Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler und beauftragte ihn mit der Regierungsbildung. Auf den Tag genau vier Wochen später, in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933, brannte der Reichstag. Dieses von den Nationalsozialisten vermutlich selbst angezettelte und inszenierte Ereignis wurde von dem am 13. März zum Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda ernannten Joseph Goebbels überschwänglich mit den Worten begrüßt: "Der Reichstag brennt - tolle Phantasie". (Eintrag vom 28. Februar 1933) Es bildete einen willkommener Vorwand, um sofort mit aller Schärfe gegen politische Gegner und nicht linientreue Schriftsteller wie Carl von Ossietzky, Erich Mühsam und Anna Seghers vorzugehen. In seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 kündigte Hitler daher rücksichtslose Maßnahmen zur "politischen Entgiftung unseres öffentlichen Lebens" und "eine durchgreifende moralische Sanierung des Volkskörpers" an.
Die brutale Radikalität solcher Ankündigungen zu diesem Zeitpunkt kommt für denjenigen, der sich mit der Vorgeschichte der sogenannten "Machtergreifung" durch die Nationalsozialisten und ihren kulturpolitischen Zielsetzungen auseinandersetzt, keineswegs überraschend. Die Weichen zum harten Durchgreifen gegenüber Abweichlern von solchen radikalen Positionen waren bereits Jahre vorher von Wegbereitern der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik und ihren ideologischen Steigbügelhaltern gestellt worden. Nicht zuletzt war es Hitler selbst, der nach dem missglückten Münchner Putsch vom November 1923 mit dem während seiner Festungshaft in Landsberg verfassten ideologischen Machwerk "Mein Kampf", dessen erster Band im Juli 1925 erschien, die Grundzüge einer nationalsozialistischen Kulturpolitik entwickelte. In der für dieses ominöse Werk charakteristischen verschwurbelten Metaphorik vergleicht Hitler den menschlichen Körper mit dem "Körper des Staates" und fordert hygienische Maßnahmen zur "Erhaltung der Gesundheit unseres Volkes an Leib und Seele". Das dringend nötige "Reinemachen unserer Kultur" müsse sich "auf fast alle Gebiete erstrecken", nämlich "Theater, Kunst, Literatur, Kino, Presse und Auslagen". Sie seien "von den Erscheinungen einer verfaulenden Welt zu säubern und in den Dienst einer sittlichen Staats- und Kulturidee zu stellen."
Inhaltsübersicht
Weltanschauliche Wegbereiter der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik
"Der Reichstag brennt - tolle Phantasie!"
Das "Reinemachen unserer Kultur"
Rassistische Überlegenheitsrhetorik
"Das Dritte Reich"
"Die Bauhütte"
"Der Mythus des 20. Jahrhunderts"
Die "Dolchstoßlegende" und die "Novemberverbrecher"
Der Krieg als "existenzielle Bewährungsprobe"
Rückwärtsgewandte Agrarromantik und Blut-und-Boden-Mythos
"Heimatkunstbewegung" und Heimatliteratur
"Volk ohne Raum"
Rückzug in die Innerlichkeit, Utopie eines erneuerten Menschen
Literarische Verherrlichung des Nationalsozialismus: Hanns Johst
Das Individuum in der völkischen Gemeinschaft
Vitalismus und Lebenskult
Kämpferische Auseinandersetzungen zwischen Rechten und Linken
Rückbesinnung auf das Individuum: Heidegger und Jaspers
Im Zeichen der Gleichschaltung: Phasen der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik
Das NS-Parteiprogramm von 1920
Repressalien und Schikanen gegen missliebige Autoren
"Ermächtigungsgesetz" und Maßnahmen zur "moralischen Sanierung des Volkskörpers"
Nationalsozialistische Literaturpolitik im Zeichen der Gleichschaltung
Gleichschaltung der Schriftstellerverbände: Gründung der Reichsschrifttumskammer
Treuebekenntnis zum nationalsozialistischen Staat, Aberkennung der Staatsbürgerschaft für "Schädlinge des Volkes"
Thomas Manns Flucht ins Exil
Mai 1933: "Aktion wider den undeutschen Geist"
"Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!" "Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!"
Erich Kästner als Zeitzeuge und Betroffener
Realitätsverzerrende Beschönigungsrhetorik und apokalyptische Horrorszenarien
Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Literatur
Umdeutung und Umbewertung der "Klassiker"
Aufbruch ins Zeitalter einer "neuen Klassik"
Auswirkungen auf den schulischen Literaturkanon
Umdeutung Friedrich Hölderlins
Polemik gegen Heinrich Heine
Rilkes "Cornet" als Kultbuch für Frontsoldaten
Der Sonderfall des "Geistesaristokraten" Stefan George
Gemeinschaftsleben und Pflege des Volkstümlichen in der Jugendbewegung
Vereinnahmung der Jugendbewegung durch die Hitlerjugend
"Ästhetisierung der Politik": Die Perversion von Kunst und Politik
Der Politiker als "Künstler"
Nationalsozialistische Propagandakunst unter Joseph Goebbels
Das "Thingspiel" als totalitäres "Gesamtkunstwerk"
Das "Thingspiel" als Medium faschistischer Selbstdarstellung
E. W. Möllers "Frankenberger Würfelspiel" als paradigmatisches "Thingspiel"
Die Nürnberger Parteitage und die Olympischen Spiele 1936 als grandiose Massenspektakel
Dichterische Lobpreisungen auf den "Führer" und Parodierungen durch Bertolt Brecht
"Völkisch-nationale Literatur" im Nationalsozialismus
"Arteigene" und "artfremde Literatur"
Beispiele "völkisch-nationaler Literatur"
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die systematische Gleichschaltung, Vereinnahmung und Instrumentalisierung von Kunst und Literatur durch den nationalsozialistischen Staat zwischen 1933 und 1945. Dabei wird analysiert, wie das NS-Regime durch rassistische Ideologien, die Stilisierung von Mythen und eine gezielte Propagandastrategie kulturelle Ausdrucksformen in den Dienst politischer Machtinteressen stellte und missliebige Stimmen unterdrückte.
- Die ideologischen Grundlagen und weltanschaulichen Wegbereiter der NS-Kulturpolitik.
- Die Mechanismen der Gleichschaltung von Institutionen, Verlagen und Autoren.
- Die Instrumentalisierung klassischer Literatur und geistiger Traditionen für NS-Ziele.
- Die "Ästhetisierung der Politik" durch Masseninszenierungen und Propagandakunst.
- Die Konstruktion völkisch-nationaler Literatur als Kontrast zur "artfremden" Literatur.
Auszug aus dem Buch
Erich Kästner als Zeitzeuge und Betroffener
Das von den Studenten inszenierte Autodafé erinnert in seiner menschenverachtenden Radikalität an die Prophezeiung Heinrich Heines in der Tragödie "Almansor" von 1821 ("Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."), die damals in Deutschland entsetzliche Realität wurde. Das Handeln der Studenten mag darauf zurückzuführen sein, dass sie überwiegend aus konservativ gesinnten Elternhäusern stammten, die einen durch die Kaiserzeit geprägten Begriff von "Vaterlandsliebe" bewahrt hatten, der sich mit antisemitischen Ressentiments verbunden und eine Geisteshaltung bestärkt hatte, nach der man sich gegen Feinde von außen, aber auch von innen, zur Wehr setzen müsse, um seine kulturelle Identität zu schützen. In seinen Erinnerungen "Bei Durchsicht meiner Bücher" (1946) berichtet Erich Kästner, der in Berlin Zeuge der Verbrennung seiner eigenen Bücher wurde, stellvertretend für viele anderen Betroffenen, welchen Eindruck dieses Geschehen bei ihm hinterließ und mit welcher düsteren Vorahnung es ihn erfüllte:
Im Jahre 1933 wurden meine Bücher in Berlin, auf dem großen Platz neben der Staatsoper, von einem gewissen Herrn Goebbels mit düster-feindlichem Pomp verbrannt. Vierundzwanzig deutsche Schriftsteller, die symbolisch für immer ausgetilgt werden sollten, rief er triumphierend beim Namen. Ich war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich stand vor der Universität, eingekeilt zwischen Studenten in SA-Uniform, den Blüten der Nation, sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt. [ ... ] Und die Gesichter der braunen Studentengarde blickten, den Sturmriemen unterm Kinn, unverändert geradeaus, hinüber zu dem Flammenstoß und zu dem psalmodierenden, gestikulierenden Teufelchen.
Zusammenfassung der Kapitel
Weltanschauliche Wegbereiter der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik: Dieses Kapitel erläutert die ideologischen Ursprünge des NS-Weltbildes, einschließlich rassistischer Mythen und der Instrumentalisierung von Begriffen wie "Blut und Boden" zur kulturellen Vorbereitung des Regimes.
Im Zeichen der Gleichschaltung: Phasen der nationalsozialistischen Kultur- und Literaturpolitik: Hier wird der Prozess der institutionellen Ausschaltung politischer Gegner, die Etablierung der Reichsschrifttumskammer und die Unterdrückung freier Autoren bis hin zur Bücherverbrennung analysiert.
Vereinnahmung und Instrumentalisierung der Literatur: Dieser Abschnitt beschreibt die Umdeutung klassischer Werke sowie die methodische Reglementierung des kulturellen Lebens zur geistigen Vorbereitung auf Krieg und völkische Ideologie.
"Ästhetisierung der Politik": Die Perversion von Kunst und Politik: Das Kapitel analysiert, wie die Nationalsozialisten Kunst als Mittel zur Massenbeeinflussung, für Inszenierungen und zur Verschleierung der politischen Realität durch "Gesamtkunstwerke" wie das Thingspiel nutzten.
"Völkisch-nationale Literatur" im Nationalsozialismus: Abschließend wird die Kategorisierung in "arteigene" und "artfremde" Literatur dargelegt, die als Legitimationsgrundlage für die staatstragende Literatur des NS-Regimes diente.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Kulturpolitik, Literaturpolitik, Gleichschaltung, Propagandakunst, Blut-und-Boden-Mythos, Bücherverbrennung, Ästhetisierung der Politik, völkisch-nationale Literatur, Exilliteratur, Reichsschrifttumskammer, Thingspiel, Ideologie, Zensur, Widerstand.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen, durch die das nationalsozialistische Regime die Kultur- und Literaturpolitik kontrollierte, um sie als Instrument für seine rassistische und antidemokratische Ideologie zu missbrauchen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die ideologischen Wurzeln des NS-Weltbildes, die Gleichschaltung kultureller Institutionen, die Instrumentalisierung klassischer Schriftsteller und die propagandistische Inszenierung politischer Macht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Kunst und Literatur unter totalitären Bedingungen systematisch ihrer emanzipatorischen Wirkung beraubt und als Werkzeuge zur Manipulation der Bevölkerung sowie zur Festigung der NS-Herrschaft eingesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-literaturwissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung von zeitgenössischen Dokumenten, Parteiprogrammen, Werken von Schriftstellern und literaturhistorischer Fachliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der ideologischen Vorbereitungen, der schrittweisen Gleichschaltung des kulturellen Apparats, der Vereinnahmung klassischer Dichter, der Ästhetisierung politischer Massenereignisse und der Definition einer ideologisch konformen "völkischen" Literatur.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Gleichschaltung, Instrumentalisierung, Ästhetisierung der Politik, Rassenideologie, Propaganda, Bücherverbrennung und ideologische Indoktrination.
Wie reagierten zeitgenössische Intellektuelle auf die Repressalien?
Viele Intellektuelle und Schriftsteller reagierten mit Flucht ins Exil, während andere in die sogenannte "innere Emigration" gingen oder versuchten, sich den veränderten Bedingungen unter Zwang anzupassen.
Welche Rolle spielte das "Thingspiel" im NS-Konzept?
Das Thingspiel diente als "Gesamtkunstwerk" dazu, die Trennung zwischen Publikum und Schauspielern aufzuheben, um die Zuschauer in einem als "nationalen Gottesdienst" inszenierten Massenspektakel emotional an die NS-Ideologie zu binden.
Inwiefern parodierte Bertolt Brecht den Führerkult?
Brecht verfremdete in seinen "Hitler-Chorälen" bekannte kirchliche Melodien und Hymnen, um den Führerkult als Scharlatanerie und inszeniertes Schauspiel aufzudecken und satirisch zu entlarven.
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- Hans-Georg Wendland (Author), 2013, Aspekte der Kultur- und Literaturpolitik im nationalsozialistischen Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/264448