil -

Mai 1933: "Aktion wider den undeutschen Geist" - "Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!" "Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!" - Erich Kästner als Zeitzeuge und Betroffener - Realitätsverzerrende Beschönigungsrhetorik und apokalyptische Horrorszenarien

Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Literatur

Umdeutung und Umbewertung der "Klassiker" - Aufbruch ins Zeitalter einer "neuen Klassik" - Auswirkungen auf den schulischen Literaturkanon - Umdeutung Friedrich Hölderlins - Polemik gegen Heinrich Heine - Rilkes "Cornet" als Kultbuch für Frontsoldaten - Der Sonderfall des "Geistesaristokraten" Stefan George -

Gemeinschaftsleben und Pflege des Volkstümlichen in der Jugendbewegung - Vereinnahmung der Jugendbewegung durch die Hitlerjugend

"Ästhetisierung der Politik": Die Perversion von Kunst und Politik: Seite 18 - 21

Der Politiker als "Künstler" - Nationalsozialistische Propagandakunst unter Joseph Goebbels - Das "Thingspiel" als totalitäres "Gesamtkunstwerk" - Das "Thingspiel" als Medium faschistischer Selbstdarstellung - E. W. Möllers "Frankenberger Würfelspiel" als paradigmatisches "Thingspiel" - Die Nürnberger Parteitage und die Olympischen Spiele 1936 als grandiose Massenspektakel - Dichterische Lobpreisungen auf den "Führer" und Parodierungen durch Bertolt Brecht

"Völkisch-nationale Literatur" im Nationalsozialismus:

"Arteigene" und "artfremde Literatur" - Beispiele "völkisch-nationaler Literatur"

Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischen Deutschland

Weltanschauliche Wegbereiter der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik

"Der Reichstag brennt - tolle Phantasie!"

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung. Auf den Tag genau vier Wochen später, in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933, brannte der Reichstag. Dieses von den Nationalsozialisten vermutlich selbst angezettelte und inszenierte Ereignis wurde von dem am 13. März zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ernannten Joseph Goebbels überschwänglich mit den Worten begrüßt: "Der Reichstag brennt - tolle Phantasie". (Eintrag vom 28. Februar 1933) Es bildete einen willkommener Vorwand, um sofort mit aller Schärfe gegen politische Gegner und nicht linientreue Schriftsteller wie Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Anna Seghers vorzugehen. In seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 kündigte Hitler daher rücksichtslose Maßnahmen zur "politischen Entgiftung unseres öffentlichen Lebens" und "eine durchgreifende moralische Sanierung des Volkskörpers" an. (zit. nach Strothmann 68)

Das "Reinemachen unserer Kultur"

Die brutale Radikalität solcher Ankündigungen zu diesem Zeitpunkt kommt für denjenigen, der sich mit der Vorgeschichte der sogenannten "Machtergreifung" durch die Nationalsozialisten und ihren kulturpolitischen Zielsetzungen auseinandersetzt, keineswegs überraschend. Die Weichen zum harten Durchgreifen gegenüber Abweichlern von solchen radikalen Positionen waren bereits Jahre vorher von Wegbereitern der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik und ihren ideologischen Steigbügelhaltern gestellt worden. Nicht zuletzt war es Hitler selbst, der nach dem missglückten Münchner Putsch vom November 1923 mit dem während seiner Festungshaft in Landsberg verfassten ideologischen Machwerk "Mein Kampf", dessen erster Band im Juli 1925 erschien, die Grundzüge einer nationalsozialistischen Kulturpolitik entwickelte. In der für dieses ominöse Werk charakteristischen verschwurbelten Metaphorik vergleicht Hitler den menschlichen Körper mit dem "Körper des Staates" und fordert hygienische Maßnahmen zur "Erhaltung der Gesundheit unseres Volkes an Leib und Seele". ("Mein Kampf", Teil 1, Kapitel 10: "Ursachen des Zusammenbruchs" 279) Das dringend nötige "Reinemachen unserer Kultur" müsse sich "auf fast alle Gebiete erstrecken", nämlich "Theater, Kunst, Literatur, Kino, Presse und Auslagen". Sie seien "von den Erscheinungen einer verfaulenden Welt zu säubern und in den Dienst einer sittlichen Staats- und Kulturidee zu stellen." (ebd.) Typisch für die pseudowissenschaftlich verbrämte Argumentationsweise dieser Kampfschrift sind Gegensatzpaare wie Schmutz/Verfall ("Morast", "Unrat", "verfaulende Welt") und Sauberkeit sowie Gesundheit und Krankheit ("Verpestung", "Vergiftung", "Seuche") als sich gegenseitig ausschließende Alternativen , wobei es nur darum gehen könne, durch einen Prozess des "Reinemachens" die schädlichen Bestandteile aus dem Volkskörper und dem ihm innewohnenden "Geist" auszumerzen. [1] Dabei trete das "Recht der persönlichen Freiheit ... zurück gegenüber der Pflicht zur Erhaltung der Rasse". (ebd.) Aus diesem Mischmasch pseudowissenschaftlicher Begrifflichkeiten kristallisieren sich zwei widersprüchliche Grundpositionen heraus:

1. die Unterordnung des Einzelnen unter eine übergeordnete, durch den Staat verkörperte sittliche Idee;
2. die unbedingte Bereitschaft des Einzelnen, sich der Pflicht zur

Erhaltung der Rasse zu unterwerfen.

Rassistische Überlegenheitsrhetorik

Damit entlarvt sich der sittliche Anspruch als Bemäntelung einer Ideologie von der absoluten Überlegenheit der "germanischen Rasse", womit der aufklärerische Grundgedanke von der Würde des einzelnen Menschen mit seinen unveräußerlichen Rechten aufgehoben wird. Mit dieser rassistischen Überlegenheitsrhetorik werden nicht nur angeblich minderwertige Mitglieder aus der menschlichen Gesellschaft ausgegrenzt, sondern vermeintliche Feinde als Krankheitserreger gebrandmarkt, die zur Gesunderhaltung des deutschen Volkskörpers ausgetilgt werden müssen.

"Das Dritte Reich"

Die aus diesem Menschenbild abgeleiteten Forderungen nach einer völkisch-nationalen Literatur beriefen sich auf eine "nordische Herrenrasse" als eine angebliche geschichtliche Realität und einen Blut-und-Boden-Mythos, der von nationalistisch gesinnten Organisationen und Autoren begierig aufgenommen und weiter verbreitet wurde. So übernahm die NSDAP bereitwillig den von dem rechtsgerichteten Publizisten Arthur Moeller van den Bruck in seinem gleichnamigen Buch entwickelten Begriff "Das Dritte Reich" (1923). [2] Nach dem

[1] Diese mit kontrastierenden Begrifflichkeiten operierende Argumentationslinie wurde spätestens ab 1933 von führenden Kulturpolitikern immer wieder aufgenommen und weitergeführt. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Die Neue Literatur" schrieb Will Vesper beispielsweise in einem Beitrag vom Mai 1933 von literarischen "Giftküchen", in denen Schriftsteller wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky mit "übelriechenden Händen" ihre "unsauberen Geschäfte an der Spitze des deutschen Schrifttums und zum Schaden des deutschen Geistes" (Wulf 156 - 158) betreiben. Diesem Treiben müsse durch "das große Reinemachen" rigoros Einhalt geboten werden, und die wahren Vertreter deutscher Kultur und deutschen Schrifttums müssten "hier wie überall für Sauberkeit sorgen". (ebd. 158) In Alfred Rosenbergs Hauptwerk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts" ist bereits 1930 nachzulesen, dass der sich seiner germanischen Herkunft bewusste deutsche Mensch der Gegenwart mit "erhöhtem Kampfeswillen zu einer reinigenden Leistung emporsteigen" müsse oder aber mit den Werten seiner Kultur "in den schmutzigen Menschenfluten der Großstädte" versinken, "auf dem glühenden, unfruchtbaren Asphalt einer bestialischen Unmenschheit" verkrüppeln und "als krankheitserregender Keim in Gestalt von sich bastardierenden Auswanderern in Südamerika, China, Holländisch-Indien, Afrika" versickern würde. (Auszug nach Wulf 441 f.)

[2] Die ursprüngliche Lehre von einer tausendjährigen Herrschaft Christi auf Erden beruht auf Aussagen der "Offenbarung des Johannes" (Kapitel 20: "Das tausendjährige Reich", Vers 1 - 10) und ging in die Ideenwelt des Chiliasmus ein (von griechisch "chilioi" = tausend). Sie wurde im Mittelalter von dem italienischen Theologen Joachim von Fiore im 12. Jahrhundert formuliert, wonach auf das Zeitalter des Vaters (Zeitalter des Alten Testaments) die Zeit des Sohnes (des Neuen Testaments) folgt, dessen Ende er für 1260 erwartete. Danach sollte das tausendjährige Zeitalter des Geistes anbrechen. Der Autor Moeller van den Bruck münzte mit seinem Buch das "Dritte Reich" zu einem politischen Schlagwort um. Er prophezeite nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches (1806) und des Bismarck-Reiches (1918) die Entstehung eines - wie er es nannte - "Dritten Reiches".

Debakel des ersten Weltkrieges verstand sich der Autor als Vorkämpfer eines neuen deutschen Nationalismus. Sein Buch wurde zur Programmschrift der "Konservativen Revolution". Als ein wichtiges Dokument antidemokratischen Denkens stellt es eine Abrechnung mit dem auf ein Parteiensystem gegründeten Parlamentarismus und dem politischen Liberalismus dar und gipfelt in dem vagen Aufruf zur Schaffung des "neuen Deutschlands".

"Die Bauhütte"

In seinem Mitte der zwanziger Jahre erschienenen und 1939 überarbeiteten geschichtsphilosophischen Werk "Die Bauhütte" propagierte Erwin G. Kolbenheyer, der am meisten ausgezeichnete Schriftsteller der NS-Zeit, eine nationalistische Blut-und-Boden-

Mythologie, die als eine vorweggenommene ideologische Rechtfertigung der nationalsozialistischen Mordprogramme angesehen werden kann. Die "germanische Rasse" wird als junge Rasse verherrlicht, die sich gegenüber der veralteten und erschlafften lateinisch-französischen Kultur als die einzige durchsetzungsfähige, zukunftsträchtige, vitale Lebensform behauptet und alleine den Fortbestand der "weißen Rasse" sichern kann. Diese höhere Stufe des Lebens lasse sich nicht in der schwächelnden Staatsform einer parlamentarischen Demokratie, sondern nur in einem nach dem Führerprinzip straff organisierten Staatswesen verwirklichen, das sich keine Schwächen erlaube und ganz auf Stärke und Überlegenheit ausgerichtet sei.

"Der Mythus des 20. Jahrhunderts"

Alfred Rosenberg, Hauptschriftleiter der Parteizeitung "Völkischer Beobachter" und ab 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, wurde zum überzeugten Verfechter der NS-Bewegung und lieferte mit seinem Werk "Mythus des 20. Jahrhunderts" (1930) ein weltanschauliches Fundament, wonach das Germanentum die kulturelle Keimzelle des Abendlandes bildet, das durch das Christentum im Verbund mit dem "internationalen Judentum" zu Fall gebracht worden sei und sich nun neu erheben werde, um sich gegen seine Unterdrücker zur Wehr zu setzen und ein rassereines germanisches Imperium aufzubauen. Dieses "Kommende Reich" (Titel des dritten Bandes) werde zu einem alle anderen Völker beherrschenden Weltreich werden und der "weißen Rasse" endgültig ihren Fortbestand sichern. Es handelt sich hierbei um eine Vorstellung, die Hitler bereits in "Mein Kampf" formuliert hatte, allerdings ohne den pseudo-religiösen Überbau von Rosenbergs "Mythus".

Die "Dolchstoßlegende" und die "Novemberverbrecher"

Das rassistisch geprägte Welt- und Menschenbild verband sich mit einer Vorstellung, nach der das Leben generell als Kampf und der Krieg als menschliche Ursituation zu verstehen sind, in der sich die "überlegene" gegenüber allen "minderwertigen" Rassen behaupten werde. Diese Vorstellung konkretisierte sich in der sogenannten "Dolchstoßlegende", wonach die Niederlage im ersten Weltkrieg damit erklärt wurde, dass die im Felde unbesiegten deutschen Truppen von der treulosen Heimat (revoltierende Arbeiter in Deutschland, Politiker im Reichstag und pazifistische Friedensverkünder) verraten worden seien. Diese These war Element einer von hohen Militärs (Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff) entwickelten Rechtfertigungsideologie, die von der konservativen und nationalsozialistischen Opposition im Reichstag als Propagandaparole gegen die Weimarer Republik und die sogenannten "Novemberverbrecher" (Arbeiter- und Soldatenräte, Vertreter der SPD und USPD und der unter der Führung von Friedrich Ebert gebildeten Reichsregierung in der neu gegründeten Republik) übernommen wurde. Die Schmach des unverdient verlorenen Krieges wurde noch verstärkt durch die 1921 auf einer Konferenz in Paris ohne deutsche Beteiligung von den Alliierten ausgehandelten Reparationszahlungen in Höhe von 226 Milliarden Reichsmark, die auf 42 Jahresraten festgelegt wurden. In großen Teilen der Bevölkerung verbreitete sich eine Stimmungslage, die durch die weit in die Gegenwart hineinreichenden Kriegsfolgen bestimmt wurde, während andererseits in der Erinnerung ehemaliger Frontkämpfer die im Kriege glorreich erprobten Tugenden treuer Kameradschaft, heldischer Tapferkeit und selbstloser Opferbereitschaft verherrlicht wurden.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischen Deutschland
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V264448
ISBN (eBook)
9783656540052
ISBN (Buch)
9783656543039
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekte, kultur-, literaturpolitik, deutschland
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2013, Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischen Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264448

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