Der Strategiewechsel der Hamas

Konstruktivistische Analyse nach Alexander Wendt


Hausarbeit, 2013
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theoretischer Rahmen - Der Konstruktivismus nach Alexander Wendt

III. Ideologische Ursprünge und die Entwicklung der Hamas- der Einfluss der Muslimbruderschaft

IV. Der Wandel der politischen Positionen der Hamas

VI. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die „erste Gruppe des politischen Islam“ (vgl. Meyer 2010 : 69) betrifft mit der palästinensischen Opposition der Hamas eine Bewegung, die eine beachtliche Transformation hinter sich hat. Zwischen ihrer Gründung 1987 und der 2006 demokratisch legitimierten Machtübernahme in Palästina liegen gerade mal 19 Jahre (vgl. Meyer 2010 : 69).

Die Hamas kämpfte in den israelisch besetzten Gebieten jahrelang für die Errichtung eines islamischen Staates und weigerte sich vehement gegen die friedliche Verständigung mit Israel. Die Hamas kristallisierte sich in den Jahren ihrer Aktivitäten als direkte Opposition gegen die PLO und der Fatah-Bewegung heraus. Immer wieder geriet sie dabei ins Kreuzfeuer des kritischen öffentlichen Diskurs, da die Hamas mittels Selbstmordanschlägen in den 1990er Jahren versuchte gegen die israelischen Besatzungskräfte vorzugehen und erntete öfters den Begriff einer terroristischen Organisation (vgl. Baumgarten 2006 : 7).

Ein größerer Teil der Ausführungen dieser Arbeit wird sich im ersten Teil auf die Politikkonzeptionen und die Entwicklungen der Muslimbruderschaft außerhalb Ägyptens beziehen, da die Muslimbruderschaft als Mutterorganisation der Hamas angesehen werden kann, ebenso wie der Gründer der Bruderschaft al-Banna ein ernstzunehmender Akteur im politischen Diskurs darstellt. Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht auf die Radikalisierung des politischen Islam und den Äußerungen Sayyid Qutb's eingegangen werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit überschreiten würde. Der zeitliche Rahmen der Arbeit beschränkt sich von der Gründung der Muslimbruderschaft 1928 bis kurz nach den Osloer-Friedensverhandlungen 1994.

Ich möchte mittels einer konstruktivistischen Analyse nach Alexander Wendt der Fragestellung nachgehen, inwieweit der Strukturwechsel der Hamas von einer ideologisch eingespannten Bewegung zu einer politischen Organisation zu erklären ist und welche Akteure dabei eine Rolle gespielt haben. Dabei wird sich der öffentliche palästinensische Diskurs als einer der Initiatoren für den Strategiewechsel der palästinensischen Widerstandsbewegung herausstellen.

II. Theoretischer Rahmen - Der Konstruktivismus nach Alexander Wendt

Als theoretischer Rahmen zur Bearbeitung der Fragestellung wird in dieser Arbeit der Konstruktivismus nach Alexander Wendt gewählt. Seine Grundannahmen und Methoden sollen im folgenden Abschnitt dargestellt werden.

Wendt definiert zunächst zwei Hauptgrundsätze des Konstruktivismus: (1) die Strukturen des menschlichen Zusammenlebens sind in erster Linie durch kollektives Wissen und gemeinsame Ideen anstatt materieller Kräfte ermittelt werden und (2) die Identitäten und Interessen der Akteure sind gezielt durch dieses kollektive Wissen und den gemeinsamen Ideen aufgebaut, anstatt dass sie rational als naturgegeben angesehen werden (vgl. Wendt 1999 : 1). Aufgrund dieser Annahmen geht Wendt davon aus, dass durch den „idealistischen“ und „sozialen“ Aspekt des ersten Grundsatzes, und des „holistischen“ und „strukturellen“ Aspekt des zweiten Grundsatzes, der Konstruktivismus als „individualistisch“ beschrieben werden kann (vgl. Wendt 1999 : 1). Seine Definition des Konstruktivismus - auch „struktureller Idealismus“ von ihm genannt - geht davon aus, dass soziale Strukturen letztendlich auf Individuen und deren Repräsentation der Wirklichkeit zurückzuführen sind und das die Realität als „sozial konstruiert“ beschrieben werden kann (vgl. Wendt 1999 : 1). Während die Abhängigkeit der Individuen von der Gesellschaft impliziert, dass ihre Identitäten auch von der Gesellschaft konstruiert werden, stellt die Benennung dieser Abhängigkeit bei Staaten für Wendt ein größeres Problem dar: In einem anarchischen System handeln Staaten autonom und nicht aus einer Gesellschaft, in der sie eingebunden sind, heraus. Ihr politisches Verhalten ist vielmehr durch Innenpolitik, die analog zur individuellen Identität steht, gekennzeichnet anstatt durch das internationale System[1] (vgl. Wendt 1999 : 2). Diese Aussage führt nach Wendt zu der Annahme, dass das internationale System nichts unternimmt um Staaten zu „konstruieren“ - vielmehr lässt es ihnen den Freiraum sich „individuell“ zu definieren und zu entwickeln (vgl. Wendt 1999 : 2). Nach Wendt sind Staaten die primären Akteure die es zu analysieren gilt, wenn man Änderungen in einem politischen System feststellen möchte. Sie bezeichnet er als „Initiatoren des Wandels“ (Wendt 1999 : 9). Auch wenn nichtstaatlichen Akteuren eine immer größer werdende Rolle zugestanden wird, so vollzieht sich Wandel vorrangig durch Staaten, die untereinander agieren (vgl. Wendt 1999 : 9). Dabei gilt es zu akzeptieren, dass Staaten Akteure mit mehr oder weniger menschlichen Qualitäten wie

Intentionalität, Rationalität und eigenen Interessen, sind. Wendt betrachtet die Aussage mancher Theoretiker, dass Staaten als Akteure eher die „illegitime Verdinglichung von Strukturen und Institutionen“ darstellen und daher keine individuellen Ausprägungen haben können, als diskutierbar (Wendt 1999 : 10). Dabei sei außerdem zu beachten, dass sich Staaten untereinander anders verhalten, als zu ihren eigenen Gesellschaften (vgl. Wendt 1999 : 13). Wendt argumentiert, es sei nicht die Herausforderung der konstruktivistischen Theorie zu zeigen, dass die „Struktur“ eine größere Aussagekraft als dessen „Akteure“ hat, sondern zu zeigen, wie Akteure unterschiedlich strukturiert sind und durch das System unterschiedliche Effekte erzeugen (vgl. Wendt 1999 : 12). Ebenso sei es wichtig zu erkennen, inwieweit Akteure die Welt wahrnehmen um ihr Handeln zu erklären und dass sie im Gegensatz zum Realismus immer eine Wahl haben, wie sie ihre Interessen und Identitäten und letztendlich ihre Handlungen definieren (vgl. Wendt 1999 : 137). Diese Wahlfreiheit sei Akteuren innerhalb der Theorie des Realismus nicht gegeben. Diese gehen davon aus, dass die Struktur des internationalen Systems ihnen ein bestimmtes Verhalten aufzwingt, wobei es immer zu einer Reproduktion dieser Struktur kommt und sich keine Veränderung in ihren Verhaltensweisen einstellen (vgl. Lemke 2000 : 22). Als Zusatz zum Idealismus benennt Wendt die Annahme, dass soziale Strukturen Effekte haben, die nicht auf Agenten und ihre Interaktionen beschränkt werden können (vgl. Wendt 1999 : 138). Einer dieser Effekte sei die Bildung von Identitäten und Interessen, die zum einen von diskursiver Entstehung durch die Verteilung von Wissen im System und zum anderen von materiellen Kräften abhängig sei und somit nicht in einem Vakuum gebildet werden. Nach Wendt ist es sehr wichtig, sich diese Prozesse anzuschauen, da nur durch die Interaktion von staatlichen Akteuren untereinander das internationale System produziert, reproduziert und auch transformiert werden könne (vgl. Wendt 1999 : 366). Der soziale Prozess bestehe aus ineinander greifende Maßnahmen die versuchen, Identitäten und Interessen gerecht zu werden, indem sie an verhaltensändernde Anreize in der Umwelt angepasst werden (vgl. Wendt 1999 : 366). Wie eine staatlich verfasste Gesellschaft dagegen ihre kollektiven Interessen befriedigt, ist davon abhängig, wie der Staat sich selbst in Beziehung zu anderen definiert. Die Identität und die Interessen eines Staates befinden sich während der Interaktion (mit anderen Staaten) in einem ständigen Wandlungsprozess. Je nachdem um welche Art der Beziehung es sich handelt, werden die Interessen zuweilen ohne Rücksicht auf Andere definiert (vgl. Wendt 1999 : 386). Das konstruktivistische Modell geht davon aus, dass die Agenten sich selbst in

[...]


[1] Wendt geht hier davon aus, das internationale System als „Gesellschaft“ zu bezeichnen (vgl. Wendt 1999 : 2)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Strategiewechsel der Hamas
Untertitel
Konstruktivistische Analyse nach Alexander Wendt
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Veranstaltung
Vertiefung Internationale Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V266511
ISBN (eBook)
9783656567257
ISBN (Buch)
9783656567264
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strategiewechsel, hamas, konstruktivistischen, analyse, alexander, wendt
Arbeit zitieren
Lisa Quelle (Autor), 2013, Der Strategiewechsel der Hamas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266511

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