Elemente österreichischer Identität in Adrienne Thomas’ "Reisen Sie ab, Mademoiselle!"

"Österreich bleibt immer Österreich"


Bachelorarbeit, 2009
32 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Ihre Schilderungen von Österreich machen mich recht neugierig…“ – Einleitung

2. Biografie

3. Inhaltliches in Hinblick auf Reisen Sie ab, Mademoiselle!
3.1. „[I]ch […] begleitete die Weltgeschichte auf ihren Abwegen“. – Autobiografisches in Reisen Sie ab, Mademoiselle!
3.2. „‚Mensch bleiben unter Unmenschen.’“ – Das Menschliche bei Adrienne Thomas und dessen Darstellung in Reisen Sie ab, Mademoiselle!

4. Elemente österreichischer Identität in Reisen Sie ab, Mademoiselle!
4.1. „‚Die Nazi stecken Österreich in den Sack.’“ – Das Element der Opferthese
4.1.1. Die Bevölkerung
4.2. Die Februarunruhen 1934 in Verbindung mit der Theorie der Lagerstraße
4.2.1. Standes- und Klassenbewusstsein
4.3. „‚Aber warum wehrt ihr euch denn nicht wie im Februar?’“ – Das Element des Widerstandes
4.4. „‚Österreich bleibt immer Österreich’.“ – Die österreichische Nation
4.5. „Dabei hatte er wieder diesen Ausdruck, […] dieses typisch österreichische Mienenspiel.“ – Der österreichische Mensch
4.5.1. ‚„Keine Ahnung hat der Trottel!’ hörte man in echtestem Wienerisch“. – Die österreichische Sprache
4.6. „Denn Nicole tanzte.“ – Institutionen der Hochkultur
4.6.1. Die „Stadt der Lieder“ – Tanz und Musik
4.6.2. Der kulturelle Mensch (am Beispiel des gebildeten Wiener Bürgers)
4.6.3. Kulturelle Institutionen, Sehenswürdigkeiten und Städte
4.7. „Wie schön seine Heimat ist!“ – Die österreichische Landschaft

5. Zusammenfassender und persönlicher Kommentar

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. „Ihre Schilderungen von Österreich machen mich recht neugierig…“– Einleitung

Die vorliegende Bakkalaureatsarbeit behandelt Adrienne Thomas’ Roman Reisen Sie ab, Mademoiselle! [1][2], der von der Autorin in der politisch höchst kritischen Zeit zwischen 1938 und 1941 verfasst wurde und dessen Erstausgabe 1944 in Stockholm erschienen ist. Die Definitionen jener Elemente österreichischer Identität, die in Thomas’ Roman zu finden sind und in dieser Arbeit erörtert werden, basieren auf Birgit Scholz’ Dissertation Bausteine österreichischer Identität in der österreichischen Erzählprosa 1945 – 1949[3]. Von den insgesamt zehn Elementen österreichischer Identität (Opferthese; Wieder­aufbau und Neubeginn; Staatlich verordnete Harmonie oder: Der „Geist der Lager­straße“; Widerstand; Die Erfindung der österreichischen Nation; Der österreichische Mensch; Tausend Jahre Österreich: Ostarrîchi statt Ostmark; Die Wiedergeburt der österreichischen Kultur: Institutionen der Hochkultur als Garanten einer (imaginären) österreichischen Größe; Sport; Landschaft: das schöne Österreich), finden sich sieben im Roman Reisen Sie ab, Mademoiselle!. Vor allem der erste Teil des zweiteiligen Textes von Thomas beinhaltet viele Hinweise auf eine positive Skizzierung Österreichs, was darauf zurückzuführen ist, dass die Handlung dieses Romanabschnitts in Österreich spielt. Da das personelle Umfeld der Hauptperson Nicole Pineau größtenteils aus von den Nationalsozialisten Verfolgten besteht, überrascht es kaum, dass dem Element der Opferthese im Text eine wichtige Rolle zukommt und sich die Figuren im Roman den Nationalsozialisten zu widersetzen versuchen und folglich (wenn auch nur vereinzelt politischen) Widerstand leisten. Auffallend liebevoll und ästhetisch gelungen wird die als typisch österreichisch geltende Landschaft der Flüsse, Wiesen, Seen und Berge be­schrieben, und ein besonderes Augenmerk legt Thomas auf die Zeichnung des Wieners, auf sein Verhalten und seine Sprache. Repräsentative kulturelle Institutionen lässt Thomas ebenso wenig außer Acht, wie sie versucht, eine typisch österreichische Nation und den typisch österreichischen Menschen darzustellen, was vor allem an der Hervor­hebung der Unterschiede zum Dritten Reich und zu ‚den Deutschen’ erkennbar wird. Bei allen Elementen muss jedoch beachtet werden, dass der Roman eigentlich ein Wiener Roman ist und demgemäß der Wiener Mensch, die Wiener Kultur und der Wiener Dialekt als ‚pars pro toto’ für Österreich im Vordergrund stehen. Der zweite Teil des Romans ist ebenso eine Huldigung eines Landes, wie es der erste ist: Frankreichs Kultur, seine Landschaft und seine Bevölkerung werden emporgehoben. Genauso wie der öster­reichische Mensch mit dem französischen verglichen wird, so trifft das auch auf Gegen­überstellungen der beiden Kulturen zu und dadurch kommt Österreich wiederum eine tragende Rolle in Hinsicht auf sein ‚kulturelles Erbe’ zu. In Hinblick auf die Behandlung sozialer, klassenbezogener Unterschiede der Protagonisten sowie eines Februar­kämpfers im Roman, wird in dieser Arbeit auf die Theorie der Lagerstraße eingegangen, obwohl die sie kennzeichnende Harmonie zwischen den Bürgerkriegsparteien von 1934 bei Thomas keine Erwähnung findet und Harmonie zwischen unterschiedlichen Parteien sogar negiert wird. In jedem Fall ist Thomas’ Roman eine Ode an Österreich und Frankreich, an die Bewohner der beiden Länder, an ihre Kultur und Landschaft; und er ist all das nicht, wenn von Hitler-Deutschland, ‚den Deutschen’ und Nationalsozialisten die Rede ist.

Neben der Erörterung der Bausteine österreichischer Identität in Reisen Sie ab, Mademoiselle! wird bei vorliegender Untersuchung auf Autobiografisches in der Erzäh­lung Wert gelegt und in diesem Zusammenhang vor allem Adrienne Thomas’ Ver­ständnis von ‚Menschlichkeit’ eingebracht. Thomas’ Lebensumstände der Zeit hatten ihre Auswirkungen auf den Roman und sind daher literatursoziologisch von großer Bedeu­tung, da nur bedacht werden muss, dass ein Teil des Textes im französischen Internierungslager Gurs – zwischen Elend und Hunger[4] – verfasst wurde und es lange Zeit unsicher war, ob Thomas den Roman überhaupt beenden würde.[5] Ihr Text ist ein Beweis für Hoffnung neben größtem Leid, denn er drückt sie aus, obwohl die Umstände seiner Verfassung mehr als widrig waren und Zuversicht eigentlich eliminieren hätten müssen. Bezüglich der geschichtlichen Hintergründe (u. a. Februarunruhen 1934, An­schluss Österreichs an Hitler-Deutschland 1938, Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, spanischer Bürgerkrieg) kann diese Arbeit lediglich Andeutungen geben und nicht detailliert darauf eingehen, da vor allem die Erzählung in Hinblick auf die Elemente öster­reichischer Identität im Zentrum stehen soll.[6]

2. Biografie

Adrienne Thomas wird am 24. Juni 1897 als Hertha A. Strauch in St. Avold/Lothringen geboren und wächst zweisprachig in einer jüdischen Familie auf. Während des Ersten Weltkrieges arbeitet sie als Rotkreuzschwester in Metz und Berlin. Nach dem Krieg absolviert Thomas eine Gesangs- und Schauspielausbildung in Frankfurt am Main und schreibt daneben für Zeitungen und Zeitschriften. Ab 1925 lebt sie in Magdeburg, ab 1933 zählt sie zu den verbotenen Künstlern und ihre Bücher werden unter dem nationalsozialistischen Regime verbrannt. Ihre Schwester Alice wird in ein deutsches Konzentrationslager deportiert und ermordet. Thomas flüchtet in die Schweiz, 1934 nach Frankreich und 1935 nach Österreich. Nach dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich flieht sie 1938 über die Tschechoslowakei, Jugoslawien und Italien nach Frankreich. Vom 13. Mai bis zum 20. Juni 1940 ist sie im Lager Gurs interniert und flüch­tet von dort in ein Pyrenäendorf und im Herbst 1940 schließlich mit einem ‚Emergency Visum’ – vermittelt durch Hermann Kesten, mit dessen Frau Thomas auf der Flucht war[7][8] – über Spanien und Portugal in die USA. Von den Vereinigten Staaten aus arbeitet sie für europäische Zeitungen und pflegt Kontakte zu den Revolutionären Sozialisten. 1941 heiratet Thomas Julius Deutsch, einen ehemaligen österreichischen Sozialdemokraten, Gründer des republikanischen Schutzbundes (und damit beteiligt an den Wiener Februarunruhen 1934) und General im spanischen Bürgerkrieg.[9] Ab 1942 ist Thomas für das Free World-Magazine, eine von Exilanten und US-Amerikanern gegründete Zeitung, die für eine demokratische Neuordnung Europas eintritt, verantwortlich. 1947 kehrt sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Wien zurück und das Ehepaar führt ein offenes Haus, in dem zahlreiche Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle verkehren.[10] Adrienne Thomas stirbt am 07. November 1980 in Wien. In ihren Romanen befasste sie sich „mit aktuellen Themen“ und setzte sich „[a]ls engagierte Pazifistin […] für Menschlichkeit, Freiheit und Recht ein.“[11] In ihrem ersten Roman Die Katrin wird Soldat (1930) verarbeitet Thomas ihre Erlebnisse als Rotkreuzschwester im Ersten Weltkrieg, das Buch ist ein absoluter Antikriegsroman. Im Gegenteil dazu schildert Adrienne Thomas in Reisen Sie ab, Mademoiselle! den Nationalsozialismus in all seinen erschreckenden Formen und legt den Text, nach eigener Aussage, als „Nein“ zum Antimenschen durch ein „Ja“ zum Krieg vor.[12]

3. Inhaltliches in Hinblick auf Reisen Sie ab, Mademoiselle!

Hauptperson ist ein, im Jahre 1938, 16-jähriges französisches Mädchen namens Nicole Pineau. Der erste Teil des Romans spielt in Wien, unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland und bis zur Ausreise der Protagonistin über die Schweiz nach Frankreich. Nicole ist Gast der österreichischen jüdischen Familie Elias, bei der Nicoles Mutter als Wirtschafterin angestellt ist. Die Familie Elias ermöglicht es Nicole, eine Ausbildung zur Tänzerin unter der Leitung des russischen Professors Bondaroff zu absolvieren. Diese Verbindung zur Kulturwelt, in die Nicole im Verlauf der Handlung vor allem in Frankreich durch Rollen in Filmen immer weiter hineinwächst, ebnet ihr manche Wege und macht sie mit einigen sich nach und nach als hilfreich erweisenden Personen bekannt. Gemeinsam mit ihrem Umfeld, allen voran den beiden Wiener Bürgern Wenzel Wegscheidt und Beate Weiringer, kämpft Nicole gegen das Un­recht und für die Freiheit; die Freiheit Österreichs genauso wie die einzelner Personen. Im zweiten Teil wird aus dem französischen ‚Exil’ Paris, das für die Protagonisten kein Exil sein sollte, da es ihre Heimat ist, berichtet. Von dort aus erfährt der Leser nur noch über Briefe und Telegramme sowie französische Zeitungsberichte von den Entwick­lungen in Österreich beziehungsweise der Entwicklung des Nationalsozialismus im Allge­meinen. Als Hitlers Truppen in Paris einzufallen drohen, begleitet Nicole ihre Freundin Beate freiwillig in ein Internierungslager in Paris und später in das Lager Gurs. Von dort flüchten die beiden Mädchen und gelangen nach einigen Bedrängnissen schließlich in ein Pyrenäendorf. Nicoles österreichischer Freund Wenzel trifft dort (abermals) mit den beiden zusammen und der Roman endet mit Nicoles und Wenzels Weggang aus diesem Dorf im Herbst 1940 – sie wollen versuchen, nach Amerika zu gelangen.

3.1. „[I]ch […] begleitete die Weltgeschichte auf ihren Abwegen“. – Autobiografisches in Reisen Sie ab, Mademoiselle!

Thomas arbeitet, wie einleitend angedeutet, persönliche Erlebnisse in den Text mit ein, Biografisches bildet ein ‚Grundgerüst’, das mit fiktiven Erlebnissen und Personen gefüllt wird. Mit dieser „literarischen Bevorzugung der autobiographischen Form“ würde laut Biener „die fiktive Ebene mit der authentischen vermischt“ und die Erzählung könne „sowohl dem Romangenre wie der Dokumentation zugeordnet werden“.[13][14][15] Da an dieser Stelle nicht auf jedes autobiographische Detail eingegangen werden kann, beschränkt sich dieses Unterkapitel auf offensichtliche Gemeinsamkeiten. So traten beispielsweise die (unter den damaligen Umständen illegal verfassten) Manuskripte des Romans in einem mit Hakenkreuzfahnen beflaggten Wagen den Weg aus Österreich zu ihrer Ver­fasserin an und gelangten über England zu Thomas ins Elsaß. Diese Fahrt hat sie in den Roman einfließen lassen, als Karli in brauner Uniform am Steuer eines NS-Wagens Wenzel zur Hilfe kommt (vgl. RM, 119). Thomas’ eigene Flucht durch viele verschiedene Länder baut sie vor allem in die Fluchtgeschichte Beates ein, zum Teil auch in die anderer Personen, die im Roman Nebenrollen übernehmen. Thomas musste, wie im Roman Nicole, erst lernen, Briefe zu schreiben, die der deutschen Zensur standhielten.[16] Selbst das Aussehen Nicoles erinnert an Thomas selbst, denn Julius Deutsch berichtet über Thomas von der „kleinen zarten Frau mit den dunklen, lebhaften Augen, die in einem Widerspruch zu der etwas scheuen Art ihres Wesens zu stehen schien.“[17] Die Erlebnisse einer Verhaftung einer unbescholtenen Jüdin in Frankreich, die zehn Wochen grundlos festgehalten wurde, hat Thomas in die Figur der Beate aufgenommen, die ebenso unschuldig inhaftiert wird (vgl. RM, 228). Thomas selbst erfuhr die Internierung ins Pariser Vélodrôme sowie die Abschiebung nach Gurs am eigenen Leibe und stellt die Erlebnisse dort detailgenau im Roman dar (u. a. die Trauer der Frauen in Gurs um den Fall von Paris (vgl. RM, 275) oder die Anzahl der Frauen in den Baracken[18]). Die Flucht mittels gefälschter Entlassungsscheine – von Spaniern ausgestellt – gehört ebenso zu den autobiografischen Elementen wie das Verbringen einer Nacht auf den Tischen einer Markthalle.[19] Gleichfalls ist der Aufenthalt in einem verwahrlosten Bauernhof in einem Pyrenäendorf nichts Fiktives, Thomas hat dort außerdem selbst als Waschfrau gear­beitet, wobei sie, wie im Roman Beate, mit der Begeisterung für diese Arbeit alleine dagestanden ist.[20] Anders als Nicole Pineau, die sich gemeinsam mit Wenzel Weg­scheidt auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht, überquerte Thomas die Pyrenäen alleine und fuhr von Lissabon aus mit einem Schiff Richtung Amerika.[21] Die Figur des Wenzel, der bei den Februarunruhen 1934 in Wien als Sozialdemokrat gegen die Vater­ländische Front und im spanischen Bürgerkrieg gegen die Franco-Faschisten gekämpft hat, ist zum Teil wahrscheinlich Thomas’ Mann, Julius Deutsch, nachempfunden.

3.2. „‚Mensch bleiben unter Unmenschen.’“ – Das Menschliche bei Adrienne Thomas und dessen Darstellung in Reisen Sie ab, Mademoiselle!

Der Roman ist ein „Ja!“ zum Krieg. Zum Krieg als dem letzten Mittel gegen das Schlechte und das Unmenschliche. Er ist ein „Nein!“ zum Antimenschen, ein „Nein!“, das nur durch dieses „Ja!“ vorgebracht werden kann.[22][23] Wie schon Die Katrin wird Soldat „‚das menschlichste Dokument aus dieser Zeit [Anm.: Erster Weltkrieg]’“[24] gewesen ist, so stellt Thomas mit ihrer Heldin Nicole und mit Wenzel Wegscheidt Menschlichkeit pur in den Mittelpunkt von Reisen Sie ab, Mademoiselle!. Das Humane wird im Roman vor allem durch viele kleine Solidaritätsakte anderen, schützenswerten Personen gegenüber deutlich.[25] Adrienne Thomas war, wenn auch nicht einer Partei zugehörig, eine politisch links orientierte Frau, die wusste, was richtig und was falsch ist und die dieses Wissen weitergeben wollte. Sie war eine Frau, der selbst viel Unrecht und Leid widerfahren ist (u. a. die Verbrennung ihrer Bücher und die Ermordung ihrer Schwester) und die sich selbst engagiert aus dem Exil für das Ende des Nationalsozialismus eingesetzt hat. Thomas zeichnet die Heldin des Romans als heroisch-korrektes Mädchen und junge Frau, die alles für das Wohl ihrer Freunde tut und sich nicht scheut, jenen, die dem Regime nahe stehen, impulsiv gegenüberzutreten (vgl. u. a. RM, 192). Nicole kann als Vertreterin jener Figuren gesehen werden, „die einfach nicht mitmachen wollen, aufgrund ihrer Gegnerschaft zum Regime in Angst und Schrecken leben und deshalb ebenfalls den Eindruck von Opfern erwecken.“[26] Sie muss demnach, obwohl sie selbst nicht wie Thomas aus politischen und rassischen Gründen verfolgt wird, als Betroffene und nicht nur als „Beobachterin des Geschehens um sie herum“[27] betrachtet werden.[28] Nicole Pineau bringt sich für ihre Freunde des Öfteren selbst in Gefahr, riskiert und – und das ist hier das Überraschende und dadurch leider auch Unrealistische[29] – gewinnt. Von über fünfzig Personen, die zu Nicoles näherem Personenumkreis gezählt werden können, sterben ‚lediglich’ drei durch nationalsozialis­tische Hände: Herr von Dellias, Karli und Viviane Ferrier. Abweichungen von Thomas’ realer Lebensgeschichte dienen allein einer optimistischeren und positiveren Darstellung der Erlebnisse der Protagonisten: Dort, wo die Realität längst nicht so fair mit Thomas und ihrer Umgebung umgegangen ist, lässt sie im Roman die Guten siegen. Dort ist die Hauptperson, bei allem Autobiografischen, Nichtjüdin und kann sich als Französin „in Österreich und in Frankreich völlig sicher füh­len und frei bewegen.“[30] Dort sind Widerstandshandlungen erfolgreich und alle Wiener gegen den Nationalsozialismus, dort steht hinter jeder Ecke ein Helfender und nicht, wie in Wirklichkeit, ein Nazi-Scherge. Wo Thomas im wirklichen Leben gescheitert ist[31], dort siegt Nicole – eine wahre Heldin.[32] Dort, wo Thomas’ menschliche Korrektheit und ihr Gefühl für Anständigkeit an Grenzen gestoßen sind, haben Nicole und ihre Freunde im (leider doch nur fiktiven) Roman Erfolg, und obwohl das Ende der Erzählung offen bleibt, tendiert doch alles in Richtung Happy End.

[...]


[1] Hermann Kesten 1947 in einem Brief an Adrienne Thomas über den Roman. In: Deutsche Literatur im Exil. Briefe europäischer Autoren 1933 – 1949. Hrsg. v. Hermann Kesten. Wien, München, Basel: Kurt Desch 1964, S. 322.

[2] Adrienne Thomas: Reisen Sie ab, Mademoiselle! Wien: Danubia [1947]. In der Folge textintern mit der Sigle RM und einfacher Seitenzahl zitiert.

[3] Birgit Scholz: Bausteine österreichischer Identität in der österreichischen Erzählprosa 1945 – 1949. Graz, Univ., Diss. 2005.

[4] Vgl. Adrienne Thomas: Vorwort. Nein und Ja. In: Dies.: Reisen Sie ab, Mademoiselle! Wien: Danubia [1947], S. 9.

[5] Vgl. ebda, S. 8.

[6] Es ist jedoch anzumerken, dass die (sozial-)politischen und militärischen Ereignisse der Zeit Thomas’ Text und somit diese Arbeit prägen.

[7] Biografische Daten sind, um den Widersprüchen verschiedener Quellen vorzubeugen, drei verschiedenen Lexika entnommen (Sieglinde Bolbecher; Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke 2000; Ingrid Bigler-Marschall: Thomas, Adrienne. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begr. v. Wilhelm Kosch. 3., völlig neu bearb. Aufl. Hrsg. v. Konrad Feilchenfeldt. Bd. 22. Zürich, München: Saur 2002, Sp. 459-461; Kristina Pfoser-Schewig: Thomas, Adrienne. In: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. v. Walther Killy. Bd. 11. Gütersloh [u.a.]: Bertelsmann 1988-1933, S. 339f.) und legen vor allem auf den Zeitraum ab 1933, als Thomas’ Fluchtgeschichte ihren Anfang nimmt, Wert.

[8] Vgl. Kesten, Deutsche Literatur, S. 139.

[9] Vgl. Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. ‚Who was in nursing history’. Hrsg. v. Horst-Peter Wolff. Bd. 1. Berlin, Wiesbaden: Ullstein Mosby 1997, S. 207.

[10] Vgl. Kosch, Deutsches Literatur-Lexikon, Sp. 460.

[11] Killy, Literatur Lexikon, S. 340.

[12] Vgl. Thomas, Nein und Ja, S. 12.

[13] Ebda, S. 7.

[14] Der Vergleich des Romans mit Elementen aus Thomas’ Leben basiert auf ihren eigenen Berichten, die dem Vorwort „Nein und Ja“ zum Roman entnommen sind.

[15] Rebecca Biener: Die literarische Verteidigung des kleinen Glücks am Beispiel der Autorin Adrienne Thomas. Siegen, Univ., Diss. 2005, S. 253.

[16] Vgl. Thomas, Nein und Ja, S. 9.

[17] Julius Deutsch: Ein weiter Weg. Lebenserinnerungen. Wien, Zürich, Leipzig: Amalthea 1960, S. 360.

[18] Vgl. dazu auch Kesten, Deutsche Literatur, S. 135.

[19] Vgl. ebda, S. 139.

[20] Vgl. Thomas, Nein und Ja, S. 11.

[21] Vgl. Christa Gürtler: Adrienne Thomas. 1897 – 1980. In: Christa Gürtler und Sigrid Schmidt-Bortenschlager: Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918 – 1945. Fünfzehn Porträts und Texte. Salzburg, Wien, Frankfurt a. M.: Residenz 2002, S. 269.

[22] RM, 91.

[23] Vgl. Thomas, Nein und Ja, S. 12.

[24] Ebda, S. 6.

[25] Vgl. dazu Kap. 4.3. dieser Arbeit.

[26] Scholz, Bausteine österreichischer Identität, S. 170.

[27] Biener, Literarische Verteidigung, S. 233.

[28] Für Nicoles Identifizierung mit den Opfern spricht auch ein Traum, den Nicole im Vélodrôme hat und in dem sie sich mit Verfolgten gleichstellt (vgl. RM, 257).

[29] Besonders die Häufung glücklicher Zufälle im zweiten Teil des Romans wirkt unglaubhaft, doch Thomas vermittelt dadurch „bewusst die Botschaft, dass es an jedem Ort des europäischen Kontinents Menschen gegeben hat, die Stellung gegen die braune Diktatur bezogen haben“ (Biener, Literarische Verteidigung, S. 236.).

[30] Ebda, S. 224.

[31] Über sich selbst schreibt Thomas nämlich: „Ich bin kein Held. Ich weiß, was Angst ist. In Wien hatte ich Angst. […] Ich hatte Angst vor dieser braunen Pestwelle, vor diesem Umweltabschaum, der plötzlich das Straßenbild beherrschte.“ (Thomas, Nein und Ja, S. 7.)

[32] Anders als Biener, die davon spricht, dass „sich bei Nicole ansatzweise Genügsamkeit und Selbstlosigkeit bemerkbar machen [Kursivierung: C.S.]“ (Biener, Literarische Verteidigung, S. 227.), bin ich nicht der Meinung, dass Nicole „als positive, wenn auch stark stilisierte Leitfigur, Züge einer problematischen, gebrochenen Natur“ (ebda, S. 241.) aufweist, sondern, dass sie vielmehr im Text stets als guter Mensch dargestellt wird – ganz egal, welche Fehler sie begeht. Dass Nicole entgegen des wiederholt an sie gerichteten Ratschlages „Reisen Sie ab, Mademoiselle!“ Österreich nicht verlässt, spricht ebenso für ihre Loyalität gegenüber ihren österreichischen Freunden wie das Verstecken des Schmucks der Familie Elias, wodurch Nicole selbst zu einer Verfolgten wird – was wiederum dagegen spricht, sie als „Beobachterin“ zu bezeichnen.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Elemente österreichischer Identität in Adrienne Thomas’ "Reisen Sie ab, Mademoiselle!"
Untertitel
"Österreich bleibt immer Österreich"
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Germanistik)
Veranstaltung
Literatursoziologie (Österreichische Identität in der österreichischen Erzählprosa 1945-1949)
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
32
Katalognummer
V268613
ISBN (eBook)
9783656596349
ISBN (Buch)
9783656693482
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adrienne Thomas, Reisen Sie ab Mademoiselle!, Opferthese, Wiederaufbau, Nationalsozialismus, Widerstand, Kultur, Geschichte, Österreich, Annexion, Flucht, Überleben, Landschaft, Dritte Reich
Arbeit zitieren
Bakk. MA Claudia Stoiser (Autor), 2009, Elemente österreichischer Identität in Adrienne Thomas’ "Reisen Sie ab, Mademoiselle!", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/268613

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