Musik im Kaukasus

Roma als Musiker und ihr Einfluss auf die Musikgeschichte.


Hausarbeit, 2011
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung. Roma allgemein.

2. Hauptteil. Roma-Musik
2.1 Wer beeinflusst wen? Länderbeispiele
2.2 Instrumente. Verbreitung durch Roma?

3. Schlusswort. Kann man von Roma-Musik sprechen?

4. Anhang. Romani Migration. Karte

5. Bibliografie

1.Einleitung.

Roma allgemein.

Tony Gatlifs Film„latcho drom“ (langer Weg) schildert die Wanderung der Roma aus Nord- West Indien über Ägypten, die Türkei, Rumänien, Ungarn, die Slowakei bis hin nach Spanien. In eindrucksvollen Bildern zeigt der Regisseur 1993 Szenen einiger Stationen dieses langen Weges (Silverman 2000:272). Anhand linguistischer Studien belegte man die Herkunft der Roma aus Rajasthan, was sie im 11.Jahrhundert verließen. Die Sprache der Roma, das Romani oder Romanes, weist starke Parallelen zu Sanskrit und Hindi auf (Silverman 2000:271). Die Bezeichnung Rom1oder Roma ist im Gegensatz zu „gypsy“ im Englischen, „gitan“ im Französischen und „gitano“ im Spanischen nicht negativ konnotiert. Seit den 1990er Jahren gilt Roma als Überbegriff. Die Roma selbst nennen sich je nach Herkunft und Berufsgruppe wiederum unterschiedlich. Anhand der vielen verschiedenen Bezeichnungen für Roma erkennt man unterschiedliche Herkunftsdeutungen. Die oben aufgeführten negativ konnotierten Namen entstammen der Fehlannahme, die Roma seien aus Ägypten (Silverman 2000:270). Im Buch der Könige „shahname“ erwähnt Firdausi im Jahr 1011, wie auf Nachfrage des persischen Königs Bahram Gur 10.000 Luri2aus Indien nach Persien gebracht wurden. Um 1500 verzeichnet man die Ankunft der Roma in Europa. Vermutlich hängt diese mit der Invasion der Osmanen zusammen (Sadie 2001:866). In verschiedenen Gruppen und Strömungen reisten Roma auf die Balkan Halbinsel und weiter nach Süd-, West- und Mitteleuropa. Einige gelangten über Armenien, den Kaukasus und Russland bis nach Skandinavien. Teile der Roma wurden sesshaft und andere nicht (siehe Anhang). Typische Roma-Berufe, wie Musiker, Weissager, Metall- oder Holzarbeiter, Körbeflechter, Pferde- händler oder Saisonarbeiter forderten das Nomadentum. Roma-Musiker führten aus ökonomischen Gründen meist einen weiteren Beruf aus. Vom 14. bis zum 19. Jahrhundert handelte man in Teilen Rumäniens, der Walachei und Moldova, mit Roma als Sklaven. Diese Sklaven führten Arbeiten aus wie das Bearbeiten von Gold, Schmiedearbeit, das Dressieren von Bären, das Schreinern und das Musizieren. 1864 wurde die Sklaverei abgeschafft, man heuerte sich jedoch weiterhin Roma an, um diese Arbeiten aus zuführen (Silverman 2000: 271). Von Anfang an wurden die Roma diskriminiert und gefürchtet als Fremde. Dieses Misstrauen führte zu Verhaftungen, Tötung, Enteignung und Wegnahme der Kinder der Roma. Maria Theresa und Joseph II. verboten in Österreich-Ungarn Roma-Musik und Roma- Tradition. Außerdem schafften sie die typischen Roma-Berufe weitgehend ab. Ähnlich geschah es in Spanien zwischen 1499 und 1800 und im kommunistischen Osten Europas nach 1945. Unter den Nazis starben 600.000 Roma und Sinti, was ein Fünftel bis zu einem Viertel aller Roma zu dieser Zeit ausmachte. In den 1990er Jahren gab es ca. zehn Millionen Roma in Europa. Trotz der gewonnenen Freiheit steigerten sich ihre Marginalisierung und Armut in dieser Zeit (Silverman 2000:271). Nach 1989 kam es vermehrt zu Polizei- und Neo-Nazi- Attacken gegenüber den Roma. Neben der steigenden Diskriminierung entwickelte sich aber auch ein steigendes Bewusstsein für die Ursprünge und Traditionen der Roma. So finden Europäische Roma-Musik-Festivals statt und es kommt zunehmend zur Selbstorganisation der Roma (Silverman 2000:272). Spätestens seit der EU-Osterweiterung wird die Situation der Roma und Sinti in Europa politisch diskutiert. 2005 bis 2015 wurde zur Dekade der Roma- Einbeziehung erklärt. Der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, fordert die Realisierung der Gleichstellung der zehn bis zwölf Millionen Roma und Sinti in Europa. Dazu gehören vor allem die Herstellung menschenwürdiger Wohnverhältnisse, die Kostenübernahmen im Rahmen staatlicher Sozialhilfe um Ghettos aufzulösen und die Herstellung chancengleicher Bildung ohne Segregation (Rose 2010:8-9).

2. Roma als Musiker

2.1 Wer beeinflusst wen? Musikhistorische Länderbeispiele

Ungarn wird bei dieser Fragestellung oft zu erst genannt. Neben Russland und Spanien wurde in Ungarn die Nationalmusik stark von den Roma beeinflusst (Silverman 2000:270). So nutzt Silverman ein Zitat Sárosis von 1978:

„Gypsy musicians [...] were the musical fashion creators in the Hungarian villages [...] being professionals, [...] they were [...] expected to know things beyond what was required by the traditions of the village [...] while bringing foreign trends, [...] they were [...] the first to „Margyarize“, or assimilate them.“ (Silverman 2000:274)

In Ungarn gibt es drei Roma-Gruppen: Romungre, Vlach und Boyash. Die berühmteste ungarische Roma-Musik ist die der Romungre (Silverman 2000:273). Im 16. Jahrhundert hatte fast jeder ungarische Edelmann einen eigenen „Zigeuner-Geiger“ (Sadie 2001:867). Um 1700 entstanden die „verbunkos“, anfänglich genutzt zur Begleitung von Rekruten-Tänzen (Silverman 2000:273). Soldaten zogen durch ungarische Dörfer und führten Tänze auf, um junge Männer zu rekrutieren. Die Romungre begleiteten sie instrumental (Sadie 2001:868). Elemente aus Volksliedern und klassischer Musik wurden versehen mit einer reichen Ornamentierung und Zwischenimprovisationen. Die Verbunko-Skala wurde später zur so genannten „Zigeuner-Skala“3. In den 1920er Jahren nach dem ersten Weltkrieg entstand ein neues Genre, das ungarische Kunst-Lied. Dieses basierte auf Verbunko-Themen und wurde vom Klavier oder Roma-Streichern begleitet (Silverman 2000:273). Die Kunst-Lieder unterschieden sich in langsamen Hallgato- und schnellen Csarda-Rhythmen (Sadie 2001:869). Neben den Romnungre als professionellen Roma-Musikern gibt es die Vlach. Bis 1940 schenkte man ihnen wenig wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Ihre Vokalmusik teilt sich in langsame Lieder, die „loki djili“, und in schnellere Tänze, die „khelimashi djili“ (Silverman 2000:275). Die langsamen „loki djili“ werden in einem freien Rhythmus in Dur-, sowie Moll- Skalen gesungen. Es werden Interjektionen bzw. Ausrufe ähnlich wie im spanischen „cante flamenca“ oder südosteuropäischer Musik verwendet (Sadie 2001:865). Während die Melodien der Lieder sich über Industrialisierung und Kollektivismus hinweg gehalten haben, werden die Texte dazu je nach Situation frei improvisiert; teils auf Romanes, teils auf Ungarisch (Silverman 2000:275). In den „khaelimashi djili“ werden Instrumente mit der Stimme imitiert. Dazu kommen rhythmische Begleitung durch Fingerschnipsen, Klatschen und Trommeln auf Wasserbehältern oder mit Löffeln (Silverman 2000:275). Vergleichbar nutzt man auch unter den türkischen Roma Löffel oder „kashlika“ zur Perkussion (Sadie 2001:865). In Ungarn wie auch in Russland genossen Roma-Musiker das Patronat der Mittelklasse und vor allem das der Aristokratie. Man sah sie als Repräsentanten der „romantischen Freiheit“, siehe Franz Liszt (Sadie 2001:866). In Russland vertraten Roma- Frauen als Sängerinnen und Tänzerinnen den Hauptpart in der Musik. Männer begleiteten sie auf Seiteninstrumenten, wie der russischen 7-saitigen Gitarre. Vor allem romantische Roma- Lieder, nicht aber die Musik der Roma-Nomaden wurde veröffentlicht. Im Zuge der „Russifizierung“ 1936 verbot Stalin das Performen von Musik und Theater auf Romanes (Silverman 2000:287).

In Tschechien und der Slowakei findet man ebenfalls Romungre- und Vlach-Musiker. Außerdem werden slowakische und ungarische Volkslieder von den slowaksichen Roma in langsamerer Form auf Romanes gesungen. Dazu kommen Klagelieder über den Holocaust. Diese findet man auch in Polen. Hier ein Beispiel Ficowskis von 1991:

„I shall never get out of here now, They brought me to the gateway

I shall never see my brothers and sisters! And let us out through the chimneys.“ (Silverman 2000:276)

In Polen gibt es keine vergleichbare Berufsmusiker-Tradition wie in Ungarn. Im 15. und 16. Jahrhundert spielten Roma als professionelle Musiker am Hof des polnischen Königs; vornehmlich Dudelsack, Geigen und Zithern. Mit der Teilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts nahm die Diskriminierung der Roma zu. Das Reisen der Nomaden wurde verboten und das Patronat der Aristokraten endete vielerorts (Silverman 2000:276). Wie erwähnt wurden in Rumänien vom 14. bis zum 19. Jahrhundert Roma-Musiker als Sklaven zu hohen Preisen verkauft. Gutsbesitzer hatten eigene Roma-Bands aus Sklaven. In den 1860 er Jahren endete die Sklaverei in Rumänien. Um 1900 ersetzten kleine Streicher- Bands die zuvor typischen Flöten- und Dudelsackspieler. 80-90 % der Lautari4waren Roma, vornehmlich Männer. Die zunehmend in Städten lebenden Roma beeinflussten mit ihrer urbanen Musik die ländliche. Die Tanzmusik der Tarafs teilt sich in „hora tiganeasca“ und „hora lutareasca“ (Silverman 2000:277). Die „musica lutareasca“ basiert auf westeuropäischen Dur- und Mollskalen, ist aber auch türkisch beeinflusst. Teile Rumäniens wurden bis zum 17. Jahrhundert von Osmanen regiert. Ein Beispiel für deren Einfluss auf die rumänische Musik findet man bei dem Tanz „manea“, der im Cifteceli-Rhythmus gespielt wird und auch in bulgarischer und ex-jugoslawischer Roma-Musik und heute in der modernen „musizica orientala“ vorkommt (Silverman 2000:278-279).

Im sozialistischen Rumänien wurde in den 1970er Jahren Musik auf Romanes in den öffentlichen Medien verboten (Silverman 2000:278).

Die ersten Hinweise auf Roma-Musiker im Balkan, gibt es in den Archiven von Dubrovnik im 15. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert gab es Bärenführer im gesamten Balkanraum. Diese dressierten Bären, das Tamburin zu spielen und zu tanzen. 1828 war der berühmteste Hofmusiker des serbischen Prinzen Milos Obrenovic ein Roma, der Zurna5spielte (Silverman 2000:279). Nach dem zweiten Weltkrieg florierten in Mazedonien die „Calgija-Ensembles“. Diese sind osmanisch beeinflusst heterophon und auf dem Makam-System basierend (Silverman 2000:281). Seit den 1940´er Jahren gibt es unter Serben, wie Roma eine starke Brassband Tradition (Silverman 2000:279). Mazedonische Frauen-Ensembles bestehen aus einer Geige, einer Daijre und manchmal einem Ud, dazu Gesang und Tanz. Roma-Frauen spielten und tanzten bis in die 1970er Jahre nur unter Frauen.

[...]


1 Rom (aus dem Sanskrit): Mensch

2 Luri: Roma-Musiker, -Tänzer

3 „Zigeuner-Skala“: c-d-es-fis-g-as-b-c (Sadie 2001:870) 5

4 lautari: rumänische Berufsmusiker

5 zurna: Oboenart

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Musik im Kaukasus
Untertitel
Roma als Musiker und ihr Einfluss auf die Musikgeschichte.
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Ethnologie)
Veranstaltung
Musik im Kaukasus
Note
2,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V265482
ISBN (eBook)
9783656551133
ISBN (Buch)
9783656551300
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
musik, kaukasus, roma, musiker, einfluss, musikgeschichte
Arbeit zitieren
Hildegard Pank (Autor), 2011, Musik im Kaukasus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265482

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