Lamarckismus, Darwinismus und die synthetische Evolutionstheorie - ein Überblick


Exzerpt, 2013
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klassische Evolutionstheorien
2.1. Lamarcksche Evolutionstheorie
2.2 Darwinsche Evolutionstheorie
2.3. Lamarcks und Darwins Evolutionstheorie im Vergleich – ein Überblick

3. Die Synthetische Evolutionstheorie

4. Reflexion

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Evolutionsgedanke wird in vielen Bereichen der Wissenschaft[1]– z. B. in der Geschichtswissenschaft, Politikwissenschaft, Ökonomie[2], Philosophie[3] und Psychologie[4]– herangezogen, um beispielsweise gesellschaftliche Entwicklungen respektive allmähliche, prozessuale Vorgänge zu erklären[5]. Das Forschen nach dem Ursprung und der Entstehung der Arten ist jedoch sehr alt. Die griechischen Naturphilosophen, genauer: die „Vorsokratiker“[6], waren in der abendländischen Kultur wohl die ersten, die den Evolutionsgedanken aufgriffen[7]. Das evolutorische Denken „avant la lettre“ half ihnen, das menschliche Dasein bzw. seine prozessuale Entstehung genauer zu definieren[8]. Der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809-1882)[9], entwickelte in seinem großen Werk „Über die Entstehung der Arten“ (1859)[10] das Prinzip der Selektion und den bekannten Terminus des „survival of the fittest“[11]. Die Erkenntnis Darwins, dass Arten prozessualen und evolutionären Veränderungen unterliegen, war bahnbrechend[12]. Bis zur Veröffentlichung seines Werkes „Über die Entstehung der Arten“ wurde der Standpunkt, dass „Arten unveränderliche Erzeugnisse [seien] und jede einzelne für sich erschaffen [sei,] (…) von vielen Schriftstellern mit Geschick verteidigt“[13]. Darwins Erkenntnisse durchbrachen die konservative Denkweise und die Haltung vieler zeitgenössischer Forscher, dass der Ursprung des Menschen wohl immer im Dunkel gehüllt bleiben würde. Seine Thesen, dass Arten sich allmählich in einem System entwickeln und auf äußere Einflüsse[14] reagieren, sind heute bewiesen und besonders für die Biologie von herausragender Bedeutung[15]. Der Zoologe und Morphologe Sir Gavin de Beer schreibt zur wissenschaftlichen Fundiertheit der Evolutionstheorie Folgendes:

„Die Tage sind längst vorüber, (…) in denen Laien ohne Erfahrungen praktischer Forschungsarbeit im Laboratorium oder in der freien Natur es versuchen könnten, Darwins (…) Schlussfolgerungen zu bekämpfen, ohne sich lächerlich zu machen. (…) Die Beweise der Genetik gehen eindeutig dahin, dass natürliche Auslese den einzigen Mechanismus darstellt, der die Evolution zu erklären vermag.“[16]

Die Grundsätze des historischen Darwinismus wurden von der modernen Evolutionsgenetik bestätigt[17]. Die moderne, synthetische Evolutionstheorie, die auf Darwins Erkenntnissen fußt, impliziert die Selektion, die essenziell für den Artenwandel ist[18]. Die Deszendenztheorie[19] ist jedoch nicht das alleinige Werk Darwins, denn es gab schon vor ihm erste Evolutionsmodelle und Erkenntnisse hinsichtlich der gemeinsamen Abstammung[20].

2. Klassische Evolutionstheorien

2.1. Lamarcksche Evolutionstheorie

I.

Der französische Botaniker und Zoologe Jean-Baptiste de Lamarck (1744-1829) entwickelte das erste umfassende Evolutionsmodell. In seinem großen Werk, der „Philosophie zoologique“ (1809), formulierte er seine Erkenntnisse. Lamarck war ein Exponent unter den ersten großen evolutorischen Naturforschern. Er löste sich von dem starren und damals prävalierenden Denken, der Überzeugung von der Schöpfungsgeschichte und von festgelegten, unveränderlichen Arten, das eine „scala naturae“[21] impliziert, und stellte dadurch die prozessuale Genese der Lebewesen, die von einfachen zu immer komplizierteren Lebensformen führt, in den Vordergrund[22]. Sein Werk war initiativ und sehr bedeutend für den wissenschaftlichen Diskurs respektive für das evolutorische Denken, das sich im 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts immer weiter durchsetzte[23].

II.

Lamarcks Theorie basiert auf der Transformationstheorie[24], die er erstmals in seiner „Philosophie zoologique“ formulierte[25]. Entdeckungen von Fossilien, die Beweise für die Evolution waren, lockerten die starre Typenlehre im 18. Jahrhundert auf[26]. Lamarck war der Wegbereiter für Darwin und stellte eine Theorie auf, die besagt, dass Arten sich sukzessiv verändern und an Umwelteinflüsse assimilieren[27]: „[seine Theorie hat] (…) gezeigt, dass die (…) Verschiedenheit [der Arten] (…) durch ihre Anpassung an die Existenzbedingungen zu erklären sei“[28]. Die Assimilierung der Arten – die sukzessive und prozessual verläuft –, also die Anpassung an die Umweltbedingungen, ist ursächlich für die Veränderung der Arten bzw. für die Artenvielfalt[29]. Die Veränderung der Arten bzw. die Anpassung an die Umwelt entsteht durch veränderte Bedürfnisse und Gewohnheiten, die zu einer Veränderung des Phänotyps führen[30]. Diese Anpassungen entwickeln sich durch den „Gebrauch oder Nichtgebrauch“ von Körperteilen[31]: Körperteile, die öfters benutzt werden, entwickeln sich stärker, im Gegenzug verkümmern selten benutzte Körperteile – der Organismus passt sich dadurch permanent den Umweltbedingungen an[32]. Die neuen Eigenschaften, die durch die Anpassung an die Umwelt „entstehen“, werden an Nachkommen weitervererbt. Lamarck sieht in der Anpassung der Arten an die Umweltbedingungen und in der Vererbung, den dadurch neu „erworbenen“ Eigenschaften, die Hauptursachen der Artenvielfalt[33]. Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr bezeichnet die Erbinformation, die sich an die Umwelt anpasst, als „weich, [da] (…) sie durch Umwelteinflüsse geformt werden (…) und (…) dann durch [die] Vererbung erworbener Eigenschaften an zukünftige Generationen weitergegeben werden“[34] kann. Die treibende Kraft der Assimilierung ist nach Lamarck das innere Bedürfnis des Organismus, das die Veränderung des genetischen Materials bedingt – durch diesen Vorgang „entstehen“ die neuen Eigenschaften und Merkmale bzw. allgemein die Artenvielfalt[35]. Besonders bekannt ist das Giraffen-Beispiel, das Lamarcks Theorie präzise zusammenfasst[36]:

Um an Futter bzw. an höher liegende Zweige eines Baumes zu gelangen, streckt die Giraffe ihren Hals. Durch den häufigen Gebrauch des Halses – durch die Streckung von diesem, um an höhere Zweige des Baumes zu gelangen – verlängert sich dieser. Dadurch assimiliert sich die Giraffe an die Umweltbedingungen. Das „formbare“ genetische Material wird durch ein inneres Bedürfnis an die Umwelt angepasst. Im Beispiel ist das innere Bedürfnis der Giraffe die Fähigkeit, die höheren Zweige des Baumes zu erreichen, um das Nahrungsbedürfnis zu stillen. Phänotypisch wirkt sich die Assimilierung an die Umweltbedingungen durch den verlängerten Hals der Giraffe aus. Das neu erworbene Merkmal, der verlängerte Hals, wird an Folgegenerationen weitervererbt. Im Umkehrschluss können jedoch selten benutzte Körperteile verkümmern[37].

Die Transformationstheorie Lamarcks bzw. die Vorstellung, das Erbmaterial „formbar“ ist, wurde jedoch durch die Mendelsche Genetik widerlegt. Neben Mendels Erkenntnissen (Mendelsche Regeln) bewies auch die Molekularbiologie, dass die Vererbung von erworbenen Eigenschaften nicht möglich ist[38]. Lamarck leistete – trotz der weitgehenden Widerlegung seiner Theorie – wichtige Pionierarbeit. Sein Werk war wegbereitend und unverzichtbar für Darwins spätere Evolutionstheorie[39].

2.2 Darwinsche Evolutionstheorie

I.

Zu den großen Fragen der Menschheit gehört besonders die Frage nach der Entwicklung des Lebens und der Artenvielfalt. Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer schreibt dazu Folgendes:

„Menschen sind von Natur aus neugierig. Sie wollen zum Beispiel wissen, wie die Gegenwart, die wir erleben, eigentlich zustande gekommen ist. Wie hat sich das Wirkliche und Wirkende gebildet, das uns umgibt? Wie hat sich das entwickelt, das uns umgibt? Wie hat sich entwickelt, was wir gerne „die Natur des Menschen“ nennen.“[40]

All diese Fragen konnten im Wesentlichen durch Darwins Evolutionstheorie beantwortet werden. Darwins Werk gleicht einem historischen Wendepunkt, der eine neue Zeitrechnung einläutete. Der Einfluss auf Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft sind von herausragender Bedeutung und befruchteten den wissenschaftlichen Diskurs; besonders die Biologie profitierte von Darwins Evolutionstheorie. Es entstand sogar eine neue Teildisziplin der Biologie, die Evolutionsbiologie, welche sich Mitte des 20. Jahrhunderts etablierte[41]. Darwins Erkenntnisse, besonders sein großes Werk „Über die Entstehung der Arten“ (1859), lösten jedoch auch heftigste Kontroversen aus und zerschlugen ganze Weltbilder[42].

[...]


[1] Zitiert wird im Folgenden nach der „amerikanischen Zitierweise“ bzw. nach dem „Harvard-System“. Die Nachnahmen der Autoren in den Fußnoten verweisen auf die vollständige Quelle, die im Literaturverzeichnis auffindbar ist. Um Irrtümer zu vermeiden, werden in Einzelfällen zusätzlich zu den Nachnahmen des Autors weitere Angaben in der Fußnote gemacht.

[2] Vgl. zur ökonomischen Dimension bzw. zur sog. „Evolutionsökonomie“ Dopfer. Vgl. auch den Essay von Okruch.

[3] Vgl. zur philosophischen Dimension der Evolution Russell, S. 22 f., S. 383.

[4] Vgl. zur psychologischen Dimension der Evolution Gerrig & Zimbardo, S. 14.

[5] Vgl. Hallpike; vgl. Mayr 1984, S. 503.

[6] „Vorsokratiker“ sind die Philosophen in der Antike, die vor Sokrates lebten und von seinen Erkenntnissen nicht beeinflusst waren. Vgl. dazu besonders die Ausführungen von Russell, S. 13-66; vgl. auch den populärwissenschaftlichen Dialog von Lesch & Vossenkuhl, S. 167-181.

[7] Vgl. Russell, S. 23; vgl. auch die Ausführungen von Schmitz, S. 7-16.

[8] Vgl. dazu die Fußnote, in der Darwin Aristoteles‘ Bemerkungen akzentuiert, in Darwin, S. 1.

[9] Vgl. zum Werk und zur Biografie Darwins Zitek, S. 32-49.

[10] Vollständiger Titel: „Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“.

[11] Vgl. Russell, S. 383; vgl. zum Terminus des „survival of the fittest“ Schmitz, S. 194 ff.

[12] Freilich gab es schon vor Darwin viele andere wichtige Denker, die ihren Anteil an der Evolutionstheorie haben und auf deren Erkenntnisse auch Darwin zurückgriff. Einige dieser Denker waren Aristoteles, Alexander von Humboldt oder auch Lamarck. Vgl. dazu besonders Darwins Bemerkungen über Lamarck in Darwin, S. 2. Vgl. zur Bewunderung Darwins über Alexander von Humboldt Schmitz, S. 107 ff.

[13] Vgl. Darwin, S. 1.

[14] Die Fachliteratur bezeichnet die prozessuale Entwicklung unter anderem auch als ein System mit „Gedächtnis“, das auf äußere Einflüsse reagiert. Vgl. dazu Zrzav, Storch, & Mihulka, S. 2.

[15] Vgl. zur Bedeutung der Evolutionstheorie oder zum Darwinismus in der heutigen Biologie Zitek, S. 43.

[16] Zitiert nach Heberer, S. 8; vgl. auch die Ausführungen von Mayr 1994, S. 173-176.

[17] Vgl. dazu Campbell & Reece, S. 515-519.

[18] Vgl. Lorenz, S. 25.

[19] Vgl. zur Deszendenztheorie Schmitz, S. 66 f.

[20] Vgl. Darwin, S. 2. Vgl. auch Lamarcks Thesen in Schmitz, S. 129 ff.

[21] Vgl. zum Terminus der „scala naturae“ Mayr 2005, S. 38; vgl. auch Mayr 1994, S. 38 und S. 61.

[22] Vgl. Mayr 2005, S. 24f.

[23] Vgl. ebd; zu Lamarck und seinem Lebenswerk vgl. Lefèvre, S. 1-24.

[24] Die Annahme, dass genetisches Material weich und durch den Nichtgebrauch und Gebrauch von Körperteilen und durch Umwelteinflüsse geformt werden kann, wird zusammenfassend auch als Transformationstheorie bezeichnet. Bei der Transformationstheorie wird allgemein angenommen, dass Typen sich im Laufe der Zeit transformieren und dadurch verändern, diese Annahme wurde jedoch falsifiziert, besonders durch die Mendelsche Genetik. Vgl. dazu Mayr 2005, S. 107.

[25] Lamarck formulierte und vertiefte seine Evolutionstheorie auch in seinem großen siebenbändigen Werk „Histoire naturelle des animaux sans vertèbres“ (1815–1822). Im ersten Band seines monumentalen Werkes stellte Lamarck seine Transformationstheorie ohne größere Ausschweifungen – wie es zum Teil noch in der „Philosophie zoologique“ der Fall war – dar. Vgl. dazu Wolfgang Lefèvre, S. 23 f.

[26] Vgl. besonders zur Bedeutung der Fossilien als Beweis für die Evolution und zu neueren Fossilfunden in der Forschung Carroll, S. 123-145; vgl. auch Campbell & Reece, S. 518 f.

[27] Freilich gab es im ausgehenden 18. Jahrhundert noch viele reaktionäre Tendenzen, dennoch prävalierten zunehmend die Transformationstheorie, der Gradualismus und der Uniformitarianismus das Denken. Vertreter dieser neuen Strömungen waren Lamarck, der Geologe Charles Lyell und Erasmus Darwin, der Großvater von Charles Darwin. Vgl. zum neuen Denken im ausgehenden 18. Jahrhundert Mayr 2005, S. 107 f. Vgl. auch Campbell & Reece, S. 506 f.

[28] Zitiert nach Haeckel, S. 22.

[29] Vgl. Mayr 2005, S. 108; vgl. Mayr 1988, S. 10.

[30] Vgl. Mayr 1979, S. 85.

[31] Vgl. Mayr 2005, S. 108; vgl. Mayr 1979, S. 85.

[32] Vgl. Mayr 1979, S. 85.

[33] Vgl. zur Ursache der Artenvielfalt die zwei „Anpassungsmechanismen“ in Kleesattel, S. 22 f.

[34] Vgl. Mayr 2005, S. 108.

[35] Vgl. Kleesattel, S. 23; vgl. Mayr 2005, S. 108.

[36] Vgl. ausführlich zum „Giraffen-Beispiel“ Mayr 2005, S. 108 f.

[37] Beispielsweise sind die Augen von Höhlentieren meist verkümmert, da sie meist nicht benutzt werden. Vgl. dazu ebd.

[38] Vgl. ebd., S. 109.

[39] Vgl. Kleesattel, S. 23 f.

[40] Vgl. Fischer, S. 9.

[41] Exponenten und Pioniere dieser Teildisziplin sind der britische Zoologe Julian Huxley (1887-1975), der russisch-amerikanische Genetiker Theodosius Dobzhansky (1900-1975) und der deutsch-amerikanische Zoologe Ernst Mayr (1904-2005).

[42] Bis heute gibt es Kontroversen zwischen Theologen und Biologen. In Fachmagazinen, aber auch in der Presselandschaft werden immer wieder die Themen Religion und Evolution thematisiert. Die Schöpfungsgeschichte steht der Evolutionsgeschichte unvereinbar gegenüber – natürlich gibt es auch Naturwissenschaftler und Theologen, die die Evolutionstheorie und die Schöpfungsgeschichte kombinieren und zu einer Symbiose verbinden. Besonders zur 200. Wiederkehr des Geburtstags von Charles Darwin im Jahr 2009 keimten wieder Diskussionen und Kontroversen um die Evolution bzw. die Schöpfungsgeschichte auf. Vgl. zur Kontroverse zwischen der Schöpfungsgeschichte und der Evolutionstheorie Dambeck sowie Rühle; vgl. auch Korb & Lindemann; vgl. auch den Dialog zwischen Schröder & Wuketits, S. 42-46 und den Aufsatz „Biologie und Religion: Warum Biologen ihre Nöten mit Gott haben“ von Wuketits.

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Details

Titel
Lamarckismus, Darwinismus und die synthetische Evolutionstheorie - ein Überblick
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V267463
ISBN (eBook)
9783656578031
ISBN (Buch)
9783656578024
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lamarckismus, darwinismus, evolutionstheorie, überblick
Arbeit zitieren
Andreas Kolbenschlag (Autor), 2013, Lamarckismus, Darwinismus und die synthetische Evolutionstheorie - ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/267463

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