Das Fremde oder die Fremden: 1 Petr

Fremdsein als Thema der Forschung im Kontext des ersten Petrusbriefes


Studienarbeit, 2014

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Relevante Textstellen und Begriffe
2.1. Relevante Textstellen
2.2. Relevante Begriffe
2.3. Fazit

3. Metaphern des Fremdseins
3.1. Fremdsein in paganer Tradition
3.2. Fremdsein in alttestamentlicher Tradition
3.3. Fremdsein im Frühjudentum
3.4. Fremdsein im Neuen Testament
3.5. Fazit

4. Das Fremde oder die Fremden
4.1. Das Fremde im ersten Petrusbrief
4.2. Die Fremden im ersten Petrusbrief
4.2. Fazit

5. Zusammenfassung und Ausblick

Bibliographie

1. Einleitung

Dieser Beitrag widmet sich dem Begriff des „Fremden“ im ersten Petrusbrief. Dieses Begriff ist nicht nur ein Begriff des ersten Petrusbriefes, sondern auch im Gespräch im Kontext der Diskussion um die Zunahme der gegenwärtigen weltweiten Migrationsströme1. In der Akkulturationsforschung wird und wurde der Begriff der „Entfremdung“ im Kontext von Migration diskutiert.2 Aber im folgenden wird es nicht um eine sozialwissenschaftliche Analyse gehen. Obwohl das spannend wäre, würde dies den Rahmen sprengen.3 Das Interesse an diesem Themenbereich entspringt vielmehr einem praktisch-theologischen Anliegen, aus dem heraus es darum geht, das wahrgenommene Phänomen der gegenwärtigen Migrationsströme ins Gespräch mit den sozialwissenschaftlichen und theologischen Disziplinen zu bringen.4 Der vorliegende Beitrag beschränkt sich dabei auf den Beitrag, welchen der Begriff des „Fremden“ im ersten Petrusbrief zu der beschrieben Diskussion leisten kann. Es soll hier darum gehen, die Frage zu klären was Fremdsein im ersten Petrusbrief bedeutet. Geht es im hier um ein metaphorisches Verständnis des Fremden oder werden im Brief ganz konkret wahrnehmbare Fremde angesprochen?

Zunächst werden in diesem Beitrag die dieser Arbeit zugrunde gelegten Textstellen eingeführt (Kapitel 2) und dann relevante Begriffe (παρεπίδημος, πάροικος, παροικία, διασπορά) zur Frage nach dem Fremdsein im ersten Petrusbrief erläutert. Besonders Reinhard Feldmeier5 versucht, in seiner oft zitierten Habilitationsschrift den Assoziationshintergrund der Termini παρεπίδημος, und πάροικος zu klären. Im Bezug auf den kontextuellen Hintergrund versucht er, die paganen, alttestamentlichen, früh- jüdischen und neutestamentlichen Metaphern von Fremdsein zu klären, was im folgenden Kapitel dann dargestellt werden wird (Kapitel 3). Mit Blick auf die oben gestellte Frage nach dem metaphorischen oder wörtlichen Verständnis des Fremdseins im ersten Petrusbrief werden dann einige Vertreter dieser beiden Positionen erläutert (Kapitel 4). Zur Sprache kommen an dieser Stelle die Arbeiten von Torrey Seland6, der sich der Frage nach dem „Fremden“ im ersten Petrusbrief aus der Perspektive des Philo von Alexandria nähert, Joachim Molthagen7, Paul J. Achtemeier8, Ingo Broer9 und John H. Elliott der ein eher wörtliches Verständnis des Fremdseins im ersten Petrusbrief vertritt und für den oben beschriebenen Gesamthorizont von Migration von besonderem Interesse ist insofern er eine explizit soziologische Perspektive einbringt. Am Ende dieses Beitrages wird zusammenfassend geschlossen werden (Kapitel 5).

2. Relevante Textstellen und Begriffe

Grundsätzlich nähert sich dieser Beitrag der Frage nach dem Fremdsein zunächst von den konkreten Begriffen im ersten Petrusbrief her. Bevor jedoch die konkreten Begriffe in das Blickfeld geraten, wird kurz auf die entsprechenden Textstellen des Brief eingegangen und diese kurz in den Zusammenhang des Briefes eingeordnet werden.

2.1. Relevante Textstellen

Drei relevante Textstellen aus dem ersten Petrusbrief liegen den folgenden Ausführungen zugrunde: 1 Petr 1,1 und 1 Petr 1,17 sowie 1 Petr 2,11. Zunächst sei hier der Eingangsvers (1 Petr 1,1) des Briefes genannt, der die Adressaten des Briefes als „auserwählte Fremde“ in der „Zerstreuung“ anspricht. Dieser Vers bildet gemeinsam mit dem zweiten Vers des ersten Kapitels (1 Petr 1,2) das Präskript des Briefes.10

1 Petrus 1,17:

„Πέτρος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐκλεκτοῖς παρεπιδήμοις διασπορᾶς Πόντου, Γαλατίας, Καππαδοκίας, Ἀσίας καὶ Βιθυνίας „11

„Petros, Apostel (des) Jesus Christos, (den) auserwählten Beisassen in (der) Diaspora von Pontos, Galatia, Kappadokia, Asia und Bithynia,“12

Die nächste relevante Textstelle 1 Petr 1,17 ist nach Feldmeier Teil (1 Petr 1,13-2,3) eines ersten Hauptteiles (1 Petr 1,3-2,10) und beschreibt die Themen „Wiedergeburt und neuer Wandel“13. Broer vergibt diesem Textabschnitt (1 Petr 1,13-2,3) die Bezeichnung „Mahnung an die Erwählten“14. Es geht also vielleicht um so etwas wie Regeln für ein angemessenes Verhalten (in der Fremde/im Ausland).

1 Petrus 1,17:

„καὶ εἰ πατέρα ἐπικαλεῖσθε τὸν ἀπροσωπολήμπτως κρίνοντα κατὰ τὸ ἑκάστου ἔργον, ἐν φόβῳ τὸν τῆς παροικίας ὑμῶν χρόνον ἀναστράφητε“15

„Und wenn als Vater ihr anruft den ohne Rücksicht auf die Person Richtenden nach eines jeden Werk, wandelt in Furcht die Zeit eurer Fremdlingschaft.“16

Ein großer Teil der Kommentatoren sieht in der folgenden dritten Textstelle, bedingt durch die erneute Anrede der Adressaten als Ἀγαπητοί (Geliebte), den Beginn eines neues Abschnittes innerhalb des ersten Petrusbriefes17. Feldmeier spricht von einem zweiten Hauptteil, in welchem es um das Weltverhältnis im Sinne eines angemessenen Verhaltens und im Sinne eines Ertragens von Leiden geht.18 Auch Elliott beschreibt in ähnlicher Weise, dass es hier nun um „the honorable behavior of this houshold of God in the larger society“19 geht.

1 Petrus 2,11:

„Ἀγαπητοί, παρακαλῶ ὡς παροίκους καὶ παρεπιδήμους ἀπέχεσθαι τῶν σαρκικῶν ἐπιθυμιῶν αἵτινες στρατεύονται κατὰ τῆς ψυχῆς“20

Geliebte, ich ermahne als Zugezogene und Beisassen euch zu enthalten der fleischlichen Begierden, welche kämpfen gegen die Seele;“21

Was bedeutet es aber, wenn eine Gruppe von Menschen sich als Fremde/Ausländer/Gäste ansprechen lässt und sich selbst auch so bezeichnet?22 Feldmeier weist auf die Wirkungsgeschichte dieser Bezeichnung in der Geschichte des Christentums hin und betont die Ungewöhnlichkeit dieser Bezeichnung, da dies eigentlich eine Fremdbezeichnung und Ausdruck der Abgrenzung durch andere sei.23 Um näher auf die Begriffskonnotationen einzugehen wird nun eine nähere Betrachtung der in den Textstellen vorkommenden Begriffe folgen.

2.2. Relevante Begriffe

In der wissenschaftlichen Diskussion um das „Fremde“ geht es hauptsächlich um die Untersuchung der Bedeutung der zwei Begriffe παρεπίδημος (1 Petr 1,1; 1 Petr 2,11) und πάροικος (1 Petr 2,11).24 Feldmeier legt in seiner Habilitationsschrift zusätzlich noch eine Analyse der Begriffe παροικία (1 Petr 1,17) und διασπορά (1 Petr 1,1) vor.25

παρεπίδημος

Der Begriff παρεπίδημος kommt laut Feldmeier sowohl in der paganen als auch in der biblisch-jüdischen Literatur äußerst selten vor. So ist die parallele Verwendung zu πάροικος in der Septuaginta (LXX) nur zweimal belegt. Gen 23,4 handelt von Abraham, der ohne Landbesitz ist und Ps 39,19 spricht von der bleibenden Abhängigkeit von Gott, da dieser der Geber der Lebensgrundlage sei.26

Gen 23,4:

„Πάροικος καὶ παρεπίδημος ἐγώ εἰμι μεθ᾽ ὑμῶν· δότε οὖν μοι κτῆσιν τάφου μεθ᾽ ὑμῶν, καὶ θάψω τὸν νεκρόν μου ἀπ᾽ ἐμοῦ.“27

„Fremder und Gast bin ich bei euch. Gestattet mir also den Erwerb eines Grabes bei euch und ich werde meinen Leichnam weg von mir begraben.“28

Ps 38,13[Ps 39,13]:

„εἰσάκουσον τῆς προσευχῆς μου, κύριε, καὶ τῆς δεήσεώς μου ἐνώτισαι· τῶν δακρύων μου μὴ παρασιωπήσῃς, ὅτι πάροικος ἐγώ εἰμι παρὰ σοὶ

καὶ παρεπίδημος καθὼς πάντες οἱ πατέρες μου.“29

„Höre mein Gebet an, Herr, und mein Flehen vernimm;

meine Tränen übergeh nicht mit Schweigen; denn ein Fremder bin ich bei dir, ein Beisasse wie alle meine Väter.“30

Im Neuen Testament wird der Begriff nur zweimal verwendet, in 1 Petr 1,1 und in Hebr 11,13, wo die Erwartung der endgültigen und wahren Heimat im Sinne einer noch ausstehenden Zukunft thematisiert wird. Der Hebräerbrief bezieht sich hier auf die Terminologie von Gen 23,4.31

Hebr 11,13:

„Κατὰ πίστιν ἀπέθανον οὗτοι πάντες, μὴ λαβόντες τὰς ἐπαγγελίας ἀλλὰ πόρρωθεν αὐτὰς ἰδόντες καὶ ἀσπασάμενοι καὶ ὁμολογήσαντες ὅτι ξένοι καὶ παρεπίδημοί εἰσιν ἐπὶ τῆς γῆς.“32

„Gemäß Glauben starben diese alle, nicht erlangend die Zusagen, sondern von weitem sie sehend und begrüßend und bekennend, daß sie Fremde und Beisassen sind auf der Erde.“33

In der paganen Literatur wird der Begriff u. a. bei Philo - im Sinne der irdischen Existenz als Fremde -, im Aristeasbrief und bei Kallixeinos von Rhodos verwendet. Gemeinsam ist der Verwendung dieses Begriffes in der paganen Literatur im Allgemeinen, dass er Menschen bezeichnet, die sich für meist kurze Zeit an einem Ort aufhalten, der nicht ihre Heimat ist. Häufig wird der Begriff im Kontext des Begriffes ξένος (fremd, der Fremde) verwendet.34

[...]


1 vgl. International Organization for Migration (IOM), World Migration Report 2013. Migrant Well- Being and Development., Genf 2013.

2 vgl. A. Zick, Psychologie Der Akkulturation: Neufassung eines Forschungsbereiches20102009, 138 ff.

3 Spannend wäre z. B. die Frage inwieweit der erste Petrusbrief einen Akkulturationsprozess reflektiert und aus der Perspektive einer Theorie der akkulturativen Verortung (vgl. ebd. 531 ff.) betrachtet werden könnte.

4 vgl. R.R. Osmer, Practical theology: an introduction, Grand Rapids, Mich. 2008, 163.

5 vgl. R. Feldmeier, Die Christen als Fremde: die Metapher der Fremde in der antiken Welt, im Urchristentum und im 1. Petrusbrief1992; R. Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, Leipzig 2005.

6 vgl. T. Seland, Strangers in the light Philonic perspectives on Christian identity in 1 Peter, Leiden; Boston 2005.

7 vgl. J. Molthagen, Die Lage der Christen im römischen Reich nach dem 1. Petrusbrief: Zum Problem einer Domitianischen Verfolgung, in: Historia: Zeitschrift für Alte Geschichte 44 (1995), 422-458.

8 vgl. P.J. Achtemeier/E.J. Epp, 1 Peter: a commentary on First Peter1996.

9 vgl. I., Weidemann, Hans-Ulrich Broer, Einleitung in das Neue Testament, Wurzburg 2010.

10 vgl. ebd. 619; vgl. Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, 15.

11 vgl. E. Nestle u. a., Novum Testamentum Graece based on the work of Eberhard and Erwin Nestle ; edited by Barbara and Kurt Aland ... [et al.] ; edited by the Institute for New Testament Textual Research Munster/Westphalia under the direction of Holger Strutwolf. Suivi de A concise Greek- English dictionary of the New Testament: revised edition 2010 / prepared by Barclay M. Newman., [Stuttgart] 2012.

12 vgl. J. Hainz, Munchener Neues Testament: Studienubersetzung, Dusseldorf 1988.

13 Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, 15.

14 Broer, Einleitung in das Neue Testament, 619.

15 vgl. Nestle u. a., Novum Testamentum Graece based on the work of Eberhard and Erwin Nestle ; edited by Barbara and Kurt Aland ... [et al.] ; edited by the Institute for New Testament Textual Research Munster/Westphalia under the direction of Holger Strutwolf. Suivi de A concise Greek-English dictionary of the New Testament.

16 vgl. Hainz, Munchener Neues Testament.

17 vgl. Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, 15; vgl. J.H. Elliott, 1 Peter : a new translation with introduction and commentary, New York, NY ua 1. ed.2000, 83; vgl. Broer, Einleitung in das Neue Testament, 619.

18 vgl. Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, 95.

19 Elliott, 1 Peter, 456.

20 vgl. Nestle u. a., Novum Testamentum Graece based on the work of Eberhard and Erwin Nestle ; edited by Barbara and Kurt Aland ... [et al.] ; edited by the Institute for New Testament Textual Research Munster/Westphalia under the direction of Holger Strutwolf. Suivi de A concise Greek- English dictionary of the New Testament.

21 vgl. Hainz, Munchener Neues Testament.

22 vgl. Feldmeier, Die Christen als Fremde, 1.

23 vgl. Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, 1.

24 vgl. Seland, Strangers in the light Philonic perspectives on Christian identity in 1 Peter, 39 ff. vgl. Feldmeier, Die Christen als Fremde, 8 ff.

25 vgl. Feldmeier, Die Christen als Fremde, 17 ff.

26 vgl. ebd. 8 ff.

27 vgl. A. Rahlfs/R. Hanhart/Deutsche Bibelgesellschaft, Septuaginta: id est Vetus Testamentum Graece iuxta LXX interpretes, Stuttgart 2006.

28 vgl. W. Kraus/M. Karrer, Septuaginta Deutsch : das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung, Stuttgart 2010.

29 vgl. Rahlfs/Hanhart/Deutsche Bibelgesellschaft, Septuaginta.

30 vgl. Kraus/Karrer, Septuaginta Deutsch.

31 vgl. Feldmeier, Die Christen als Fremde, 9.

32 vgl. Nestle u. a., Novum Testamentum Graece based on the work of Eberhard and Erwin Nestle ; edited by Barbara and Kurt Aland ... [et al.] ; edited by the Institute for New Testament Textual Research Munster/Westphalia under the direction of Holger Strutwolf. Suivi de A concise Greek- English dictionary of the New Testament.

33 vgl. Hainz, Munchener Neues Testament.

34 vgl. Feldmeier, Die Christen als Fremde, 10.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Fremde oder die Fremden: 1 Petr
Untertitel
Fremdsein als Thema der Forschung im Kontext des ersten Petrusbriefes
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Bibelwissenschaft)
Veranstaltung
Forschungsseminar: 1 Petr - Ausstieg aus der Majoritätsgesellschaft
Note
1
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V269627
ISBN (eBook)
9783656608097
ISBN (Buch)
9783656608073
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fremdsein, Migration, Petrusbrief, Entfremdung, Ausländer
Arbeit zitieren
M. A. Frank Sauer (Autor), 2014, Das Fremde oder die Fremden: 1 Petr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/269627

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