Chiang Kai-Sheks Aufstieg in der Guomindang

Versuch einer Russel’schen Machtanalyse für die Jahre 1924-1926


Hausarbeit, 2007

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Charakteristika der Macht nach Bertrand Russell

Die Bedeutung der Whampoa Militärakademie

Sun Yat-Sen’s Tod und die Folgen

Chiang Kai-Shek und die Kommunisten

Schluss

Literatur

Einleitung

Wird in der populären Geschichtsschreibung, sei es im Schulunterricht, in allgemeinen Überblicksdarstellungen, oder in Fernsehdokumentationen über Chiang Kai-Shek gesprochen, dann in der Regel nur im Zusammenhang mit seiner Gegnerschaft zu Mao Zedong und als Verlierer des Chinesischen Bürgerkrieges, der auf die Insel Formosa (Taiwan) flüchtete und dort dann die Regierungsgewalt übernahm. Selten außerhalb der wissenschaftlichen Historiographie findet eine Auseinandersetzung mit der von den 20er bis 40er Jahren des letzten Jahrhunderts im hohen Maße China gestaltenden Persönlichkeit Chiang Kai-Shek statt und wenn dies der Fall ist, im Kontext des (prä)kommunistischen China.

Das die aktuelle, von Jonathan Fenby geschriebene, Biografie die erste seit 30 Jahren sei, verdeutlicht die, wenn auch nicht totale, Vernachlässigung der Person Chiang Kai-Shek gleichfalls in der Wissenschaft.[1] An diesem Punkt will die Arbeit ansetzen. Die Annäherung soll jedoch nicht vollbiografisch, sondern aspektorientiert erfolgen: der Versuch das Verhältnis des Politikers Chiang Kai-Shek zur Macht anhand spezifischer Einzelsituationen darzulegen. Daher wird diese Arbeit nicht umfassend und vollständig sein können, da dies auch nicht der Anspruch sei, sondern das Augenmerk liegt auf einer punktuellen Machtanalyse, die wiederum auf verschiedenen Herangehensweisen basieren kann. Neben der klassischen Trias von Machterwerb, Machtakkumulation und Machtdemonstration, sind herrschaftssoziologische Ansätze eines Max Webers ausgehend von der Feststellung „Herrschaft soll heißen die Chance auf einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden […]“[2], ebenso anzutreffen wie historische Ansätze eines Michel Foucault mit den drei Machtformationen: Repressionsmacht, Integrationsmacht und Disziplinarmacht, die sich längsschnittartig vom Beginn der Neuzeit bis in die Moderne erstrecken.[3]

Auf den nächsten Seiten wird jedoch vor allem die Herrschaftsanalytik und das Machtverständnis des Sozialphilosophen Bertrand Russel herangezogen, wie er sie in seinem Werk Macht von 1938 niedergelegt hat. Für einen kurz gehaltenen Überblick und die Herstellung eines Grundverständnisses von Russel’s Vorstellungen dient das erste Kapitel, während die folgenden sich dann spezifischen Ereignissen, Situationen und Wendemarken Chiang Kai-Shek’s in den Jahren 1925 bis 1927 widmen werden, die dokumentiert und ansatzweise analysiert werden sollen. Der Schluss bildet eine vorausschauende Betrachtung der weiteren Machtaneignung Chiangs nach dem behandelten Zeitraum und resümiert noch einmal die Analyse.

Da in der verwendeten Literatur verschiedene Umschriften der Chinesischen Sprache benutzt werden, halte ich es wie Jonathan Fenby und werde mich nicht auf eine festlegen und die gebräuchlichsten Schreibvarianten von Namen und Begriffen wählen. Wörtliche Zitate werden übernommen, aber ggf. mit einer anderen Umschrift in Klammern versehen.[4]

Charakteristika der Macht nach Bertrand Russel

Bertrand Russel (1872-1970), eigentlich bekannt durch seine Arbeiten im Bereich der mathematischen Philosophie und des aus ihr entstandenen Logizismus, wendete sich in der Zwischenkriegszeit den Bedingungen für das Entstehen neuer sozialer und politischer Systeme (Kommunismus, Faschismus) zu. Vor allem das Aufkommen und in manchen Fällen auch das Obsiegen radikaler antidemokratischer Organisationen versuchte Russel aus seiner sozialphilosophischen Sicht zu deuten. Insbesondere konzentrierte er sich auf einen Aspekt des Politischen – der Macht, dem er eine ganze Arbeit widmete.

Für ihn ist der Begriff der Macht der Angelpunkt zur Analyse des gesellschaftlichen Systems überhaupt und er erkennt ihn als „Fundamentalbegriff der Gesellschaftswissenschaft“, bei dem alle sozialen Themen unweigerlich mit der Macht verknüpft sind. Die Macht manifestiert sich in verschiedenen Formen. Russel selbst nennt Reichtum, Rüstung, Staatsautorität, Einfluss auf die Meinung, wobei die einzelnen Formen nicht isoliert sind, sondern sich gegenseitig bedingen und einander abwechseln. Die partikulare Betrachtung einzelner Machtformen hält Russel für den Fehler der herkömmlichen Gesellschaftswissenschaft, mit der sich die Veränderungen in seiner Zeit nur unzureichend erklären lassen und plädiert für ein neues universelles Verständnis des Machtbegriffes in der sozialen Analyse, weshalb die englische Originalausgabe seines Buches den Titel trägt: Power: A New Social Analysis.[5]

Einleitend wendet sich Russel der Frage zu, wie überhaupt die Natur der Macht gestaltet ist, unterscheidet dabei generell zwischen der Macht über Personen und der Macht über Materie, wobei uns hier nur die erste Variante interessieren wird.[6]

Ausgehend von der menschlichen Natur sieht Russel den Trieb zur Macht als bei jedem Menschen vorhanden an, sofern seine Grundbedürfnisse erfüllt sind. Dieser Impulse to Power richtet sich vor allem auf das Erreichen von Macht im Sinne von Macht über Andere und auf die Herrlichkeit im Sinne von Ansehen und Ausstrahlung. Das Streben nach wirtschaftlichen Gütern sieht Russel untrennbar mit dem Streben nach Macht und Herrlichkeit verknüpft und erteilt damit dem reinen ökonomischen Rationalitätsprinzip als Antrieb zum Handeln eine klare Absage. Da ja selten einer alleine um die Macht streitet, entsteht zwangsläufig eine Konkurrenz- und Wettbewerbssituation, die gleichfalls zur Kompromissbildung, aber auch zur erheblichen Unsicherheit führen kann. Daran anschließend bringt Russel den Begriff der Machtliebe ins Spiel, den er als in jedem Menschen innewohnenden, aber immer ungleichstarken Trieb definiert. Die Menschen, welche über die stärkste Machtliebe verfügen, schaffen es sich durchzusetzen und bestimmte Positionen einzunehmen. Ebenso sind diese Menschen eher dazu in der Lage, Veränderungen und Wandel herbeizuführen. Zu differenzieren ist die Machtliebe nach thematischen Verhältnissen. Zwar ist sie bei jedem Menschen vorhanden, aber nur in spezifischen Bereichen. In einem übt man selbst die Macht aus, in einem anderen Bereich wird sich untergeordnet, da man sich nicht selbst für zuständig sieht.[7]

Diese Hierarchisierung drückt sich in dem Verhältnis zwischen Führer und Geführte aus. Russel sieht es nicht als eine asymmetrische Beziehung, sondern als eine zwischen Gleichen, wo die Geführten jemanden als Führer erwählen, der das bestimmte Ziel erreichen kann, wozu die Geführten nicht in der Lage wären. Aufgrund dieses „echten gemeinsamen Unternehmens“ (genuinely cooperative enterprise) werden die Ungleichheitsstrukturen (z.B. Verteilung von Ressourcen; Befehl vs. Gehorsam) in der Beziehung begründet. Der Trieb zur freiwilligen Unterwerfung kann nicht minder auf Furcht der Geführten beruhen, die eine Autorität bestimmen, von der sie sich Selbstvertrauen, schnelle und richtige Entscheidungen erwarten, um den Grund der Furcht zur begegnen, da sie selbst es nicht können. Diese Eigenschaften sind evident von Nöten, damit die Rolle eines Führers eingenommen werden kann. Hauptsächlich das Selbstvertrauen, als Quelle für den Glauben an die Rechtmäßigkeit des eigenen Handelns und als Motivationsfaktor durch Ausstrahlung von Souveränität für die Geführten, kreiert sich nach Russel über drei Alternativen: Durch eine geerbte Befehlsstellung, wie bei Monarchien, wo die Verpflichtung bestehe die Position des Vorgängers einzunehmen und auszufüllen. Zweitens kann es über die Gewohnheit des Kommandierens erfolgen, indem die alltägliche Routine das Selbstvertrauen generiert und drittens kann das Selbstvertrauen zur Führung durch eine revolutionäre Situation entstehen. Hier typisiert Russel zwei Arten von Menschen: die einen, welche per Zufall und Geschick zur richtigen Zeit am richtigen Ort sich befinden und dadurch in die Führerschaft gelangen, die Glücksritter (soldiers of fortune) und diejenigen, die einem höherem von der Realität getrennten religiösen oder ideologischen Linie folgen und dadurch ihr Charisma kreieren und sich der Gefolgschaft versichern als göttlicher Krieger (the divine conquerors).[8]

[...]


[1] Fenby, Jonathan, Chiang Kai-Shek. China’s Generallissimo and the Nation He lost, New York, 2003, S. xvii.

[2] Weber, Max, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, 5. erweiterte Auflage (Studienausgabe), Tübingen, 1990, S. 28.

[3] Foucault, Michel, Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin, 1978.

[4] Vgl., a.a.O., Fenby, S. xxi.

[5] Vgl., a.a.O., Russel, S. 10f.

[6] Vgl., ebd., Russel, S. 30.

[7] Vgl., ebd., Russel, S. 9ff.

[8] Vgl., ebd., Russel, S. 15ff.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Chiang Kai-Sheks Aufstieg in der Guomindang
Untertitel
Versuch einer Russel’schen Machtanalyse für die Jahre 1924-1926
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät - Historisches Seminar)
Veranstaltung
Verfassungskulturen des 18. bis 20. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V269455
ISBN (eBook)
9783656605768
ISBN (Buch)
9783656605683
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Geschichte Chinas, Bertrand Russel, Macht, Chinesischer Bürgerkrieg, Mao Zedong
Arbeit zitieren
B.A. Erik Weihmann (Autor), 2007, Chiang Kai-Sheks Aufstieg in der Guomindang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269455

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