Konstruktion, Varianz und Performanz von Geschlecht in visionären Fernsehserien in Star Trek: Enterprise


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.Einführung

II.Forschungsstand zur Geschlechterrolle in Star Trek

III.Konstruktion / Performanz von Geschlecht in Star Trek: Enterprise
Fallbeispiel I
Fallbeispiel II

IV.Fazit

V.Literatur

I. Einführung

Die Perzeption, Konstruktion und Darstellung von Geschlecht ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft vorhanden, ob in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz oder um es allgemein zu fassen, in jedem Aspekt der privaten und öffentlichen Sphäre, wenn wir von dieser Dichotomie im Sinne eines viktorianischen Ideals ausgehen möchten. Das Spezifikum in diesem Zusammenhang, welches für diese Arbeit interessant werden wird, ist wie Geschlechtercodes außerhalb von der direkten Interaktion zwischen den Menschen oder der indirekten Kommunikation über Männer und Frauen im Rahmen einer generellen verbalen oder schriftlichen Diskursführung über eines der oder beide Geschlechter, entstehen und vermittelt werden. Um es zu präzisieren:

Es geht darum inwiefern moderne Massenmedien, allen voran das Fernsehen und hier insbesondere das Format der mit einer festen Besetzung und einer langfristigen Storyline angelegten Science-Fiction-Serie die Frage der Geschlechtlichkeit aufgreifen und kritisch und visionär bearbeiten. Dies kann entweder subtil geschehen, indem zum Beispiel die klassische Rollenverteilung des Viktorianismus schon bei der Rollenbesetzung in der Serie durchbrochen wird[1], oder Geschlecht explizit Gegenstand einer spezifischen Episode ist und es nicht nur hinsichtlich in Form des Gender, sondern im viel höheren Maße der Basisgestalt der sex behandelt. Letzteres bietet sich dank des Formates der visionären Science-Fiction, die über bisher bekannte natürliche/medizinische Grenzen der Umwandlung des sexes in der Realität hinausgehen kann, dieses Vorgehen aber ironischer Weise selbst als keine Zweifel erregende Natürlichkeit darzustellen vermag.[2]

Die direkte Thematisierung von Geschlecht in Science Fiction soll an dieser Stelle Gegenstand der Arbeit sein, wofür zwei Episoden aus dem neuesten Ableger von Gene Roddenberry’s Star Trek -Franchise – die Serie Star Trek: Enterprise (2001-2005) als zu analysierendes Material herangezogen werden. Es handelt sich konkret um die Folgen Unexpected und Cogenitor, welche männliche Schwangerschaft beziehungsweise die Problematik der sozialen Inklusion eines dritten Geschlechts neben männlich/weiblich behandeln. Zur Analyse werden die Ansätze von Michel Foucault und Judith Butler als Analyseraster einbezogen. Um eine Einführung in das Thema zu liefern, wird sich der erste Abschnitt einer konzisen Präsentation des bisherigen Forschungsstandes über die Rolle von Geschlecht in Star Trek widmen. Zusammen sollen beide Teile eine Basis und Ermunterung zur weiteren Erforschung von Geschlechtlichkeit Science Fiction geben.

II. Forschungsstand zur Geschlechterrolle in Star Trek

Was Mann- oder Frausein in der Science Fiction konkret bedeuten kann, ist wohl in keiner Serie dieses Formates so intensiv angesprochen und gezeigt wurden wie in den Serien des Star Trek -Franchise. Logischerweise ergibt sich daraus auch die Tatsache, dass die meisten sozialwissenschaftlichen Studien, die Art und Rolle von Geschlecht in der Science Fiction untersuchen ihren Ausgang nehmen von oder ihren primären Untersuchungsbereich in den Star Trek -Serien haben. Im deutschsprachigen Raum hält Uta Scheer, M.A, derzeit Doktorandin an der Universität Göttingen, ein beinahe Forschungsmonopol in dieser Thematik. Ihr erster Aufsatz Krieg der Spezies - Krieg der Geschlechter, 2001 erschienen, konzentriert sich auf die dritte Star Trek -Serie Deep Space Nine und dort insbesondere wie der weibliche Hauptcharakter Major Kira Nerys und der regelmäßig auftretende Nebenpart einer weiblichen Formwandlerin geschlechtlich inszeniert werden.[3] Über Major Kira – eine ehemalige Terroristin, die sich gegen die Okkupation ihrer Welt aufgelehnt hat – wird Terrorismus als Ganzes weiblich konnotiert, eine von ihr gegründete und geführte Terrorzelle wird wegen ihrer Präsenz und dem chaotischen Durcheinander ihres Vorgehens feminisiert.[4]

Scheer bezieht sich in ihrem methodischen Vorgehen auf Judith Butler’s Gender Trouble[5], wo „nicht nur das kulturelle Geschlecht (gender) als von Menschen produziertes Konstrukt identifiziert wird, sondern auch das anatomische/biologische Geschlecht (sex)[6] Für die Formwandlerin konstatiert Scheer daher die Sondersituation im Urzustand als Flüssigkeit zu existieren und an sich keine abgrenzbare Masse, d.h. Körper zu haben; andererseits enthüllt sie die zwanghafte Dichotomiesierung in männlich/weiblich in Star Trek DS9 auch bei Formwandlern (Begriff des heterosexuellen Imperativs bei Butler), die diesen Prozess natürlich eigentlich nicht nachahmen müssen und brauchen.[7] Die weibliche Formwandlerin, als Anführerin eines mächtigen Sternenimperiums – dem Dominium, scheitert als Machtpolitikerin am Ende ihre Ambitionen durchzusetzen, indem sie einen taktischen Fehler in einer kritischen Situation begeht. Für Uta Scheer besteht „der Sinn vieler moderner Science-Fiction-Texte gerade darin die Unrichtigkeit weiblicher Vormachtstellung zu demonstrieren“[8] und das klassische Denken von der Inferiorität der Frau zu rekonstruieren.[9]

In ihrer Magisterarbeit Neue Geschlechterwelten?[10] inkludierte Scheer den oben genannten Aufsatz, sowie zwei weitere im selben und darauffolgenden Jahr veröffentlichte Schriften, die die Rolle der Frau als Heldin und Protagonistin in einer Science-Fiction-Serie, hier: Star Trek Voyager, näher beleuchteten[11], sowie die Sexualität von und mit außerirdischen Spezies und deren Komplikationen zum Gegenstand haben[12].

Captain Janeway ist die erste Frau im Star Trek -Universum, welche das Kommando über ein Raumschiff übernimmt. In dieser Position folgt sie Vorschriften und Verhaltensweise, die jeder Captain der Sternenflotte[13] befolgen muss, unabhängig vom Geschlecht. In der Tat sind diese Prozeduren allerdings männlich assoziiert, ist die Sternenflotte, trotz ihres friedlichen Forschungsauftrages nach militärischen Gesichtspunkten eine rational organisierte Institution, die im Kriegsfall den bewaffneten Arm der Föderation bildet. Kathryn Janeway adaptiert somit männliche Verhaltensweisen und reagiert damit selbst rational. Den Gegensatz dazu bildet Jenice Lester, die in der Episode Turnabout Intruder aus der Originalserie ihren Körper mit dem von Captain James Kirk tauscht und sich als jener ausgibt, jedoch das Misstrauen der Besatzung der Enterprise erregt als sie irrational, inkompetent und rachsüchtig handelt[14], was als weibliche Eigenschaften von jenen und den Zuschauern auch so interpretiert wird.

Während dies bei Janice Lester der Dauerzustand war, kommt das so genannte Weibliche bei Captain Janeway nur in Extremsituationen zum Vorschein; aber es kommt zum Vorschein, was auf eine angespannte Doppelcodierung von der von Kate Mulgrew gespielten Rolle hindeutet. Isoliert und abgeschnitten von der Voyager findet sie sich in einer Episode alleine mit ihrem ersten Offizier auf einem unbewohnten Planeten wieder, auf dem sie als Wissenschaftlerin scheitert und danach die klassische Frauenrolle einnimmt, bevor beide gerettet werden. In einer weiteren Episode fliegt die Voyager zwangsweise bereits monatelang durch einen Teil des Weltraums, indem es nicht einmal Sterne gibt. Während die Crew ihrer monotonen Arbeit nachgeht, verfällt Janeway in eine tiefe Depression, schließt sich in ihr Quartier ein und erwacht erst wieder zum neuen Leben als eine Gefahrensituation eintritt und ihrem als weiblich klassifizierten Zustand der introvertierten Hysterie der Übergang in die männlich assoziierten Prozeduren von Führung und Motivation der Crew erfolgt. Als Frau steht der Captain im Widerspruch zwischen der sexuellen Abstinenz, welche ihre Position erfordert auf der einen, andererseits reellen weiblichen sexuellen Wünschen und Sehnsüchten auf der anderen Seite, welche sie nur mit fiktiven, künstlich erzeugten Hologrammen begegnen kann, wobei sie beinahe ihre Position als Captain unterminiert hätte, da es zu einem Aufmerksamkeitsverlust ihrerseits kommt und das Schiff in Gefahr gerät.[15]

[...]


[1] Vgl. dazu als Beispiel Col. Samantha Carter, eine der Hauptcharaktere in der Serie Stargate SG1, welche die männlich assoziierten Professionen von Wissenschaftlerin für Physik und in Kampfeinsätzen tätiger Soldatin in sich vereint.

[2] Das Auftreten von neuen Spezies mit differenten Geschlechtersetting kann durchaus natürlich überzeugend wirken, sprich analog zu „andere Völker – andere Sitten“ eben „andere Spezies – andere Geschlechter“.

[3] Vgl. dazu ausführlich Scheer, Uta: Krieg der Spezies – Krieg der Geschlechter, in: Franz, Carmen/Schwibbe, Gudrun (Hg.): Geschlecht weiblich. Körpererfahrungen – Körperkonzepte, Berlin: edition ebersbach 2001, S. 235-263.

[4] Vgl. ebd., S. 240-245.

[5] Wie der Autor dieser Arbeit im späteren Verlauf auch.

[6] Ebd., S. 236, Hervorhebungen im Original, E.W.

[7] Vgl. ebd., S. 246ff.

[8] Ebd., S. 255.

[9] Eine Forschungsfrage in der Richtung wäre, ob dies eine entscheidende Variable für Männer ist, sich für

Science Fiction zu interessieren. Weiterhin ist anzumerken, dass Scheers Schlussfolgerung nicht auf DS9

oder sogar das gesamte Star Trek- Franchise verallgemeinert werden kann, z.B. ist Captain Kathryn Janeway

die Hauptrolle und Heldin in Star Trek Voyager.

[10] Scheer, Uta: Neue Geschlechterwelten. Eine Analyse der Star Trek-Serien Deep Space Nine und Voyager,

Band 9 der Reihe Medien und Geschlechterforschung, Münster/Hamburg/ London: LIT-Verlag 2002.

[11] Scheer, Uta: Geschlechterproduktionen in populären Fernsehtexten oder: Was kann ein weiblicher

Captain?, in: Klaus, Elizabeht/ Röser, Jutta/ Wischermann, Ulla (Hg.): Kommunikationswissenschaft

und Gender Studies, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2001, S. 103-122.

[12] Scheer, Uta: Gender Studies go Star Trek, in: Volkskunde in Niedersachsen, Jg. 19 (2002), H. 2, S. 4-19.

[13] Eine Art Mix aus Militär und Forschungsorganisation der Vereinten Föderation der Planeten, welcher

auch die Erde angehört.

[14] Vgl. a.a.O., Scheer, Neue Geschlechterwelten, S.64f.

[15] Vgl. ebd., S. 66-76.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Konstruktion, Varianz und Performanz von Geschlecht in visionären Fernsehserien in Star Trek: Enterprise
Hochschule
Universität Erfurt  (Staatswissenschaftliche Fakultät - Fachrichtung Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Sexualität, Macht und Geschlecht
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V269447
ISBN (eBook)
9783656605775
ISBN (Buch)
9783656605676
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht, Judith Butler, Michel Foucault, Star Trek, Science Fiction, Geschlechtersoziologie, Diskurstheorie, Performanz
Arbeit zitieren
B.A. Erik Weihmann (Autor), 2009, Konstruktion, Varianz und Performanz von Geschlecht in visionären Fernsehserien in Star Trek: Enterprise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269447

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