Die ersten beiden Kapitel setzen sich unter anthropologischen Gesichtspunkten mit dem Phänomen geistige Behinderung auseinander. Dabei geht es zunächst um den Wandel der Bezeichnungen, mit denen geistige Behinderung umschrieben wurde und wird. An dieser Stelle werde ich auf die Diskussion um die moralisch richtige Verwendung der Termini eingehen. Im Anschluss daran sollen Textbeispiele aus der philosophischen Literatur und Beschreibungen von Zeitzeugen eine Annäherung an das Bild von der geistigen Behinderung durch die Jahrhunderte ermöglichen. [...] Dabei werde ich jene Kulturen und sozialen Systeme berücksichtigen, auf die sich unsere Gesellschaft beruft.
Um den Umgang mit geistig Behinderten in verschiedenen Ethnien zu erläutern, habe ich im dritten Kapitel Beispiele für Modelle und gesellschaftliche Konstruktionen in archaischen Kulturen und in nichtchristlichen Religionen zusammengetragen.
Im Vergleich dazu lassen sich Reaktionen und Verhaltensweisen gegenüber geistig Behinderten in unserer heutigen Kultur einordnen. So benenne ich im vierten Teil gesellschaftstheoretische Definitionen. Außerdem werde ich Erklärungsmuster für den Umgang mit geistig Behinderten und Prinzipien der Kategorisierung vorstellen. Daran schließt sich fünftens eine Darstellung der tatsächlichen Situation in der Bundesrepublik Deutschland an. [...]Hier berufe ich mich auf die neuesten Quellen zum Thema.3 Die Darstellung der Sachlage aus der Sicht der Pädagogen, Betreuer und Wissenschaftler bildet ein Gegengewicht zu den eigenen Ansichten der betroffenen Menschen.
So besteht der sechste Teil der Arbeit hauptsächlich aus Beispielen.[...] In Form von Interviews und literarischen Quellen kommen hier geistig Behinderte mit ihrer ganz persönlichen Sicht zu Wort.
Im siebten (...) Teil werde ich die aufgestellten Thesen mit den gewonnenen Eindrücken vergleichen. Aus der Zusammenstellung der Arbeit ergeben sich die wichtigsten Leitfragen. [...]Hier stellt sich die Frage nach dem Wandel der Bezeichnungen und nach dem Umgang mit geistig Behinderten durch die Jahrhunderte. Den zusammengetragenen Beispielen und der daraus gewonnenen Quintessenz stehen Umgangsformen aus jenen Kulturen gegenüber, die nur wenig von den monotheistischen Weltreligionen geprägt worden sind. Gibt es heute Rückkopplungen zwischen den Gesellschaftssystemen? Zu guter Letzt möchte ich die Außensicht der Betreuer und Forscher mit den Reflektionen der Betroffenen in Beziehung setzen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Zur Etymologie des Begriffs Geistige Behinderung
1.1 Definition des Begriffs Behinderung
1.2 Verbale Kennzeichnung Geistiger Behinderung
2. Zur Geschichte des Umgangs mit geistig Behinderten im europäischen Kulturkreis
2.1 Die Urzeit
2.2 Mesopotamien
2.3 Das Alte Ägypten
2.4 Griechische Antike
2.5 Römisches Reich
2.6 Frühes Christentum
2.7 Das Mittelalter
2.8 Renaissance
2.9 Aufklärung
2.10 Industrialisierung
2.11 20. Jahrhundert
3. Die Anderen und das Anderssein Über den Umgang mit geistig Behinderten in verschiedenen Religionen und Ethnien
3.1 Afrika
3.1.1 Beispiel Senegal
3.2 Amerika
3.2.1 Indianische Kulturen
3.3 Asien
3.3.1 Hinduismus am Beispiel Indien
3.3.2 Buddhismus
3.3.3 Buddhisten, Christen und Konfuzianer in Süd-Korea
3.3.4 Judentum
3.3.5 Islam – angesiedelt sowohl in Asien als auch in Nordafrika
3.4 Australien
3.4.1 Polynesische Kulturen am Beispiel Tonga
3.4.2 Polynesische Kulturen am Beispiel Samoa
3.5 Zusammenfassung
4. Zum Umgang mit Geistiger Behinderung heute Einstellungen und Verhalten gegenüber geistig Behinderten in der westlichen Kultur
5. Zur Situation geistig Behinderter in der Bundesrepublik Deutschland
5.1 Geistig behinderte Kinder
5.1.1 Der Elementarbereich
5.1.2 Während der Schulzeit
5.2 Geistig behinderte Jugendliche und Erwachsene
5.2.1 Zur Wohnsituation
5.2.2 Das Arbeitsleben
5.2.3 Freizeit im Leben geistig behinderter Menschen
6. Erfahrungen: Der Blick von Innen
6.1 Kreative Freizeitgestaltung
Produktives Reisen
Texte und Bilder
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und gegenwärtige gesellschaftliche Position geistig behinderter Menschen. Das primäre Ziel ist die Analyse des Wandels von Interpretationsmustern und der Umgangsweisen über die Jahrhunderte hinweg, wobei ein besonderer Fokus auf der Kontrastierung von gesellschaftlicher Außensicht und der persönlichen Innensicht der Betroffenen liegt.
- Historischer Überblick zum Umgang mit geistiger Behinderung im europäischen Kulturkreis
- Vergleichende Analyse von gesellschaftlichen Konstruktionen in nichtchristlichen Religionen und archaischen Kulturen
- Soziologische Betrachtung der Lebensumstände in der heutigen Bundesrepublik Deutschland
- Die Perspektive der Betroffenen durch Interviews und literarische Zeugnisse
- Diskussion über Normalisierung und integrative Projekte
Auszug aus dem Buch
Die Urzeit
Aus der Zeit der Urgeschichte gibt es nur relativ wenige Zeugnisse über den Umgang mit geistig Behinderten. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass es sich ausschließlich um nonliterare Kulturen handelte. Die wenigen Knochenfunde lassen gelegentlich auf Behinderungen schließen. Aus der Art der Beisetzung und Grabbeigaben konnten Forscher den Stellenwert der Betroffenen in der sozialen Gemeinschaft ableiten. Aufgrund der zeitlichen Distanz und der nomadisierenden Lebensweise urzeitlicher Völker sind jedoch selbst die Grabstättenfunde selten. Die wenigen Skelettfunde, die vollständig und somit auswertbar waren, lassen allenfalls Vermutungen über den Umgang mit körperlich Behinderten zu.
Bis in die 1970er Jahre existierte die Annahme, dass behinderte Mitglieder der Urgemeinschaft aus der Horde ausgeschlossen wurden, weil sie sonst der umherziehenden Gruppe zur Last gefallen wären. Gegen diese These sprechen beispielsweise Ausgrabungsfunde aus der Tschechischen Republik. Schon 1936 wurde die künstlerische Abbildung eines Frauenkopfes gefunden, der eine auffällige Anomalie des Gesichtes zeigte. Zwölf Jahre später entdeckte man, nicht weit von der ersten Fundstelle entfernt, eine maskenartige Schnitzerei aus Mammutelfenbein, die ähnliche Merkmale aufwies. Im Jahr 1949 schließlich fand man die Grabstätte einer grazilen, etwa 40 jährigen Frau, deren Schädel sich durch eine asymmetrische Verformung auszeichnete. Besonders außergewöhnlich fanden die Forscher die pathologische Deformation der linken Gesichtshälfte, die sich an den gestalteten Abbildungen ebenfalls feststellen ließ. Aufgrund der besonders ehrenvollen Bestattung des weiblichen Leichnams und der wiederkehrenden künstlerischen Darstellung des entstellten Gesichtes gingen Forscher von einer exponierten Stellung dieser Frau in der Stammesgesellschaft aus. Man vermutete eine Beraterinnen- oder sogar Heilerinnen-Funktion.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Etymologie des Begriffs Geistige Behinderung: Dieses Kapitel untersucht den historischen Wandel der Bezeichnungen für geistige Behinderung und die damit verbundenen moralischen Diskursen.
2. Zur Geschichte des Umgangs mit geistig Behinderten im europäischen Kulturkreis: Hier wird der historische Umgang von der Urzeit bis zum 20. Jahrhundert beleuchtet, geprägt durch Ambivalenzen zwischen Fürsorge und Ausgrenzung.
3. Die Anderen und das Anderssein Über den Umgang mit geistig Behinderten in verschiedenen Religionen und Ethnien: Das Kapitel vergleicht Modelle des Umgangs in archaischen Kulturen und Weltreligionen außerhalb der christlich geprägten westlichen Welt.
4. Zum Umgang mit Geistiger Behinderung heute Einstellungen und Verhalten gegenüber geistig Behinderten in der westlichen Kultur: Es werden gesellschaftstheoretische Definitionen und Kategorisierungsmuster für den heutigen Umgang in westlichen Kulturen vorgestellt.
5. Zur Situation geistig Behinderter in der Bundesrepublik Deutschland: Dieses Kapitel analysiert die konkreten Lebensbedingungen geistig behinderter Kinder und Erwachsener hinsichtlich Wohnen, Arbeit und Freizeit.
6. Erfahrungen: Der Blick von Innen: Der abschließende Teil stellt die Innensicht der Betroffenen durch Interviews und ihre eigenen künstlerischen sowie literarischen Arbeiten in den Mittelpunkt.
Schlüsselwörter
Geistige Behinderung, Normalisierung, Integration, Soziologie, Inklusion, Kulturgeschichte, Behindertenpädagogik, Lebenswelt, soziale Identität, Stigmatisierung, Exklusion, Behindertenhilfe, Teilhabe, menschliches Miteinander, Innensicht
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert den gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit geistiger Behinderung durch die Geschichte und in verschiedenen Kulturen, um ein tieferes Verständnis für die heutige Situation zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung von Bezeichnungen, die soziologische Perspektive auf Normalisierung, der Vergleich mit nicht-westlichen Kulturen sowie die tatsächliche Lebenssituation in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Blick von außen (Wissenschaft/Gesellschaft) in Beziehung zum Erleben der betroffenen Menschen zu setzen und Ansätze für eine bessere Normalisierung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer interdisziplinären Literaturanalyse sowie der Auswertung von Interviews und persönlichen Berichten, um verschiedene Perspektiven und Erfahrungen abzubilden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen, den interkulturellen Vergleich, soziologische Definitionen von Behinderung sowie die konkrete Darstellung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitsituationen in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Normalisierung, Integration, Stigmatisierung, Lebenswelt und soziale Teilhabe geprägt.
Warum ist die Theatergruppe RAMBA ZAMBA ein zentrales Beispiel?
Sie dient als konkretes Praxisbeispiel für die künstlerische Selbstverwirklichung und zeigt, wie Menschen mit Behinderung aktiv an der Gesellschaft teilnehmen und ihre eigene Innensicht vermitteln können.
Welche Rolle spielt die Säftetheorie in der historischen Betrachtung?
Sie wird als ein zentrales Beispiel aus der mittelalterlichen Medizin angeführt, um zu verdeutlichen, wie man versuchte, psychische Zustände und geistige Behinderung durch physiologische Ungleichgewichte zu erklären.
- Arbeit zitieren
- Friederike Frach (Autor:in), 2003, Umgang mit geistig Behinderten in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/26766