Soziale Netzwerke im Internet und die damit verbundenen Ängste


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1.0 EINLEITUNG
1.1 Unterscheidung zwischen Furcht und Angst

2.0 CYBERMOBBING - FUNKTION UND WIRKUNG EINES ALTEN ZWISCHENMENSCHLICHEN VERHALTENS NACH MEDIALER AUFBEREITUNG.
2.1 Face-to-machine-to-face - Struktur der Kommunikation in der virtuellen Welt.
2.1.1 Spezifika der virtuellen Kommunikation mit Bezugnahme auf Erving Goffmans Interaktionstheorie
2.1.2 Der Zeitfaktor
2.1.3 Der Raumfaktor
2.1.4 Der Körperfaktor

3.0 IN REAL LIFE - ANALYSE AUSGEWÄHLTER BEISPIELE
3.1 Das soziale Netzwerk „facebook“
3.2 Das soziale Netzwerk „isharegossip“

4.0 FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS..

Soziale Netzwerke im Internet und die damit verbundenen Ängste

1.0 Einleitung

„ Furcht, Schrecken.- Das Wort „ Furcht “ (und das englische fear) scheint von dem abgeleitet zu sein, was pl ö tzlich und gef ä hrlich ist; und das Wort terror (lateinisch und englisch, deutsch Schrecken) von dem Zittern der Stimmorgane des K ö rpers. Ich gebrauche das Wort „ terror “ f ü r die ä u ß erste Furcht; manche Schriftsteller sind aber der Meinung, dass es auf F ä lle beschr ä nkt sein sollte, bei denen ganz besonders die Einbildungskraft in Betracht kommt. Der Furcht geht h ä ufig ein Erstaunen voraus; und in so weit ist sie dem letzteren verwandt, dass beide dazu f ü hren, die Sinne des Gesichts und Geh ö rs augenblicklich anzuspannen. In beiden F ä llen werden die Augen und der Mund weit ge ö ffnet und die Augenbrauen erhoben. Der zum F ü rchten gebrachte Mensch steht anfangs bewegungslos wie eine Statue und atemlos da oder dr ü ckt sich nieder, als wollte er instinktiv der Entdeckung entgehen. “ 1

In „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren“ untersuchte Charles Darwin, welche Parallelen bei Mensch und Tier an deren körperlichen Reaktionen in Bezug auf den Gefühlsausdruck festzustellen sind. Damit wollte er seine Theorie stützen, dass beide gleichen Ursprungs sind. Demnach handelt es sich bei den betrachteten Verhaltensweisen, wie z.B. Furcht, um ursprüngliches und nicht um erlerntes Verhalten. Die Steigerung der Furcht bezeichnete C. Darwin als „Seelenangst des Schreckens (oder äusserster Furcht)“.2 Es ist anzunehmen, dass er sich keine tieferen Gedanken über die Begriffsbedeutung gemacht hat, da dies nicht relevant für seine Untersuchungen war und dementsprechend hat er keine klare begriffliche Trennung zwischen Furcht und Angst vorgenommen, auch wenn er davon spricht, dass Furcht in Angst übergeht. Ob es sich bei den festgestellten Gemütsregungen um Furcht- oder Angstreaktionen handelt, soll an dieser Stelle irrelevant sein, entscheidend ist der Gedanke, dass man sie als Grundzug des menschlichen Daseins begreifen kann.

1. Unterscheidung zwischen Furcht und Angst

Es bedarf aber trotzdem einer begrifflichen Klärung, um sich weiter mit der Thematik der Angst zu beschäftigen. In dem Werk „Der Begriff Angst“3 von Sören Kierkegaard ( 1813 - 1855 ) findet man eine Unterscheidung zwischen Furcht und Angst, an der sich auch später M. Heidegger orientierte. Kierkegaard stellte heraus, dass Furcht immer gegenstandsgebunden ist, sie ist auf etwas direkt Reelles, Gegenwärtiges gerichtet.4 Angst dagegen ist eigentümlich unbestimmt, es ist eine gegenstandslose Stimmung. Es handelt sich um ein menschliches Phänomen, weil nur der Mensch die Synthese von Seele und Körper ist, aus welcher der Geist hervorgeht.5 „Träumend projektiert der Geist seine eigene Wirklichkeit, diese Wirklichkeit aber ist Nichts [...]. Doch welche Wirkung hat Nichts? Es gebiert Angst.“6 Das Tier dagegen kann keine Angst empfinden, „eben weil es in seiner Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt ist“.7

Das Angstkonzept von Kierkegaard basiert nicht nur auf der Verbindung zwischen Angst und Nichts, sondern auch auf einer Verknüpfung von Angst und Zukünftigem. Man ängstigt sich vor der Möglichkeit, dass sich etwas Vergangenes wiederholen könnte, d.h. dass es zu etwas Zukünftigem werden kann.8 Dieses K ö nnen liegt begründet in der Möglichkeit der Freiheit und somit „konkretisiert Kierkegaard die Weltangst als Angst vor der Freiheit. Heidegger stellt - noch radikaler als Kierkegaard - die Angst als Angst des In-der- Welt-Seins überhaupt heraus und thematisiert dann diese Angst als Angst vor dem Tode“.9 Dieser Gedanke findet sich schon im Johannesevangelium, in dem es heißt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“.

Obwohl der dargelegte theoretische Unterschied zwischen Furcht und Angst eindeutig ist, lässt sich bei der konkreten Beobachtung oft keine klare Grenze ziehen, denn wer sich fürchtet kann trotzdem gleichzeitig auch Angst haben und aus Furcht kann sich zukünftig Angst entwickeln. Angst kann aber ohne Furcht existieren. Aus diesem Grund und da in diversen Abhandlungen über die Thematik keine Differenzierung vorgenommen wird, wird im Folgenden ausschließlich der Terminus „Angst“ verwendet.

Das von Kierkegaard zugrunde gelegte Nichts lässt sich gleichsetzten mit dem Unbestimmten. Und das Unbestimmte birgt in sich Unsicherheit. In Bezug auf die Betrachtung der Mediengeschichte von Angst, ist es naheliegend sich mit dem Internet und der sich dadurch verbreitenden Angst, bzw. der davon ausgehenden Angst auseinander zusetzten. Richard Alewyn beschreibt in seinem Vortrag „Die literarische Angst“ ein Modell der englischen Urform des Tale of Terror, deren Handlung in einer räumlich entfernten Welt spielt, die labyrinthartig gestaltet ist und die keine Übersicht und keine Berechenbarkeit gewährleistet.10 „Der übersehbare Raum wird von dem unübersehbaren überschattet, der bekannte von dem unbekannten.“11 Diese Merkmale lassen sich auf das Internet übertragen. Der durchschnittliche Nutzer bewegt sich durch die virtuelle Welt, eine räumlich entfernte Welt - genau genommen handelt es sich um eine Welt ohne Räumlichkeit - ohne genau zu wissen wie er sich bewegt. Die Kommunikation in dieser Welt erfolgt über kodierte Texte und somit sind diese immateriell. Da nicht nur räumliche Distanzen aufgehoben werden, sondern auch zeitliche, kommt es zu ständigen Veränderungen, welche die Übersicht und die Berechenbarkeit stark einschränken, wodurch das Gefühl der Sicherheit gestört wird.

Wenn die Merkmale des Internets und die eines Schauerromans Parallelen aufweisen, kann man den Rückschluss ziehen, dass das Internet aufgrund seiner Beschaffenheit Ängste hervorrufen kann.

2.0 Cybermobbing - Funktion und Wirkung eines alten zwischenmenschlichen Verhaltens nach medialer Aufbereitung

„ Das Internet und die dort kultisch bewahrte Anonymit ä t verleihen jedermann quasi die Generalvollmacht, ungestraft alles M ö gliche ü ber jede beliebige Person zu ä u ß ern. Ich kann mir kaum einen moralisch verwerflicheren Missbrauch des Gedankens der Redefreiheit vorstellen. “ 12

Der Begriff „Mobbing“ (von englisch to mob „anpöbeln, angreifen, bedrängen, über jemanden herfallen“ und mob „Pöbel, Gesindel; unorganisierte Massenansammlung aggressiver und triebenthemmter Menschen“ und aus lateinisch mobile vulgus „aufgewiegelte Volksmenge“13 ) wurde 1963 von dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz geprägt. Er bezeichnete damit das Verteidigungsverhalten von Gänsen, die sich in der Gruppe zusammenschließen, um den Angriff eines überlegenen Gegners (ein Fuchs) abzuwehren. 1969 wurde der Begriff erstmals von dem schwedischen Arzt Peter-Paul Heinemann auf das menschliche Verhalten übertragen. Er bezeichnete damit das beobachtbare Verhalten von Gruppen, die eine Person angreifen, welche sich in ihrem Sinne nicht regelkonform verhält. Ende der siebziger Jahre begann der schwedische Arzt und Psychologe Heinz Leymann mit seiner Forschung über Mobbinghandlungen in der Arbeitswelt und veröffentlichte seine ersten wissenschaftlichen Ergebnisse 1993. Dort definierte er den Begriff „Mobbing“ folgendermaßen: „Der Begriff Mobbing beschreibt negative kommunikative Handlungen, die gegen eine Person gerichtet sind (von einer oder mehreren anderen) und die sehr oft und über einen längeren Zeitraum hinaus vorkommen und damit die Beziehung zwischen Täter und Opfer kennzeichnen.“14 Heutzutage handelt es sich um ein anerkanntes und ernst zu nehmendes Problem in unserer Gesellschaft, das immer häufiger in der Öffentlichkeit diskutiert wird und inzwischen als ein Phänomen gesehen wird, welches negative Auswirkungen auf die Physis und die Psyche des betroffenen Menschen haben kann.

Der heutige Entwicklungsstand des Internets bietet eine Plattform, die dem Phänomen eine neue Dimension verliehen hat. Durch die Aufhebung von Zeit und Raum ist das Internet ein Medium, das immer überall und für ewige Zeiten präsent ist. Es haben sich neue Formen der Kommunikation mit neuen Möglichkeiten, aber auch mit neuen Konsequenzen gebildet.

2.1 Face-to-machine-to-face - Struktur der Kommunikation in der virtuellen Welt

Um festzustellen, was die Besonderheiten des Cybermobbings sind und ob es sich dabei um ein mediales Phänomen handelt, welches bewusst oder unbewusst Angst auslöst, bedarf es einer genauen Untersuchung der Kommunikation im Internet, also im virtuellen Raum. Ist es möglich, dass die Beschaffenheit dieser neuen Kommunikationsform einen besonderen Nährboden für Angst bietet?

Bei der Kommunikation im virtuellen Raum handelt es sich um einen Prozess des Zeichenaustauschs, ohne dass die Interaktionsteilnehmer körperlich anwesend sind. Der Kommunikationsraum ist eine immaterielle computergenerierte Simulation der Wirklichkeit. Der Computer fungiert als Vermittlungsmedium zwischen zwei oder mehreren Kommunikanten, deren raum-zeitliche Positionierung irrelevant ist. Orientiert man sich an der Begriffsgebung von Erving Goffman, so kann man von einer face-to-machine-to-face-Kommunikation sprechen.15 Erving Goffman gilt als der Begründer der Interaktionsforschung und hat mit seinem Theorieansatz nicht nur die Soziologie, sondern auch neben anderen Nachbardisziplinen die Kommunikationswissenschaft nachhaltig geprägt. Obwohl er Interaktion „als den wechselseitigen Einfluss von Individuen untereinander auf ihre Handlungen während ihrer unmittelbaren physischen Anwesenheit definiert“16, d.h. dass Interaktion demnach mit Körperlichkeit unmittelbar verbunden ist und der Cyberspace sich im Gegensatz dazu durch Immaterialität auszeichnet, dem ersten Anschein nach sich also virtuelle Kommunikation und Face-to-face-Kommunikation gegenseitig ausschließen, bietet Goffmans Interaktionstheorie eine strukturelle Rahmung, die gerade die Besonderheiten der virtuellen Kommunikation hervorhebt und deren Wirkung erklärbar macht.

Im folgenden Abschnitt werden durch Bezugnahme auf Goffmans Interaktionstheorie die spezifischen Merkmale der virtuellen Kommunikation herausgearbeitet und die daraus resultierenden Erkenntnisse für die Analyse des oben genannten Phänomens „Cybermobbing“ eingesetzt, um im Anschluss das Angstpotential medialer Kommunikation zu erfassen.

2.1.1 Spezifika der virtuellen Kommunikation mit Bezugnahme auf Erving Goffmans Interaktionstheorie

Der Theorieansatz von Erving Goffman basiert auf der Vorstellung, dass menschliches Zusammenleben einer Bühnenshow gleicht. Jedes menschliche Handeln in Gegenwart einer oder mehrerer Personen ist eine Selbstdarstellung. In dem Augenblick, in dem man die Weltbühne betritt, ist man Träger einer oder mehrerer Rollen, an die bestimmte Bedingungen und Erwartungen geknüpft sind, die es zu erfüllen gilt. Tritt man mehrmals vor das gleiche Publikum, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass eine Sozialbeziehung entsteht, was sich auf die Rolle auswirkt. Das Handeln ist weniger selbstbestimmt als wir glauben. An den Status, den eine Person inne hat, ist auch seine soziale Rolle geknüpft und diese entscheidet welche Rechte und Pflichten auszuüben sind.17 Ganz so einfach gestaltet sich die Realität nicht und auch Goffmans Theorie geht weiter in die Tiefe, aber der Kern wird damit getroffen. Der Status bestimmt das Verhalten.18 Aber wer bestimmt den jeweiligen Status?

Dabei sind mehrere Faktoren in Abhängigkeit der Gesellschaftsform bedeutsam. Vereinfacht kann man festlegen, dass ein Mensch bei der Geburt einen Status erhält, der durch die familiäre Umgebung und die „persönliche Fassade“ bestimmt ist.19 Im weiteren Verlauf des Lebens kann dieser Status verändert werden. Unter anderem ist das davon abhängig wie gut ein Mensch sich selbst darstellen kann, das heißt in wie weit er sich von gesellschaftlichen Regeln und Zwängen, die ein bestimmter Status vorschreibt, loslösen kann oder ob er es schafft, voraussetzungslos vor eine fremde Gruppe zu treten und dieser eine überzeugende Darstellung seiner selbst zu bieten, wie er es sich selber vorstellt. Man muss als ein unbeschriebenes Blatt, also als anonyme Person auftreten. In der Realität gestaltet sich dies häufig sehr schwierig, weil man sich in der Regel in einem festen sozialen Gefüge bewegt. Das Internet bietet dafür den idealen Ausweg.

Anonymität ist eines der bedeutendsten Merkmale virtueller Kommunikation. Während eines Kommunikationsvorgangs im WorldWideWeb ist die Körperlichkeit der Kommunikanten irrelevant, man kann sogar sagen, der Körper ist nicht existent. Ohne sich über die persönliche Fassade erkennen geben zu müssen, hat man die Möglichkeit vollkommen unbekannt den virtuellen Raum zu betreten. Man ist im virtuellen Raum nicht nur raum- und zeitlos, sondern auch körperlos. Was bedeutet das für die Kommunikationsform und welchen Vorteil hat das für die Kommunikanten? anderen Ausdrucksmittel bezeichnet, die wir am stärksten mit dem Darsteller selbst identifizieren und von denen wir erwarten, daß er sie mit sich herumträgt.“... „Manchmal empfiehlt es sich, die persönliche Fassade zu trennen in ‚Erscheinung’ und ‚Verhalten’, und zwar entsprechend der Wirkung der durch sie übermittelten Information. Der Begriff ‚Erscheinung’ bezieht sich dabei auf die Teile der persönlichen Fassade, die uns über den sozialen Status des Darstellers informieren. Zugleich werden wir durch sie über die augenblickliche Situation des Einzelnen unterrichtet, das heißt darüber, ob er in einer formellen gesellschaftlichen Rolle agiert, ob er arbeitet oder sich zwanglos erholt. Mit ‚Verhalten’ sind dann die Teile der persönlichen Fassade gemeint, die dazu dienen, uns die Rolle anzuzeigen, die der Darstellerin der Interaktion zu spielen beabsichtigt.“

Es haben sich verschiedenen neue Kommunikationsformen und somit auch Kommunikationsmöglichkeiten entwickelt. Jedes Wort, jedes Bild, jedes Zeichen ist eine Form der Kommunikation, die asynchron (z.B. E-Mail) oder synchron (z.B. Internet Relay Chat) eingesetzt werden kann. Besonders interessant ist die Varianz der Adressaten. Man kann das Internet als Individualmedium nutzen, d.h. als Vermittler im privaten, persönlichen Bereich, wobei oft nur zwei Kommunikanten beteiligt sind. Oder das Internet fungiert als Massenmedium und die Kommunikationsinhalte sind einer unbestimmten Menge zugänglich. Abgesehen von der Internet- Telefonie und dem Video-Chat handelt es sich ausschließlich um eine auf die Schrift reduzierte Kommunikation. Auf die Ausdrucksmöglichkeit, die dem Menschen durch seine Stimme zur Verfügung steht, muss verzichtet werden.20 Außerdem müssen die Kommunikanten bei der Übermittlung von Informationen vollständig auf die Hilfe von nonverbalen (Mimik) und nonvokalen Zeichen (Gestik) verzichten. Um dieses Defizit auszugleichen, hat sich eine virtuelle Sprache entwickelt. Bestimmte Zeichen (z.B. Smileys) sollen das fehlende Mienenspiel ersetzten. Diese Funktion wird allerdings nur bedingt erfüllt.

Viele Nutzer empfinden aber gerade dieses Defizit als ihren Vorteil gegenüber der Kommunikation „in real Life“ (IRL). Sie wollen sich hinter der Anonymität verstecken. Sie wollen verhindern, dass sie ihrem Kommunikationspartner aufgrund ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten zu viele Informationen über sich preisgeben. Die fehlende Körperlichkeit ermöglicht ein „Sich-ausprobieren“ in jeder erdenklichen Rolle. Durch eine falsche Darstellung besteht IRL die Gefahr, den gesamten Status zu gefährden.21 In einem sozialen Netzwerk wie zum Beispiel „facebook“ kann man eine neue, ausschließlich virtuell existierende Identität erschaffen. Sämtliche Verpflichtungen und Zwänge22, unter denen man IRL steht, entfallen. Die Angst vor Entdeckung einer unwahren Darstellung entfällt auch.23 Denn erstens ist es relativ schwierig eine falsche Identität im Internet zu entlarven und zweitens hätte man bei einer Entdeckung keine direkte Bloßstellung zu befürchten.

Für die Face-to-face-Interaktion ist der Raum von großer Bedeutung. Die Interaktionspartner müssen sich in demselben Raum befinden. In der Bildlichkeit des Theaters gesprochen, zeigt man alleine oder im Ensemble24 auf der Vorderbühne dem Publikum seine Vorstellung. Solange man sich auf der Vorderbühne bewegt, erfüllt man die erwarteten Regeln und Normen, aber sobald man die Hinterbühne betritt („Region, wo das , was man unterdrückt hat in Erscheinung tritt“25 ), fällt die Maske. Obwohl die virtuelle Kommunikation durch die Auflösung der Räumlichkeit gekennzeichnet ist, kann Goffmans räumliche Differenzierung während einer Interaktion übertragen werden. Die Kommunikation, welche im Internet statt findet, also der schriftbasierte Informationsaustausch, ist geografisch gesehen nicht ortsgebunden, aber findet im isolierten virtuellen Raum, auf der Vorderbühne, statt. Klammert man die Möglichkeit der Internet- Spionage und -Überwachung aus, so bietet das Internet eine unbegrenzte Freiheit innerhalb der Grenzen der Virtualität. IRL muss Tatsache, daß ein falscher Eindruck, den ein Einzelner in irdendeiner seiner Rollen erweckt, seinen gesamten Status, dessen Teil die Rolle ist, bedrohen kann, denn eine diskreditierenden Entdeckung in einem Handlungsbereich läßt die zahlreichen anderen, in denen er womöglich nichts zu verbergen hat, zweifelhaft erscheinen.“

[...]


1 Darwin,Charles: Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren. Stuttgart. E. Schweizerbart`sche Verlagshandlung (E. Koch) 1872. S.297 In: www.darwin-online-org.uk (Stand 10.08.2012)

2 Ebd. S.298 „In dem Maasse, wie sich Furcht zu einer Seelenangst des Schreckens (oder äusserster Furcht) vergrössert,...“

3 Kierkegaard, Sören: Der Begriff Angst. 1. Auflage. Ditzingen: Reclam 2008. ( Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8792 )

4 Ebd. S.50: Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muß deshalb darauf aufmerksam machen, daß er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist.

5 Ebd. S.98: „In den beiden vorhergehenden Kapiteln wurde immer wieder festgehalten, daß der Mensch eine Synthese aus Seele und Körper ist, die konstituiert und getragen wird von Geist.“

6 Ebd. S.50

7 Ebd. S.50

8 Ebd. S.108: „Wenn ich mich also vor einem vergangenen Unglück ängstige, dann nicht deshalb, weil es vergangen ist, sondern weil es sich wiederholt, d.h. zukünftig werden kann.“

9 Schulz, Walter: Das Problem der Angst in der neueren Philosophie. In: Aspekte der Angst. Starnberger Gespräche 1964. Hg. v. Hoimar v. Ditfurth. 1. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 1965. S. 8

10 Alewyn,Richard: Die literarische Angst. In: Aspekte der Angst. Starnberger

Gespräche 1964. Hg. v. Hoimar v. Ditfurth. 1. Auflage. Stuttgart: Georg Thieme Verlag 1965. S. 29ff

11 Ebd. S.30

12 Bernstein, Richard in der New York Times, In: Deaver, Jeffery. Allwissend. 1. Auflage. München: Taschenbuchausgabe bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH September 2011. (37470). S. 6

13 Meyers grosses Taschenlexikon in 24 Bänden. 6., neu bearbeitete Auflage. Herausgegeben und bearbeitet von Meyers Lexikonredaktion. Band 14 Mah - Mold. S. 298/299

14 Leymann, Heinz. Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Wunderlich: 2002

15 Eiden, Gabriela: Soziologische Relevanz der virtuellen Kommunikation. Zürich: 2004. Online Publication ( Stand 25.07.2012 )

16 Goffman, Erving:Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. 2. Auflage München: Piper 2004 (= 3891).

17 Ebd. S.18. „Wenn ein Einzelner oder ein Darsteller bei verschiedenen

Gelegenheiten die gleiche Rolle vor dem gleichen Publikum spielt, entsteht mit großer Wahrscheinlichkeit eine Sozialbeziehung. Wenn wir soziale Rolle als die Ausübung von Rechten und Pflichten definieren, die mit einem bestimmten Status verknüpft sind, dann können wir sagen, daß eine soziale Rolle eine oder mehrere Teilrollen umfaßt und daß jede dieser verschiedenen Rollen von dem Darsteller bei einer Reihe von Gelegenheiten vor gleichartigem Publikum oder vor dem gleichen Publikum dargestellt werden.“

18 Ebd. S.25. Goffman untersucht wie der Mensch sich in Gegenwart anderer darstellt. Dazu führt er den Begriff der „persönlichen Fassade“ ein, die „jene

19 Vgl. oben Anm. 18.

20 Der Mensch ist in der Lage mit Hilfe seiner Stimme einer Aussage

unterschiedliche Bedeutungen zu verleihen. Um zum Beispiel Ironie oder Zynismus zum Ausdruck zu bringen, ist für eine eindeutige Verständigung häufig eine entsprechende Betonung und Satzmelodie erforderlich, damit es zu keinem Missverständnis kommt.

21 Goffman, Erving:Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. 2. Auflage München: Piper 2004 (= 3891). S. 60. „Am wichtigsten ist vielleicht die

22 Ebd. S. 69: „Eine bestimmte Art von Person sein, heißt also nicht nur, die geforderten Attribute zu besitzen, sondern auch, die Regeln für Verhalten und Erscheinung einzuhalten, die eine bestimmte soziale Gruppe mit diesen Attributen verbindet.“

23 Ebd. S. 60: „Ebenso kann der Einzelne, wenn er auch nur einen Punkt zu verbergen hat, und selbst, wenn die Gefahr der Entdeckung höchst unwahrscheinlich ist, während seiner ganzen Darstellung von Angst verfolgt sein.“

24 Ebd. S. 75: „Ich werde den Ausdruck »Ensemble« ( team ) für jede Gruppe von Individuen verwenden, die gemeinsam eine Rolle aufbauen.“

25 Ebd. S. 104: „Die Hinterbühne kann definiert werden als der zu einer Vorstellung gehörige Ort, an dem der durch die Darstellung hervorgerufene Eindruck bewußt und selbstverständlich widerlegt wird.“

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Soziale Netzwerke im Internet und die damit verbundenen Ängste
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Literatur-, Medien- und Theoriegeschichte der Angst
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V266219
ISBN (eBook)
9783656563808
ISBN (Buch)
9783656563792
Dateigröße
886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cybermobbing, virtuelle Kommunikation
Arbeit zitieren
Nicola Meibom (Autor), 2012, Soziale Netzwerke im Internet und die damit verbundenen Ängste, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266219

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