Der Atheismus des Paul Thiery d´Holbach


Hausarbeit, 2013

22 Seiten, Note: Sehr gut

Peter Gruber (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. d´Holbachs Materialismus
2.1. Materialistisches Weltbild
2.2. Materialistisches Menschenbild
2.3. Materialistische Moral

3. d´Holbachs Religionskritik
3.1. Genealogie der Religion
3.2. Die unvernünftige Idee Gottes
3.3. Religion als Gefahr für die Moral

4. Zusammenfassung

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit wird sich mit dem Atheismus beim französischen Philosophen und Religionskritiker Paul Thiery d´Holbach beschäftigen. Sie wird sich dabei auf dessen Hauptwerk, das System der Natur[1] konzentrieren und auch dort nur die wesentlichen Inhalte und Thesen beschreiben können. Weiterführendes, z.B. die durchaus spannende Entstehungsgeschichte des Werkes können hier nicht behandelt werden, genauso wie auch auf die Einbeziehung weitere Werke d´Holbachs verzichtet werden muss[2].

Um d´Holbachs Atheismus nachvollziehen zu können, muss zuallererst geklärt werden, was unter dem Begriff Atheismus zu verstehen sei. Im System der Natur gibt d´Holbach selbst eine knappe Erklärung: „Was ist in der Tat ein Atheist? Er ist ein Mensch, der die dem Menschengeschlecht schädlichen Hirngespinste zerstört, um die Menschen zur Natur, zur Erfahrung, zur Vernunft zurückzuführen.“[3] Im Klartext heißt dies: Ein Atheist ist jemand, der einerseits die Religion und den Gottesglauben kritisiert (destruktives Element), andererseits eine vernünftige, natürliche – in d´Holbachs Fall materialistische – Weltordnung ohne Gott konstruiert (konstruktives Element). Bei d´Holbach spielen beide Elemente eine wesentliche Rolle, daher sollen beide hier Platz finden.

In der vorliegenden Arbeit wird die von d´Holbach im obigen Zitat vorgegebene Ordnung allerdings umgekehrt werden, das heißt, es wird zuerst d´Holbachs atheistisch-materialistisches Welt- und Menschenbild dargestellt werden und danach auf d´Holbachs Religionskritik näher eingegangen werden. Für diese Anordnung gibt es mehrere Gründe: zum einen wählt d´Holbach für seine Darlegung im System der Natur selbst diese Reihenfolge, andererseits baut die Religionskritik direkt auf dem Materialismus auf – das heißt, er ist nicht nur eine vermeintlich bessere Alternative zur Religion, sondern die durch die Naturwissenschaft begründete Gewissheit des einen führt d´Holbach direkt zur evidenten Unvernünftigkeit und Falschheit des anderen.

Die Arbeit wird daher aus zwei Teilen zu je drei Kapiteln bestehen. Im ersten Teil werden d´Holbachs Welt- und Menschenbild vorgestellt werden; zudem wird auf d´Holbachs atheistische Moral eingegangen werden. Im zweiten Teil wird d´Holbachs Religionskritik nachvollzogen werden; es wird erklärt werden, wie d´Holbach sich die Genese der Religion vorstellt, wie er die Idee Gottes als unvernünftig kritisiert und die Gefährlichkeit illustriert, die von den Religionen ausgeht.

Das System der Natur ist nicht ausschließlich ein philosophisches Machwerk, es handelt sich auch um ein Manifest bzw. Pamphlet des radikal-aufklärerischen Atheismus – dementsprechend ist die Sprache teils recht aggressiv, zum teil auch ironisch, mitunter zynisch oder scharfzüngig, allerdings auch recht rekurrent. Es gelingt dem Autor jedenfalls sehr oft, seine Ideen auf klare und pointierte Weise darzulegen – es ließ sich daher an vielen Stellen nicht unterbinden, den Autor in direkten Zitaten zu Wort kommen zu lassen. Das System der Natur lebt zu einem guten Teil von seiner polemischen Sprache und dies soll auch in dieser Arbeit bemerkbar werden.

Beim System der Natur handelt es sich um eine Schrift zu einem höchste umkämpften Thema. Trotzdem ist d´Holbach als Philosoph im deutschen Sprachraum etwas in Vergessenheit geraten. Für diese Arbeit bedeutet dies zweierlei: Einerseits war die Auswahl an (aktueller) Sekundärliteratur äußerst begrenzt. Andererseits positionieren sich sehr viele der in dieser Arbeit zitierten Autoren klar zu d´Holbach und seinen Thesen. In der Arbeit wurde daher viel Wert darauf gelegt, sowohl Kritiker und als auch Verteidiger d´Holbachs einzubeziehen. Bei einigen Beiträgen soll trotzdem nachdrücklich betont werden, dass sie klar ideologisch gefärbt sind: Georg Plechanow ist Vertreter und Verteidiger des historischen Materialismus und steht als solcher d´Holbach sehr positiv gegenüber; Georg Siegmund argumentiert dagegen aus einer religiösen Perspektive klar gegen das System der Natur, Friedrich Lange ist als Neukantianer d´Holbach gegenüber zumindest voreingenommen.

2. d´Holbachs Materialismus

2.1. Materialistisches Weltbild

Paul Thiry d´Holbachs Weltsicht ist durch einen rigorosen – von John Locke befruchteten[4] – Empirismus geprägt, der ihn zu einem nicht weniger radikalen Materialismus führt. Für ihn kann nichts außerhalb der Grenzen der Natur erkannt werden:

Der Mensch ist das Werk der Natur, er existiert in der Natur, er ist ihren Gesetzen unterworfen, er kann sich nicht von ihr freimachen, er kann nicht einmal durch das Denken von ihr loskommen; vergeblich strebt sein Geist über die Grenzen der sichtbaren Welt hinaus, immer ist er gezwungen, zu ihr zurückzukehren.“[5]

Bei allem, was jenseits der Natur postuliert wird, handelt es sich daher um „Trugbilder[6]. Es gibt keine eingeborenen Ideen, denn alle Ideen des Menschen können „nur von äußeren Gegenständen stammen, die auf unsere Sinne gewirkt und unser Gehirn modifiziert haben, oder von materiellen Dingen, die im Innern […] enthalten sind“[7]. Es gibt also keinen Grund, etwas anderes als nur die physikalische Welt zu postulieren und die „Geisteswelt[8] ist keinesfalls von ihr geschieden. Der Mensch ist wie das gesamte All nur die Verbindung von Materie und Bewegung[9]. Die immerwährende Bewegung aller Körper, mithin die Bewegung der Moleküle, aus denen die Körper zusammengesetzt sind, erfolgt nach unveränderlichen und notwendigen Gesetzen – das gesamte Universum ist für d´Holbach daher kausal durchwirkt. Die Energie zur Bewegung wohnt der Materie selbst inne[10], die Materie „hat immer existiert[11] und wird immer existieren. Sie ist unzerstörbar und bedingt „eine unermeßliche Kette von Ursachen und Wirkungen, die sich unaufhörlich wechselseitig auseinander ergeben[12]. In der Natur gibt es keinen Zufall – dieser sei nur eine Bezeichnung für die „Wirkungen, deren Ursache wir nicht kennen“ [13] Der Atheismus von d´Holbach beruht also nicht auf der Vorstellung, dass alles nur aus Zufall entstanden sei, sondern dass die Natur nach „bestimmten, einheitlichen, unveränderlichen“[14] Gesetzen ablaufe – und selbst wenn praktisch nicht alle diese Kausalverhältnisse eingesehen werden können, so sind sie prinzipiell doch erforschbar und daher ist es unnötig „zu übernatürlichen Kräften unsere Zuflucht zu nehmen, um uns die Bildung der Dinge und der Erscheinungen zu erklären, die wir sehen“[15].

Diese kurzen Ausführungen zeigen recht deutlich, dass d´Holbach ein Vertreter eines radikalen Materialismus ist. In einer ausführlicheren Arbeit wäre hier der Platz, zumindest einige Kritikpunkte gegen einen solchen vorzubringen, mithin müsste Platz für eine ausführlichere Diskussion eingeräumt werden, nimmt doch der „Materialismus […] hartnäckig die Welt des Sinnenscheins für die Welt der wirklichen Dinge. Was hat er für Waffen gegen den der diesen naiven Standpunkt anficht?[16] An dieser Stelle soll jedoch nur eines der Problem des Materialismus kurz aufgezeigt werden, nämlich die Idee einer totalen und uneingeschränkten Kausalität. Eine solche ist durchaus kritikwürdig und wurde auch als Anlass zur Kritik genommen – so etwa von Goethe, der bezüglich des Determinismus im System der Natur beinahe trotzig meint: „doch fühlten wir etwas in uns, das als vollkommene Willkür erschien, und wieder etwas, das sich mit dieser Willkür ins Gleichgewicht zu setzen suchte. Die Hoffnung […] uns […] immer unabhängiger zu machen, konnten wir nicht aufgeben.“ [17] Andere Autoren stimmen d´Holbach dagegen zu und erklären jede nicht deterministische Weltsicht sei „Hybris[18].

2.2. Materialistisches Menschenbild

Im All herrscht stete Bewegung und auch das organische Leben erklärt sich aus der „Vereinigung von Bewegung[19]. Die Natur ist zwar nicht intelligent, kann aber „intelligente Wesen hervorbringen, indem sie Stoffe vereinigt, die geeignet sind, besonders organisierte Körper zu bilden“[20]. Diese Wesen entstehen, verändern sich und vergehen notwendigerweise nach den Gesetzen der Natur; letztlich ist auch der Mensch und sein Körper für d´Holbach nicht mehr als eine „Maschine[21].

[...]


[1] Nach der Ausgabe: Holbach, Paul Thiry: System der Natur oder von den Gesetzen der physischen und der moralischen Welt. Aus dem Französischen übersetzt von Fritz-Georg Voigt. Berlin: Aufbau-Verlag, 1960.

[2] Die Schrift zählt zu den späteren Schriften d´Holbachs, in denen er nicht ausschließlich als Kritiker der Religion auftritt, sondern auch ontologische und anthropologische zu beantworten sucht (vgl. Rattner, Josef et al.: Glanz und Größe der französischen Kultur im 18. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2011. S. 184-185). Im Kontext dieser Arbeit ist dieses Werk wohl am interessantesten, weil am es „philosophischsten“ ist.

[3] Holbach (1960): S. 496

[4] Vgl. Rattner (2011): S. 186

[5] Holbach (1960): S.11

[6] A.a.O. S. 11

[7] A.a.O. S. 120

[8] A.a.O. S. 16

[9] Vgl. a.a.O. S. 17

[10] Vgl. a.a.O. S. 20-25

[11] A.a.O. S. 26

[12] A.a.O. S. 31

[13] A.a.O. S. 383

[14] A.a.O. S. 385

[15] A.a.O. S. 27

[16] Lange, Friedrich Albert: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Besorgt und mit biographischem Vorwort versehen von Prof. Hermann Cohen. Eserlohn: Verlag von J. Baedeker, 1881. S. 322

[17] http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Autobiographisches/Aus+meinem+Leben.+Dichtung+und+Wahrheit/Dritter+Teil/Elftes+Buch

[18] Rattner (2011): S. 187

[19] Holbach (1960): S.26

[20] A.a.O. S. 58 – Goethe kritisiert diese Vorstellung, indem er darauf hinweist, dass d´Holbach es verabsäumt, eine konkrete Idee davon zu geben, wie aus Materie Leben entstanden sein könnte: „Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen. Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen, wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor unseren Augen aufgebaut hätte. Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir: denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was höher als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben.“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Autobiographisches/Aus+meinem+Leben.+Dichtung+und+Wahrheit/Dritter+Teil/Elftes+Buch) Laut Plechanow liegt einer derartigen Kritik ein Unverständnis dessen zugrunde, was d´Holbach unter Materie versteht, eben nichts Passives und Eigenschaftsloses. (Plechanow, Georg: Beiträge zur Geschichte des Materialismus. Nachdruck der 1921 erschienen 3. Auflage. Berlin [u.a.]: Verlag J.H.W. Dietz Nachf., 1975. 2-3)

[21] Holbach (1960): S.181

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Atheismus des Paul Thiery d´Holbach
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2013
Seiten
22
Katalognummer
V265839
ISBN (eBook)
9783656555162
ISBN (Buch)
9783656555339
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
atheismus, materialismus, Paul Thiery d´Holbach, Holbach, französische Philosophie, Religionskritik
Arbeit zitieren
Peter Gruber (Autor), 2013, Der Atheismus des Paul Thiery d´Holbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/265839

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