Language-Awareness. Begriffsanalyse und unterrichtspraktische Beispiele


Essay, 2013
8 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Language-Awareness – Begriffsanalyse und unterrichtspraktische Beispiele

Florian Fuchs

Das folgende Essay untersucht den polyvalenten Begriff Language-Awareness (LA). Diese Ausführungen sind folgendermaßen gegliedert:Zunächst wird auf die Entstehung des Language Awareness-Konzepts eingegangen. Dem folgt eine detaillierte Begriffsbestimmung aufgrund der Heterogenität der Übersetzung von Language Awareness ins Deutsche. Abgerundet wird dieser theoretische Teil mit einem Abriss zur Entstehung und Entwicklung von LA bei Kindern und Jugendlichen.

Der eher praxisorientierte Teil besteht zum einen aus der Analyse persuasiver Texte (hier: Werbung) und zum anderen dem Modell konzeptioneller und medialer Mündlichkeit/Schriftlichkeit nach Koch/Oesterreicher im Lehrplanbereich „Sprache untersuchen und grammatische Strukturen beherrschen“ der bayerischen Realschulen für das Unterrichtsfach Deutsch.

Studien, die in den 1970/80er-Jahren in England[1] an hiesigen Schulen mit dem Ziel, den Wissensstand der SuS in ihrer Mutter- und in Fremdsprachen zu ermitteln, durchgeführt wurden, ergaben, dass keine zufriedenstellende Kompetenz der Schüler und Schülerinnen (SuS) hinsichtlich des Bereichs Schreiben(Schreibkompetenz) in der Muttersprache und im Bereich Fremdsprache(Fremdsprachenkompetenz) vorhanden war. Aus diesem Grund entwickelte man verschiedene Language Awareness-Konzeptionen, die die Sprachpraxis und die metasprachliche Reflexion der SuS verbessern sollten.[2] Ferner war es das Ziel, eine Brücke zwischen dem muttersprachlichen und dem fremdsprachlichen Unterricht zu schaffen, sodass LA „acrossthecuriculum“ in allen Unterrichtsfächern in England etabliert wurde.

Als Beispiele für LA-Konzepte seien folgende genannt:

1.Languagesand Cultural Awareness: Diese Konzeption beinhaltet die bewusste Auseinandersetzung mit der sprachlichen Vielfalt einer Klasse und wird somit der Mehrsprachigkeit und Mehrkulturalität in vielen Schulklassen gerecht. Ziele sind die Befähigung zu Empathie sowie Eigen- und Fremdverstehen im pluralen Kontext.[3]
2.Critical Language Awareness : In dieser Konzeption werden Sprachmanipulation und Sprachpolitik thematisiert. Vor allem in den Teildisziplinen der Sprachwissenschaft Sprache in den Medien und Sprache in der Politik ist dieses LA-Konzept relevant.
3.LiteraryAwareness : Hier wird ein Text in bewusster Art und Weise ästhetisch reflektiert, was die „Lust am Text“ erhöhen soll.

Unabhängig der inhaltlichen Ausgestaltung steht die Erhöhung der Aufmerksamkeit für Sprache, für Sprachge- und missbrauch, also weit gefasst eine Sensibilisierung für Sprache und sprachliche Phänomene sowie eine Leistungsverbesserung der SuS, im Zentrum des LA-Konzepts.

In den 1970er/80er-Jahren wurde das LA-Konzept auch in Deutschland – zunächst im Kontext DaF und DaZ[4] – diskutiert. In Folge dessen wurde in den 1970er-Jahren der Teilbereich „Reflexion über Sprache“ in die Lehrpläne des Deutschunterrichts aufgenommen. Beeinflusst von der 68er-Bewegung und der Forderung nach Emanzipation sollte die kritische Auseinandersetzung mit der Sprache, die Critical Language Awareness, im Vordergrund stehen. Insbesondere Fragen nach der Wirkung von und der Manipulation durch Sprache (Werbung, Politik), also Sprachkritik, standen im Mittelpunkt des Interesses. Neuland(1993) und Klotz (2001) beklagen allerdings, dass dieser Aspekt heute kaum noch im Deutschunterricht zum Tragen kommt. Wie die eben aufgeführten Anliegen zeigen, geht „Reflexion über Sprache“ über den eigentlichen Grammatikunterricht, der bis dato immer noch von der Fixierung auf Fehler, Begriffswissen sowie der Wort- und Satzlehre geprägt ist, hinaus. Weiterhin wird nach Neuland(1993) auch die Diskursanalyse, Metakommunikation und die Sprachgeschichte vernachlässigt. Zudem kritisiert sie die Ausbildung der Lehrkräfte, da dort die obigen „unerwünschten Inhalte“ im Zentrum stehen.Daher fordert sie, dass LA das oberste Ziel des Aufgabenbereiches Sprachreflexion sein soll.[5]

Obwohl der Begriff Language-Awareness auch in der deutschsprachigen Forschung immer häufiger gebraucht wird, ist er nicht eindeutig definiert:Hohm(2008) kritisiert in der deutschen Forschung die Vagheit des Begriffs Language Awareness bzw. seiner Übersetzungen. In Deutschland wird dieser Terminus meist mit Sprachbewusstsein oder Sprachbewusstheit übersetzt und oftmals werden sie synonym verwendet. Im Folgenden sollen mehrere Definitionsvorschläge für beide Begriffe aufgeführt werden.

Sprachbewusstsein

1.Beisbart (1999)/Lehr (2002): Sprachbewusstsein ist für beide die prinzipielle Gegebenheit, die Aufmerksamkeit auf Sprachliches zu richten.
2.Bredel(2007): Sie definiert Sprachbewusstsein als „[a]lle Arten eher impliziten Wissens und Könnens, die im operativ-integrierten Zusammenhang mit primärsprachlichen Vollzügen des Sprechens, Schreibens und Lesens zur Geltung kommen.“
3.Bußmann (2002): Für sie ist Sprachbewusstsein das Wissen, eine bestimmte Sprache zu sprechen sowie das Wissen um ihre korrekte grammatikalische und soziale Verwendung sowie das Verfügen über Einstellungen und Bewertungen bzgl. Sprache.
4.Spitta: Sie sieht Sprachbewusstsein als intuitives Sprachgefühl, das sprachliche Phänomene ohne bewusste Reflexion über Sprache zu beurteilen ermöglicht.
5.Techtmeier (1984): Techtmeier versteht unter Sprachbewusstsein einen graduellen Begriff. Sie ist der Ansicht, dass es ein Sprachgefühl, ein Alltagssprachbewusstsein und ein wissenschaftliches Sprachbewusstsein gibt. Ersteres ist ein ungenaues, isoliertes Bewusstwerden einzelner Aspekte der Sprachfähigkeit. Das wissenschaftliche Sprachbewusstsein ist eine „mehr oder weniger entwickelte Fähigkeit, über Sprache reflektieren zu können […] [sowie] sprachliche Ausdrucksmittel bewußt einzusetzen und zu bewerten.“ Auf das Alltagssprachbewusstsein geht sie nicht weiter ein, sondern verortet es zwischen dem Sprachgefühl und dem wissenschaftlichen Sprachbewusstsein.

Sprachbewusstheit

1.Andresen/Funke(2003): Sie definieren Sprachbewusstheit als „Bereitschaft und Fähigkeit […], sich aus der mit dem Sprachgebrauch in der Regel verbundenen inhaltlichen Sichtweise zu lösen und die Aufmerksamkeit auf sprachliche Erscheinungen als solche zu richten.“
2.Beisbart (1999)/Lehr (2002): Als eine Art Weiterführung ihrer Definition von Sprachbewusstsein sehen sie Sprachbewusstheit als die aktuale, reflektierte Problematisierung von Sprache in konkreten Handlungssituationen.
3.Bredel(2007): Im Gegensatz zum eher impliziten Sprachbewusstsein ist für Bredel Sprachbewusstheit „[e]xplizites, systematisch-deklaratives und metasprachliches bzw. metakognitives Wissen hinsichtlich sprachlicher Gegenstände und Sachverhalte, das mit analytisch-reflexiven Prozeduren der Distanzierung, De-Automatisierung und De-Kontextualisierung von sprachlichen Phänomenen verbunden ist.“

[...]


[1] Namentlich sind hier der Bullock-Report (1975), der Swann-Report (1985), der Kingman-Report (1988) und der Cox-Report (1989) zu nennen.

[2] Aufgrund des entscheidenden Aspekts Metasprache wird hier vermutlich der kantische Reflexionsbegriff impliziert: In Kants Terminologie ist Reflexion die Differenzierung von Subjekt und Objekt, alsoShier von sprechendem und der dabei gebrauchten Sprache.

[3] Krämer (1996) definiert bewusst folgendermaßen: „Bewußt ist also, wer nicht nur sieht, denkt, fühlt und etwas will, sondern wer zugleich weiß, dass er sieht, denkt, fühlt und etwas will.“ Eben dieses Verständnis von bewusst ist hier m.E. impliziert.

[4] Deutsch als Fremdsprache bzw. Deutsch als Zweitsprache

[5] Zwei Konzeptionen, die auf dem LA-Konzept basieren sind „Begegnungssprachen“ (NRW 1992) und „Lerne die Sprache des Nachbarn“ (BW, seit 2003 auch in RLP). Ziel beider Konzeptionen ist es, die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Sprachen im Klassenzimmer (Hochsprache, Dialekte, Sprachen der Migrantenkinder) zu lenken.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Language-Awareness. Begriffsanalyse und unterrichtspraktische Beispiele
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
8
Katalognummer
V266811
ISBN (eBook)
9783656569435
ISBN (Buch)
9783656569374
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Language Awareness, Sprachbewusstheit, Sprachbewusstsein, Konzepte, Kompetenz, Beispiele, Unterricht
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Language-Awareness. Begriffsanalyse und unterrichtspraktische Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/266811

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